Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten
Guitarix Test angecheckt vergleich guitar rig Teaser

 ·  Quelle: Guitarix

Hast du schon einmal von Guitarix gehört? Vermutlich nur die Wenigsten können jetzt mit „ja“ antworten, denn es handelt sich dabei um eine freie Amp und Effekt-Emulation für das ebenfalls freie Betriebssystem Linux – es ist nicht mit Windows oder macOS kompatibel. Was kann es und wie gut ist es verglichen mit dem Emu-Urgestein NI Guitar Rig?

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Linux und Audio

Nicht mit den Augen rollen. Neben Windows und macOS gibt es tatsächlich eine rege Audio-Community mit dem freien Betriebssystem GNU/Linux (für den Lesefluss nenne ich es fortan Linux).

Ich bin vor einiger Zeit komplett auf Linux umgestiegen. Arbeite, mache mit Linux DAWs Musik, Produziere, Mische, route … und ich möchte als Gitarrist auch einen virtuellen Gitarrenamp am Computer nutzen. Ähnlich, wie ich es mit Guitar Rig unter macOS und Windows hatte.

Die einzige Lösung ist: Guitarix. Doch wie gut ist die Amp und Effekt-Emulation?

Seiteninfo: Ich verwende für derlei Tests immer noch einen Mix aus Focusrite Scarlett 2i2* und meinen Presonus Eris 5* für mein Heim-Setup. Solide und hochwertig im Klang und einwandfreie Verarbeitung – und ohne Frickelei kompatibel mit Linux.

Guitarix

Guitarix existiert als eigenständiges Programm, oder auch als Plug-ins. Nicht als ein Großes, sondern viele Kleine im LV2-Format, die ich dann in meine DAW der Wahl als Inserts laden kann. Die sind auch in den Modelern von Mod Devices teils integriert, ein Vorteil von Open Source.

Optisch kommt direkt der erste Dämpfer auf verwöhnte User: Die Oberfläche ist wie so oft bei Linux eher zweckdienlich bis unansehnlich. Ich würde sagen, schlicht. GR 6 hingegen wirkt dagegen richtig eleganz und modern, wenn man flat synonym dafür benutzt. Auf jeden Fall angenehmer. Die Optik der Amps und Effekte in Guitarix orientiert sich nicht an den teils emulierten Vorbildern, sondern ist eher eine individuell einfärbbare Fläche mit den entsprechenden Reglern und Schaltern. Als Umsteiger muss ich mich daran erst einmal gewöhnen.

Features

Der Signalfluss ist dem von anderen Emulationen sehr ähnlich. Anfangs stehen globale Geschichten wie Noise Gate, Compressor, Mono Level Output und Clipping zur Verfügung. Ein Tuner ist auch dabei.

Beim Start folgt dann das nicht abschaltbare Hauptmodul im virtuelle Rack. Das sieht immer gleich aus und besteht aus der Röhrenwahl, Pre Gain, Master Gain, Clean/Dist Blende, Drive, optionalen Bass und Presence Boost, optionalem Reverb und einem großen Master Volume. Ein Limiter für den Notfall ist immer aktiv und schaltet sich bei Signalen über 0dB FS ein, damit das Ausgangssignal nicht übersteuert.

Alles vor dem Hauptmodul ist quasi Pre-Amp, zum Beispiel deine Effektkette aus Overdrives, Fuzz und Modulationspedalen, alles danach sind Post-Amp Geschichten, etwa Amp Impulse für charakteristische Eigenheiten der Hersteller, Boxen oder EQs. Alles in Mono. Danach kommt eine Reihe Stereo-FX, Reverbs und Delays oder Boxen-IRs.

Eine Besonderheit kommt schon hier: Das Routing geschieht komplett über JACK. Hier sind das „Topteil“ als Hauptmodul und die Effektsektion danach einzelne Parts. Du kannst also auch auf Routing-Ebene außerhalb das Signal verändern (musst aber nicht).

Guitarix Test angecheckt JACK Routing

Freies Routing für freie Musiker – hier fehlt noch die Verbindung zum Ausgang

Amps und Effekte

Über einen Pool kann ich nun Effekte wählen und nach Gusto positionieren. Jeden Effekt nur einmal – ein Nachteil zu GR6, das kann Effekte laden bis der CPU abraucht. Die bringen wie beim quasi-Vorbild eigene Presetslots mit, Regleranzahl der Vorbilder und können für die Übersicht zusammen geklappt werden und natürlich auch auf Bypass geschaltet werden. Praktisch für die Übersicht. Da alles ziemlich gleich aussieht, ist die bei großen Setups gern mal weg.

Es gibt in Guitarix keine direkten Amps voreingestellt. Wenn ich also den Sound von Marshall oder Fender möchte, kann ich nichts fertig aus dem Pool ziehen, sondern muss basteln. Das sieht dann so aus:

  1. Passende Röhren im Hauptmodul wählen
  2. Hauptmodul einstellen
  3. Amp Impuls laden
  4. Box finden (eigene Impulsantworten gehen über einen Convolver-Effekt zu laden)
  5. EQ finden und anpassen
  6. Evtl Post Amp Modul mit zusätzlicher Röhrensättigung einbauen
  7. Reverb finden.

Das alles ist anfangs eine Umgewöhnung und es kommen nicht von Anfang an wirklich gute Setups heraus. Im Netz finden sich einige Videos, die wirklich schrecklich klingen und man direkt keine Lust mehr auf das Programm hat. Wenn du dir ein wenig Zeit nimmst, kommen hier wirklich tolle und wirklich starke Effekt-Amp-Konstellationen heraus. Ich habe dir am Ende ein paar gute Videos verlinkt.

Du kannst alles als Preset in eigenen Bänken verwalten. Und du kannst deine Presets wie bei anderen ins Netz laden und von anderen die Presets auf deinen Rechner ziehen.

Die meisten Vorbilder bzw. Effektgeräte wurden hier ziemlich gut getroffen. Sogar im A/B ist mein grüner Muff ziemlich gut digital abgebildet. Es gibt aber ein paar Gurken, die ich mit keiner Gitarre oder Bass klanglich (wie das Vorbild) anständig zum Laufen bekam, zum Glück sind die aber an einer Hand abzählbar. Oft hat die Röhrenwahl einen krassen Einfluss auf den Effektklang, was über „Yeah“ bis „Meh“ reichen kann. Im Großen und Ganzen komme ich sehr gut an mein Ziel. Leider kam es zwei Mal zu komischen Problemen, die plötzlich Effektpedale komplett anders klingen lassen. Hier hilft dann nur ein Neustart von Guitarix.

Guitarix Test angecheckt MIDI Learn

MIDI Learn Fenster

MIDI

Sehr cool finde ich die einfache Verwaltung der Parameter via MIDI Learn. Mittlere Maustaste auf den Regler oder Schalter, dann Knopf oder Regler am Controller bewegen und fertig. Wahlweise noch die Range festlegen und ab geht’s. Die Belegung wird nur in dem jeweiligen Preset abgelegt und gilt nicht global.

Meine Fußschalter der Wahl sind übrigens keine Boutique-Gourmet-Teile, sondern eher Butter und Brot. Funktionieren aber einwandfrei seit etlichen Jahren. Konkret sind das der Behringer FCB1010* und Harley Benton MP-100*.

Live Modus

Wie bei Main Stage und Guitar Rig gibt es auch bei Guitarix einen Live Modus. Auch hier ist der nicht mehr als eine spezielle Ansicht. Leider ist es nicht viel mehr als ein ausblendbares Hintergrundbild, Preset-Name und ein Dauer-Tuner wie die Korg-Teile im echten Rack, die im Song nervig in der Backline mitblinken.

Wirklich Live könnte ich Guitarix aber leider nicht verwenden, denn es gibt ein großes Problem: die Umschaltzeiten, bis die Effekte oder Presets umgeschaltet sind, sind einfach zu lang. Das Feeling vom „Effekt ist direkt an“ von meinen Bodenpedalen fehlt.

Guitarix Test angecheckt Live Mode

Guitarix Live Modus – müsste auch nicht da sein

Plug-ins

Neben dem Standalone Modus als eigenständiges Programm, kann ich alle Guitarix Effekte und Amps auch als einzelne Plug-ins in meine DAW laden. Gegenüber anderen Emulationen habe ich hier also sehr viel mehr Flexibilität und muss nicht gleich immer die gesamte Oberfläche reinladen. Klanglich sind die quasi identisch und von „Wow, das ist Linux-basiert?“ bis „Ach du Scheiße, mach es tot!!“ ist alles dabei. So ergeht es mir aber bei allen Emus am Rechner.

Ist Guitarix eine Alternative zu Guitar Rig?

Mangels anderer Möglichkeiten ist Guitarix die einzige Alternative zu Guitar Rig und Co unter Linux. Zum Glück ist es aber klanglich nach einer gewissen Einarbeitungsphase einwandfrei und geht flott von der Hand.

Daher würde ich sagen: Im Studio für eine Albumproduktion oder zur Live-Probe via NINJAM oder Jamulus ist es für mich das Werkzeug meiner Wahl und ich trauere auch hier nicht anderen Software-Emulationen nach. Mit dem zuletzt angecheckten Guitar Rig 6 würde ich allerdings schneller an bestimmte Amp-Sounds kommen und die Friedman-Emu klingt einfach nur toll – aber für Guitarix bezahle ich quasi nichts und habe nach ein paar Klicks mehr ein sehr ähnliches Ergebnis. Guitar Rig 6 kostet gleich mal 199 Euro. Die eher fade Optik ist mir immer noch ein Dorn im Auge, aber sie ist auch nicht direkt hässlich. Bei großen Setups fehlt mir die Übersicht.

Ausprobieren

Wenn du es ausprobieren willst, brauchst du eigentlich nur einen USB-Stick und dein vorhandenes Setup. Auf diesen kannst du dir ein Live-System wie LibraZik oder Ubuntu Studio packen (Linux Live USB Creator wäre mit Windows meine Wahl), bei dem Guitarix vorinstalliert dabei ist. Davon bootest du deinen Computer und kannst rumprobieren. Sagt es dir nicht zu, wechselst du in dein altes System.

Für alle mit Linux: Auf der Homepage findest du die Installationsanleitung und den Weg in die richtigen Repos.

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6 Antworten zu “Ist Guitarix eine Alternative zu NI Guitar Rig 6?”

  1. @Tzackschnack sagt:

    Ich nutze Guitarix seit Jahren. Der Einstieg ist wirklich nicht so einfach, nach ein paar Wochen ist es um so mächtiger! Natürlich nur, wenn man ein paar Takte weiter denken möchte und mehr grundlegende Dingeverändern möchte. Der blanke Anwender, verwöhnt und ohne großes Denken durch Mac und Win wird hier überfordert sein. Es wird den Menschen systematisch abtrainiert, bis man sie mangels Alternativen in der Hand hat und alles vekaufen kann. Auch wenn ich manchnmal über Linux fluche, bin ich mit Fedora sehr zufrieden und bin dankbar über den Schritt vor ca. 10 Jahren.

    Ich finde es klasse, das ihr über diese Themen berichtet.

  2. Tichi sagt:

    Bei Ubuntu Studio ist auch Rackarrack mit vorinstalliert. .das finde ich auch sehr interessant. Ebenso die Carl Oberfläche und Calf Plugins…ich mache nicht so viel damit, aber da sind auch sehr sehr gute Plugins bei…

  3. Seraphim Glockenklang sagt:

    Vielen Dank für eure Berichte. Ich wusste bisher nicht einmal, dass es für Linux native Amps gibt. Ich dachte, es muss alles immer noch über WINE und Co gebastelt werden.
    Das hier klingt aber alltagstauglich und sogar mitunter gut.
    Welches Livesystem soll ich mal ausprobieren? Ist Ubuntu Studio vergleichbar mit Windows in der Benutzung?

    • claudius sagt:

      Hey Seraphim,
      tatsächlich ist Ubuntu Studio auch Live nutzbar, also direkt vom USB-Stick bootbar. Und alles ist quasi voreingestellt – und wenn du keine super besondere Soundkarte mit DSP-Steuerung nutzt, musst du nicht einmal etwas einrichten. Es sind idR. Cadence und qjackctl vorhanden, schau mal zur Einführung in meinen JACK-Artikel. (Oben verlinkt).
      Das aktuellste Ubuntu Studio (21.x) nutzt die Plasma-Desktopumgebung (KDE). Die bedient sich und sieht aus wie Windows … zumindest recht ähnlich. Probiers einfach mal aus. Kostet nur etwas Zeit. :)
      Gefrickel mit WINE musst du nicht befürchten.

  4. wils sagt:

    Bei Win komme ich vor Möglichkeiten manchmal gar nicht bis zum Musik machen.
    Insofern ist Beschränkung mitunter hilfreich. Und cooler sowieso…
    Danke für die Linux-Berichte. Gerne immer mal wieder.

    • claudius sagt:

      Selbst wenn du nicht bei Linux ankommst, ist ein Blick über den Tellerrand immer lohnenswert. Andere Gärten haben auch schöne Früchte, aber manchmal schmeckt es eben aus dem eigenen immer noch am Besten. ;)

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