Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
Jamtaba 2 GUI Linux

Jamtaba 2 zum Online-Proben?  ·  Quelle: Screenshot Claudius

Vor ein paar Wochen hatte Jamulus einen neuen Hype und auch wir bei GEARNEWS.de haben es mal ausprobiert. Hier kannst du den Artikel lesen. Es gibt aber noch andere Plattformen, über die man zusammen mit anderen Musikern online zusammen jammen, proben und sogar aufnehmen kann. Kostenlos. Ich habe mir Jamtabe 2 und NINJAM einmal näher angesehen.

Gemeinsame Online-Probe – das Konzept

Der Lockdown hat uns alle fest im Griff. Was zur Eindämmung von „Corona“ sicher seine Berechtigung hat, ist für Bands mit mehreren Musikern und eher klassischen Rockinstrumenten ziemlicher Mist. Die Musik lebt davon, dass man gemeinsam in einem Raum stehen kann und von Angesicht zu Angesicht gemeinsam Lieder schreibt und spielt. Und es wird auch wieder möglich sein. Nur noch nicht jetzt.

Bis dahin können wir aber auf die neueren Errungenschaften des Internets zurückgreifen, auch wenn in Deutschland die Verbindung nicht überall gut ist und die Entwicklung der Infrastruktur und auch die Digitalisierung generell im weltweiten Vergleich eher zu wünschen übrig lässt. Wenn du an einem Ort wohnst, an dem es schnelles Internet (DSL, Kabel) gibt, kannst du darüber zusammen proben. Eine Möglichkeit ist Jamulus – das haben wir schon vorgestellt. Es gibt aber noch eine weitere Alternative zum Nicht-Proben: Jamtaba bzw. NINJAM.

Reaper NINJAM Reaninjam plug-in gui

NINJAM sieht „ungut“ aus

Jamtaba/NINJAM

Warum nenne ich beide immer gleichzeitig? NINJAM ist eine Entwicklung von Cockos, den Entwicklern von Reaper. Das gibt es als Plug-in direkt in Reaper und als Server-Version. Der Nachteil: Die Bedienung ist „so lala“ (will nicht sagen frickelig) und es sieht, gelinde gesagt, echt bescheiden aus. Dafür ist es aber Open Source (GPL) und mit Windows, macOS und Linux nutzbar.

Es funktioniert so: Du richtest dein Projekt in Reaper ein (es soll auch als VST mit anderen DAWs gehen, aber habe ich nie getestet), schmeißt das Plug-in auf einen Track, im Idealfall auf den, den du an die Band senden möchtest und verbindest dich mit dem Band-Server und streamst dein Spiel live ins Netz.

Auch private Server sind möglich, man braucht dazu aber einen eigenen Server mit SSH Zugang und ein wenig Wissen zur Bedienung (oder Zeit zum Erlernen). Wir haben es erfolgreich hierrüber realisiert. Laut Cockos und Jamtaba brauchen 4 Musiker eine Bandbreite vom „Ur-DSL“, wie man es aus dem Jahre 1999 kennt, also 768 kb/s out und 240 kb/s in – beim Server. Das sollte machbar sein. Aber: mehr Musiker, mehr Bandbreite.

Jamtaba 2 Guitarix JACK Tiled Desktop GUI Linux

Mein „Streaming-Setup“ mit JACK und Guitarix – links Jamtaba Mixer, links mein Channelstrip

Jamtaba ist ein eigenes Programm, das auf NINJAM aufbaut. Es nutzt die Schnittstelle und die Server, braucht aber kein installiertes Reaper. Darin hast du einen Kanalzug mit Regler und VST-Slots. Unter Windows funktioniert das problemlos, z. B. mit Guitar Rig 6. Unter Linux habe ich es ebenso problemlos via JACK mit Guitarix verbunden.

Latenzen vs. Nutzbarkeit

Fazit: Meine Sessions waren durchwachsen.

Die erste Sitzung über Jamtaba zum eigenen Server war hervorragend in jeder Hinsicht. Wir waren zwar nur zu zweit, jeder mit einer Stereospur Guitarix. Es war In-Time und wir haben zum vom Server aus synchronisierten Metronom gejammt. Erstaunlich einfach.

Dann kam der Test via NINJAM aus Reaper heraus. So konnte ich mein paar Drum-Stems von Cambridge-MT direkt aus Reaper mit einspielen. Allerdings nur auf der einen Spur, die ich direkt in Reaper abstimmen musste. Das geht auch angeblich bis zu 8 Spuren pro User, allerdings habe ich es nicht ohne das Handbuch zu studieren hinbekommen. Mein Mit-Jammer hatte eine zweite Spur mit Hydrogen (Drum Machine) gezaubert.

Auf meiner Seite war dann auch alles cool. Ich war im Takt zu den Hydrogen-Drums und hatte Spaß. Danach wurde ich gefragt, ob ich absichtlich wohl 10-20 Sekunden daneben lag, um zu stören. Nun … irgendwie war das Timing auf dem Server nur bei mir richtig, mein Upstream hatte jedoch eine heftige Latenz ins Netz. Oder bei der Übertragung von Server zum Mitmusiker. So oder so: unbrauchbar.

Jamtaba 2 GUI Linux

Startet zum Glück keine Raketen, sondern Jamsessions und Proben: Jamtaba 2

Der nächste Versuch soll dann mit Drummer und E-Drum stattfinden. Eine mögliche Fehlerquelle mehr. Aber wir sind guter Dinge. Jamtaba sieht vergleichsweise (zu NINJAM) ansprechend aus, lässt sich einfach bedienen und scheint auch wirklich gemeinsam sinnvolles Timing zu ermöglichen. Wer will, kann dann noch eine Webcam zuschalten.

Allerdings empfehle ich nur private Server. Bei Publics hatte ich bei alleinigen Gehversuchen von anderen Usern eine eher schlechte Verbindung. Die kamen dann aber aus der gesamten Welt. Interessanterweise hatten bei einem Versuch IPs aus Ukraine und Süditalien einen besseren Ping als jemand aus BaWü. Gibt es mehr über deutsches Internet 2021 zu sagen?

Deine Erfahrung

Probt ihr online? Oder heimlich mit FFP2 und Lüften im Proberaum? Oder lasst ihr es ganz bleiben und schickt euch Stems rum?

Wir sind gespannt auf deine Erfahrungen: Ab damit in die Kommentare!

Mehr Infos

Video

5 Antworten zu “Jamtaba 2 und NINJAM – eine gute Plattform für Online-Proben?”

  1. Alex Stellwag sagt:

    Wir haben ’ne Menge probiert und sind letztlich bei einer Kombi-Lösung gelandet: Video via Google Meet, Ton via privatem TeamSpeak-Server. Die Latenzen sind grade so ok, alles andere, was wir getestet haben, war schlimmer.

  2. Stephan sagt:

    Wir nutzen schon seit Vor-Corona-Zeiten das Programm „Voicemeeter“ (https://vb-audio.com/Voicemeeter/), was hervorragend funktioniert. Man muss sich allerdings etwas mit grundlegender Netzwerktechnik (IP / NAT) auskennen, um es einzurichten.
    Wir sind eine Metal-Band in klassischer 5er Besetzung, unser Bassist ist vor 2 Jahren von Deutschland nach Finnland gezogen. Da wir weiterhin zusammen Musik machen wollen, haben wir mit Voicemeeter eine zuverlässig funktionierende Lösung gefunden.

  3. Markus sagt:

    Zu „10-20 Sekunden daneben“: Ihr habt vermutlich das Ninjam-Konzept nicht berücksichtigt: Jeder hört das, was die anderen in der Vergangenheit gespielt haben, mit 0 (null) Latenz. In eurem ReaNINJAM-Screenshot lese ich „160 BPM 16 BPI“. D.h. jeder hört alle anderen 16 Beats (das könnten z.B. 4 Takte im Viervierteltakt sein) verzögert, bei 160 bpm sind das dann exakt 6 Sekunden. Warum das nur in eine Richtung aufgefallen ist, kann ich jetzt nicht sagen, lag möglicherweise am Musikmaterial oder an den Einstellungen des Gegenübers.
    Man kann es nämlich umstellen: In der Dropdown-Box „Normal NINJAM“ gibt es auch „Voice Chat“. Das läuft dann ohne diese absichtliche Verzögerung, mit der Latenz, die das Netzwerk minimal hergibt.

    • claudius sagt:

      Danke! Wir hatten diverse Einstellungen durchprobiert und hatten immer das gleiche Problem. Die Screenshots sind unabhängig entstanden, daher sind die Werte teils beliebig. ;)
      Beim nächsten Mal schauen wir da nochmal genauer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.