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Angecheckt: Tracktion MOK Waverazor

Angecheckt: Tracktion MOK Waverazor  ·  Quelle: Gearnews

Der Synthesizer-Markt ist bereits sehr gesättigt. Um da aufzufallen, müssen sich die Entwickler immer etwas einfallen lassen. Während die einen auf Klone von berühmten und weniger berühmten Gerätschaften setzen, versuchen einige Firmen, neue Akzente zu setzen. In der Software-Welt passiert das manchmal etwas schneller, denn je umfangreicher eine Feature-Liste ist, desto teurer fällt bei Hardware im Vergleich die Entwicklung und der Verkaufspreis aus. Talentierte Programmierer mit guten Ideen können da fast im Alleingang einiges erreichen. Der MOK Waverazor fing als reiner Software-Synthesizer für Windows, macOS und Linux an, seit gut einem Jahr gibt es diesen aber auch als Modul für das Eurorack. Das ist durchaus eine nicht alltägliche Entwicklung. In dieser Ausgabe von „Angecheckt“ kommt die neuste Version – Waverazor 2.5 – auf den Prüfstand. Falls ihr den Synthesizer bereits in einer früheren Version kennengelernt und abgehakt habt, solltet ihr den Kurztest unbedingt lesen!

MOK Waverazor 2.5

2017 erschien die erste Version von dieses Synthesizers. Die ungewöhnliche Optik und das ebenso neuartige Konzept (dazu gleich mehr) hat mich sofort neugierig gemacht. Mit der kostenlosen LE-Version konnte ich mir schnell einen eigenen Eindruck machen. Und der war alles andere als positiv. Der Sound: harsch, kantig in vielen Fällen sehr „noisy“. Das kann durchaus reizvoll sein, in diesem Fall allerdings absolut nicht. Dazu klangen fast alle Preset-Sounds sehr ähnlich, von einer klanglichen Vielfalt keine Spur! Schnell wurde das Plug-in wieder deinstalliert.

Die Entwickler haben den Fehler gemacht und das Plug-in zu früh veröffentlicht. Viele der geplanten Features waren zum Release-Zeitpunkt noch nicht verfügbar und wurden erst mit einiger Verspätung nachgereicht. Dieser Umstand hat dem ersten Eindruck definitiv geschadet. Erst ein Jahr später wurden wichtige Funktionen eingebaut und damit erst das volle Potential freigesetzt. Mittlerweile ist MOK Waverazor bei Version 2.5 angekommen und dürfte so langsam den Vorstellungen der Entwickler entsprechen. Kann mich der Synthesizer diesmal überzeugen?

Tracktion MOK Waverazor GUI

Die GUI in Tron-Optik sieht cool aus, stengt aber auch die Augen an

Wave-Slicing

Nun, was macht MOK Waverazor denn so interessant? Zunächst das grundlegende Konzept der Oszillatoren. Die arbeiten mit dem laut Hersteller neuartigen und patentierten Wave-Slicing. Dabei wird eine sonst eher einfache Schwingungsform in bis zu 16 Segmente (hier Steps genannt) zerlegt. Diese formt und moduliert ihr dann mit diversen Optionen und erzeugt so komplexe Klanggebilde. Drei Oszillatoren dieser Art stellt euch das Plug-in zur Verfügung, dazu könnt ihr externe Signale einschleifen und ebenso bearbeiten.

Modulation ohne Ende, Filter und Effekte

Die Modulationen (speziell der Oszillatoren!) steuert ihr über zuweisbare Macro-Controller, LFOs oder zwei X/Y-Pads. Alleine dadurch ergibt sich schon ein großes Potential für Sounddesign. Dazu gesellen sich zwei Mono- und ein Stereo-Filter sowie eine ganze Reihe Effekte, die ihr auf drei Effekt-Busse verteilt. Die Filter-Auswahl ist übrigens sehr interessant, denn da stehen auch Sachen wie Resonatoren, Bitcrusher, ein Saturator und sehr ungewöhnliche Filtermodelle (Filter Split, Filterbank, Ring Math und mehr) zur Auswahl. Auf der Voice Matrix und der Global Matrix legt ihr fest, wie sich die einzelnen Bausteine gegenseitig beeinflussen. Klassische Hüllkurven spielen dabei übrigens eine untergeordnete Rolle und kommen eher nur in der Amp-Sektion zum Einsatz. Ach ja, einen relativ einfachen Arpeggiator gibt es hier ebenfalls. Alles lässt sich zum Tempo der DAW synchronisieren – auch das muss erwähnt werden.

Tracktion MOK Waverazor Editor

Beim Blick auf den Editor wird klar: Dieser Synthesizer ist komplex

GUI und Bedienung

Das an den Film Tron erinnernde Interface sieht auf der einen Seite spektakulär aus, ist andererseits aber schon alleine wegen der Farbgebung (rot und blau!) nicht unbedingt sehr freundlich für die Augen. Die Optik lässt sich in den Optionen wechseln, aber die Alternativen sind gleichermaßen gewöhnungsbedürftig, um es mal so auszudrücken.

Die Standardansicht zeigt die insgesamt acht frei belegbaren Macro-Controller, jeweils zu zwei Vierergruppen auf der linken und rechten Seite angeordnet. Die zwei X/Y-Pads sind ebenfalls einmal links und einmal rechts positioniert. Dazwischen steckt die große Oszilloskop-Ansicht. Hier seht ihr, wie die einzelnen Oszillatoren aussehen und ihr nehmt hier auch Eingriffe an den einzelnen Segmenten vor. Ansonsten schaltet ihr an der Frontseite die Effekte auf Bypass oder den Arp ein und aus. Bis auf die Lautstärkeregler für externe Signale (links) und den Ausgang (rechts) war es das auch.

Richtig „deep“ wird es erst, wenn ihr neben der Preset-Anzeige auf das kleine Icon mit dem Schieberegler klickt. Dann öffnet sich der Editor und ihr bekommt den vollen Zugriff auf die gefühlt unzähligen Parameter wie LFO, Modulation, Filter-Einstellungen, Amp, Oszillator Mixer, Pre FX Mixer, Effekte und den Ausgang. Die Ansicht splittet sich dafür in drei Teile, bei denen ihr streckenweise durch regelrechte Parameter-Wüsten scrollen müsst.

Hier zeigt sich erst, wie viel Potential in diesem Synthesizer stecken – Übersichtlichkeit und Zugänglichkeit sehen aber anders aus! Da MOK Waverazor äußerst komplex ist, weiß ich auch nicht wirklich, wie man es besser machen könnte. Spätestens beim Anblick des Editors wird aber klar: Hier müsst ihr euch reinknien, um die vollen Möglichkeiten anzuzapfen. Wer schnell nach ein paar Brot-und-Butter-Sounds suchen will, sollte hiervon die Finger lassen.

Tracktion MOK Waverazor Editor Oszillator

Ein Oszillator in der Editor-Ansicht

Wie klingt der MOK Waverazor?

Und da sind wir auch schon bei dem vielleicht wichtigsten Thema. Wie klingt MOK Waverazor denn jetzt? Die Presets wurden in Version 2 bereits um 50 Patches von Richard Devine ergänzt. Eine gute Entscheidung! Denn die Factory-Sounds zeigen aus meiner Sicht nicht wirklich, was sich mit dem Synthesizer anstellen lässt und präsentieren weiterhin eher den harschen und nicht sehr überzeugenden Charakter. Hier ist nämlich weitaus mehr möglich. Ach, wo ich gerade bei dem Thema Presets bin: Es gibt auch vielfältige Templates für den Start – das ist sehr gut und beschleunigt den Workflow!

Wenn Bewegung in den Sounds steckt, können diese besonders überzeugen. Ein eher digitaler, druckvoller Sound bestimmt das Klangbild, mich erinnert das am ehesten an Wavetable-Synthese. Ich kann mir diese Ästhetik gut in modernen Stilen wie Dubstep oder EDM vorstellen, aber auch für Game- oder Film-Vertonung lässt sich damit einiges anstellen. In Science Fiction Filmen würde der Sound jedenfalls sehr gut passen.

Fazit

Nachdem ich bei meiner ersten Begegnung nicht sehr überzeugt war, konnte MOK Waverazor beim zweiten Mal viele Pluspunkte herausholen. Wer Zeit investiert, holt hiermit bestimmt sehr spannende Ergebnisse raus. Das Interface sieht futuristisch aus, kann aufgrund der Farbwahl aber anstrengend werden. Der Editor ist extrem umfangreich und neigt zur Unübersichtlichkeit. Ich bin mir fast sicher, dass die Entwicklung noch nicht am Ende angekommen ist und weitere Updates kommen. Wenn das Plug-in mal im Angebot ist, könnte ich vielleicht schwach werden – bei dem gegenwärtigen Preis von 159 US-Dollar bleibe ich standhaft.

MOK Waverazor Spezifikation

Das Plug-in läuft auf macOS 10.8 oder höher, Linux Ubuntu 18.04 und Windows 7 oder höher standalone, als VST, AAX und AU in 32 oder 64 Bit. Eine 90-tägige uneingeschränkte Demoversion, eine Free LE Version sowie etliche Tutorial Videos findet ihr ebenso auf der Tracktion Internetseite.

MOK und 1010music Waverazor Modul

MOK und 1010music Waverazor Modul

Das Waverazor Modul (1010music Waverazor Dual Oscillator)

Leider habe ich jetzt nicht das in Zusammenarbeit mit 1010music entstandene Modul hier, um Soft- und Hardware miteinander zu vergleichen. Die Wave-Slicing-Oszillatoren stecken hier jedenfalls auch drin, allerdings nur zwei (also einer weniger als bei dem Plug-in). Das ist aus meiner Sicht kein Manko, denn auch bei der Plug-in-Version lässt sich bereits mit zwei Oszillatoren (oder nur mit einem) genug anstellen. Die Bearbeitungsmöglichkeiten der einzelnen Segmente (hier bis zu acht) fällt auch abgespeckter aus.

Als Macro-Regler bekommt ihr vier Endlos-Encoder spendiert. Das Touchdisplay zeigt wie das Plug-in ein Oszilloskop an und dient gleichzeitig als X/Y-Pad. Die Optik kommt ihm gewohnten Tron-Look daher. Für die Modulation greift ihr auf bis zu 20 CV-Eingänge zu. Außerdem findet ihr gleich drei Audioausgänge und einen Audioeingang – das Modul kann auch externe Signale zerhackstückeln. Dazu stecken hier sogar ein MIDI-Eingang (TRS Miniklinke) und ein Triggerausgang drin.

Im Vergleich sind die Features also reduzierter, ich bin mir sicher, dass dies der Bedienung zugute kommt. Als Modul würde mich Waverazor fast mehr interessieren als in der Plug-in-Variante. Leider ist der Preis für dieses Stück Hi-Tech auch etwas „high“ (aktuell 615 Euro), wer aber dem Modular-Synthesizer den absoluten Raketenwisschenschaftler-Anstrich verpassen will, muss das Ding eigentlich ins Rack schrauben (und hier bei Thomann bestellen*).

Weitere Infos

Weitere interessante Produkte unserer „Angecheckt“-Reihe findet ihr hier. Ihr habt Vorschläge? Dann her damit!

Videos

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3 Antworten zu “Angecheckt: Tracktion MOK Waverazor – Digitaler Soft-/Hardware-Synthesizer”

  1. Valentin sagt:

    Sieht interessant aus.
    Kann man denn auch eigene Samples importieren und tweaken oder ist man beschränkt auf die mitgelieferten Factory Presets?

    • Dirk B. sagt:

      Samples importieren geht nicht, weil die Oszillatoren nicht auf Samples basieren, sondern du die Schwingungsform selbst bearbeitest. Und da ist eine unglaubliche Bandbreite möglich – immerhin hast du ja gleich drei dieser Oszillatoren. Du kannst aber externe Audioquellen in den Signalweg einschleifen.Die Factory Presets sind lediglich eine Auswahl von vorgefertigten Patches, die mit dem Synthesizer geliefert werden.

      Die Demoversion läuft für 90 Tage uneingeschränkt, das ist genug Zeit, um Waverazor richtig kennenzulernen.

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