Synthesizer ausreizen: So holt ihr wirklich alles aus eurem Synth
Viele Synthesizer bleiben unter ihren Möglichkeiten. Mit diesen Ansätzen holt ihr klanglich deutlich mehr heraus.
Wer einen neuen Synthesizer kauft, will ihn nicht nur spielen, sondern den Synthesizer wirklich ausreizen: Stell dir vor, du hast gerade ein Klanglabor in Form eines Synthesizers erworben, ein wirklich leistungsstarkes Instrument. Sicher erscheint es nicht besonders schwer, das klanglich Vielseitigste aus klassischen Analogsynths wie einer TB-303 oder einem Juno-60 herauszuholen (oder doch?). Nutzen wir wirklich alles aus? Wenn ja, wie genau funktioniert Synthesizer ausreizen in der Praxis? Natürlich lässt sich aus ihnen ebenso viel herausholen wie aus einem Rhodes, soweit die eigene Kreativität trägt. Doch wo beginnt man bei einem neuen Synthesizer? Wie kann man den Synthesizer ausreizen?
Synthesizer ausreizen – welche Methode?
Warum ihr euren Synthesizer ausreizen solltet
Als Freund des Äußerst-Machbaren beim Synthesizern ausreizen und deren Synthesemöglichkeiten geht es nicht nur um Technik, sondern auch um musikalischen Ausdruck. Wie lässt sich das Potenzial bestmöglich nutzen? Aktuelle Geräte liefern die volle Rechenpower für zwei oder mehr Layer komplexer, oft mehrteiliger Synthesemodelle, etwa bei den digitalen Powerhouses Iridium oder opsix. Gerade bei komplexen Instrumenten wie Iridium oder opsix zeigt sich, was Synthesizer ausreizen heute wirklich bedeutet.
Auch wenn sich Stimmenzahlen und Songfähigkeiten durch geringere Multitimbralität nicht ausschließlich nach vorn entwickelt haben, steht heute deutlich mehr Power für die Synthese zur Verfügung. Der Ausdruck darf neben reiner Synthesepower jedoch nicht zurückfallen. „Das Beste herausholen“ steht daher nicht über der Musikalität. Gerade in Zeiten moderner Spielweisen wie MPE sollte der Klang variabel und dynamisch reagieren. Synthesizer ausreizen bedeutet nicht nur, Regler aufzudrehen, sondern gezielt in die Tiefe der Klangarchitektur einzutauchen.

Was ist überhaupt „Synthesizer ausreizen“?
Schon bald wird klar, dass „Synthesizer ausreizen“ unterschiedlich gemeint sein kann. Als einmal eine meiner beiden Grooveboxen ausfiel, musste ich das gesamte Set mit nur einer spielen. Vieles entfiel. Nun galt es, aus einem Gerät und dem frei verfügbaren kleinen Analog-Synth per Hand genug herauszuholen, ohne Langeweile zu erzeugen, denn die verbliebene Groovebox bot nur zwei melodische Spuren. Keine Chance auf Ersatz, eine andere Stadt, keine Alternative.
Für den Beweis der eigenen Musikalität stellt so etwas eine echte Herausforderung dar. Manchem Leser dürfte Ähnliches bereits widerfahren sein, und am Ende überwiegt die Erleichterung, es dennoch gemeistert zu haben. Jemand sagte mir sogar, das Ergebnis sei besser gewesen als das reguläre Set. Die Konzentration lag stärker auf offenen Sounds und klarer Struktur, wenn auch mit reduzierten Details. Viele würden vermutlich ähnlich reagieren. Aufgeben zählt nicht.
Innerhalb eines einzelnen Sounds beginnt das Ausreizen bereits bei den Oszillatoren, bevor Filter oder andere Ressourcen ins Spiel kommen. Alles auszuschöpfen oder dasselbe Ziel mit weniger Mitteln zu erreichen, erweist sich selbst bei einem üppig ausgestatteten Synthesizer als sinnvoll.
Hier ein erster Teil zahlloser möglicher Ansätze …
Granular – Manchmal ist weniger mehr
Der alte Roland V-Synth GT verfügte über zwei Layer mit jeweils zwei Granular-(Variphrase)-Oszillatoren. Häufig genügte eine einzige Engine, ergänzt durch einen kräftigen Sinus als Subbass. Ausdruck und neugierige Blicke entstehen, wenn das „elastische Audio“ über die D-Beams mit der rotierenden Handbewegung per Abstand gesteuert wird. So lässt sich ein Klang verlangsamen oder mikrochirurgisch formen.

Du kannst spontan den Sound freezen, um mit einem Sequencer einzelne Elemente live wieder zu animieren. Das wirkt wie ein Wesen, das in Starre verfällt und langsam wieder erwacht.
Auch wenn zwei Samples äußerst reizvolle Effekte erzeugen, genügt bei guten Patches oft eine, gelegentlich zwei solcher Engines. Das gilt ebenso für den Iridium oder den Tasty Chips GR-Mega Granular-Sampler.
Nur ein einziger Oszillator ist oft schon spannend (Beispiel: Iridium)
Statt lockender Synthese-Features genügt oft gezieltes Tweaken mit einer kleinen LFO-Modulation in Rechteckform und etwas Zufall auf den Abspielkopf. Noch wirkungsvoller lässt sich über einen MPE-Controller per Poly-Pressure zusätzliche Tiefe durch das Einblenden eines Klangsprungs erzeugen. Ein Sounddesigner steht vor der Herausforderung, bewusst auf bestimmte Funktionen zu verzichten. Wirklich ausgereizt erweist sich hier vor allem die Spielbarkeit. Ein klassisches Driften zweier Oszillatoren mit einem weiteren LFO auf die Tonhöhe in minimaler Intensität bringt in Flächen und Drones mehr Leben hinein. Diese Modulation ließe sich auf das Modulationsrad legen.
Spannend bleibt die Steuerung von Zeit, Position und Dichte in Granular-Synths oder deren Bewegung über einen LFO, Druckdynamik oder einen Blascontroller. Musikalisch entsteht dadurch deutlich mehr Spannung. In Kombination mit dem oben beschriebenen Step-Sequencer-Patch ergibt sich beim Start sofort ein völlig anderes Klangmuster. So entsteht dosierbares, performbares Leben. Den Sequencer eher langsam wirken zu lassen und dennoch ruckartig einzusetzen, eröffnet ebenfalls neue Möglichkeiten, die viele bislang selten ausprobiert haben. Es erscheint fast zu einfach.
Auch das zählt zum Ausreizen der Möglichkeiten, denn viele beschränken sich auf Presets wie den „Da-V-Code“-Sound oder auf Mönchschor-Silben. Doch Ausreizen bedeutet deutlich mehr als das.
Moderne Zeiten ausreizen
Steht ein Waldorf Iridium*, ein Minifreak* oder ein opsix vor uns, eröffnet bereits ein einziges Synthese-Element zahlreiche Optionen. Der Iridium stellt pro Oszillator eine vollständige Synthese-Engine bereit, insgesamt drei. Der Minifreak bietet zwei. Der opsix verfügt über sechs und mehr.

Nicht mehr ganz neu, aber weiterhin beliebt sind ergänzte Pianos, gern präpariert, kombiniert mit Field-Recordings aus dem Wald, mit rabiaten Metallschlägen oder anderen Naturaufnahmen. Zusammen mit hauchigen IDM-Pads im zweiten Oszillator und etwas Vibrato entsteht ein ungewöhnlicher, moderner Klang, der sich deutlich vom klassischen „VA“ abhebt. Besonders spannend wirkt es, wenn das Field Recording verändert wird oder ohne Bassanteile lediglich feine Struktur einbringt.
Ähnlich verhält es sich mit Rauschen, das per FM entsteht. Für sich allein betrachtet wirken solche Klänge weniger aufregend. In Kombination entfaltet sich jedoch eine klangliche Reise, die sich mit dem aktuellen Iridium, dem GR-Mega und anderen Geräten hervorragend umsetzen lässt. Bereits etwas granular erzeugtes Geknirsche, stark verlangsamt und auf ein klassisches VA-Pad gelegt, erzeugt eine neue Dimension.

Ein Versuch, einen wirklich breiten Sound zu erzeugen, bestand schon immer darin, die „klassisch virtuell-analoge“ Engine mehrfach zu verstimmen. Viele greifen dafür zu drei Oszillatoren, wählen jeweils eine Wellenform und richten ein Detune von 14 Cent nach unten und 7 Cent nach oben ein. Ja, das klingt fett. Der bereits erwähnte Iridium bietet diese Breite jedoch innerhalb eines einzigen Oszillators. Er klingt so massiv, dass zusätzliche Oszillatoren kaum nötig erscheinen.
Darauf lässt sich daher verzichten. So entsteht Raum für ungewöhnliche Patina. Genau das liefern heute Supersaw-Varianten oder Oszillatoren mit Unisono auf Oszillator-Ebene. Ein leichtes Rascheln, Kratzen oder ein ähnlicher Klang mit eigener Strahlkraft, etwa durch FM ergänzt, wirkt oft spannender. Häufig reduziert man im ersten Oszillator sogar die vielen Intervalle und Dopplungen auf drei oder vier Stimmen, etwa bei Kernels, Stimmen oder Super- beziehungsweise Hyperwave, je nach Synth.

FM-Synth – Ausreizen at its best
Nehmen wir einen wirklich leistungsstarken FM-Synthesizer „von der Stange“ mit einem Advanced-FM-Konzept, wie es auch beim neuen ASM Leviasynth zum Einsatz kommt und ebenso im bereits erwähnten Iridium verfügbar ist. Die Möglichkeiten wachsen stetig. Hier zeigt sich ein einzelner Operator eines solchen Synths, hier beim opsix:

Mal abgesehen davon, dass die FM-Synthese durch die Velocity-Stärken der meist sechs bis acht Operatoren ein enorm weites, dynamisch spielbares Spektrum erreicht, eröffnet bereits die reine Synthese zahlreiche Möglichkeiten. Jeder Operator verfügt über eine eigene Hüllkurve für die Intensität. Mit gezielter Justage der Anschlagdynamik-Wirkung entsteht deutlich mehr Musikalität und Beweglichkeit.
Der opsix bietet mehrere Parameter wie die Pulsbreiteneinstellung pro OP, die je nach Betriebsart variieren. Schau sie dir genau an. Schon auf dieser Ebene eröffnet sich eine enorme Bandbreite. Nutze diese Optionen und experimentiere damit.

So lassen sich zwei Operatoren gegeneinander verstimmen, ganz ohne FM. Optional nutzt du additiv zwei bis vier OPs und erhältst einen komplexen, druckvollen Sound. Mit Waveshaping auf Basis einer Pulswelle entsteht bereits mehr Struktur als bei manchem Standard-Analogen. PWM verstärkt diesen Effekt und erfordert lediglich einen Eintrag in der Modulationsmatrix, etwa einen LFO auf die Pulsbreite. Der opsix sowie die anderen genannten Synths bieten eine Modulationsmatrix, die jeden Parameter auf der Operator-Ebene adressiert.
Mit FM oder einem alternativen Modus zwischen den Operatoren, etwa Kernel Mode beim Iridium oder Advanced FM im opsix beziehungsweise Leviasynth, lassen sich auch Ringmodulation oder Filter-FM einsetzen. Bei letzterer gelangt mehr Dreck in den modulierten Operator, sobald die Resonanz in Richtung Selbstresonanz getrieben wird.
So entsteht Filter-Charakter allein durch Resonanz, ganz ohne das eigentliche Filter zu verwenden. Dieses bleibt in der VA-Sektion weiterhin verfügbar. Zusätzlich empfiehlt sich das MS-20-Filter im opsix. Dadurch bleiben sämtliche weiteren Operatoren beziehungsweise Kernels frei nutzbar.

Für Drums, besonders Snares, und generell für melodische Charakter-Sounds lässt sich das Feedback so weit erhöhen, bis ein leichtes Rauschen entsteht. Dieses wirkt weniger statisch, etwas tonaler und dadurch organischer als simples weißes Rauschen. Es fügt sich gut in den Mix ein und eignet sich sogar als Modulationsquelle. Bei einem FM-Synth entspricht das dem Fixed-Frequency-Mode statt dem Ratio-Modus. Dadurch entsteht ein extrem schneller, rauschiger LFO, der den Sound aufwertet. Bei allen genannten Synths lässt sich das frei anordnen, sodass ungenutzte Operatorenals LFOs dienen.
Pulsbreite ausreizen – Null-Hertz
Auch für FM gilt der klassische Zero-Hertz-Trick als bewährtes Mittel für eine Art Pulsbreitenmodulation, falls der Synth keine eigene PWM anbietet wie der opsix. In Geräten wie dem Leviasynth oder dem Iridium genügt ein auf feste Frequenz geschalteter, extrem langsamer Operator oder LFO, der einen weiteren Operator moduliert. Praktisch handelt es sich um „0 Hertz“, also faktisch keine Schwingung oder eine extrem langsame Bewegung.
Beim opsix erfolgt das bereits über das Shaping, da ein Fixed-OP mit 0,01 Hz fast zu schnell arbeitet. Bei anderen Synthesizern funktioniert der Zero-Hertz-Ansatz ebenfalls, einige Maschinen unterstützen ihn jedoch nicht. Ein Test lohnt sich. Beim Iridium trägt das FM-System den Namen Kernel. Dort existiert sogar ein OP-LFO-Modus mit präzisen Regelmöglichkeiten. Ein Vorteil liegt darin, dass ein solcher PWM-Operator mehrere Operatoren gleichzeitig modulieren kann. Dadurch entstehen ultrakomplexe Wellenformen, die sich ohne Wavetables erzeugen lassen, obwohl der Iridium zusätzlich Wavetables in das FM-System einspeisen kann.

Puls Kreator
Unterschätze nie die Kraft sehr unsymmetrischer Pulswellen im Verhältnis 2:48 mit extremer Pulsbreiteneinstellung. Damit lässt sich enorm viel erreichen. Sie enthalten zahlreiche Obertöne und eröffnen für experimentelle Ansätze à la Aphex Twin spannende Möglichkeiten.

Bei Interesse ließe sich die Liste der Sound-Tipps deutlich erweitern, was mit Synthese-Maschinen alles möglich ist. Auch Layering eröffnet zahlreiche Ansätze. Weitere Hinweise existieren reichlich, doch das würde den Rahmen eines Artikels sprengen. Über Filter fiel noch kein Wort. Melde dich gern, wenn dich das Thema reizt oder du selbst einen Tipp beisteuern möchtest.
Oft genügt es bereits, zum Andicken einen langsamen LFO subtil auf die Tonhöhe eines einzelnen Oszillators zu legen. Der Sound wirkt dadurch breiter und beginnt zu atmen. Übrigens ermöglichen LFOs in einigen Synthesizern über digitale Verknüpfungen komplexe Muster, darunter der klassische Microwave XT. Dafür braucht es jedoch eine gewisse Leidenschaft.
Das hier Beschriebene gilt auch für die neue Version des Iridium Mk2.
Synthesizer ausreizen – Geheimnisse in Synths
Wusstest du, dass der opsix ein kleines Osterei enthält? Einen generativen Arpeggiator im Stil eines Game-of-Life-Sequencers? So sieht das aus. Er lässt sich mit einer einfachen Tastenkombination erreichen, wenn man es weiß. Synthesizer ausreizen auf eine ganz andere Art und Weise.
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