von Lasse Eilers | Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten
Casio CT-S1000V Review

Angecheckt: Casio CT-S1000V  ·  Quelle: Gearnews

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Im Vorfeld des Erscheinens des Casio CT-S1000V hatte der Hersteller kräftig die Werbetrommel gerührt: Man habe eine revolutionäre Technologie zur Vocal-Synthese entwickelt. Das weckte natürlich auch bei uns die Neugier auf das neue Keyboard. Jetzt ist das CT-S1000V verfügbar und wir haben im Test ausprobiert, was es mit dem Hype auf sich hat.

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Casio CT-S1000V im Test

Beim Namen Casio denken wohl die meisten an die billigen Keyboards, die bei vielen von uns im Kinderzimmer standen und von denen unsere Eltern wünschten, sie hätten sie uns nie gekauft. Außerdem hat der japanische Hersteller sich in den letzten Jahren mit einem deutlichen Qualitätssprung bei seinen Digitalpianos einen respektablen Namen erarbeitet. An Synthesizer denken heute jedoch wohl die wenigsten. Die Zeiten, in denen Casio mit der CZ-Serie innovative Synthesizer baute, sind schon seit Jahrzehnten verblasst.

Umso mehr ließ es aufhorchen, dass der Hersteller das neue CT-S1000V zur Markteinführung von Benn Jordan vorstellen ließ, dem Betreiber eines der bekanntesten und beliebtesten YouTube-Kanäle zum Thema Synthesizer und elektronische Musik. Hat Casio etwa einen „echten“ Synthesizer gebaut, um das „Tischhupen-Image“ abzulegen?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Nein. Das Casio CT-S1000V kann zwar etwas, das kein Casio-Keyboard zuvor konnte und das durchaus auch „ernsthafte“ elektronische Musiker interessieren dürfte. Verpackt ist diese Technologie aber in ein ganz normales Keyboard in bester Casiotone-Tradition mit allem, was dazugehört – inklusive Rumba und Cha Cha Cha. Doch sehen wir uns das mal in Ruhe an.

Casio CT-S1000V

Casio CT-S1000V: Arranger-Keyboard und Vocal-Synthesizer

Keyboard mit Vocal-Synthese

Von außen sieht das CT-S1000V genauso aus, wie Casio-Keyboards seit Jahrzehnten aussehen. Anschlagdynamische Tastatur mit fünf Oktaven, zwei Lautsprecher links und rechts, dazwischen ein paar Regler und Knöpfe und ein Display. Die Zahl der Bedienelemente ist im Vergleich zu den meisten typischen Keyboards sogar eher gering, was sich durchaus auf die Bedienung auswirkt – doch dazu später mehr.

Ein ganz normales Keyboard, könnte man also meinen. Doch bei genauerem Hinsehen fallen Beschriftungen wie „Vocal Type“ und „Lyrics“ ins Auge. Denn das CT-S1000V ist eben doch etwas mehr als ein ganz normales Keyboard. Unter der Haube steckt eine Funktion zur Sprach- und Gesangssynthese, durch die das Keyboard quasi „singen“ kann – mehrstimmig, per Tastatur gesteuert und mit diversen verschiedenen Stimmen und Chören zur Auswahl. Und das nicht nur mit vorgefertigten Textblöcken: per App kann man die Lyrics selbst eingeben und im gewünschten Rhythmus setzen.

Wenngleich die Casiotone-Optik professionelle Produzenten eher abschrecken dürfte, macht das doch neugierig. Kann sich das Casio CT-S1000V womöglich sogar als neuer Leadsänger für Techno- und EDM-Produktionen durchsetzen? Braucht man in Zukunft überhaupt noch echte Sänger und Sängerinnen – speziell für elektronische Musik?

Casio CT-S1000V

Das Casio CT-S1000V kann per App eingegebene Lyrics „singen“

Vocal-Synthese in der Praxis

Um diesen spannendsten Teil des CT-S1000V nutzen zu können, benötigt man zusätzlich ein iOS- oder Android-Gerät und die App Lyric Creator, die im App Store bzw. Play Store kostenlos verfügbar ist. Das Mobilgerät muss daraufhin per USB mit dem Keyboard verbunden werden, wozu ggf. ein Adapter wie der Apple Lighting-to-USB-Adapter erforderlich ist.

Übrigens befindet sich ein USB-Bluetooth-Adapter im Lieferumfang, durch den die Verbindung zu einem Smartphone oder Tablet auch drahtlos erfolgen kann. Dies funktioniert aber nur für die Übertragung von MIDI und Audio (zur Wiedergabe über die Lautsprecher des Keyboards) und zur Fernbedienung des Keyboards über die Casio Music Space App. Für die Verwendung der App Lyric Creator ist stets eine Kabelverbindung nötig. Das ist etwas schade und leuchtet zumindest mir als Bluetooth- und USB-Laien auch nicht wirklich ein.

Egal, schauen wir uns Lyric Creator einmal genauer an. In der App kann man zunächst den gewünschten Text für die Vocal-Phrase eingeben. Derzeit beherrscht das CT-S1000V Text auf Englisch und Japanisch. Ob für die Zukunft auch weitere Sprachen geplant sind, verrät Casio bisher nicht. Dabei kann man Pausen eingeben, Silben trennen (das macht die App auf Wunsch auch automatisch) und Silbengruppen bilden. Auch die Spracheingabe von Text per Diktierfunktion ist möglich.

Danach wird der Text in einer zweiten Ansicht rhythmisch gesetzt. Jeder Silbe und Pause lässt sich ein Notenwert zuordnen.

Schließlich wählt man aus, auf welchem der 150 Speicherplätze die Phrase im Keyboard gesichert werden soll, und startet die USB-Übertragung zum CT-S1000V. Dann kann man das neue Vocal-Preset am Keyboard wie einen normalen Sound auswählen.

Casio Lyric Creator

Die Eingabe von Text erfolgt über die Lyric Creator App

Zwei Wiedergabemodi

Zum Spielen von Vocal-Presets auf der Tastatur bietet das CT-S1000V zwei verschiedene Modi: Phrase und Note. Im Modus Phrase läuft der Text im in der App eingegebenen Rhythmus und im eingestellten Tempo weiter, solange Tasten auf der Tastatur gedrückt gehalten werden. Im Modus Note rückt der Text bei jeder angeschlagenen Taste um eine Silbe weiter, wodurch man den Rhythmus der Wiedergabe per Tastatur beeinflussen kann. Außerdem gibt es die Möglichkeit, die einzelnen Silben per Keyswitches im unteren Bereich der Tastatur manuell zu triggern, und es gibt eine Retrigger-Funktion, die Silben automatisch mit wählbaren Notenwerten triggert.

Wenn man das ein bisschen übt und die Ausführungen in der leider grauenhaft auf Deutsch übersetzten Anleitung entziffern kann, kann man mit dem CT-S1000V durchaus ziemlich komplexe Vocal-Arrangements zaubern und live spielen. Apropos live spielen: Das Pedal lässt sich zum Weiterschalten bzw. Zurückschalten der Vocal-Presets verwenden, wodurch man auch längere Texte realisieren kann, als in eine Phrase passen.

Vocal-Sounds von Chor bis Husky

Zur Wiedergabe von Vocal-Phrasen kann man aus 22 Preset-Stimmen wählen; zusätzlich steht ein Speicherplatz für eine eigene Einstellung zur Verfügung. Die Presets reichen von verschiedenen Chören über Kinderstimmen und Stilen wie Opera und Bossa Nova bis hin zu Effektsounds wie „Ghost“ und sogar „Husky“, wobei ich mich etwas an den sprechenden Hund von Loriot erinnert fühlte. Zusätzlich kann man das Geschlecht und das Alter der Stimme sowie den Vibrato-Anteil einstellen und während der Performance durch Drehen an den Reglern beeinflussen.

So lassen sich viele verschiedene Vocal-Effekte erzielen. Was alle Presets jedoch gemeinsam haben: Sie klingen alle doch ziemlich synthetisch und die Sprachverständlichkeit lässt leider etwas zu wünschen übrig. Man muss oft ziemlich genau hinhören, um das CT-S1000V zu verstehen. Und da es klanglich oft an einen Vocoder erinnert, stellt sich die Frage, ob man nicht flexibler ist, wenn man für derartige Effekte einfach zu einem Mikrofon und einem Vocoder-Plug-in greift. Dass das CT-S1000V bald den Leadgesang in EDM-Hits übernimmt, sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls nicht. Spaß macht es aber definitiv!

Vocal Synthesizer

Wie viel Gender hätten Sie denn gern: Details wie Geschlecht und Alter der Stimme lassen sich einstellen.

Sampling-Funktion

Die zweite Funktion, die das CT-S1000V von typischen Einsteiger-Keyboards absetzt, ist die Sampling-Funktion. Um es gleich zu sagen: Sie fällt eher rudimentär aus und ist mit einem echten Performance-Sampler nicht zu vergleichen. Aber es ist möglich, Sounds über den externen Audioeingang zu sampeln und auf der Tastatur zu spielen. Ich zitiere aus der Anleitung:

„Sie können zum Beispiel das Bellen eines Hundes aufnehmen und können dann eine ganze Melodie mit dem Bellen spielen.“

Neben chromatisch spielbaren Samples kann man auch eigene Drumkits erstellen, bei denen auf bis zu 16 Tasten jeweils ein anderer Sound liegt. Auch das Laden von WAV-Files von einem USB-Stick ist möglich. Aufgenommen wird in 44,1 kHz und 16 Bit, wobei maximal 10 Sekunden Sampling-Zeit zur Verfügung stehen. Zum Abspeichern selbst gesampelter Sounds gibt es je einen mickrigen Speicherplatz für einen Melodie-Sound und ein Drumkit. Diese Daten zeigen schon, dass die Funktion eher ein Gimmick ist als ein ernstzunehmendes Werkzeug.

Und sonst so – das CT-S1000V als Keyboard

Abgesehen von der Vocal-Synthese und dem Sampling ist das CT-S1000V ein ziemlich normales Arranger-Keyboard, wie man es von Casio kennt. Im Speicher liegen satte 900 Preset-Sounds (inkl. der Sprachsynthese-Presets) und 243 mehr oder weniger stilechte Begleitrhythmen von Bossa bis Future Disco Pop. Es gibt Split- und Layer-Funktionen, einen Arpeggiator mit 150 verschiedenen Patterns und integrierte Effekte (Chorus, Reverb, Delay und einen DSP-Effektprozessor mit 29 Effekttypen). Auch eine Mehrspur-Aufnahmefunktion ist integriert, mit der man die Begleitautomatik sowie bis zu fünf Instrumentenspuren aufzeichnen kann. Neben den internen Songs lassen sich MIDI-Files von einem USB-Stick abspielen. Insofern kann die Ausstattung des Keyboards mit dem in dieser Klasse üblichen absolut mithalten.

Leider muss man aber bei der Bedienung einige Abstriche machen. Im Vergleich zur hauseigenen CT-X-Serie, mit der sich das CT-S1000V die Klangerzeugung namens AiX teilt, ist die Zahl der Bedienelemente stark reduziert. Viele Bedienschritte laufen über das Display, die fünf darunter angeordneten Soft-Buttons und den großen Daten-Encoder. Zum Beispiel gibt es keine Zehnertastatur zur direkten Anwahl von Sounds und Rhythmen; man muss immer mit dem Rad durch lange Listen scrollen. Auch wichtige Funktionen wie Split, Layer und die Zuweisung der entsprechenden Sounds sind nur über das Menü zu erreichen, ebenso der Arpeggiator und die Aufnahmefunktion. Und selbst für die Steuerung der Begleitautomatik, also für die typischen Start/Stopp/Intro/Ending-Funktionen, gibt es keine eigenen Taster; auch das geschieht über die Buttons unter dem Display. Ein weiteres, unnötig kompliziertes Detail: Es gibt gleich zwei Möglichkeiten zum Abspeichern eigener Einstellungen – Registrierungen und „My Setup“. Diese unterscheiden sich nur marginal voneinander, machen aber nicht dasselbe. Das alles führt dazu, dass man leichter den Überblick verliert, als es bei einem solchen Keyboard eigentlich wünschenswert wäre.

Casio CT-S1000V

Das CT-S1000V macht Spaß, kann professionelle Erwartungen aber nicht erfüllen

Anschlüsse

Zu guter Letzt ein Blick auf die Rückseite des CT-S1000V. Hier gibt es zunächst den Anschluss für das mitgelieferte Netzteil und zwei USB-Buchsen: „To Host“ zum Anschluss an einen Computer oder zur Verwendung der Lyric Creator App; „To Device“ für den mitgelieferten Bluetooth-Adapter oder einen USB-Stick zum Laden und Speichern von Einstellungen, MIDI-Songs und Sampling-Klängen.

Neben einem Kopfhörerausgang und einem Stereo-Audioausgang gibt es eine Miniklinkenbuchse zum Anschluss einer externen Audioquelle. Diese kann über die Lautsprecher des Keyboards wiedergegeben oder für die Sampling-Funktion genutzt werden. Darüber hinaus bietet das CT-S1000V Anschlüsse für ein Sustain- und ein Expression-Pedal.

Fazit

Hat Casio mit dem CT-S1000V einen revolutionären Vocal-Synthesizer herausgebracht? Eher nicht. Die Vocal-Synthese, bei der man die Texte frei eingeben und mit verschiedenen Stimmen auf der Tastatur spielen kann, hebt das Keyboard zwar von anderen Instrumenten dieser Klasse ab und man kann durchaus viele lustige Stunden damit verbringen. Letztlich ist die Qualität der Vocal-Sounds und die Sprachverständlichkeit aber nicht gut genug, um die Funktion professionell einsetzen zu können. Alle Sänger/innen, die ihre Brötchen mit Vocal-Sessions für EDM, Techno und House verdienen, dürfen sich also entspannen.

Wer auf der Suche nach einem gut ausgestatteten Einsteiger-Keyboard mit einer großen Auswahl an Sounds und Rhythmen und einem großen Funktionsumfang ist, könnte aber durchaus Gefallen am CT-S1000V finden und bekommt die Vocal-Synthese als interessantes Gimmick mit dazu. Allerdings stellt sich dann die Frage, ob man dann nicht mit einem Keyboard der Casio CT-X-Serie besser bedient ist, wo die Bedienung durch eine größere Anzahl von Knöpfen intuitiver und live-tauglicher ist.

Preis und Verfügbarkeit

Das Casio CT-S1000V bekommt ihr hier bei Thomann (Affiliate).

Casio CT-S1000V

Casio CT-S1000V

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  • Casio CT-S1000V: Arranger-Keyboard und Vocal-Synthesizer: Gearnews
  • Das Casio CT-S1000V kann per App eingegebene Lyrics „singen“: Gearnews
  • Die Eingabe von Text erfolgt über die Lyric Creator App: Gearnews
  • Wieviel Gender hätten Sie denn gern: Details wie Geschlecht und Alter der Stimme lassen sich einstellen.: Gearnews
  • Das CT-S1000V macht Spaß, kann professionelle Erwartungen aber nicht erfüllen: Gearnews
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Eine Antwort zu “Angecheckt: Casio CT-S1000V – Keyboard und Vocal-Synthesizer”

    Edgar Marton sagt:
    0

    Meine Herren, das ist mal, ein ausführlicher Test. Macht Freude zu lesen. Das Keyboard ist natürlich Spielzeug wurde von mir aber schon bei einem rumänischen Tankstellen Imbiss Alleinunterhalter gesichtet. Also wirds dafür irgendwie auch Kundschaft geben … naja, Casio eben.

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