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Angecheckt Tracktion f.'em

Angecheckt Tracktion f.'em  ·  Quelle: GN

Die FM-Welle ist da. Nach und mit dem Korg opsix als Hardware folgten auch eine gute Hand voller neuer FM-Synthesizer-Angebote mit unterschiedlichen Konzepten und Bedienideen. Auch Tracktion hat das gemacht und den Namen gut gewählt: F.’em all! Ein FM-Synthesizer mit 13 Operatoren. Je nach Zählweise könnten es auch 12 sein, oder sind es eigentlich 11? Das klären wir!

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f.’em – mehr von allem?

Die rein technischen Möglichkeiten fangen etwa da an, wo Yamahas Montage aufhört. Außerdem sind Anleihen von Native Instruments FM8. Die Herstellung von Verknüpfungen („Algorithmus„) ist damit einfach und sollte Niemandem fremd vorkommen. Statt 6 FM-Operatoren stehen 8 bereit. Dazu sind zwei Filter (F1/2) im Einsatz und zwei Sample-Operatoren (S1/2), die jedoch ähnliche Fähigkeiten haben, wie die normalen Operatoren. Sie bieten nämlich auch die DX-11 / TX81Z-Wellenformen an.

DX-11 = TX81Z Waves in f'em

DX-11 = TX81Z Waves in f.’em

Als Zusatz liefert Tracktion sogar einen Rauschgenerator (N), der keine tonalen Eigenschaften hat. Für ihn gibt es eigene Filter, die auch Selbstresonanz beherrschen. Aha, also doch ein fast richtiger „Operator“, denn diese sind definiert als Oszillator mit Lautstärkehüllkurve. Damit haben wir 8+2+2+1 = 13 Operatoren. Korrekt abgerechnet, jedoch sind es eher 10 Operatoren mit 2 Filtern und einem Rauschgenerator. Dennoch kann man mit den Sonderoperatoren trefflich „Synthese machen“.

f'em Matrix Screen

Wer sich mit Synthese auskennt, wird sich sofort orientieren können

Die Filtertypen sind zahlreich, obwohl in einem FM-Synthesizer eigentlich Filter kaum notwendig sind. „Ladder“ und Standards aller Typen mit verschiedenen Flankensteilheiten finden sich nicht nur in den beiden „FilterOperatoren„, sondern identisch in der Noise-Abteilung wieder. Ein Bandrauschen ist somit genau so wenig ein Problem, wie ein Sinusoszillator auf Basis eines Filters. Auch an ein Kammfilter hat man gedacht. Sallen Key ist eine andere analoge Filtertechnik, die technisch einfacher ist. Es handelt sich also um eine Simulation und klingt tendenziell eher weich bis geschmeidig. Redux ist ein S&H Filter oder „Sample-Rate-Reduziertstück“. Eine kleine Geheimwaffe im Waldorf Microwave II/XT.

f.’em Filter

Noch ein bisschen mehr Technik

Wieso schaut der Nerd stets, wie ein FM-Synthesizer angeordnet und umgesetzt ist? Weil die Übersicht über die einzelnen Einstellungen unfassbar wichtig ist. Zueinander und im Verhältnis müssen Hüllkurven in direkter Übersicht bleiben, die jeweils zu Modulationspaaren zusammengehören. Außerdem ist es hilfreich, Pegel und Frequenzen leicht nachzujustieren und das ist durchaus gut gelungen. Die Hauptseite zeigt die Operatoren, Pegel und Frequenzen. Diese lassen sich leicht einstellen und das ist sehr gut für den Feinabgleich.

Aber das ist nicht alles. Die wichtigste zweite „Haupt-Page“ wird nach klicken auf die Leiste sichtbar und enthält den anderen Vorteil von f.’em: unglaublich viele Modulationen pro Operator.

LFOs & Hüllkurven im Operator

Wo bei anderen eine einzige komplexe Multisegmenthüllkurve mit Kurveneinstellung und die klassischen Parameter für die Tonhöhe und Lautstärke sind, findet man hier für jeden OP eine PitchHüllkurve und zwei LFOs.

Die Operator-LFOs steuern Lautstärke und Tonhöhe und haben eine reichhaltige Ausstattung und einen großen Frequenzbereich. Das allein reicht aus, um wirklich viel zu erreichen. Sie arbeiten polyphon oder monophon und haben einige Treppenstufen und Sonderwellenformen. Sehr ergiebig sind die hohen Tempi der LFOs bis 500Hz, was sich hoffentlich immer mehr Synthesizer als Vorbild nehmen mögen, denn Modulation in diesem Frequenzbereich ist noch einmal deutlich anders, als über dem unteren Bereich des Hörbaren. Allein das ist eigentlich schon mehr als die meisten FM-Synth anbieten (außerhalb der Operatoren). Die eigentlich vielen weiteren technischen Details würde vielen Hardware-FM-Soundmenschen die Tränen ins Auge schießen lassen. In Software sind einige Teile heute „selbstverständlich“.

Es gibt auch Ähnlichkeiten mit FM8. Allerdings gibt es etwas kleinere Easy-Edit-Editoren für den Abgleich der Hüllkurvenzeiten. Auch die weiteren 2 LFOs für die Stimme haben diesen Frequenzbereich, was in Wirkung auf Filter und andere Parameter wirkungsvoll sein kann.

Sehr schön ist eine kleine Miniatur der beiden Operator-LFOs und -Hüllkurven auf der Hauptseite der der Matrix-Darstellung. Ich finde mich sofort zurecht und freue mich einfach darüber. Ich möchte noch einmal betonen, wie cool das ist pro Operator faktisch LFO und Pitchhüllkurve zu haben und dazu noch einen LFO für Vibrato (Pitch Modulation). So gesehen lassen sich mit jedem Operator bereits kleine FM-Experimente machen, zumindest im Bereich bis 500 Hz, bzw. eine Art Fixed Operator im Operator nutzen. Das ist klasse.

Eine kleine Nerd-Information muss noch sein.

Die „Patch-Matrix“ (wo Klassiker, wie die DX-Serie den Begriff „Algorithmus“ nutzen würden) hat zusätzlich zwei kleine „Kolonnen“ an Zahlen gelistet. Die Erste dient dem Feedback, die andere dem Sync. Ersteres ist allgemein bekannt für die Herstellung von rauschähnlichen Sounds innerhalb eines Operators gedacht. Das funktioniert „nur“ mit den acht normalen Operatoren, nicht mit dem Sample-Operatoren-Angebot oder dem Rauschen (das wäre auch technisch unnötig). Der Sync ist allerdings eine Besonderheit und sehr interessant, um ganz andere Optionen beim Klangbau zu haben. Das sollte eine sehr eigenständige Funktion bleiben. Normalerweise werden dafür mehrere Operatoren benötigt, um „Sync-Ähnliches“ herzustellen. Hat mir gut gefallen.

Die Feedback-Spalte ist nötig, weil es keine direkten Einstellungen gibt, die Selbstmodulation möglich machen. Es ist aber möglich über 2 Operatoren hinweg eine Rückkopplung zu bauen. Damit sind nur die Methoden anders, die Möglichkeiten aber einem FM8 überlegen, DEM Klassiker in dem Bereich.

F'em Main Modulation pro OP

F’em Main Modulation pro OP

Eigene Samples

Das Sampling funktioniert durch Auswahl einer der Werkssamples oder auch mit eigenen Samples. Das klappt gut und extreme Transposition kann sehr viel am Eindruck der Mixtur aus nur einem einzigen Sinus-Operator mit dem Sample arbeiten lassen. Selbst mit schrägen Samples (Field Recording) lassen sich eine Menge interessanter neuer Klänge herstellen. Manches wirkt stärker als eine klassische „Verzerrung“ (im weiteren Sinne), andere haben eine ungewöhnliche Verwandlung zur Folge – je nach Stärke und Tönhöhe. Dieses Feature steht neben dem Sync und der kompletten Ausstattung wohl richtig hoch im Kurs aller User – das kann ich nur bestätigen. Aus allein dieser Funktion könnten Effektboxen gebaut werden.

Es macht einfach sehr viel Spaß mit nur 1-2 Operatoren und Sampling Experimente zu machen. Sehr spannend wäre wohl da auch eine Erweiterung durch Granular-Engines, um die „Länge“ der Samples über die Tonhöhen gleich zu halten. Versuche mit Drum Loops und Noise Recordings machen viel Freude – aber sie wirken im Timing hier und da einfach wie normale Samples und passen nicht immer fest hinein. Aber das Ergebnis lohnt sich sehr oft. Nicht nur für brutale Veränderungen, sondern auch für eher subtile Sounds!

Aufwendigste Modulationsketten verzerren den Sound eher und klingen recht wüst – aber „geil wüst“. Allerdings lassen sich auch  sanfte Effekte durch kleinere Modulationspegel herstellen. Ersteres ist super für dunklen Techno, IDM, Experimente und so weiter. Die eher einfachen Experimente bringen die interessanteren Ergebnisse, dennoch sind auch mehrere Operatoren als Modulatoren interessant. Probier es aus!

Samples in f'em

Samples in f’em

Die Modulation

F.’em hat fette dreißig Modulations-Slots. Die Quellen und Ziele sind nahezu unendlich. Alles kann alles modulieren. Auch alle Parameter aus den Operatoren sind in der Modulationsmatrix verfügbar . Die Zuweisung ist spielerisch-optisch und sofort zu verstehen. Die Liste ist wirklich sehr lang. Hier ein kleiner Eindruck – das toppt sogar den aufwendigen opsix:

F'em Modulationsquellen

F’em Modulationsquellen

Der Gesamt-Synthesizer hat noch einmal 2 besondere LFOs. Sie haben eine Kette von 8 Slots mit unterschiedlichen Wellenformen und Tempoeinstellungen zu bieten, die absolut unterschiedliche Einstellungen enthalten können. Das sind faktisch maximal 8 LFOs pro „besonderem LFO“ als Cluster. Sie haben bis zu 500 Hz an Modulationsgeschwindigkeit, auch der Cluster. Das ist extrem hoch und ermöglicht sehr spannende Klangexperimente. Nicht nur per Maus kann eines der LFOs ausgewählt werden. Ein spannendes Feature. Eine Modmatrix mit weiteren 200 Einträgen ist dazu global vorhanden. Spätestens hier rastet der Nerd einfach aus. Effekte sind auch noch vorhanden. Und das alles, was ich bis hier schilderte, gibt es in 4 Layern jeweils nochmal. Es lassen sich damit aufwendigste Schichtklänge bauen, die auch einen TG77 oder SY99 alt aussehen lassen. Übrigens lassen sich die Operatoren jeweils im Panorama frei setzen. Dadurch und durch die 4 Schichten lassen sich fantastische Raumklänge herstellen.

Gratulation für dieses Konzept.

• Mehr über und von Tracktion findest du hier.

Die Website von Tracktion ist hier.

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2 Antworten zu “Angecheckt: Tracktion f.’em – Der FM-Synthesizer”

  1. donnie sagt:

    boa, filter ist so ein manko beim fm8.
    eigene samples zeitgemäß, wer träumt nicht davon seine eigens aufgenommenen fieldrecordings in einem synth verwenden zu können. gerne auch mit granular, wenn sich das nachrüsten lässt. das mit den modulationsquellen würd ich überprüfen wollen. serum hat auch viele slots, aber verknüpfen lassen sich nur ca. 14 ziele. da geht unter umständen der rechner auch mal in die knie. wie sich der f´m da wohl schlägt ? auf jeden fall geiler artikel – danke.

    • moogulator sagt:

      Granular kann er (noch) nicht, aber Filterung würde ich zugunsten weiterer OPs sogar fallen lassen – ich finde in einem FM Synth braucht man nicht zwingend Filter – für Samples aber eher schon.

      Die Matrix ist riesig – geht sogar über das Maß des Opsix hinaus.
      Hoffe ich konnte das einigermaßen beleuchten.

      Glaube einfachste FM und Granular könnte interessant sein. Stationäre Teile von Samples nutzen.
      Aber man sollte es nicht überbewerten, mehrere OPS und Samples wird schnell fies. Alles auch schon probiert – siehe Text für eine Einschätzung. Danke für’s kommentieren übrigens.

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