Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten
Jamulus Band Online Jam Probe

 ·  Quelle: David Addis / Youtube

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Ist-Stand: Es wird von einer zweiten Welle geredet. In Deutschland gibt es mehr neue Fälle täglich als jemals zuvor, die Bundeskanzlerin hat gebeten, soweit es nur geht, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Eigentlich kein Problem. Aber eben blöd, wenn man Musiker ist und zusammen Musik macht. Also muss eine sozial distanzierte Lösung her. Eine alte Idee kommt nun wieder ans Licht: Jamulus. Damit können Musiker live übers Internet jammen, proben und sogar gemeinsam ein Konzert mit guter Audioqualität streamen.

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Online-Jammen

Hast du schon einmal über Internet probiert, gemeinsam zu musizieren? Es gestaltet sich mitunter schwierig, über Skype, Zoom, Teamspeak, Jitsi, Discord oder Steinbergs VST Connect zusammen zu spielen. Deswegen ist genaues Timing auch bei Musikunterricht über die entfernten Lösungen am heimischen Computer eigentlich unmöglich. Das Problem ist nicht die Technik selbst, sondern die Latenz – die ist außer von Steinbergs VST Connect nicht für die Echtzeitanwendung gemacht, sondern eben zum „Unterhalten“, entweder als Telefonersatz oder zur Kommunikation neben dem Zocken von Videospielen, etwa als Teamkoordination. Da ist es okay, wenn die Daten unterschiedliche Latenz haben, denn es kommt nicht wirklich auf mehrere Milli(Sekunden) an. Für Musik aus mehreren Quellen ist das nicht sinnvoll.

Es gibt einige Lösungen, die latenzfrei und wirklich in Echtzeit übertragen werden können sollen. Die Kollegen von Bonedo haben sich einige Online-Lösungen angeschaut und die Vor- und Nachteile beleuchtet. Dabei gehen sie auch auf kommerzielle Projekte ein, die monatlich Geld kosten. Aber was, wenn du kein Geld ausgeben willst/kannst?

Update: Auch wir haben uns mit NINJAM bzw. Jamtaba eine Alternative angesehen.

Jamulus Mischpult Mixer

Jamulus Hautpansicht: Mixer

Jamulus

Seit einigen Jahren gibt es aus Deutschland das Open Source Programm Jamulus. Das gibt es für Windows, macOS und Linux und ist kostenlos nutzbar – und erst kürzlich gab es ein Update, was heißt, das Programm ist immer noch in Entwicklung. Keine Selbstverständlichkeit, denn es gibt es schon seit über 10 Jahren diesen Ansatz, damals noch aus einer Not heraus entstanden und es gibt einige Alternativen, die sind aber immer kommerziell oder nicht ausreichend auf Musikerbdürfnisse zugeschnitten.

Die Nutzung von Jamulus ist relativ einfach. Du brauchst eigentlich nur ein Instrument nebst Kabel, deinen Computer, ein Audiointerface, eine Abhöre wie Monitorboxen oder Kopfhörer und Jamulus – vermutlich hast du das meiste davon eh schon da. Meine persönliche preiswert-aber-gut-Empfehlung wären: Focusrite Scarlett 2i2*, Presonus Eris 5* oder Audio Technica ATH-M50 X*.

Zum Routen deiner Audiosignale innerhalb deiner installierten Software empfiehlt der Entwickler JACK, ich meine aber, dass es auch ohne geht. Wenn du aber virtuelle Amps oder Effekte ansteuern möchtest und nicht schon fertig ins Interface reingehst, solltest du darüber nachdenken. Bei macOS ist Blackhole (ex-Soundflower) dafür übrigens auch sehr brauchbar.

Server oder Public

Auf der anderen Seite verbinden sich alle Teilnehmenden mit einem Server im Internet. Wenn ein Bandkollege eine Superleitung hat, kann dieser selbst einen Server erstellen, auf den sich alle verbinden können, im Normalfall braucht man in Deutschland aber einen angemieteten Server. Der kostet je nach Umfang und Ausbau entsprechend Geld – ob das eine sinnvolle Investition ist, müsst ihr als Band entscheiden. Ich habe keinen konkreten Tipp aus eigener Erfahrung für einen latenzfreien Server, wenn du Ahnung vom Einrichten von Servern hast, dann wäre UberSpace wohl der preiswerteste Anbieter. Wenn du lieber klickst, statt Installation und Portforwarding am SSH-Terminal machst, dann nimm einen Cloud-Server mit VM. Oder schau mal im Netz. Es gibt tausende Anbieter, auch DSGVO-konform. Hier die Anleitung zu Einrichtung, und hier headless. Du musst Ausschau nach einem echten Server halten und keiner nur für Webhosting. Außerdem ist eine Traffic-Flat von Vorteil, da Audiodaten bei langen Sessions schnell „schwer“ werden.

Jamulus Signal Routing Flow Internet

Es gibt auch offizielle Public Server, also öffentlich zugängliche, mangels Erfahrung mit denen kann ich dazu nichts sagen. In den Videos unten werden die teils verwendet, scheinen also gut zu funktionieren. Für erste Versuche scheint das also mehr als gut zu sein.

Jamulus steht und fällt mit dem Server. Ist die Latenz bescheiden, braucht ihr eigentlich gar nicht erst den Versuch zu starten. Kein Musiker kann frei vom Tempo mit anderen musizieren – Free Jazzer mal ausgenommen, aber auch da gibt es eine Struktur. Sie ist nur nicht immer erkennbar. ;)

Dann braucht jeder nur noch das installierte Programm und die IP-Adresse vom Server. Das Routing sollte vorher erledigt sein und es kann losgehen. Wer über langsame Server musizieren will, sollte Video abstellen, da damit auch der eigene Upstream beeinflusst werden kann.

Jamulus ausprobieren?

Der Vorteil: Jeder kann die anderen in einer Art Mischpult laut und leise machen, muten, auf solo schalten, benennen.

Der Nachteil: Du musst Hand anlegen. Dafür kannst du evtl. Geld sparen und hast eine Lösung, die Open-Source ist und so von jedem Menschen weiterentwickelt werden kann, wenn der ursprüngliche Entwickler es links liegen lässt.

In den Videos unten findest du geglückte und weniger geglückte Versuche mit Jamulus.

Hast du es schonmal damit versucht? Wie sind deine Erfahrungen? Sucht ihr gerade wegen „Corona“ und gemeinsam genutzen Proberäumen nach einer Home-Lösung oder ist euch euer Wohlbefinden und das der anderen weitgehend egal?

->> Wir haben auch noch NINJAM und Jamtaba 2 ausprobiert.

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11 Antworten zu “Im Internet proben – ist Jamulus die Lösung für Bands im Lockdown?”

  1. Jo sagt:

    Wir haben im Frühling sehr gute Erfahrungen mit Jamtaba gemacht. Hatten auch alles mögliche andere ausprobiert. Ich war ziemlich erstaunt als unsere DAW’s und unsere Hardware (Drumcomputer&Synths) synchron liefen. Hatte ich vorher nicht für möglich gehalten. Deswegen war die Freude riesig. Ohne Schwierigkeiten ging es aber auch nicht. Aber das war dann wie bei Zoom Meetings bei denen auch nie alles problemlos funktionierte.
    Jamtaba läuft sowohl standalone als auch in der DAW als VST. Letzteres war dann die bessere Option.

    • Matzix sagt:

      Hallo Jo, Jamtaba eignet sich nur für Musik mit einer festen, sich ständig wiederholenden Akkordfolge: Hierzu wird das Gespielte einfach erst nach einer kompletten Akkordfolge bei den anderen Musiker ausgegeben und damit zu den Akkorden synchronisiert. Damit nimmt man selber keine Verzögerungen wahr und es passt zu den Akkorden, aber man spielt halt nicht synchron. Insbesondere kann man also nur verzögert auf das reagieren, was andere spielen: Jeder hört eine etwas andere Musikmischung, da die eigene Sequenz den anderen eben erst in der nächsten Sequenz präsentiert wird. Zum Jammen passt das gut, für alles andere ist es nicht zu gebrauchen. Und da kommt dann die Stärke von Jamulus zum Tragen…

      Zum Artikel ist noch zu erwähnen, dass VST Connect für das Recording gemacht wurde und dafür perfekt ist. Hier spielt auch immer nur eine Person live, das synchrone Spiel mehrerer ist nicht vorgesehen und kann auch so nicht funktonieren. Software für andere Zwecke zu missbrauchen geht halt oftmals schief…

  2. Raydel Castro sagt:

    Ok, ich versuche meine übliche Antipathie bzgl. gewisser 2020er Themen an der Leine zu halten, und frage stattdessen die Redaktion:
    Um wie vieles angenehmer (und weniger system- / trendkonform) klingt der Artikel, bzw. dessen Einleitung, wenn man folgendes weglässt:

    „Ist-Stand: Es wird von einer zweiten Welle geredet. In Deutschland gibt es mehr neue Fälle täglich als jemals zuvor, die Bundeskanzlerin hat gebeten, soweit es nur geht, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Eigentlich kein Problem. Aber eben blöd, wenn man Musiker ist und zusammen Musik macht. Also muss eine sozial distanzierte Lösung her. “

    Einfach auf das technische konzentrieren; und ja ich sehe schon echte Vorteile in einer kontinentübergreifenden, latenzreduzierten Lösung fürs Kollaborieren. (Und dies seit mind. FSOL – ISDN anno ’94)

    PS: „Böse“ Zungen behaupten ja dass „die Bundeskanzlerin hat gebeten, soweit es nur geht, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen.“ sich hauptsächlich auf westdeutsche Innenstädte und Berlin gesamt bezieht. Hey, den solltet Ihr mir gönnen.

  3. Thomas Baur sagt:

    Wie kann ich auf Jamulus nur mit meinen Musiker spielen, so dass sich keine anderen mit Einschleifen.

    • claudius sagt:

      Da können wir keine konkrete Hilfestellung anbieten, aber sicherlich gibt es da eine findige Community.

    • Matthias sagt:

      Hi – und ein gutes neues Jahr!

      Hat sich die Frage erübrigt (z.B. durch schlaulesen in der Jamulus-Wiki?)

      Ansonsten: Wenn Du einen öffentlichen Server nutzt, ist der – wie öffentliche Verkehrsmittel auch – für jeden mit einsatzbereitem Jamulus anwählbar (es sei denn, der Admin hat da vielleicht etwas zusätzlich eingebaut…)

      Wer „unter sich“ bleiben will, muss (nach meiner bescheidenen Erfahrung damit) einen privaten Server einrichten, der dann nicht auf den Jamulus-Zentralservern gelistet wird.
      Dafür sind dann aber ein paar besondere Dinge wie Portforwarding, IP-Adresse für die anderen Teilnehmer etc. zu beachten, die Volker Fischer (Dank sei ihm für diese tolle Software!) in seinen umfangreichen Anleitungen beschreibt.

  4. Es gibt auch Anbieter, wo man fertige Jamulus Server anmieten kann. Zum Beispiel beim Anbieter jamulus-server.de
    Dann muss man sich nicht mit der Installation eines eigenes Servers herumschlagen. Die Latenz war bei unseren ersten Proben sehr gering.

  5. Christoph Rudolf sagt:

    Welche Oberflächen benutzt ihr als Video?

  6. Hermann Kobl sagt:

    Also Leute,

    zum Vergleich Jamulus vs. Jamkazam:

    Es ist definitiv so, dass Jamulus recht leicht einzurichten ist und das setup der Audio-Hardware in Jamkazam fummelig ist. Aber es lohnt sich.

    Ich probe (zwangsweise wegen Corona) seit mehr als 1/2 Jahr in diversen Formationen online. Auch verschiedene Bandkollegen meinten immer wieder, sich die Konfiguriererei und die (mittlerweile) Kosten bei Jamkazam sparen zu können, weil Jamulus der leichtere Weg ist.

    Fazit:
    Jamulus mag für Proben, bei denen die Teilnehmer nicht so IT-affin sind und bei denen die Latenz nicht ganz so schlimm ist – z.B. Chöre oder reine Bläser-Ensembles, ganz ok sein. Aber ich bin Bassist und beim Zusammenspiel mit verschiedenen Drummern, die wirklich auf hohem Niveau spielen, gab es immer wieder Probleme, das Tempo zu halten, weil die Latenz zu hoch ist. Wir hatten da sowohl mit öffentlichen Servern als auch mit der Serveranwendung auf eigenem (sehr performanten und gut angebundenem) PC Probleme.

    Deshalb haben es alle meine online mitspielenden Mitmusiker jetzt eingesehen, dass ein sauberes rhythmisches Zusammenspiel mit Jamulus kaum möglich ist, mit Jamkazam meistens schon. Das ist auch bei gleich hoher (angezeigter) Latenz so. Bei Jamulus spürst du bei 30 – 40 Millisekunden Latenz schon deutlich, dass du nicht tight bist, während wir bei Jamkazam auch bei (im Programm angezeigten) Latenzen von deutlich über 40 ms noch ziemlich befriedigend zusammenspielen konnten.

    Wenn jemand aber online spielen will, soll er vergessen, dass er hier Kompromisse machen könnte. Folgendes solltet ihr beachten:
    – Stelle sicher, dass deine Internet-Geschwindigkeit ausreichend ist. So ca. 10.000 Mbit/s im Download und 2.000 im Upload sollten es schon sein. Je mehr, desto besser. Hierbei musst du wissen, dass es aber nichts nützt, wenn nur du eine super Geschwindigkeit hast. Das schwächste Glied in der Musiker-Runde bestimmt, ob es funktioniert. Wenn Drummer*in (gendermäßig i.O?) und Bassist*in super zusammenspielen können, aber Keyboarder*in oder Gitarrist*in abgehackt ankommen oder schlimmstenfalls sich sogar die Tonhöhe verändert (hatten wir alles schon), dann muss diese(r) auch seine Sachen in Ordnung bringen.
    – Kauf dir ein vernünftiges Audio-Interface (bei WIN mit ASIO-Treibern), wobei hier der Preis gar nicht die Rolle spielt. So was gibt’s schon deutlich unter 100,– EUR und ein solches Teil sollte eigentlich eh jeder Musiker haben.
    – Konzentriere dich auf Audio und verzichte auf Video, wenn du sicherstellen willst, dass du das Netz nicht überlastest und dann doch wieder Aussetzer hast.
    – Wenn du mehrere Kanäle gleichzeitig übertragen willst (z.B. Drums), mische diese am besten vor (über Mixer vor dem Audio-Interface), dann muss nur 1 Kanal übers Netz.
    – Trickse nicht herum und versuche erfolglos, mit WLAN zu arbeiten. Damit bremst du die Geschwindigkeit aus. Kauf dir dann lieber für ein paar EUR ein LAN-Kabel, dann hast du hier keinen Flaschenhals.
    – Wenn du in Jamkazam keine Verbindung kriegst, dann lies dich (steht auch hier in den Posts) ein bissl ein und mache am Router die Portfreigabe entsprechend (Port 12.000…). Wenn du in die Router-Konfiguration nicht reinkommst, weil dein Netzwerk-Provider hier „dicht macht“, dann rufe dort an und lasse dir sagen, wie du in die Konfiguration reinkommst oder lasse den Provider die Portfreigabe machen.

    Was ich dazu noch sagen muss: Die maximale Anzahl der Musiker, mit denen ich gespielt habe, betrug 5 Personen. Wie es ist, wenn ein Chor mit 10 oder mehr Personen oder ein großes Ensemble online spielen will, kann ich leider nicht sagen – würde mich aber interessieren. In einem solchen Fall könnte man natürlich jeweils zu zweit an einem Standort sein (evtl. in 2 getrennten Zimmern) und über einen Computer die Verbindung halten.

    Wenn das alles passt, kann man in aller Regel vernünftig zusammen proben. Natürlich gibt es auch hier mal sporadisch kleinere Probleme und eine live-Probe oder ein -Konzert ist wesentlich schöner, aber man ist ja zurzeit um vieles dankbar und nur für sich zu proben kann keine Probe in Band/Ensemble oder Chor ersetzen.

    Wie das mit anderen Plattformen ist, weiß ich nicht.

  7. Larifari sagt:

    Ich frage mich wie das Jochem Paap seit über einem Jahr hinbekommt.
    2 Studios ( egal wo auf der Welt ) in MIDI und Audio zu synchronisieren ist schon ne Nummer.

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