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Online-Unterricht  ·  Quelle: Photo by Clark Young on Unsplash

Ihr seid nicht allein! Etliche Lehrkräftige und Selbständige müssen sich aktuell an eine völlig neue Situation gewöhnen und versuchen Online-Unterricht anzubieten. Gearnews-Autor Stephan schreibt über seine ersten Erfahrungen und verrät Tipps und Tricks.

Online-Unterricht

Plötzlich war alles anders. An einem Freitagabend wurde den Lehrkräften und Schülern meiner Musikschule jeglicher direkter Kontakt zueinander untersagt. Bis Montag hatte ich Zeit, um mir einen Plan auszudenken. Sonst würden zusätzlich zu den ausgefallenen Live-Engagements auch noch die Einnahmen aus dem Bassunterricht wegbrechen. Skype-Lessons sind seit Langem in aller Munde. Doch wer nutzt dieses Urgestein von Programm eigentlich noch? Gibt es da nicht auch zeitgemäße Lösungen?

Von null auf hundert

Auf Grund des Mangels an Zeit habe ich mich für den kleinsten gemeinsamen Nenner entschieden. Jeder meiner Schüler hat ein Smartphone und WhatsApp. Mit anderen Worten eine Kamera, ein Mikrofon und eine Videoschnittstelle. Das Fazit nach dem ersten Unterrichtstag mit WhatsApp Video war ernüchternd. Während Gesangs- und Klavierlehrer wenig Audioprobleme zu haben scheinen, wurden die Bass-Signale immer wieder als Hintergrundgeräusch erkannt und weggefiltert. Den Bassverstärker mehr aufzudrehen half geringfügig. Sofern die Schüler Kopfhörer mit einem integrierten Mikrofon besitzen, sollten sie diese auch unbedingt benutzen.

Was brauche ich für Equipment?

Es mag nicht perfekt sein, aber grundsätzlich braucht ihr für den Kaltstart nur euer Smartphone, Tablet oder euren Computer. Die Schüler haben ja auch nichts anderes. Solltet ihr selbst professioneller auftreten wollen, erreicht ihr das nächste Level mit einem Audiointerface und einem Mikrofon. Denn eure Stimme und euer Instrument klingen für den Gegenüber wesentlich besser, wenn sie über eine Soundkarte gesendet werden. Es muss nicht das teuerste Equipment sein. Falls ihr aktuell noch gar keine technische Ausstattung habt, empfiehlt sich ein Bundle, bestehend aus Soundkarte, Mikrofon, XLR-Kabel und Kopfhörer. Es gibt auch günstigere Kandidaten, doch mit Focusrite habe ich persönlich nur gute Erfahrungen gemacht.

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Doozzoo

In den folgenden Tagen probierte ich mit Leidgenossen diverse andere Methoden aus. Doozzoo wirkt durch seine Funktionen auf den ersten Blick verlockend. Auch scheinen einige angesehene Kollegen diese Applikation mit Erfolg zu nutzen. Mich hat es leider nach drei Versuchen mit Kollegen letztlich nicht überzeugen können. Irgendwie stießen wir im eingeschränkten Testmodus stets auf Probleme. Und wenn technikaffine Gearheads nach Lösungen suchen müssen, besteht die Gefahr, dass es für ganz junge Schüler schlichtweg zu kompliziert sein könnte. Lasst mich gern wissen, wenn ihr mit der Plattform bessere Erfahrungen gemacht habt.

Skype

Wenn selbst die Bundeskanzlerin vom Skypen spricht, scheint auch dieses Programm weit verbreitet zu sein. Problem hier: Anscheinend erkennt die Software oft nur den ersten Audioeingang der Soundkarte. Abhilfe schaffen Programme wie Soundflower und Ladiocast. Oder aber die unten beschriebene Geheimwaffe.

Zoom oder doch ganz anders?

Von vielen Seiten wurde mir die für Konferenzen entwickelte Software ZOOM empfohlen. Der große Vorteil: Alle Eingänge meines Audiointerfaces werden problemlos erkannt und in den erweiterten Audioeinstellungen lassen sich zwei Filter zur Unterdrückung von Hintergrundgeräuschen abstellen. Außerdem kann man sehr easy einzelne Programme auf dem Bildschirm der Schüler darstellen. Ich habe das beispielsweise genutzt, um ihnen Noten als PDF auf das Display zu projizieren. Die Audioqualität scheint ebenfalls brauchbar zu sein.

Geheimwaffe ZOOM L-8

Zufällig hatte ich genau zum richtigen Zeitpunkt den kleinsten Vertreter der LiveTrack-Serie getestet. Das kompakte Mischpult bietet für den virtuellen Unterricht zwei unschlagbare Vorteile: Zum einen ist es mobil einsetzbar, wahlweise mit vier AA-Batterien oder sogar via USB Bus Power. Außerdem hat es die Möglichkeit, über eine TRRS-Verbindung direkt mit dem Smartphone oder Tablet zu kommunizieren. Und das bedeutet im Klartext: Powerbank aufgetankt, das ZOOM L-8 und Smartphone geschnappt und ab an den See. Unterricht im Freien!

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Aber mal Spaß bei Seite. Das Gerät kann quasi als vollwertiges Audiointerface für das Telefon und Tablet benutzt werden! Außerdem auch am Computer, als Kompaktmixer, In-Ear-Mixer für 4 Personen, mobiler Mehrspurrekorder, Podcastingzentrale und vieles mehr. Ich bin ehrlich begeistert! Meinen ausführlichen Test des Zoom LiveTrak L-8 findet ihr hier auf bonedo.de.

Laute Umgebung ausblenden

Wer schon eine Soundkarte besitzt, aber mit einem Großmembranmikrofon zu viel Umgebung einfängt, kann sich mit einem Lavalier-Mic behelfen. Das Rode Lavalier GO mitsamt Rode VXLR+ Adapter* eignet sich beispielsweise hervorragend dafür.

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Habt ihr Tipps?

In diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, dass wir zusammenhalten und uns gegenseitig mit Ratschlägen versorgen. Ich stehe seit gut zwei Wochen in regem Kontakt mit anderen Musikern, die mir ihre Erfahrungen mit der Technik, aber auch der neuen Situation schildern.

Welche Tipps könnt ihr unseren Lesern zum Thema Online-Unterricht geben? Welche Plattform funktioniert für euch am besten? Welches Equipment ist wirklich sinnvoll? Wie war eure erste Skype-Lesson? Sind eure Lehrer offen für neue Wege?

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10 Antworten zu “Online-Unterricht: Unsere Tipps und Tricks”

  1. mathias sagt:

    ja, bei zoom bin ich auch gelandet für meinen gitarrenunterricht :-)

    das mit dem pdf auf den screen der schüler projizieren interessiert mich. wie funktioniert das?

    Alles Gute für euch alle da draussen! Bleibt gesund und vor allem gut gestimmt, auch wenn’s mal düster aussieht!

  2. Gingerhead sagt:

    Das Hauptproblem, egal ob Skype, Facetime, Zoom, Cisco Webex, oder wie sie alle heissen, ist nicht die Soundqualität, sondern die Latenz. Zusammenspiel unmöglich! Dazu kommt, dass gerade jetzt die Bandbreiten einbrechen. In meiner Gegend kann ich ab ca 19:00 damit rechnen, dass das Bild nur noch steht, Bild und Ton asynchron laufen, Streifen und Klötzchen zu sehen sind.

    Abgesehen davon halte ich diese Art des Unterrichtens gerade bei kleineren Kindern für absolut untauglich, weil sie komplett daran vorbei geht, wie Kinder lernen. Hat mit Lernpsychologie und dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes zu tun.

    • Benny Lava sagt:

      Die Alternative ist ja momentan entweder so oder gar nicht.

      • Gingerhead sagt:

        Stimmt, aber geil isses trotzdem nicht. Ich möchte nur ein kleines Gegengewicht zu den Jublern setzen, denn wenn man manchen so zuhört, scheint das ja der nun der Weisheit letzter Schluss zu sein. Isses aber nicht, wegen der technischen Mängel einerseits, und als gelernter Pädagoge sehe ich nunmal auch die grundsätzliche Problematik des Lernens am Bildschirm.
        Was zu vermeiden ist, ist, dass hernach dann alle „Kunden“ plötzlich nur noch online machen wollen, weil es ja so viel praktischer ist, wenn man die Kinder nicht mehr bringen muss oder selbst vom eigenen Sofa aus lernen kann. Praktisch vielleicht schon (für den Schüler) aber didaktisch eine Katastrophe. Außerdem machts mir als Lehrer keinen Spaß, und das ist ja auch nicht ganz unwichtig.
        Egal, grad hamma ja keine andere Wahl…

  3. Mark sagt:

    Die Udemy Plattform nutze ich sehr gern. Dort gibt es viele Onlinekurse (oft sehr umfangreich) auch zum Offline ansehen, Apps für iOS und Android und sehr oft ‚Special Offers‘.
    Für mein Empfinden sehr lohnenswert…
    🎼🎹✌🏼

  4. Da durch die Latenz ein gemeinsames Musizieren über Zoom und Skype unmöglich ist, nutze ich dies nur für kurze Sessions und auch nur wenn es mir sinnvoll oder zeitsparend erscheint. Ansonsten formuliere ich Übevorschläge in einer Mail und füge Noten als PDF und Audiobeispiele – vorhandene mp3s oder selbst aufgenommene (Mikros durch’s Focusrite in Reaper) – hinzu. Gegebenenfalls nehme ich mit dem QuickTime Player (akzeptiert auch beide Eingänge des Interfaces) ein Video auf und stelle es als ‚Nicht gelistet‘ auf Youtube. Dann brauche ich nur noch den Link verschicken und die Schüler können auch übers Smartphone darauf zugreifen.
    Wie und wann sie darauf reagieren (zb. mit eigenem Video), können Sie dann selbst entscheiden. Ich reagiere darauf wiederum nur am Unterrichtstag (sonst wird’s zu viel und chaotisch)
    In der ersten Runde viel Arbeit. Ich denke, das wird sich aber einpendeln.

  5. stephan sagt:

    Noch ein Hinweis zu Zoom: Mir wurde mitgeteilt, dass ich den Schüler besser hören würde, wenn ich mein eigenes Mic deaktiviere, wenn der Schüler mit etwas vorspielt.

    • Gingerhead sagt:

      Weil da ja so noise supressor Geschichten drin sind, die dein Gegenüber ausblenden, wenn du was sagst, und umgekehrt. Im Grunde müsste man wie beim guten alten Funk immer „over“ sagen, damit der Andere weiß, dass er dran ist. Schon durch die Latenz fällt man sich ja ständig ungewollt ins Wort.
      Alles nicht so einfach… Ich freu mich jedenfalls auf die Zeit, wenn ich wieder von Angesicht zu Angesicht unterrichten kann, das ist immer noch der Königsweg :)

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