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Behringer Revolution

Behringer  ·  Quelle: bustedgear.com + Sequencer.de + Behringer PDF

Seit der Ankündigung, Behringer würde im großen Stil die klassischen SSM- und Curtis-Chips klonen und dazu noch einige Synthesizer-Klassiker, hat sich viel getan. Hier nun einige Reaktionen der anderen Seite. 

Neben den 20 geplanten Synthesizern, die geklont oder ersonnen werden sollen, gab es Spekulationen und Fragen in Foren an Herrn Behringer persönlich. Fest stehen bisher Oberheim OB-Xa, OSCar, ARP 2600 und Minimoog. Der Fünfte ist der DeepMind 12, welcher sehr stark auf Basis des Roland Juno-60 aufsetzt. Diese geplanten Modelle sind durch Registratur von Namensrechten bereits halbe Realität.

Die Witwe des verstorbenen Chip-Herstellers der oben genannten Modelle mit dem heutigen Namen „Onchip“, Mary Curtis, meldete sich kürzlich unter anderem per Facebook zu Wort. Darauf antwortet sie auf viele Anfragen seitens der Forenteilnehmer und anderen Synthesizer-Interessierten mit einem offenen Brief. Behringer wird zwar mit keiner Silbe erwähnt, dennoch nimmt sie Bezug auf die emotionale Seite und weist darauf hin, dass bisher keine Firma eine Erlaubnis eingeholt habe und das Erbe im Guten gehalten werden solle. Doug Curtis wäre tieftraurig über das Wissen, dass man seine Chips klonen wolle. Curtis bietet zumindest den 3320 an, nicht aber das gesamte Programm. Behringer nannte dazu noch, dass der Prophet-6 von DSI auch SSM-Chips nutze, die von Cool Audio hergestellt werden, dem Komponententeil aus dem Behringer Umfeld.

Die Reaktionen reichen von einer gewissen Loyalität zum Originalhersteller bis hin zu der Frage, warum man über 40 Jahre nicht selbst die Chips hergestellt habe. Es gibt auch Aussagen, dass Klons technisch unterschiedlich sein könnten und somit auch klanglich anders klingen könnten. Die Antwort, warum Curtis selbst lange keine Chips herstellte, liefern Uli Behringer und Wissende an anderen Stellen:

„So eine Produktion erfordert eine sehr teure sogenannte „Maske“, die dann wiederum beliebig viele Kopien des betreffenden Chips möglich macht.“

Das sind Investitionen, die von Synthesizer-Herstellern eher selten gemacht werden. Bisher ist es primär Dave Smith, der davon Gebrauch machte. Fakt ist aber auch, dass Curtis plante, selbst einige, wenn nicht alle Chips herstellen zu wollen. Behringer wird auch nicht jeden Chip herstellen, so zum Beispiel lohne sich der 3310 nicht , da man Hüllkurven heute auch digital bestens simulieren könne. Dasselbe gelte für VCAs (3360). Übrigens produziert nicht Behringer, sondern die Firma Cool Audio, die Teil der Music Group und auch Behringers Mutterkonzern ist. Inhaber ist Uli Behringer.

Hat die Synth-Szene einen Skandal?

Als zweite Information ereilte uns ein Posting mit der Ankündigung, man lasse sich bestimmte Formulierungen und Behauptungen nicht gefallen, dass man Firmen zerlegen wolle, kopiere oder stehle. Diese Aussage sei von einem Mitarbeiter von Dave Smith gemacht worden und diese seien als Diffamierung justiziabel. Solch eine Warnung ist extrem selten und noch seltener werden solche Dinge in Foren kommuniziert. Darin betont Behringer deutlich, dass man keine Rechte breche und alles legal sei – nach bestem Wissen und Gewissen.

Dazu sollte man erwähnen, dass die OnChip-Patente allesamt schon lange abgelaufen sind. Er ist also im Recht. Manche Hersteller von Pulten wie Mackie mögen sich an an eine solche Szene erinnern. Aber Behringer führt fort, was er bisher getan hat. Und es gäbe Firmen, die so etwas als PR-Kampagne nutzen könnten. Es wird davon abgeraten. Auch hier wird kein Name explizit genannt.

Die Zukunft

Vielleicht haben wir nun einen eigenen Streit, der an Samsung vs. Apple erinnert? Das behaupten zumindest schon einige Stimmen. Nein, hier ist es anders. Es handelte sich bei Samsung und Apple um aktuelle Patente, hier geht es eher um Moral und Recht. Das Recht ist ganz auf Behringers Seite, die Moral wird aktuell diskutiert und wird bei Klons der konkreten Synthesizer deutlich sichtbarer werden.

Welche Haltung hast du?

Ist es prima, dass man endlich bald günstig Klassiker kaufen kann oder sollte man das den originalen Herstellern überlassen bei den Klons? Wie siehst du die Patentfrage und die Aussagen von Mary Curtis? Das alles wird sicher noch einige Beiträge mehr lostreten.

Wir sind gespannt, was Behringer noch auslösen wird. Es ist ohne Frage eine bedeutsame Änderung am Markt. Vielleicht ist es aber auch das Bewusstsein, dass Synthesizer auch nur Geräte sind, so wie Autoradios, Mikrowellen oder Küchenmixer.

4 Antworten zu “Die Behringer-Revolution – Folgen und Reaktionen”

  1. Henry sagt:

    Die Sache ist im Prinzip ganz einfach: Sind die Patente, um die es Behringer geht, noch gültig oder sind wirklich alle relevanten Patente abgelaufen? In letzterem Fall muss auch Frau Curtis die Fakten akzeptieren.

    Was die moralische Seite angeht: Darauf wird es nie eine Antwort geben. Erstens sieht es so aus, als würde es einen Markt für Neuauflagen von Vintageklassikern geben, siehe MS-20, Odyssey, Roland Aira, Boutique, Yamaha Reface. Die verschiedenen Hersteller verfolgen unterschiedliche Strategien („echt“ analog, virtuell analog), aber es kommt aufs Gleiche hinaus: Ich kann mir heute einen Jupiter 8 oder ein TR-909 Klon für kleines Geld ins Heimstudio holen. Das ist erstmal super, weil es bedeutet, dass viel mehr Leute, die gern mit solchen Instrumenten Musik machen wollen, das auch können. Ob es nun bessere oder doch wieder nur die immer gleiche Musik wird, die dabei hinten raus kommt, steht auf einem anderen Blatt – oder auch: hängt von der Kreativität der Musiker ab.

    Nur zur Erinnerung: Moog hat kürzlich super-originalgetreue Replicas ihrer Modularsysteme und des Minimoog herausgebracht. Zu unfassbar (für Otto Normalverbraucher) unerschwinglichen Preisen. Aber auch das hat seine Berechtigung, denn offenbar werden die Dinger verkauft. Dave Smith Instruments produzieren Synths, die sich deutlich an alte Klassiker anlehnen, aber eben auch neue Ideen mitbringen – auch hier definitiv nicht im Billigheimer Segment. Ergo gibt es sowohl für Billig- als auch für Exklusiv-Neu-Vintage einen Markt.

    Und daneben wird es immer auch Leute geben, die das alles nicht verstehen können oder wollen, und lieber darauf verweisen, was es sonst noch alles an Entwicklungen auf dem Sektor der elektronischen Musikinstrumente gegeben hat und immer noch gibt. Aber das eine ist niemals besser oder schlechter als das andere. Und falls (nicht: wenn!) Behringer tatsächlich jemals mit einer Reihe von Vintage-Klassiker-Klonen im Korg-Volca Preissegment herauskommen sollten, ist für jeden was dabei: Die, die sich keine TR-808 für 3000€ leisten können und die, die entweder mäkeln, dass der Klon nicht klingt wie das Original (die kaufen dann auf Ebay das teure Teil von vor 40 Jahren) und die, die sagen, dass das sowieso alles Quatsch ist und lieber den neuesten Softsynth mit Granular-Sampling-Additiv-Zufallssynthese installieren.

  2. Markus Pfeifer sagt:

    was für ein quark. habt spass am leben und der tatsache, dass legenden teilweise wieder zugänglich werden. es wird etwas ermöglicht was nicht möglich war. verständnis und mitgefühl in der phase des loslassens von vergangenem sind sicher angebracht. am ende des tages heisst es immer nach vorn schauen. diese mögliche realität durch fehlgeleitetes aufbegehren zu sabotieren dient nicht der allgemeinheit.

  3. 65Custom sagt:

    Ich sehe da eigentlich kein moralisches Problem. Patente haben aus gutem Grund eine bestimmte Laufzeit – bis zu deren Ablauf hat der Erfinder die Gelegenheit, den Lohn seiner Arbeit einzustreichen, aber danach (immerhin erst nach Jahrzehnten) wird die Erfindung zum Bestandteil des allgemeinen Standes der Technik. Alles andere wäre eine gewaltige Fortschrittsbremse, denn erst dann können andere auf die Idee aufbauen und sie wiederum fortentwickeln.

    Oder fände es irgendjemand besser, wenn die Erben von Graham Bell noch heute ein Monopol auf das Telefon hätten?

  4. Gast sagt:

    Das eigentliche Problem ist, dass wenn Firmen mit Querfinanzierung und Ideenklau die Preise zerstören, es immer weniger Innovation geben wird, weil die kostet nun mal Geld, das dann niemand mehr bezahlen will. Vordergründig werden die Sparfüchse und „armen Musiker“ bedient, aber keiner will sehen, was an Wertvollem dabei kaputt gemacht wird.

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