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Harrison Mixbus 6 Angecheckt Teaser

Funktioniert das Konzept "Analog + Digital"?  ·  Quelle: Gearnews, Claudius

Seit geraumer Zeit schwirrt eine DAW durch den digitalen Raum, die einen etwas anderen Ansatz an Haptik und Sound hat, als es die anderen, großen DAWs dieser Welt haben. Fernab von Pro Tools, Cubase, Reaper, Studio One oder Live bahnt sich der Analogkonsolenhersteller Harrison mit der eigenen DAW Mixbus einen ganz eigenen Weg – mit ganz besonderem Mixer. Was kann die digitale DAW mit „analogem Sound“ und was nicht?

Mixbus vs. Ardour

Was war das für eine Überraschung „damals“, als Harrison die eigene DAW Mixbus vorstellte. Eigentlich ist der Hersteller für analoge Mixer bekannt, die in den Studios der Welt stehen und in bestimmten Kreisen einen ausgezeichneten Ruf genießen. Nicht von ungefähr wurden mit den Konsolen Hits von Michael Jackson, Abba, Led Zeppelin, Genesis, Ramones, Queen, David Bowie, Rolling Stones, Iggy Pop, Iron Maiden, Elton John, Zappa, Nirvana und vielen, vielen Größen der Musikgeschichte mehr aufgenommen – so sagt man. Das sind auf jeden Fall richtig große Namen und irgendwie muss ja was dran sein, wenn so viele Studios auf diese Technik setzen.

Die DAW Mixbus basiert auf Ardour, einer Open Source DAW, die es für Windows, macOS und Linux gibt. Gleiches gilt auch für Mixbus. Der große Unterschied: Der Mixer. Jeder Kanal hat einen halbparametrischen 3-Band-EQ, eine Kompressionsstufe und Send-Knöpfe nebst Reglern, die per Klick an einen der Mixbusse sendet und optional den Master stumm schaltet. Dazu kommen im Mixer separiert 8 Mixbusse, die noch mal jeweils einen 3-Band-EQ, Sättigung und eine weitere Kompressionsstufe. Einfach so in den Mixer eingebaut und optisch in etwa wie bei einer analogen Konsole. Im Master gibt es zum zusätzlichen 3-Band-EQ, Kompressor und Sättigungsstufe noch mal einen Limiter. Ein Knopf hat eine Funktion.

Für den Klang sorgt ein eigener DSP-Algorithmus von Harrison, der den eigenen Klang originalgetreu einfangen soll. Für mich heißt das: Vorteile aus der analogen Welt (warmer Klang mit analoger Sättigung) und all den Vorteilen der digitalen Welt im DAW-Editor. Den übernimmt Mixbus direkt von Ardour.

Optisch ist es deswegen verglichen mit den Platzhirschen (und dem eigenen Mixer) irgendwas zwischen altbacken und hässlich, nach einiger Zeit und Mixen muss ich sagen: Es ist echt okay und sehr funktionell, drängt sich nicht auf und beschränkt sich aufs Wesentliche – eben keine vorgerenderten Buttons mit fancy 3D-Grafiken oder halbwegs schöne Slider. Da muss man einfach durch. Irgendwann ist es Normal. Hier sollte Harrison echt noch nachbessern.

Beim Mixer sieht das schon anders aus. Aber auch hier übernimmt Mixbus anteilig von Ardour, gerade der untere Teil (Kommentare, Routing, Automationsmodus) des Kanalstrips ist relativ unübersichtlich und bedient sich frickelig und umständlich. Ganz oben lassen sich die fürs Recording relevanten Funktionen (Input, Rec-Arm, …) wegklappen. Da sich nur die Kanalnamen im Mixer der Spurenfarbe anpassen, finde ich es auch da unübersichtlicher, als bei anderen Vertretern, bei denen sich alles seit vielen Jahren einfärbt.

Workflow

Ich bin ein Kind des digitalen Zeitalters und habe von klein auf die Vorzüge der digitalen Computerwelt kennengelernt (zumindest, nachdem das letzte Zucken von MC und VHS überwunden war und Walkman durch MD-Player und später einen Discman ersetzt wurden). Jetzt bin ich froh, dass sich „dieses digitale, kalte, musizieren“ durchgesetzt hat, die Vorzüge sind einfach grandios. Und den ewigen Kleinkrieg „analoger vs. digitaler Sound“ kann ich dank ausgezeichneter Emulationen auch nur müde belächeln.

Nach Jahren mit Samplitude, Pro Tools, Cubase und Reaper flatterte irgendwann über meine Ardour-Exkursionen auch Mixbus 1 ins Haus. Ab Version 2 gehörte ich dann zu den Käufern, habe es aber nie so richtig genutzt. MB3 und MB4 habe ich dann nicht mehr gekauft, ab MB5 war ich wieder im Boot und kann nach dem Update auf Mixbus 6 nur sagen: Diese DAW ist richtig gut und macht Spaß.

Vor allem der vergleichsweise beschränkte Workflow, der so richtig beschränkt nicht ist. Man kann trotzdem problemlos ohne die vorgefertigten Mixbusse Audio, MIDI, AUX und Instrumentenspuren anlegen, bis der CPU abraucht, aber lässt man sich einmal auf diese 8 Busse ein, dann gibt es kein Zurück und es wird unweigerlich angenehm. Mir gefällt das sehr gut: Ein Kanal, ein vorgefertigter Channel-Strip, der aber beliebig über Plug-ins erweitert werden kann. Und im (immer noch unansehnlichen) Editor fühlt man sich an die Tage von Pro Tools 7 zurückgesetzt. Auch haptisch erinnert es mich an diese Zeit. Es gibt verschiedene Werkzeuge für die verschiedenen Aufgaben, dazu aber auch die Errungenschaften der Neuzeit, zum Beispiel Clip Gain.

Mixbus 6 Projektansicht Editor

Audioediting ist natürlich kein Problem

Die Arbeitsweise ist nach zwei, drei Mixen einfach nur extrem intuitiv und durch die vorgegebenen (und ausreichend dimensionierten) Wege, die nach Belieben erweitert oder frei in der integrierten Matrix geroutet werden können, schnell erlernt und lieb gewonnen. Unter Linux ist das alles noch mal flexibler durch JACK – doch das ist eine andere Geschichte.

Beim Umstieg auf eine andere DAW sollte man sich immer Zeit zum Erlernen der Eigenheiten geben. Mixbus bringt teils gut belegte Keybinds mit, du kannst aber jeder Funktion einen beliebigen Keybind zuweisen. Daher fällt mir der Umstieg nicht sehr schwer und als Reaper-User fühle ich mich von der Flexibilität etwas aufgefangen.

Das kann Mixbus besser als andere DAWs

Es gibt auch ein paar Geschichten, die kann Mixbus besser als andere DAWs. Grandios finde ich beispielsweise den Polarity Check. Hier werden alle markierten Spuren im Mix miteinander in unterschiedlichen Phasenlagen gegeneinander in der Lautstärke verglichen und am Ende kann ich auswählen, welche Variante ich übernehmen möchte. Das ersetzt das Reinhören nicht, erleichtert aber die Arbeit extrem.

Mixbus 6 Optimize Polarity

Phasenlage automatisch anpassen

Ich kann auch Spuren einer Spectral Analyse unterziehen und direkt schauen, wie es grundlegend mit der Frequenzverteilung aussieht und verschiedene Spuren miteinander vergleichen. Das Gleiche gibt es für die Lautstärke, schön mit farbigem Histogramm – für jede Spur einzeln. Auch beim Export wird die Datei noch mal untersucht und man sieht schnell, wenn es rein technisch noch irgendwo hakt.

Davon können sich andere DAWs auf jeden Fall mal eine Scheibe abschneiden.
(Nachtrag: Digital Performer hat es, andere nicht. Danke an den Kommentator.)

Auch der Mixeraufsatz wäre in anderen DAWs grandios, so schnell komme ich sonst nicht ans Ziel. Vor allem ist die Übersicht im Kanalstrip wirklich grandios und die schnelle Verfügbarkeit von EQ, Kompressor, Sättigung und Limiter (nebst integriertem VU-Meter, der für mich eher Eyecandy ist) ebenso etwas, das ich für jede andere DAW haben wollte. In Reaper kann ich mir so etwas grundlegend bauen, so ästhetisch wie in Mixbus-Mixer wird es aber nie.

Mixbus 6 Spectral Analysis Spektumanalyse

Spektrumanalyse

Toll finde ich auch, dass Mixbus nicht nur für Windows und macOS verfügbar ist, sondern auch für Linux. Das ist sicher dem Unterbau Ardour geschuldet, das das Licht der Welt als Linux-DAW erblickt hatte und irgendwann zur Crossplattform DAW wurde. Daraus resultierend sind auch alle Weiterentwicklungen von Harrison Open Source und damit gemeinfrei verwendbar und die beiden Entwicklerstudios/Teams unterstützen sich mit Features, Funktionen und vermutlich auch finanziell. Ich denke, dass das ein guter Schritt in eine bessere, digitale Zukunft.

Übrigens kostet das Update auf die nächste Major-Version ca. 20 Euro. Finde ich sehr User-freundlich – auf der anderen Seite passiert nicht übermäßig viel zwischen den Nachfolger-Versionsnummern. Andere Anbieter lassen sich auch .5er Nummern mit weniger Features teuer bezahlen.

Das sollte Mixbus verbessern

Natürlich ist nicht alles super in Mixbus – so, wie es in keiner DAW nur Gutes zu berichten gibt. Man findet eben drumherum seine Workarounds, bis die Entwickler an die Funktionen oder Bugs dann mal Hand anlegen. Auch wenn man die Entwickler direkt und wirklich schnell im hauseigenen Forum antrifft, fallen mir ein paar Sachen ein, die ich immer wieder bemängeln muss.

Der Mixer braucht Platz. Ohne HD-Bildschirm macht das keinen Spaß. In der 32C-Version mit anderem, größerem und noch authentischerem Mixer gleich noch mal weniger. Außerdem ist der Mixer ab einer gewissen Projektgröße auf all meinen Testsystemen ruckelig. Auf meinem Laptop (Thinkpad x390 mit 8GB RAM und integrierter GPU) schneller als mit meinem Desktop, der mit i5 4690, 16GB RAM und dedizierter Grafikkarte daher kommt.

Mixbus 6 Export Audio Track Analyse LUFS Spektrum

Audioanalyse beim Export

Auf meinem „Studio-PC“ kann ich dank Hackintosh auch gleich die Performance auf der gleichen Hardware mit den verschiedenen Betriebssystemen testen. Ich muss als Fan von macOS sagen: Hier ist es wirklich schlecht(er). Windows ist okay, am Besten flutscht es aber mit Linux. Das heißt nicht, dass es jemals wirklich unbrauchbar wird, es ist aber in etwa so wie bei Pro Tools für Windows – okay, aber nicht geil. Bei fühlte es sich hakeliger und behäbiger an. Zum Ziel komme ich aber dennoch. Wirkliche Unterschiede bei der DSP-Auslastung von internen „Zwangseffekten“, die jeder EQ und Kompressor pro Kanal nun mal sind, gibt es nicht.

Bei externen Plug-ins ist der Vergleich nicht ganz fair, da zwischen VST, AU und LV2 bzw. LinuxVST Unterschiede in der „Bauart“ existieren und darunter auch die Performance leiden kann. Grundlegend sind alle Varianten bei etwa 100 Spuren mit zusätzlichen 100 Effekten und ca. 10 Klangerzeugern (keine Diva dabei) ähnlich gut.

Leider gibt es auch keine Clip FX, die ich bei Reaper sehr schätze und die seit vielen Jahren auch in anderen DAWs möglich sind. Auch hatte ich beim Import von WAVs immer wieder Abstürze. Durch sinnvolle Autospeicherfunktion nach jedem Track ist das weniger ein Problem, aber dennoch frustrierend. Beim Mischen oder Overdubben hatte ich nie Probleme.

Harrison Mixbus 6 Plug-ins GUI Demo

Harrisons Plug-ins als Demo bei MB6 integriert – wenig chic, aber gut

Deine Erfahrung mit Mixbus

Hast du eigentlich schon einmal Mixbus ausprobiert?

Ertappst du dich, wie ich, seit der Installation immer wieder dabei, dass du deine Mixarbeit nur noch in Mixbus erledigst? Wenn ich „analoge“ Musik mische, starte ich Reaper teils schon gar nicht mehr, was ja seit V2 eigentlich neben Pro Tools meine Haupt-DAW war und mit mir gewachsen ist, während ich mich von anderen DAWs weitgehend befreit habe.

Jetzt wird meine Entscheidung von „damals“ in Frage gestellt und ich bin gespannt, ob Mixbus mich irgendwann mit seiner leichten Einschränkung nervt oder doch eher beflügelt und meinen Workflow beschleunigt.

Für synthetische Sachen würde ich vermutlich Ableton Live vorziehen, oder unter Linux eben Bitwig Studio, das ja sehr ähnlich ist. Auch für Sounddesign würde ich Mixbus eher als letzten Feinschliff sehen, auch wenn es theoretisch möglich wäre. Eine Filmmischung (Postpro) habe ich noch nicht ausprobiert, müsste theoretisch auch möglich sein, allerdings wären mir dann die 8 Mixbusse zu wenig und ich würde eher auf mein bewährtes Reaper-Besteck zurückgreifen.

Bei klassischer Rockmusik werden ich wohl direkt auf Mixbus loslegen, denn es war für mich nie einfacher und schneller, an einen gut klingenden, runden Mix zu kommen, vor allem, weil es bei guten Aufnahmen kaum andere Plug-ins braucht. 

Was fehlt dir bei Mixbus?

Mehr Infos

Weitere interessante Produkte unserer „Angecheckt“-Reihe findet ihr hier. Ihr habt Vorschläge? Dann her damit!

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