Kann billig gut sein Teaser

Kann billig gut sein Teaser  ·  Quelle: GN

Synthesizer waren doch immer teuer. Seit Ende der der Siebziger sind sie „erschwinglich“, aber heute sind sie sogar billig. Aber ging das auch auf Kosten von Qualität und Zugang? Kann billig gut sein?

Zunächst sei gesagt, dass dies nicht die erste Diskussion dazu ist, sondern eher die bestehenden aufnimmt. Da wäre dieser und jener Faden.

Und natürlich auch dieser Link. Hier beschwert sich jemand aus der Szene über die mangelnde Qualität, reduzierte Oberflächen und das alles nur, um den Preis von Synthesizern unter 500 oder gar 400 Euro drücken zu können. Dabei muss zwangsweise etwas fehlen. Die Elemente sind klein, nicht vorhanden oder qualitativ so schlecht, dass sie nicht sonderlich lange halten mögen?

Geht gut nur teuer?

Ist das wirklich so? Nun, schauen wir mal auf die gern kritisierte Boutique-Serie von Roland. Über die Größe der Bedienelemente kann man streiten. Der Vergleich aus der Ursuppendiskussion mit dem Schmidt Synthesizer könnte sich dabei als Bärendienst erweisen, denn genau das ist ja eher nicht die Alternative.

Wohl aber solche Geräte, die vielleicht 100 Euro mehr kosten. Es geht also nicht darum, Minitasten schlechter zu finden oder Formate zu kritisieren, sondern wirklich eine Art Pflichtenheft für die Industrie bereitzustellen. Wann ist ein Synthesizer einfach „nur billig“ und was hätte man besser machen müssen? Auch auf die Gefahr hin, dass sich 2-3 Leute mit sehr knappem Geldbeutel den nicht leisten können.

Fakt ist sicher, dass Synthesizer wie die kommenden SE-02 oder D-Synth, also Clones oder die Boutique Serie oder auch die Volcas, von verschiedener Qualität und Zielgruppe sind. Ein Preis von 130 Euro für ein Gerät ist verdammt günstig und vielleicht nicht für jeden wirklich eine Alternative, der sich normalerweise eine TR-808 oder deren Äquivalent kaufen wollte.

Wohl aber macht es endlich möglich, dass diese Leute alle etwas bekommen können für weniger Geld, als man für etwas ausgeben mag, was einen nicht brennend, aber doch sehr interessiert. Denn man musste und muss sich brennend für Musik interessieren, um eben die teureren Synthesizer und die Ausrüstung komplett zu besitzen, wenn sie auch insgesamt günstiger ist als je zuvor. Wer soll darüber richten?

Woran darf es nicht fehlen?

Aber was geht nicht? Das ist leicht. Schlechte Buchsen, schon bald knirschende Potis, fehlende vergleichsweise notwendige und sinnvolle Anschlüsse wie etwa MIDI-Thru. Besonders bei Geräten, die Sync-Signale via MIDI bekommen und irgendwo zwischen Sequencer und Groovebox anzusiedeln sind.

Eine Tastatur ohne Anschlagsdynamik wäre ebenfalls wenig sinnvoll. Arturia hat mit dem MicroBrute diese einfach mit drin gelassen – mit der Folge, dass der kleine Synth auch als Controller taugt. Ein MS20 Mini tut das nicht, da ihm sowohl das zweite „Wheel“ fehlt wie auch die Sendemöglichkeit per MIDI außer Note an und aus.  Das ist einfach Bullshit und kostet mehrere Zusatzboxen und Elektronik und macht eben einen solchen Synthesizer als Controller ungeeignet.

Ein typisches Beispiel

Siehe aktuell bei der neueren Electribe: Da wurde zu stark gespart, wo sonst die Qualität hoch ist. Das Gerät ist angenehm zu berühren und drehen, es fehlt aber MIDI-Thru und einige Parameter sind in eine überlange Liste gefallen, was die Bedienung erschwert.

Erstes ist nicht okay, zweitrs für Leute, die das live nicht benutzen, vielleicht ok, aber kein schlauer Schachzug. Der Aufpreis von gut 50-100 Euro für die Taster des Vorgängermodells wäre hier nicht zu sparen gewesen. Sie wird sich nicht besser verkaufen, wenn man das Prinzip durchschaut. Außerdem ist diese nervige Begrenzung auf 4 Takte ein Unding! Heute gibt es 8 oder 16 Takte und das kostet nur etwas Speicher und eine Ladung LEDs. Das darf nicht sein.

Übrigens ist ein klassischer monophoner Aftertouch auch nur der Einbau eines Drucksensorbandes unter die Tastatur. So etwas kostet nicht sonderlich viel. Daher ist es absolut gut als Käufer, auch von günstigen Synthesizern, durchaus mal mit harter Hand zu sagen: Das hier wollen wir und da wird gefälligst nicht gespart.

Am falschen Ende gespart

Am Ende geht es um Bauteile und Langlebigkeit, keinerlei Obsoleszenz und weniger um Optik. Eine Buchse, die exotisch ist anstatt einer gängigeren Form, ist hingegen ein Ärgernis. Wieso spart man Einzelausgänge an einer Drummachine? Wieso werden Treiber von manchen Geräten schon nach 2-3 Jahren nicht mehr vom Hersteller gepflegt? So etwas ist Sparen am falschen Ende.

Wer das findet, sollte auch mal nicht kaufen und laut Feedback geben, da vieles ja toll ist an diesen günstigen Angeboten. Dieser Artikel polarisiert vielleicht weniger, aber wer mit dem Schmidt für 20.000 Euro argumentiert, hilft niemandem. Es gibt hervorragende Synthesizer für 400 Euro heute. Aber sie wären einfach besser, wenn sie 410 Euro kosten würden und dafür ein bisschen langlebiger und für die Bühne besser geeignet wären. Selbst wenn der Käufer nur zu Hause damit Bimmelbahn spielen würde oder zu Weihnachten Songs von Jean-Michel Jarre spielt.

Und? Was sind genau diese Kriterien? Welche sind wichtig und welche nicht? Wir freuen uns auf Kooperation, aber ohne Feedback würden die Hersteller vielleicht den Audioausgang einsparen und als Miniklinke ausführen. Eine Miniklinke, die nach 2-3 Jahren kaputt ist. Sowas gibt es auch bei teuren Eurorack-Modulen. Muss das sein? Nein! Muss es nicht! Danke!

Absichtlich billig oder nur nicht nachgedacht?

Schlimm ist leider, wenn ein Gerät sehr sehr nah an dem ist, was man gerne hätte. Aber es fehlt an ein paar LEDs oder Tastern. Oder sie taugen nicht viel. Das darf nicht dazu führen, dass selbst für Einsteiger Geräte zwar 300 Euro kosten können, aber für 325€ Euro hätte man es viel viel besser machen können und nichts knirscht wie heute mein Volume-Knopf am Microkorg.

Dass an einem Buchla die Knöpfe für den Preis nicht wackeln dürfen, versteht sich von selbst. Also: Ansagen und nicht kaufen, bis sie es tun, so man es dann auch wirklich kaufen will und wollte. Manche Hersteller glauben, dass knapp vorbei daneben sei. Schlimm ist aber, wenn Hersteller diese kleinen Dinge nicht tun.

Der schlimmste Fehler bei der Roland MC-Grooveboxen-Serie war damals, dass deren Patterns sich nur durch Anhalten des Sequencers ändern ließen und einen speziellen Modus dafür hatten. Sonst waren sie sehr attraktiv, aber das hat sie gekillt. Schade, wenn schon das technische Design „billig“ ist. Oder ist es nur nicht nachgedacht?

  • MB

    Guter Text. Ich finde es schade, dass die geiz ist geil Mentalität mehr und mehr um sich greift. Klar ist es günstiger immer angenehmer, gerade wenn man wenig Geld hat. Aber dadurch verfällt zuviel und zu wenige trauen sich wirkloich neues.

  • Heiner Jürs

    Es ist wirklich schade, dass heute so viel an Kleinigkeiten gespart wird. Hardware wird einem so eher madig gemacht.
    Die ganzen Minigeräte mit Minitastaturen und zu wenig Anschlüssen sind allesamt für ernsthafte musikalische Auseinandersetzung „1.“ zu klein und „2.“ zu wenig innovativ (Die Haltbarkeit zeigt sich wohl erst demnächst).
    Wo liegt der Sinn darin, seit 20 Jahren TB-/TR-Clones zu bauen oder einen Jupiter8 wiederauferstehen zu lassen? Das sind alles Sounds, die schon da und damit keineswegs neu sind – und nunmehr demokratisiert werden – jetzt kann man sich als Teenager vom Konfirmationsgeld nicht nur ein Teil holen, jetzt reicht es gleich für ein livetaugliches Setup. Aber ob dabei was Innovatives herauskommt, wage ich zu bezweifeln – das wird nur die übliche EDM-Sauce.
    Ich finde die Weiterentwicklung der Wavetable-Synthese von Wolfgang Palm deutlich interessanter – wobei ich zur Zeit noch nicht abschätzen kann, wie sich das musikalisch einsetzen lässt. Aber das findet sich noch.
    Es ist aber so, dass Innovation eine erhebliche Entwicklungsleistung voraussetzt und somit Geld kostet, die vom Käufer bezahlt werden muss. Wenn der Käufer nicht dazu bereit ist, wird er nur „kalten Kaffee“ bekommen. Es besteht also ein grundsätzlicher Zusammenhang zwischen Innovation und Preis.

  • Northern Decay

    Preis/Leistung muss bei mir immer stimmen, ansonsten geht das Gerät zurück (teste lieber selber, wie mich auf Redakteure oder YouTube zu verlassen). Merkwürdigerweise hat die sonst hochpreisige Firma Moog, mit dem Sub-37 und Mother-32 in letzter Zeit, das beste Ergebnis abgeliefert (tolle Verarbeitung, toller Sound, super Preis). Und im Gegenzug, meinte doch tatsächlich Clavia mit einem 20Jahre alten Konzept, einfach hinter ihren NL eine 4 oder A1 hinzuklatschen, und es würde laufen! Für den hohen Preis so wenig Innovation abzuliefern, war schon eine Frechheit. Na ja, es war selten so schnell ein Synthesizer aus dem Fokus verschwunden;-) Zum Thema meines Vorredners, „neue Sounds“: Elvis Presley, Buddy Holly oder Fats Domino und Jerry Lee Lewis, sowie die Beatles und Stones. Alle konnten nur zu einem Bruchteil auf die Möglichkeiten zugreifen, wie jeder x-beliebige pubertäre Teenie mit seiner gecrackten Software. Es kommt aber darauf an, was man damit macht! Kreativität und Talent, sind die Zauberwörter, da hilft auch kein Hardwarearsenal oder NI Komplette Ultimate;-)!

  • Bei der Roland Boutique Serie gibt es sehr gute Punkte wie zum Beispiel das Metallgehäuse (nicht komplett, aber da wo es wichtig ist) und die insgesamt recht stabil verarbeiteten Potis, Regler und Knöpfe. Super nervig hingegen die Miniklinken-Audioausgänge. So klein sind die Kisten auch wieder nicht, dass nicht zumindest für einen 6,3mm-Stereo-Ausgang Platz gewesen wäre. Müssen ja keine zwei Monoklinken sein, ein TS oder TRS wäre auch schon besser als dieses fiddelige iPod-Kopfhörer-Format.

    Was oft bei billigen Geräten auffällt (und zum Beispiel bei der Novation Bass Station 2 sehr gut umgesetzt ist) sind die – meist nicht – verschraubten Potis. Wie oft lese ich in den diversen Synthesizer-Foren von abgebrochenen Potis…