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Jamulus Band Online Jam Probe

 ·  Quelle: David Addis / Youtube

Ist-Stand: Es wird von einer zweiten Welle geredet. In Deutschland gibt es mehr neue Fälle täglich als jemals zuvor, die Bundeskanzlerin hat gebeten, soweit es nur geht, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Eigentlich kein Problem. Aber eben blöd, wenn man Musiker ist und zusammen Musik macht. Also muss eine sozial distanzierte Lösung her. Eine alte Idee kommt nun wieder ans Licht: Jamulus. Damit können Musiker live übers Internet jammen, proben und sogar gemeinsam ein Konzert mit guter Audioqualität streamen.

Online-Jammen

Hast du schon einmal über Internet probiert, gemeinsam zu musizieren? Es gestaltet sich mitunter schwierig, über Skype, Zoom, Teamspeak, Jitsi, Discord oder Steinbergs VST Connect zusammen zu spielen. Deswegen ist genaues Timing auch bei Musikunterricht über die entfernten Lösungen am heimischen Computer eigentlich unmöglich. Das Problem ist nicht die Technik selbst, sondern die Latenz – die ist außer von Steinbergs VST Connect nicht für die Echtzeitanwendung gemacht, sondern eben zum „Unterhalten“, entweder als Telefonersatz oder zur Kommunikation neben dem Zocken von Videospielen, etwa als Teamkoordination. Da ist es okay, wenn die Daten unterschiedliche Latenz haben, denn es kommt nicht wirklich auf mehrere Milli(Sekunden) an. Für Musik aus mehreren Quellen ist das nicht sinnvoll.

Es gibt einige Lösungen, die latenzfrei und wirklich in Echtzeit übertragen werden können sollen. Die Kollegen von Bonedo haben sich einige Online-Lösungen angeschaut und die Vor- und Nachteile beleuchtet. Dabei gehen sie auch auf kommerzielle Projekte ein, die monatlich Geld kosten. Aber was, wenn du kein Geld ausgeben willst/kannst?

Jamulus Mischpult Mixer

Jamulus Hautpansicht: Mixer

Jamulus

Seit einigen Jahren gibt es aus Deutschland das Open Source Programm Jamulus. Das gibt es für Windows, macOS und Linux und ist kostenlos nutzbar – und erst kürzlich gab es ein Update, was heißt, das Programm ist immer noch in Entwicklung. Keine Selbstverständlichkeit, denn es gibt es schon seit über 10 Jahren diesen Ansatz, damals noch aus einer Not heraus entstanden und es gibt einige Alternativen, die sind aber immer kommerziell oder nicht ausreichend auf Musikerbdürfnisse zugeschnitten.

Die Nutzung von Jamulus ist relativ einfach. Du brauchst eigentlich nur ein Instrument nebst Kabel, deinen Computer, ein Audiointerface, eine Abhöre wie Monitorboxen oder Kopfhörer und Jamulus – vermutlich hast du das meiste davon eh schon da. Meine persönliche preiswert-aber-gut-Empfehlung wären: Focusrite Scarlett 2i2*, Presonus Eris 5* oder Audio Technica ATH-M50 X*.

Zum Routen deiner Audiosignale innerhalb deiner installierten Software empfiehlt der Entwickler JACK, ich meine aber, dass es auch ohne geht. Wenn du aber virtuelle Amps oder Effekte ansteuern möchtest und nicht schon fertig ins Interface reingehst, solltest du darüber nachdenken. Bei macOS ist Blackhole (ex-Soundflower) dafür übrigens auch sehr brauchbar.

Server oder Public

Auf der anderen Seite verbinden sich alle Teilnehmenden mit einem Server im Internet. Wenn ein Bandkollege eine Superleitung hat, kann dieser selbst einen Server erstellen, auf den sich alle verbinden können, im Normalfall braucht man in Deutschland aber einen angemieteten Server. Der kostet je nach Umfang und Ausbau entsprechend Geld – ob das eine sinnvolle Investition ist, müsst ihr als Band entscheiden. Ich habe keinen konkreten Tipp aus eigener Erfahrung für einen latenzfreien Server, wenn du Ahnung vom Einrichten von Servern hast, dann wäre UberSpace wohl der preiswerteste Anbieter. Wenn du lieber klickst, statt Installation und Portforwarding am SSH-Terminal machst, dann nimm einen Cloud-Server mit VM. Oder schau mal im Netz. Es gibt tausende Anbieter, auch DSGVO-konform. Hier die Anleitung zu Einrichtung, und hier headless. Du musst Ausschau nach einem echten Server halten und keiner nur für Webhosting. Außerdem ist eine Traffic-Flat von Vorteil, da Audiodaten bei langen Sessions schnell „schwer“ werden.

Jamulus Signal Routing Flow Internet

Es gibt auch offizielle Public Server, also öffentlich zugängliche, mangels Erfahrung mit denen kann ich dazu nichts sagen. In den Videos unten werden die teils verwendet, scheinen also gut zu funktionieren. Für erste Versuche scheint das also mehr als gut zu sein.

Jamulus steht und fällt mit dem Server. Ist die Latenz bescheiden, braucht ihr eigentlich gar nicht erst den Versuch zu starten. Kein Musiker kann frei vom Tempo mit anderen musizieren – Free Jazzer mal ausgenommen, aber auch da gibt es eine Struktur. Sie ist nur nicht immer erkennbar. ;)

Dann braucht jeder nur noch das installierte Programm und die IP-Adresse vom Server. Das Routing sollte vorher erledigt sein und es kann losgehen. Wer über langsame Server musizieren will, sollte Video abstellen, da damit auch der eigene Upstream beeinflusst werden kann.

Jamulus ausprobieren?

Der Vorteil: Jeder kann die anderen in einer Art Mischpult laut und leise machen, muten, auf solo schalten, benennen.

Der Nachteil: Du musst Hand anlegen. Dafür kannst du evtl. Geld sparen und hast eine Lösung, die Open-Source ist und so von jedem Menschen weiterentwickelt werden kann, wenn der ursprüngliche Entwickler es links liegen lässt.

In den Videos unten findest du geglückte und weniger geglückte Versuche mit Jamulus.

Hast du es schonmal damit versucht? Wie sind deine Erfahrungen? Sucht ihr gerade wegen „Corona“ und gemeinsam genutzen Proberäumen nach einer Home-Lösung oder ist euch euer Wohlbefinden und das der anderen weitgehend egal?

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Videos

2 Antworten zu “Im Internet proben – ist Jamulus die Lösung für Bands im Lockdown?”

  1. Jo sagt:

    Wir haben im Frühling sehr gute Erfahrungen mit Jamtaba gemacht. Hatten auch alles mögliche andere ausprobiert. Ich war ziemlich erstaunt als unsere DAW’s und unsere Hardware (Drumcomputer&Synths) synchron liefen. Hatte ich vorher nicht für möglich gehalten. Deswegen war die Freude riesig. Ohne Schwierigkeiten ging es aber auch nicht. Aber das war dann wie bei Zoom Meetings bei denen auch nie alles problemlos funktionierte.
    Jamtaba läuft sowohl standalone als auch in der DAW als VST. Letzteres war dann die bessere Option.

  2. Raydel Castro sagt:

    Ok, ich versuche meine übliche Antipathie bzgl. gewisser 2020er Themen an der Leine zu halten, und frage stattdessen die Redaktion:
    Um wie vieles angenehmer (und weniger system- / trendkonform) klingt der Artikel, bzw. dessen Einleitung, wenn man folgendes weglässt:

    „Ist-Stand: Es wird von einer zweiten Welle geredet. In Deutschland gibt es mehr neue Fälle täglich als jemals zuvor, die Bundeskanzlerin hat gebeten, soweit es nur geht, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Eigentlich kein Problem. Aber eben blöd, wenn man Musiker ist und zusammen Musik macht. Also muss eine sozial distanzierte Lösung her. “

    Einfach auf das technische konzentrieren; und ja ich sehe schon echte Vorteile in einer kontinentübergreifenden, latenzreduzierten Lösung fürs Kollaborieren. (Und dies seit mind. FSOL – ISDN anno ’94)

    PS: „Böse“ Zungen behaupten ja dass „die Bundeskanzlerin hat gebeten, soweit es nur geht, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen.“ sich hauptsächlich auf westdeutsche Innenstädte und Berlin gesamt bezieht. Hey, den solltet Ihr mir gönnen.

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