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Angecheckt: Universal Audio Apollo Solo vs. Twin X Duo  ·  Quelle: Stephan Pfaff

Das Budget ist begrenzt und man möchte für sein hart verdientes Geld möglichst viel Gegenwert erhalten. Warum teuer zahlen, wenn es auch günstige Produkte bis 300 Euro gibt? Viele Jahre war ich „mit weniger zufrieden“, doch nun wollte ich es wissen und die Oberliga testen. Um mir beim Üben am Computer, bei Aufnahmen von Riff-Ideen und professionellen Produktionen externe Hardware komplett zu ersparen, habe ich nach langem Hadern das Universal Audio Apollo Solo & Twin X Duo angecheckt.

Hinweis: Die Geräte wurden uns kostenlos und ohne Anspruch an den Text oder eine Aussage von Universal Audio zu Verfügung gestellt.

Universal Audio Apollo

Wer Gitarre und Bass mit dem Computer aufnehmen will, braucht ein Audiointerface. Die Auswahl ist riesig und (besonders für Einsteiger) geradezu überwältigend. Manche Geräte verfügen über etliche Eingänge und sind dennoch erschwinglich, andere sind das genaue Gegenteil.

Während die allermeisten Produkte wirklich nur ein analoges Signal vorverstärken und zu einem digitalen Signal umwandeln, zeichnet sich die Apollo-Serie von Universal Audio durch eine ganz besondere Zusatzfunktionalität aus. Die Aufgabe einer klassischen Soundkarte erfüllen die Apollos mit Bravour, sie gehören ohne Zweifel zur Profiliga.

Darüber hinaus verfügen die Geräte über leistungsstarke DSP-Prozessoren, die spezielle Plug-ins ohne spürbare Verzögerung berechnen. So ist es möglich, erstklassige Ampsimulationen, legendäre Röhrenvorverstärker, Kompressoren, Equalizer und vieles mehr zu benutzen, ohne, dass der eigene Computer einen Finger krümmen muss. Das klingt verlockend, nicht wahr?

 

Wie alles begann…

Viele Jahre war ich „mit weniger zufrieden“, doch nun wollte ich es wissen und die Oberliga testen. Kann das Qualitativ wirklich einen so großen Unterschied machen? In meinem Umfeld werden RME, Apogee und Universal Audio am häufigsten genutzt und mir immer wieder ans Herz gelegt. Mit allen drei Marken könnte ich mich problemlos anfreunden, doch UA bietet einen für mich verlockenden Vorteil: latenzfreies Spiel hochwertiger Verstärkersimulationen.

Große Erwartungen

Während andere Spieler mit Amp-Plug-ins innerhalb ihrer DAW und einer geringen Buffersize hervorragend zurechtkommen, halte ich persönlich nicht viel davon. Zu oft musste ich bei Möchtegern-Produzenten mit Latenzen und mittelmäßigen Plug-ins kämpfen, die sich für mich nie authentisch angefühlten. Außerdem recorde ich gern sofort den inspirierenden Sound. Das spart Zeit und ich bin noch Jahre später in der Lage, ohne Suche nach Lizenzen oder trotz abgelaufener Software die Files anhören zu können.

Das Lineup von Universal Audio verspricht all dies und noch mehr. Zum Beispiel gleichzeitiges Aufnehmen eines Direktsignals, während ich mit einer Amp-Simulation Spaß beim Einspielen habe. Zum Jammen oder Üben muss ich nicht mal die DAW öffnen, da die Apollo nach dem Einschalten sofort meine favorisierten Einstellungen bereithält. Die Erwartungen sind hoch. Zum einen wegen der Teils saftigen Preise, andererseits wird der Mund ganz schön voll genommen. Dann mal los!

Die Kontrahenten

Freundlicherweise wurden mir gleich zwei Apollos mit Thunderbolt 3-Anschluss zur Verfügung gestellt: Das neue Apollo Solo (Nachfolger des Arrow) sowie ein Apollo Twin X Duo. Beiden gemein sind ein Hi-Z-Anschluss für E-Gitarren und -Bässe, ein einzelner Kopfhörerausgang sowie zwei Mic/Line-Kombi-Eingänge.

Das Apollo Solo ist mit einem Preis von 499 Euro* das günstigste Produkt des Herstellers und als Einstiegsdroge in die UAD-Welt zu verstehen. Der Nutzer muss sich hier mit einem einzelnen SHARC DSP zur Berechnung der UAD Plug-ins sowie einem Stereo-Ausgang genügen.

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Das Apollo Twin X verfügt dagegen über zwei UAD-2 DUO Prozessoren, einen zusätzlichen Stereo-Line-Ausgang und optischen Digitaleingang. Dieses Mehr an Funktion mündet in einem Preis von 855 Euro*.

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Startverzögerung

Im Gegensatz zu meinen bisherigen Soundkarten muss ich zugeben, dass der Einstieg in die UAD-Welt etwas mühsam war. Zunächst einmal ist ein Thunderbolt-Kabel nicht im Lieferumfang enthalten. Die Begründung ist leider einleuchtend: Während uns USB-Kabel quasi hinterher geworfen werden, ist Thunderbolt aktuell noch deutlich weniger verbreitet und sehr kostenintensiv. Würde ein Kabel inklusive sein, wäre der Preis der Geräte höher, während gleichzeitig das Risiko bestünde, dass der Käufer bereits über die nötige Peripherie verfügt oder ein längeres Kabel benötigt. Interessenten einer Apollo Solo könnten hier die USB-Version wählen und bares Geld sparen.

Kabel und Adapter

Ich habe mir über die Jahre zwei Computer erarbeitet. Mein Laptop ist ein 2019er Macbook Air mit Thunderbolt 3-Anschlüssen, mein Hauptrechner für Audio und Video ist ein 2015er iMac mit altem TB2-Anschluss. Das führt zu weiteren Kosten, denn ich benötige einen Thunderbolt 3 auf Thunderbolt 2-Adapter. Summa summarum habe ich knapp 100 Euro für Kabel und Adapter ausgegeben, noch bevor der erste Ton erklungen ist. Jetzt aber los! Oder doch nicht? Während beide Interfaces an meinem Laptop hervorragend funktionierten und mir alsbald ein Grinsen ins Gesicht zauberten, wollte zunächst keines von beiden mit meinem iMac kommunizieren. Auf der Webseite des Herstellers fand ich den Grund dafür.

Das Apollo Solo unterstützt wirklich nur TB3, da es über Bus-Power mit Spannung versorgt wird. Um es an meinem fünf Jahre alten iMac nutzen zu können, müsste ich einen Adapter mit externer Stromversorgung erwerben. Das wäre abermals sehr kostenintensiv und wird offiziell nicht unterstützt. (Funktioniert aber für einige hervorragend.) Ergo ergibt das Twin X schon jetzt in meiner speziellen Situation mehr Sinn. Nach einigen Google-Suchen war auch dieses Proben gelöst: Das Audiointerface muss vor dem iMac eingeschaltet werden, da ein sogenannte Hot-Plugging nicht unterstützt wird. Eine weiterer Nachteil, den ich mir über die Adaptierung mit meinem älteren iMac einfahre. Doch damit kann ich leben.

 

Hör auf zu labern, wie klingt die Kiste?!

Der Anfang war nervtötend, doch ab dem ersten Ton hatte ich richtig große Freude! Schnell war eine luxuriöse Signalkette aus Ampeg SVT-3 Pro, Teletronix LA-2A und Pultec EQ gebastelt, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Das Spielgefühl ist wirklich erstklassig. Es mag Placebo sein, doch ich meine zu spüren, dass hier Vorverstärker, Wandler und Software optimal aufeinander abgestimmt sind und eine exzellente Dynamik mit authentischem Spielgefühl ermöglichen.

Externe Preamps flogen im Nu von meinem Schreibtisch. Die nächtlichen Kopfhörer-Sessions wurden immer länger. Die Vorteile dieses Systems wurden schnell deutlich: Nicht nur die Einstellungen innerhalb eines Plug-ins, sondern der komplette Signalzug kann gespeichert werden. So warten stets meine favorisierten Settings für E-Gitarre, Bass, Vocals und Synthesizer mitsamt Gain-Setting, Amp-Sim, Kompression, EQ, etc. Das ist wirklich super praktisch! Entgegen vielen Behauptungen kann man mit einem Trick sehr wohl Ampsimulation und Direktsignal gleichzeitig aufnehmen. (Siehe Video weiter unten.)

 

Live-Einsatz

Corona macht’s möglich: Der Drummer und Gitarrist meines für gewöhnlich lauten und analogen Rocktrios haben sich mit E-Drums und Universal Audio OX angefreundet. Und so kam es, dass wir nach Monaten der Abstinenz im Kinderzimmer eines Berliner Altbaus eine Probe unter Kopfhörern spielten. Nachdem ich daheim hauptsächlich das Twin X benutzt hatte, wollte ich hierfür das portable Arrow ausfahren. Würde der leistungsschwächere einzelne DSP-Chip ausreichen?

Die erfreuliche Antwort: Ja, er würde. Tatsächlich konnte ich über den zweiten Eingang sogar noch das Vocal-Signal des Sängers mit Plug-ins für Preamp, Kompressor, EQ und Reverb versehen und getrennt ausgeben. Ich bin außerordentlich angetan, wie gut und echt sich der Ampeg anfühlte und im Mix platzierte. Auch das gewohnt schwache Signal des Shure SM7B meines Sängers konnte ohne Rauschen erstaunlich potent verstärkt werden. An dieser Stelle wäre meine alte Soundkarte definitiv ins Schwitzen, bzw. Rauschen gekommen!

Wieder zu Hause angekommen hörte ich mir den Mitschnitt an und war ob der Qualität der ungemixten Signale extrem begeistert! Die Sättigung des LA-2A Kompressors im Zusammenspiel mit den tollen Preamps ergaben sofort ein hochwertigeres Ergebnis, als ich es von den bisherigen Mitschnitten mit schneller Mikrofonierung und günstigem Mischpult gewohnt war. Ich bin fasziniert.

 

Online-Unterricht

Im März und April wurde wild nach Lösungen gesucht, um auch im Homeoffice Unterricht geben zu können. Das Problem: Skype, Zoom und Co. erkennen meist nur den ersten Eingang der Soundkarte. Abhilfe schafft externe Software, z. B. Soundflower. Mit den flexiblen Routingoptionen der Apollos gehört das der Vergangenheit an.

Denn es ist möglich, alle Eingänge so zu konfigurieren, dass sie auch von Skype als Input 1 erkannt werden. Das ist für mich echt genial! Leider ist das Setup nicht ganz einfach. Dieser Artikel hat mir sehr geholfen: Klick mich.

Analog Classics Bundle (kostenlose Plug-ins)

Mit dem Kauf einer Apollo erhält man das Analog Classics Bundle inklusive. (Es wäre auch schade, wenn all die Rechenpower nicht sofort genutzt werden könnte.) Als Bassist habe ich mich ganz besonders über die beiden legendären Kompressoren LA-2A und 1176 gefreut! Zusammen mit einem Pultec-Equalizer hatte ich im Nu einen richtig dicken Klang. Für amtliche Direkt-Aufnahmen empfehle ich den UA-610B.

Seit ungefähr zwei Jahren gehören auch zwei Verstärker zum Bundle: Ein Marshall Plexi und ein Ampeg SVT VR. Beide Plug-ins klingen sehr gut und machen auf Anhieb genau das, was ich von ihnen erwarte. Für einen schellen Start ist das schön, doch leider sind sie als Appetitanreger zu verstehen. Denn beide sind im Funktionsumfang leicht eingeschränkt. Dem Ampeg SVT VR fehlt es an Regelmöglichkeiten und er verfügt über nur zwei Boxen- / Mikrofon-Kombinationen. Der Marshall besitzt alle gewohnten Regler an Front, jedoch nur ein Mic (SM57) zur Abnahme. Dennoch klingen beide Plug-ins sehr authentisch und bieten einen guten Vorgeschmack auf die UAD-Welt.

 

Apollo Solo vs. Twin X Duo für Gitarre und Bass

Wer einfach nur mit zwei Eingängen und einem klassischen Signalweg von Amp, Preamp, Comp, EQ und Reverb auskommt und gleichzeitig auf MIDI und einen zweiten Boxenanschluss verzichten kann, ist mit der Apollo Solo bestens beraten. Das Gerät gefällt mir optisch besser als das Twin X und spart einem das externe Netzteil. Für unterwegs, ob auf Tour oder im Urlaub, ist das unschlagbar praktisch. Meiner Meinung nach ist der Preis für die gebotene Qualität hervorragend!

Die maximale Prozessorauslastung hängt von der Anzahl und der Art der verwendeten Plug-ins ab. Grundsätzlich gilt, dass Verstärkersimulation die meiste Leistung fordern – meistens zwischen 20 und 40%. Hier findet ihr eine Übersicht für die Verwendung eines einzelnen Shark-Prozessors: Klick mich.

Wer dagegen mit den tollen EQs, Kompressoren, Effekten usw. zusätzlich in der DAW mischen möchte, braucht dringend mehr Rechenleistung. Das Apollo Twin X mit seinem externen Netzteil, dem optischen Digitaleingang und zweiten Line-Ausgang ist für meinen Geschmack besser im Heimstudio mit professionellem Anspruch platziert.

Wie ich mich entschieden habe

Ihr merkt es schon, ich bin ein wenig zum Fanboy mutiert. Schon bald nachdem alle Startschwierigkeiten überwunden waren stand fest: Ja, ich werde in den sauren Apfel beißen und mir ein Apollo kaufen. Warum? Zum einen wegen der ausgezeichneten Vorverstärker und Wandler. Der Unterschied zu meinem bisherigen System ist deutlich hörbar. (Übrigens sprechen auch die Jungs bei Andertons in einem Video davon, dass ihre Demos seit der Umstellung auf UA besser klingen würden.)

Doch das allein kann nicht als Begründung genügen. Denn die Soundkarten von RME, Apogee usw. klingen ebenfalls hervorragend und bieten zum Teil mehr I/O fürs Geld. Es ist am Ende genau das, wonach ich gesucht habe: Die Möglichkeit, in Echtzeit und ohne gefühlte Latenz erstklassige Verstärker-Klänge aufzurufen und diese zusammen mit einem cleanen Direktsignal aufzunehmen. Das Üben über Kopfhörer, das Entwickeln und Aufnehmen von Ideen und auch professionelle Recording-Sessions bereiten ungemein mehr Freude und bessere Ergebnisse.

Zudem gibt es kein Naserümpfen mehr, wenn die nächste Auftragsarbeit angeflogen kommt. So Klischeehaft und unreif es klingen mag: Meine ehemalige günstigere Soundkarte hat durchaus gute Testberichte erhalten. Trotzdem reagiert ein Produzent anders, wenn ich ihm Universal Audio anbiete. Das kann mitunter für eine bessere Auftragslage sorgen und die hohen Anschaffungskosten alsbald ausgleichen.

Risiken und Nebenwirkungen: Macht ein Universal Audio Apollo für dich Sinn?

Eine Sache sollte dem geneigten Käufer klar sein. Das Universal Audio-Universum ist dazu geschaffen, um die hauseigenen Plug-ins zu nutzen. Man wird ständig mit neuen Angeboten umgarnt. Und solltet ihr eine Schwäche oder Sammelleidenschaft für immer neue Plug-ins haben, könnte euch das teuer zu stehen kommen.

Zudem dient eine Apollo nicht nur der Berechnung, sondern ist zugleich Hardware-Dongle. UAD-Plug-ins können auch in eurer DAW eingesetzt werden, sind aber nur in Verbindung mit der Apollo nutzbar und übertragbar! Ein Austausch oder Gebrauchtmarkt wurde somit clever unterbunden. Ich habe beschlossen, all das in Kauf zu nehmen und werde mit dem von mir begehrten Ampeg Plug-in-Bundle gleich wieder zur Kasse gebeten. Ein wenig masochistisch muss man anscheinend veranlagt sein. ;o)

Weitere Informationen

Weitere interessante Produkte unserer „Angecheckt“-Reihe findet ihr hier. Ihr habt Vorschläge? Dann her damit!

Videos

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