Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten
Android DAW Teaser

 ·  Quelle: Kelly Sikkema / Unplash / Wikimedia /Claudius

Professionelles Recording ist schon lange nicht mehr nur den DAWs mit Computer als Rückgrad vorbehalten. Sicherlich haben PCs mit macOS, Windows und Linux ihre Vorteile bei der Audiobearbeitung oder im Studio als Zentrum für alle Schritte – aber wirklich mobil sind die nicht. Warum also nicht ein Gerät nutzen, das eh schon im Haushalt herum schwirrt. Vermutlich besitzt fast alle von euch ein Smartphone und viele ein Tablet. Und weil ich iOS nicht so mag, habe ich eine Android DAW ausprobiert. Eine Art Erfahrungsbericht mit beiden Welten.

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iOS oder Android DAW?

Apple hatte von Anfang an das bessere Händchen für Menschen mit Kreativanwendungen, damit auch Audio. iOS ist ein guter Begleiter und eine gute Plattform für Audio-Dinge. Nahezu alle mobilen Apps, die überhaupt für Audio geschrieben wurden laufen darauf. Und alle laufen einwandfrei. Und es gibt tolle iOS-DAWs. Allerdings wollen und können nicht alle die Apple-Preise zahlen (gerade für die Pro-Modelle), hätten aber doch gern ein solches Gerät – und da kommt Android ins Spiel. Der Markt ist extrem vielseitig und hat weit mehr als gefühlt 3 Modelle jährlich zu bieten.

Der Segen der Auswahl ist auch gleichzeitig der Fluch. Entwickelnde müssen viel mehr Hardware abdecken (24000 Geräte mit Android vs. 61 iOS-Geräte insgesamt) und haben in Sachen Audio leider auch nicht einen so guten Unterbau. Androids Audio-Ebene wurde (grob gesagt) fürs Telefonieren entwickelt und basiert auf einem älteren Linux-Kernel. Diese hatten traditionell immer eine Realtime-Version für die Menschen mit Linux-DAW. Android nutzt diesen Unterbau mit Priorisierung für Echtzeit-Audio nicht.

Cubasis 3-1 iOS iPhone iPad Tablet Smartphone

Cubasis 3 – hier für iOS

DAWs für Android

Es ist also nicht nur schwieriger, für Android Audio-Programme zu entwickeln und alle Geräte einzuschließen. Es ist auch noch schwerer, Audio in Echtzeit „darzustellen“. Das hält Entwickler aber nicht davon ab, es dennoch zu tun. Gleichzeitig wird es immer besser mit der brauchbaren Hardware – denn auch hier erreichen Firmen problemlos Apple-Gefilde, sofern entsprechend hochwertige Hardware reingepackt wird. Ich schaue hier vor allem in Richtung Samsung. So ein Galaxy Tab S6 Lite hat sich auch zu mir verirrt. Das ist zwar nicht so performant und hochwertig wie das Galaxy Tab S6 ohne Lite, kostet dafür auch nur ein Bruchteil.

Das Beste: Es gibt einige DAWs und Apps, die auf euch warten, um euch mobil zur Seite zu stehen.

All diese Android-DAWs können zumindest in Ansätzen deinen Computer oder Laptop ersetzen. Wenn deine Hardware entsprechend performant ist, dein Touch-Display die Berührungen genau umsetz und groß genug ausfällt und du auf die Touch-Bedienung stehst. Ich denke da vor allem an lange Autofahrten (wenn du nicht selbst fährst), oder Zug oder Flugzeug. Oder wenn du gerade unterwegs Samples ziehst.

Interfaces für Android

Hier kann das freiere Betriebssystem gegenüber Apple iPads und Co. ordentlich flexen. Denn: Es kann über einen USB-Adapter nahezu jedes (Class Compliant) Interface betrieben werden. Vor allem gibt es USB-C-USB-A-Adapter quasi geschenkt. Das geht zwar in der Theorie bei iPads und iPhones auch, jedoch liefern die je nach Adapter oder Interface nicht genug Strom am Lightning-Anschluss. Ergo muss ein aktiver Adapter/Hub her (oder ein Pro-Modell). Was zu Hause weniger das Problem wäre, mobil aber zum Totschlagargument wird.

Das gleiche kann ich von Interfaces von Berhinger*, Steinberg* und Presonus* berichten. Keine Probleme und einfach nur Plug-and-Play. Das hier abgebildete IK Multimedia iRig gibt es auch als neuere I/O-Version* für Android.

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Eigene Erfahrungen

Ich hatte mit meinem Focusrite Scarlett 2i2 2nd Gen* überhaupt kein Problem mit dem Galaxy Tab S6 Lite* oder meinem Galaxy S7* oder Galaxy S10*. Jedoch mit meinem normalen iPad* (meins ist von 2018) und auch mit meinem ehrwürdigen iPhone 6. Für beide i-Devices hätte ich einen aktiven Hub benötigt, und einen teuren Adapter. Für ernsthafte Aufnahmen würde ich aber mindestens zum Tablet greifen.

Mehrspuraufnahmen, Editieren und Exportieren sind für mich mit Touch nicht allzu komfortabel, allerdings ist das Packmaß ohne Laptop unschlagbar. Und es ist auch etwas schneller Einsatzbereit. Und sofern die Interfaces Class Compliant sind, sehe ich auch bei ganzen Band-Setups mit 8-16 Spuren simultan keine Probleme. Keine Probleme beim Timing, keine Aussetzer, auch nicht beim Editieren oder Arbeiten mit Effekten.

Für Editing gehe ich dann aber in der Regel doch zurück an Maus und Tastatur und einen großen Bildschirm. Das könnte ich zwar auch dank Wahlfreiheit an mein Tablet anschließen, aber wirklich komfortabel ist das nicht. Auch Samsung DeX ist noch nicht so weit, dass ich es als Multitasking-Desktop-Ersatz bei Audio-Anwendungen akzeptieren könnte.

Wünsche

Mir fehlen aktuell neben breitflächig potenterer und gleichzeitig etwas preiswerterer Hardware auch einige Apps zum Glücklichwerden. Während iOS mit tollen virtuellen Klangerzeugern punkten kann, sind bei Android gerade einmal eine handvoll DAWs angekommen. Die Synthesizer sind … okay bis nicht vorhanden. Für reines Recording und „Musique Concrete“ würde das immerhin ausreichen. Gerade mit Cubasis habe ich ein tolles Werkzeug an der Hand. Mit dem S6 Lite-Tablet ist es allerdings an manchen Stellen bei der Bedienung behäbiger als mit meinem iPad – vermutlich liegt das an der etwas langsameren Hardware, ist aber kein echtes Argument gegen das Setup, da es nur marginal auftritt.

Android_Audio_Mief_Echtzeit_Teaser_gross

Außerdem hätte ich gern Routing-Apps. Während ich am Computer JACK nutzen kann, auf meinem iPad AudioBus oder sinnvoll programmierte IAA-Plug-ins, sieht es bei Android mau aus. Bringt die DAW nix mit, wird’s eng mit hochwertigen Plug-ins. Ein Henne-Ei-Problem, das zumindest die Hersteller oben versuchen zu durchbrechen. Gerade Yamaha/Steinberg ist ein bedeutender Player und bekommen dafür von mir Kudos für den ersten Schritt in Sachen Android-DAW. Ob da irgendwann sogar Cubase für Linux folgt?

Und der Unterbau sollte nicht mehr auf einem ollen Linux-Kernel basieren, sondern (wenigstens optional) auf einem neueren, oder einem mit Realtime-Prio. Dann wird’s auch was mit der DAW auf Android statt iOS. Ich bin bei allem Komfortverlust ziemlich froh, nicht mehr im Apple-Universum „gefangen“ zu sein. Google kann ich bei Bedarf in Android mit alternativen Betriebssystemen komplett raushalten, Apple aus iOS nicht. Und das was ich von dem Gerät erwartet habe, mobil Dual-Mono-Aufnahmen und einfache Edits durchzuführen, kann ich machen. Nächstes Level ist dann Surround und 3D-Audio. ;)

Fürs reine Stereo-Recording würde ich dann doch eher ein Handy-Recorder empfehlen. Sobald es mehr als zwei Spuren sind oder Overdubs hinzukommen, wäre es mit Cubasis (meiner Erfahrung nach) auf jeden Fall machbar. Aber da ist generell noch Luft nach oben.

Deine Meinung

Was nutzt du? Android oder iOS? Hast du schon einmal mit einer Android DAW herumprobiert, es als DAW-Ersatz oder als Klangerzeuger zu nutzen? Gerade letzteres ist bei der Synthi-Fraktion durchaus möglich. Hast du Probier-Tipps?

Die Moog Apps klingen beispielsweise richtig toll. Oder der SynthOne. Aber die gibt’s ja beide nur für iOS. Meh. Hast du Tipps für Android Klangerzeuger?

Man wird ja noch träumen dürfen …

Mehr Infos

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5 Antworten zu “Recording mit Android – Vor- und Nachteile gegenüber iOS-Tablets”

  1. Johannes B sagt:

    Check mal Hexen auf Android

  2. Robert sagt:

    Entwickelnde???
    Die Gender-Formulierung nun auch hier.
    Das heißt Entwickler – generisches Maskulinum.

    • claudius sagt:

      Hi Robert, danke für deinen Input. Leider bist du anscheinend noch nicht auf dem neusten Stand. Hier kannst du beim Duden die aktuellen Regeln nachschlagen. Sicherlich sind die für dich interessant, wenn du an der korrekten, deutschen Sprache interessiert bist: https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Geschlechtergerechter-Sprachgebrauch.

      Zitat:
      „Weitere Mittel geschlechtergerechter Sprache sind:

      geschlechtsneutrale Ausdrücke: Mensch, Person, Mitglied, Gast
      Sachbezeichnungen: Staatsoberhaupt, Leitung, Kollegium
      Substantivierungen des Partizips I, des Partizips II und von Adjektiven im Plural: die Studierenden, die Gewählten, die Verwitweten

      Im Singular zeigt der Artikel bei den Substantivierungen das Geschlecht an. Geschlechter­neutral ist hier nur die Pluralverwendung.

      der Studierende und die Studierende
      die Studierenden

      Die Beleidigung haben wir entfernt.

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