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Twisted Electrons MegaFM Angecheckt 2

Twisted Electrons MegaFM Angecheckt 2  ·  Quelle: GN

Twisted Electrons MegaFM Angecheckt

Twisted Electrons MegaFM Angecheckt  ·  Quelle: sequencer.de

TE MegaFM Rückseite

TE MegaFM Rückseite  ·  Quelle: Sequencer.de

TE MegaFM Algo

TE MegaFM Algo  ·  Quelle: Sequencer.de

Er ist dann auch mal eingetroffen. Einer der ersten tatsächlich mit Fadern ausgestatteten FM-Synthesizer mit 4 Operatoren und 12 Stimmen. Twisted Electrons MegaFM.

MegaFM im Test

Der MegaFM kommt mit einem externen Netzteil und hat zwei Ausgänge für jeweils 2x 6 Stimmen, die dem YM2612 entnommen werden. Dieser Chip ist nicht der, der in den klassischen Yamaha-Synthesizern der DX Serie zu finden ist sondern eher im Spielesektor. Das merkt man auch an ein paar Unterschieden, die die Synthese insgesamt etwas vereinfachen, jedoch nicht stark. Man kann das Prinzip mit einem leicht abgespeckten DX100 oder CX5M vergleichen. Es gibt 5 Fader (ADDSR) für die Hüllkurven und feste Ratio-Frequenzen. Die Umstellung der Operatoren als „fixed“-LFOs gibt es nur für alle in einem speziellen „Noise-Modus“ namens Dual CH3 (technisch gesehen ist das ein „Fixed Frequency Mode“).

Es gibt also keinen Fixed-Mode und hat stattdessen 4 eigene LFOs und keine Pitch-Hüllkurve. Aber es gelten die gleichen Regeln wie für Yamahas Klassiker. Wer sich mit FM auskennt, wird hier schnell Sounds  erstellen können. Recht interessant ist die Verstimmung der 6 Stimmen gegen die weiteren 6 Stimmen, die jeweils separat ausgeführt sind. Dadurch gibt es zunächst einen Andickungseffekt und je nach Modus eine krasse Verstimmung (12 Stimmen-Modus) und interessante Effekte (Fixed Modus und Unisono). Das gibt es „so“ bei den Yamahas nicht. Der Unisono-Modus macht den Grundsound sehr fett und nur mit ihm kann man den Arpeggiator nutzen, der auch Random-Modes und 2 Sequencer-Melodien umfasst. Für die anderen Betriebsarten steht das nicht zur Verfügung.

TE MegaFM Rückseite

TE MegaFM Rückseite

Technik-Kram und Handling

Die 8 Algorithmen sind klassisch und sinnvoll. Das sind die Verschaltungen der 4 Operatoren (Sinus-Oszillator mit Lautstärke-Hüllkurven). Die Feedback-Reglung für die Erzeugung von Rauschen reicht von 0 bis 7, die OP-Frequenzen von 0.5 bis 15 und die Werte werden schön angezeigt beim drehen. Das ist zuweilen sehr wichtig. Die Verstimmung ist nicht grober und über eine ganze Oktave zu erledigen sondern kann nur in sehr wenigen Schritten nach oben und unten erfolgen. Mit 7 Schritten Auflösung ist man im MegaFM leider etwas knapp, denn manchmal wünscht man sich mehr und das macht eine Reihe schön-schräger Sounds nicht ganz so einfach machbar. Für mehr Tuning muss man dann den Fixed-Frequency Modus nutzen, der aber nicht über die Tastatur trackt und damit nur für „Noises“ gedacht ist und weniger für tonale Melodiesounds.

Der eigentliche Spaß wird durch die 4 Operatoren-Fader bereit gestellt und – wie vermutet und als Programmer-Besitzer für den Reface stimmt meine Vermutung: man braucht wirklich für jeden Operator solche Fader oder alternativ Endlosknöpfe, sonst orgelt man einfach zu lange herum oder verstellt sich ständig die Werte im Vergleich zu den Nachbar-Hüllkurven. Das ist beim MegaFM tatsächlich ein echtes Wunder und so hätte man eigentlich schon immer FM Synthesizer ausstatten sollen.

Es macht ungleich viel viel mehr Spaß. Ich möchte unbedingt sagen – das ist so viel besser als mit jedem anderen FM Synth, sieht man mal vom DX200 ab. Die Hüllkurven müssen stets gegeneinander abgestimmt werden und das klappt wunderbar und schnell. Das ist das große Plus – alle Regler verstehen Standard-MIDI-Controller und können auch automatisiert werden (Externe Sequencer oder DAW). Es gibt 3 Modulations LFOs und noch einen vierten LFO für Vibrato – das wirkt auf alle Operatoren. Es wäre super gewesen, wenn man 4 Taster hätte und diese Modulation nur einzelnen Operatoren zuordnen könnte. Aber 4 LFOs insgesamt sind etwas was kein normaler FM Synthesizer sonst hat. Und diese kann man auch den Frequenzfadern zuordnen kann. Also erzähle ich noch etwas zu den 3 anderen LFOs:

Wie man LFOs baut?

Da es keine Fixed-Frequenz-Operatoren gibt, hat man gleich drei langsame LFOs eingebaut, eigentlich sogar vier mit dem schon genannten Vibrato-LFO. Die reichen aber leider nicht mal annähernd in den schnelleren oder Audiobereich hinein. Das sind weit unter 25 Hertz. Für langsame Modulation im sehr klassischen Sinne reichen sie aber aus. Für die Frequenz sind sie Einsatzbereit, man muss sich aber im Klaren sein, dass man keine feinen Frequenzsweeps glatt ausführen kann wegen der nur geringen Auflösung und Auslenkung der Detune-Parameter.

Eine super Idee ist aber, dass man die LFOs auch als einmalig durchfahrene Welle nutzen und damit kann man eine Minihüllkurve „simulieren“ – Das schaltet man mit „Loop“ an und aus. Die Zuweisung der LFO-Ziele erreicht man durch bewegen der Zielfader/Knöpfe und antippen der „Link“ Taste. Damit lassen sich 3 Ziele pro LFO steuern. Besonders kompliziert ist das nicht. Es ist eben eher einfacher für die meisten, die FM ggf. noch fälschlicherweise für zu kompliziert halten. Jetzt nicht mehr!

MegaFM Anschlagdynamik?

Das WICHTIGSTE in der FM Synthese ist Velocity – wo sind denn da die Fader oder Knöpfe? Anschlagdynamik, Modulationsrad und Aftertouch werden jeweils den drei LFOs zugewiesen. Das ist etwas ungewöhnlich, da man sie dann für klassische Dynamik-Einflüsse auf sehr langsam stellen muss, dann laufen sie faktisch nicht. Schön ist aber, dass es eine Zufallswellenform und eine „fallende Kurve“ gibt. Die Umschaltung der Algorithmen und das Feedback, was einen Operator mehr in Richtung Rauschen erklingen lässt, lassen sich auch den LFOs zuweisen – das ist besonders. Man muss allerdings ein bisschen vorsichtig drehen, damit die Geschwindigkeiten passen. Die Auflösung ist trotz allem aber ausreichend mit 64 Stufen. Das liegt am YM-Chip und lässt sich nicht aushebeln.

Ich habe das Gerät faktisch ohne Anleitung recht schnell verstehen können. Nachsehen muss man nur den Firmware-Updateprozess (1.5 ist aktuell) und wie man in den Modus kommt, die LFOs in Anschlagdynamik, Modulationsrad und Aftertouch-Modus zu bekommen. Alle LFOs, Arpeggiator und so lassen sich per MIDI Clock syncen. Die Anleitung ist aber im Netz zu finden und das Video erklärt eigentlich eh alles.

TE MegaFM Algo

TE MegaFM Algo

Wer der FM Synthese nicht mächtig ist?

Aber was macht man wenn man nicht weiss was man tun muss für FM? Das lernen ist hier schlicht einfacher als bei anderen, da man alles direkt ausprobieren kann. Dabei schaut man welcher Operator ganz unten steht – das ist der Grundton. Man stellt dann zunächst diese ein, dann zieht man die Pegel der drüber liegenden Operatoren lt. Algorithmusbildchen hoch und stellt für alle Frequenzen zunächst überall 1 ein (Mult heißt der Fader am Gerät) und macht für alles „Orgelhüllkurven“. Jetzt kann man Filter-artige Verläufe mit dem Pegel-Fader bis zum krassesten Oberton den man im Klang benötigt einstellen und dann die Hüllkurve für den Klangverlauf für diesen Klangverlauf einstellen.

So verfährt man dann mit allem was darüber liegt als Modulatoren der Modulatoren. Weitere parallel liegende Operatoren hingegen kann man gegeneinander verstimmen oder ein bisschen umstimmen, um Intervalle zu bekommen wie bei klassischen Synths – maximal sind da 4 möglich – das geht im additiven „Orgelmodus“ (Algorithmus 8). Das ist spielend lernen, mit den Fadern auch schnell ausprobiert und macht echt Spaß. Der Sound ist eher gamig und dennoch erinnert es eben auch an die kleinen 4-OP FM Synths von DX9 über DX11 bis FB01.

Das klingt alles eher nach erster Generation und damit leicht LoFi aber nicht billig oder trashig. Allerdings bedeutet das nicht „Trash-Sound“ sondern eben klassisch-kühle FM – ohne das alte Aliasing der frühen ersten Generation und ohne Artefaktes zu produzieren. Wer das Gegenteil will mit High-End-Druck-Sound muss sich den Yamaha Reface DX mit Programmer kaufen, hat aber weniger Spaß, vielleicht auch beide? Etwas druckvolleres im FM-Bereich habe ich noch nie gehört. Mehr noch als die großen Montage Synths. Als Hilfestellung noch eine Erklärung: Ein einfacher FM Bass.

Fazit

Der Synthesizer ist nicht ohne Limits, aber er hat 600 Speicher und eine Würfelfunktion für Sounds. Dabei kommen „ganz lustige Sachen“ heraus, aber gezielte Sounds für Ambient, Bässe, Texturen (und vieles sonst) sollte man mit etwas Kenntnis erstellen und es geht kaum irgendwo schneller als hier. Effektsounds und metallische Sounds sind allerdings trotz der Begrenzung des Tunings trotzdem möglich. Die Kenntnis kann man auch spielend erreichen, denn intuitivere  Bedienkonzepte als beim MegaFM gibt es aktuell nicht.

Es gibt Grenzen wie die wörtlich zu nehmenden eher langsamen LFOs (es gäbe viel mehr Sounds mit Audio-Tempo) und echten Fixed-Modi und Pitch-Envelope. Aber so wie hier wurde das noch nie dargereicht und ist gerade für Neulinge im FM Bereich eine große Hilfe. Wieso das nie jemand gemacht hat, kann man nicht verstehen und es musste ein kleiner britischer Hersteller (gebaut wird er in Frankreich) kommen und hat das schön umgesetzt. Der MegaFM ist sicher gut 200€ teurer als ein Reface DX aber er macht einfach mehr Spaß und ist superschnell am Ziel. Flachbahnpegelsteller oder Knöpfe hat man schon anderswo teurer bezahlt.

Das Wissen zu vermitteln, dass FM am Ende nur wenige Parameter braucht – nämlich die Hüllkurven und Tuning nebst Pegel (superwichtig) sind zu begrüßen. Und das ist so dermaßen ein Lob wert. Wer spielerisch arbeiten will sollte sich den mal ansehen.

Weitere interessante Produkte unserer „Angecheckt“-Reihe findet ihr hier. Ihr habt Vorschläge? Dann her damit!

Weitere Information

Den Mega-FM gibt es aktuell hier bei Thomann.de (Affiliate) für 522,21 €. Die Website bietet noch eine Anleitung und genug Erklärung. Natürlich sollte man dennoch selbst wissen wie FM funktioniert oder Lust haben. Man muss eigentlich nur mit Frequenzen und Pegeln experimentieren und zunächst alle Hüllkurven „flach“ einstellen wie bei einer Orgel, dann lernt man die Synthese sehr schnell.

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** Artikel enthält Affiliate Links

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