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Kraftwerk Synths und Sounds

 ·  Quelle: PkH1965, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Kaum eine Band hat die elektronische Musik so nachhaltig geprägt wie Kraftwerk. Auch nach fast 50 Jahren gelten „Autobahn“, „Trans Europa Express“ und „Computerwelt“ als Meilensteine der Musikgeschichte und inspirieren bis heute Musiker auf der ganzen Welt. Welche Synthesizer und welches Equipment setzten Kraftwerk ein und welche modernen Alternativen gibt es? Wir haben eine Auswahl zusammengestellt.

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Moog Minimoog

Vor allem auf den frühen Alben der Band waren analoge Synthesizer omnipräsent. Ob der Moog Minimoog auch deshalb zum wohl berühmtesten Synthesizer aller Zeiten wurde, weil Kraftwerk ihn einsetzten? Darüber kann man nur spekulieren. Jedenfalls gehörte der Minimoog in den 1970ern zum Arsenal der Band und ist auch auf der Rückseite des Albums „Ralf und Florian“ abgebildet – dem ersten, auf dem Kraftwerk Synthesizer einsetzten.

Weil der Synthesizer so berühmt ist, gibt es heute eine ganze Reihe von Optionen, um an den Minimoog-Sound zu kommen. Moogs eigene Neuauflage wurde schon vor über drei Jahren wieder eingestellt. Günstiger geht’s mit dem Behringer Model D oder der vierstimmigen Variante Poly D.

Kraftwerk selbst ersetzten den Minimoog im Laufe der Jahre durch verschiedene andere Hardware- und Software-Synthesizer, darunter den Creamware Minimax ASB und den Mitte der 1990er erschienenen Studio Electronics SE-1. Dessen Weiterentwicklung SE-1X gibt es inzwischen wieder zu kaufen. Auch der Roland SE-02, der zusammen mit Studio Electronics entwickelt wurde, orientiert sich an der Struktur des Minimoog.

ARP Odyssey

Auch der ARP Odyssey wurde von Kraftwerk in den 1970ern viel verwendet. Wie der Minimoog gehörte er zur neuen Generation kompakter Synthesizer, die diese neue Welt für viele Musiker erreichbar machten. Und wie beim Minimoog habt ihr heute wieder mehrere Optionen, wenn ihr euch einen Odyssey ins Studio holen möchtet.

Da wäre zunächst die unter der Regie von Korg entstandene Neuauflage, die es in verschiedenen Varianten gab und gibt. Neben der Standardversion mit Minitasten produzierte Korg eine limitierte Full-Size-Version, die inzwischen allerdings vergriffen ist. Außerdem gibt es den Korg ARP Odyssey auch als Desktop-Modul und sogar als iOS-App. Und natürlich hat auch Behringer den Odyssey geklont.

EMS Synthi-A

Ein weiterer Analogsynthesizer der 1970er, den Kraftwerk nachweislich einsetzten, ist der EMS Synthi-A. Mit seiner Steckmatrix ist der Synthi ein ultrakompaktes Modularsystem im praktischen Köfferchen, dessen Komponenten sich flexibel miteinander verknüpfen lassen. Noch gibt es keinen direkten Klon des Synthi-A zu kaufen, aber vielleicht dauert es ja nicht mehr allzu lange, bis Behringers Kopie des EMS VCS3 startklar ist.

Sequential Circuits Prophet-5

Der Prophet-5 wurde von Kraftwerk während der „Computer World“-Tour im Jahr 1981 eingesetzt. Auch er gehört zu den ganz großen Synthesizer-Legenden. Nach einer ganzen Reihe anderer Synths namens Prophet, wie dem Prophet 08, Prophet 12, Prophet-6, Prophet REV2 und Prophet X, konnte sein Erfinder Dave Smith dem Prophet-5 im letzten Jahr endlich ein würdiges Denkmal setzen – in Form der authentischen Neuauflage und des Prophet-10 mit doppelter Stimmenanzahl. Beide sind auch als Desktop-Module erhältlich.

Elektronische Drums

In Sachen Drums waren Kraftwerk von Anfang an sehr kreativ. Die Band verwendete unter anderem modifizierte Rhythmusmaschinen aus der Heimorgel-Ära, wie die Farfisa Rhythm Unit 10. Kultstatus erreichte auch das von Kraftwerk selbst gebaute elektronische Schlagzeug, das mit Metallstöcken gespielt wurde, um die Kontakte zu schließen. Damit wurden die Sounds eines Maestro Rhythm King  getriggert, ebenfalls eine analoge Begleitmaschine aus dem Heimorgelbereich.

Diese Unikate gibt es natürlich nirgendwo zu kaufen. Aber wir haben heute immerhin wieder eine große Auswahl an Drummachines. Zum Beispiel ist mit der MFB 501 Pro eine analoge Rhytmusmaschine wieder zu haben, deren Wurzeln geradewegs aus den 1970ern stammen. In der neuen Version lassen sich sogar zusätzlich Samples laden.

Auch in Sachen Drumpads und elektronische Schlagzeuge gibt es eine große Auswahl. Sogar die Firma Simmons ist wieder da! Von Kraftwerk ist überliefert, dass die Band u.a. die Simmons SDS-V Drumpads einsetzte. Die neuen elektronischen Schlagzeuge von Simmons haben damit allerdings nur noch den Namen gemeinsam.

Sequencer

Während die ersten Kraftwerk-Alben noch von Hand eingespielt wurden, setzte die Band nach anfänglicher Skepsis ab dem Album „Trans Europa Express“ vermehrt Sequencer ein. Legendär wurde der Synthanorma Sequencer vom Synthesizerstudio Bonn Matten & Wiechers, von dem Kraftwerk eine Sonderanfertigung mit quantisierten Steuerspannungen („Intervallomat“) erhielten. Später kamen auch verschiedene Sequencer von Doepfer zum Einsatz, darunter Regelwerk, Schaltwerk und insbesondere der MAQ 16/3.

Nachdem Hardware-Sequencer zwischenzeitlich zu verschwinden drohten, ist das Angebot heute so groß wie nie. Hier findet ihr eine Übersicht. Von Doepfer gibt es zum Beispiel noch den Dark Time, dessen Arbeitsweise den Sequencern der frühen Jahre sehr nahe kommt.

Vocoder

Bei Kraftwerk denkt man unweigerlich an verfremdete Stimmen. Vor allem der Vocoder ist untrennbar mit dem Sound der Band verbunden. Neben dem EMS Vocoder kamen im Laufe der Jahre auch die Roland-Geräte SVC-350 und VP-330 zum Einsatz und sorgten für die charakteristischen Roboterstimmen.

Wie analoge Synthesizer hat der Vocoder in den letzten Jahren eine Renaissance erfahren – wohl auch, weil der fast 20-jährige Dauerbrenner Microkorg einen eingebaut hat. Inzwischen gibt es einige interessante Optionen für Vocoder, wie den Arturia Microfreak Vocoder Edition und den Behringer VC340, einen analogen Klon des genannten SVC-350.

Wer seine Stimme verfremden möchte, kann natürlich auch in ein spezielles Vocal-Effektgerät wie den Roland VT-4 Voice Transformer oder etwas aus der TC Helicon VoiceLive-Serie investieren. Neben einem Vocoder bieten diese Geräte noch verschiedene andere Vocal-Effekte. Oder ihr holt euch einfach die Sample-Library Robot Voices.

Spielzeug, Taschenrechner, Kurioses

Von Circuit Bending sprach damals noch niemand, aber Kraftwerk waren Meister darin. Immer wieder setzte die Band Gerätschaften ein, die ursprünglich nicht als Musikinstrument gedacht waren. So stammt die Stimme im Titelsong von „Computerwelt“ von einem Übersetzungscomputer der Marke Texas Instruments. Auch der sprichwörtliche „Musikant mit Taschenrechner in der Hand“ ist mehr als nur eine Zeile, die sich reimt, denn der Casio FX-501b tritt tatsächlich als Klangerzeuger in Erscheinung.

Auch musikalisches „Spielzeug“ fand immer wieder seinen Weg ins Kling-Klang-Studio. So nutzten Kraftwerk unter anderem die Bee Gees Rhythm Machine des Spielzeugherstellers Mattel und das Stylophone von Dubreq. Der eigenwillige Stift-Synthesizer erlangte daraufhin prompt Kultstatus und ist heute wieder erhältlich.

Die langjährige Zusammenarbeit von Kraftwerk mit Dieter Doepfer, der wir unter anderem den MAQ 16/3 Sequencer verdanken, brachte mit MOGLI noch eine besonders sehenswerte Kreation hervor. Mit dem Controller-Handschuh auf Basis eines Nintendo Powerglove (ein Gesten-Controller aus dem Jahr 1989) waren Kraftwerk heutigen Versuchen wie dem Enhancia MIDI Ring oder dem Genki Instruments Wave um Jahrzehnte voraus. MIDI-Geräte durch Bewegungen steuern? Von verschiedenen Startups bis heute immer wieder als bahnbrechende Idee verkauft, von Kraftwerk schon vor Jahrzehnten praktiziert!

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6 Antworten zu “Kraftwerk: Die wichtigsten Synths, Sequencer und Sounds”

  1. Terence Hill sagt:

    „Behringer VC340, einen analogen Klon des genannten SVC-350“

    Stimmt nicht ganz. Beim VC340 handelt es sich um einen VP-330 Klon. Schon allein technisch ist der VC-340 nicht in der Lage, den Sound des SVC-350 zu imitieren.

  2. Klaus sagt:

    Kraftwerk waren cool, weil sie neu waren und ein stylisches Gesamtkunstwerk.
    Nun, da jeder Hans und Franz ne Festplatte voller Umsonst-Samples haben kann und in Sachen elektronischer Musik viele Pfade ausgelatscht sind macht die Frage nach den Synths der Helden ungefähr soviel Sinn wie die Frage nach der Pinselmarke des Michelangelo.
    Was Kraftwerk ausgezeichnet hat war, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit das richtige zu machen.

  3. Andreas sagt:

    Eigentlich nur Werbung dieser Artikel. Kurz anreißen was Kraftwerk irgendwann mal verwendet hat und dann Links über Links zu Thomann. Schade, hätte mir mehr erhofft.

  4. dirk sagt:

    „Technik durch Vorsprung“, so Ralf Hütter mir gegenüber. Am Anfang steht die musikalische Idee und danach sucht man sich die passenden Werkzeuge, diese umzusetzen.

  5. Tobias sagt:

    Musik ist mehr als nur Noten vom Blatt lesen.

    Big Black (Seattle 1987) The Model
    https://www.youtube.com/watch?v=Cg1RODPaTug

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