von  Jan Rotring  | |   Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen   |  Lesezeit: 11 Min
Mehr Sustain - was wirklich hilft

Mehr Sustain - was wirklich hilft  ·  Quelle: Fabio Diena / Alamy

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Es gibt diese Gitarrentöne, bei denen man irgendwann das Gefühl bekommt, dass sie eigentlich gar nicht mehr aufhören dürften. Gary Moore ist für mich so ein Beispiel. David Gilmour natürlich auch. Ein Ton wird angeschlagen, beginnt zu singen und scheint anschließend einfach im Raum stehen zu bleiben. Und natürlich kennen wir Gitarristen die vermeintlich passende Erklärung dafür: Mehr Sustain. Am besten viel, viel mehr. Eine schwere Les Paul, ordentlich Mahagoni, eine massive Bridge und schon sollte die Gitarre gefühlt bis zum nächsten Morgen weiterschwingen. Aber ist das wirklich so einfach?

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Ich finde das Thema vor allem deshalb spannend, weil wir beim Sustain einer Gitarre verschiedene Dinge miteinander vermischen: Wie lange schwingt die Saite tatsächlich? Wie lange erzeugt der Pickup noch ein verwertbares Signal? Und wie lange hören wir den Ton am Ende aus dem Lautsprecher? Das klingt zunächst nach derselben Frage, ist es aber nicht.

Denn mehr Sustain entsteht nicht an einer einzigen Stelle. Gitarre, Setup, Pickups, Verstärker, Kompression, Lautstärke und sogar der Raum können daran beteiligt sein. Spätestens wenn ein lauter Gitarrenamp ins Spiel kommt, wird aus einer ausschwingenden Saite ein ziemlich interessantes System. Aber, starten wir beim Anfang.

Was ist Sustain überhaupt?

Ahorn - Klar, hell und Sustain
Ahorn – Klar, hell und mehr Sustain? · Quelle: Shutterstock / mooremedia

Wenn wir eine Gitarrensaite anschlagen, führen wir ihr Energie zu. Die Saite beginnt zu schwingen und versetzt dabei unter anderem Hals und Korpus der Gitarre in Bewegung. Gleichzeitig verliert sie kontinuierlich Energie. Irgendwann ist die Schwingung so klein, dass der Ton nicht mehr wahrnehmbar ist. Sustain beschreibt also vereinfacht gesagt die Dauer, über die dieser Ton erhalten bleibt.

Das Interessante daran ist allerdings die Frage, was wir mit „erhalten“ meinen. Spielt ihr eine E Gitarre unverstärkt, hört ihr zunächst das akustische Ausschwingen der Saite und des Instruments. Schließt ihr dieselbe Gitarre an einen Verstärker an, kommt eine zweite Ebene hinzu: Der Pickup muss die immer kleiner werdende Saitenschwingung noch erfassen und daraus ein elektrisches Signal erzeugen.

Danach beginnt der eigentlich spannende Teil. Dieses Signal kann verstärktverzerrt und komprimiert werden. Ein Ton, dessen Pegel an der Gitarre (also akustisch) längst deutlich abgenommen hat, kann dadurch aus dem Lautsprecher noch erstaunlich präsent klingen. Das Sustain, das wir hören, muss also nicht identisch mit der tatsächlichen Schwingungsdauer der Saite sein.

Einige der klassischen Weisheiten über mehr Sustain werden damit zumindest fragwürdig.

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Mehr Holz, mehr Gewicht, mehr Sustain?

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Kaum ein Thema wird unter Gitarristen so zuverlässig diskutiert wie die Frage nach dem Einfluss der Konstruktion. Eine schwere Gitarre soll länger schwingen als eine leichte. Eine Les Paul soll mehr Sustain besitzen als eine Stratocaster. Ein eingeleimter Hals sei einem geschraubten überlegen und eine Neck Through Konstruktion müsse zwangsläufig noch besser sein.

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Idee dahinter nicht. Schließlich handelt es sich bei einer Gitarre um ein mechanisches System. Saite, Sattel, Bünde, Hals, Korpus und Brücke beeinflussen sich gegenseitig.Die Energie der schwingenden Saite bleibt nicht ausschließlich in der Saite, sondern wird teilweise auf das Instrument übertragen.

Problematisch wird es, sobald daraus einfache Regeln entstehen. Denn schwerer bedeutet nicht automatisch mehr Sustain. Genauso wenig lässt sich aus einer bestimmten Holzart oder Halskonstruktion zuverlässig ableiten, wie lange eine einzelne Gitarre tatsächlich ausschwingt.

Das merkt man spätestens, wenn man zwei vermeintlich identische Gitarren nebeneinander spielt. Manche Instrumente reagieren trocken gespielt ausgesprochen lebendig, andere weniger. Gleichzeitig muss eine Gitarre, die stark im eigenen Körper mitschwingt, nicht automatisch besonders lange ausschwingen. Schließlich bedeutet Resonanz auch, dass Energie zwischen Saite und Instrument übertragen wird.

Interessanter ist für mich ohnehin die Frage, wie relevant ein kleiner Unterschied beim unverstärkten Ausschwingen noch ist, sobald Pickup, Amp, Gain und Lautsprecher ins Spiel kommen.

Konstruktion und Material sind damit keineswegs vollkommen egal. Nur lässt sich Sustain nicht auf eine einfache Formel wie Mahagoni + eingeleimter Hals + schwere Bridge = mehr Sustain reduzieren.

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Vielleicht braucht deine Gitarre einfach nur ein gutes Setup

E-Gitarre einstellen - Setup für Eilige
E-Gitarre einstellen – Setup für mehr Sustain · Quelle: Shutterstock / BikerBarakuss

Bevor ich für mehr Sustain also anfangen würde, Hardware gegen vermeintlich sustainfördernde Bauteile auszutauschen, würde ich an einer wesentlich unspektakuläreren Stelle anfangen: beim Setup der Gitarre.

Damit eine Saite möglichst frei ausschwingen kann, braucht sie Platz. Ist die Saitenlage extrem niedrig eingestellt, kann eine Saite beim Schwingen leicht die nachfolgenden Bünde berühren. Das muss noch nicht einmal als deutliches Schnarren hörbar sein. Bereits leichte Kontakte können das Ausschwingverhalten verändern.

Auch Halskrümmung und Bundierung spielen hier hinein. Ein schlecht abgerichteter Bund, eine ungünstige Halskrümmung oder einzelne Problemstellen können dafür sorgen, dass bestimmte Töne deutlich schneller absterben als andere. Im Extremfall entstehen sogenannte Dead Spots: Töne, die auffällig schnell verschwinden, obwohl die benachbarten Bünde vollkommen normal reagieren.

Ähnliches gilt für die Kontaktpunkte der Saite. Sattel und Brücke müssen die Saite sauber führen. Sitzt etwas locker, ist eine Kerbe ungünstig gearbeitet oder liegt eine Saite nicht vernünftig auf, kann sich das ebenfalls im Verhalten des Instruments bemerkbar machen.

Wer mit dem Sustain seiner Gitarre unzufrieden ist, braucht also möglicherweise überhaupt kein Upgrade für mehr Sustain. Eine vernünftig eingestellte Halskrümmung, eine zur eigenen Spielweise passende Saitenlage und sauber arbeitende Bünde können wesentlich sinnvoller sein als der nächste schwere Tremoloblock, eine neue Bridge oder andere Mechaniken.

Pickups und Sustain: Näher ist nicht immer besser

Den richtigen Tonabnehmer für deinen Musikstil finden
Den richtigen Tonabnehmer für deinen Musikstil finden · Quelle: Shuttestock / optimarc

Auch die Pickups sind beim Sustain gleich auf zwei Arten interessant:

Zunächst beeinflusst ein Tonabnehmer natürlich das Signal, das wir am Verstärker hören. Ein kräftiger Humbucker verhält sich anders als ein eher schwacher Vintage Single Coil. Output, Frequenzgang und das dynamische Verhalten des Pickups können beeinflussen, wie wir das Ausschwingen eines Tons wahrnehmen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ein heißer Pickup die Saite plötzlich länger schwingen lässt. Er kann das vorhandene Signal schlicht anders an die nächste Stufe unserer Signalkette weitergeben.

Noch interessanter wird es bei der Pickup Höhe. Magnetische Tonabnehmer arbeiten mit einem Magnetfeld und die Stahlsaiten befinden sich mitten darin. Schrauben wir einen Pickup immer näher an die Saiten, steigt zunächst das Ausgangssignal. Mehr Output für eine Minute Arbeit klingt erst einmal nach einem ziemlich guten Deal.

Irgendwann kann der Abstand allerdings zu klein werden. Die magnetische Anziehung kann die Bewegung der Saite beeinflussen und im ungünstigen Fall das Ausschwingen beeinträchtigen. Besonders bei kräftigen Magneten lohnt es sich daher nicht, einen Pickup automatisch so dicht wie möglich unter die Saiten zu schrauben. 

Und selbst wenn unsere Gitarre mechanisch längst alles richtig macht, lässt sich das wahrgenommene Sustain noch drastisch verändern, ohne auch nur eine Schraube am Instrument anzufassen. Dafür reicht zunächst der Gain Regler.

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Gain und Kompression: Der eigentliche Sustain Trick

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Nehmen wir eine sauber eingestellte Gitarre und spielen einen einzelnen Ton über einen sehr cleanen Amp. Der Anschlag ist laut, danach nimmt der Pegel kontinuierlich ab. Genau das erwarten wir schließlich von einer ausschwingenden Saite.

Jetzt drehen wir den Amp in die Verzerrung. Plötzlich passiert etwas Interessantes: Der Ton wirkt länger und gleichmäßiger, obwohl wir an der Gitarre überhaupt nichts verändert haben.

Ein wesentlicher Grund dafür ist Kompression. Ein verzerrender Verstärker kann Pegelspitzen nicht mehr proportional weiter verstärken. Der kräftige Anschlag wird dadurch im Verhältnis zum leiseren Ausklang weniger dominant. Der Lautstärkeunterschied zwischen Anfang und Ende des Tons schrumpft und wir nehmen den ausklingenden Teil länger und deutlicher wahr.

Mit einem Kompressor Pedal lässt sich dieser Effekt noch gezielter erzeugen. Leisere Signalanteile können angehoben und starke Pegelspitzen kontrolliert werden. Das Ergebnis fühlt sich unter den Fingern häufig so an, als hätte die Gitarre plötzlich deutlich mehr Sustain.

Die Saite hat dadurch allerdings keine wundersamen neuen Fähigkeiten bekommen. Wir verändern vor allem die Dynamik ihres elektrischen Signals.

Singende Lead Sounds sind daher häufig eng mit Gain und Kompression verbunden. Viel Verzerrung ist dafür allerdings nicht zwingend notwendig. Entscheidend ist, wie stark die gesamte Signalkette die Dynamik bearbeitet.

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Wenn der Amp die Saite wieder anschiebt

Röhrenamp Lautstärke: Muss das sein?
Röhrenamp Lautstärke: Muss das sein? · Quelle: Shutterstock/Dario Toledo

Bis hierhin haben wir vor allem darüber gesprochen, wie ein vorhandenes Signal verarbeitet wird. Bei entsprechender Lautstärke kann der Verstärker aber tatsächlich Einfluss auf die physische Schwingung der Saite nehmen.

Wer schon einmal mit einer Gitarre vor einem wirklich lauten Amp gestanden hat, kennt dieses Gefühl. Man hält einen Ton, bewegt sich vielleicht ein wenig vor der Box und plötzlich beginnt die Gitarre regelrecht zu singen.

Die Erklärung ist einfach: Der Lautsprecher bewegt Luft. Diese Schallenergie trifft auf die Gitarre und kann wiederum die Saiten anregen. Unter passenden Bedingungen entsteht eine Rückkopplung: Die Saite erzeugt ein Signal, der Verstärker verstärkt es, der Lautsprecher erzeugt Schall und dieser bringt die Saite erneut in Bewegung.

Bei Gary Moore, Carlos Santana oder David Gilmour hören wir nicht einfach nur besonders lange schwingende Gitarren. Verstärkung, Kompression, Lautstärke und ein kontrolliertes Feedback gehören zum Gesamtsystem. Derselbe Sound kann sich daher über einen aufgedrehten Amp vollkommen anders anfühlen als über Kopfhörer.

Warum Sustain im Wohnzimmer schwieriger wird

Röhrenamp Lautstärke: Bug oder Feature
Röhrenamp Lautstärke: Bug oder Feature · Quelle: Adam Gasson / Alamy Stock Foto

Moderne Modeler und Plugins können einen verzerrten Amp inzwischen hervorragend nachbilden. Gain und Kompression sind deshalb auch bei sehr geringer Lautstärke kein Problem. Was über Kopfhörer allerdings weitgehend fehlt, ist die physische Interaktion zwischen Lautsprecher und Gitarre.

Die Saite bekommt keine nennenswerte Energie aus dem Raum zurück. Ein Ton kann durch Verzerrung und Kompression trotzdem sehr lange hörbar bleiben, aber dieses besondere Gefühl eines Tons, der sich plötzlich selbst trägt und in Feedback kippt, entsteht wesentlich schwieriger.

Deshalb fühlt sich eine Gitarre vor einer lauten Box manchmal geradezu lebendig an. Kleine Veränderungen der Position reichen aus, um bestimmte Frequenzen stärker anzuregen. Gute Spieler nutzen diesen Bereich zwischen normalem Ausschwingen und Feedback sehr bewusst.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir zuhause zwingend eine 4x12er auf Konzertlautstärke betreiben sollten. Es zeigt aber ziemlich schön, warum Lautstärke selbst Teil des Spielgefühls sein kann und weshalb manche Sounds bei Zimmerlautstärke trotz identischer Amp Einstellungen nicht dasselbe machen.

Brauchen wir überhaupt mehr Sustain?

Nach all dem bleibt eine ziemlich grundsätzliche Frage: Warum wollen wir eigentlich immer mehr davon?

Für singende Leads kann langes Sustain fantastisch sein. Bei anderen Sounds ist das Gegenteil gefragt. Ein trockener Funk Akkord soll schnell verschwinden. Punk und Alternative Rock leben häufig von direkten, perkussiven Anschlägen. Bei schnellen Metal Riffs verbringen wir sogar erstaunlich viel Zeit damit, Saiten möglichst konsequent am Weiterschwingen zu hindern.

Mehr Sustain ist deshalb genauso wenig automatisch besser wie mehr Gain. Entscheidend ist vielmehr, dass sich das Ausschwingen kontrollieren lässt. Ein Ton sollte so lange stehen, wie es musikalisch sinnvoll ist. Nicht so lange, wie es irgendeine Spezifikation der Gitarre verspricht.

Fazit: Sustain ist kein Bauteil

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Natürlich können KonstruktionHardware und Setup beeinflussen, wie eine Gitarre schwingt. Wer daraus allerdings eine einfache Rangliste sustainreicher Hölzer, Bridges oder Halskonstruktionen ableiten möchte, macht es sich meiner Meinung nach zu leicht.

Sustain entsteht aus einem System. Die Saite liefert die Schwingung, Setup und Konstruktion beeinflussen, wie sie sich verhält. Der Pickup macht daraus ein elektrisches Signal. Gain und Kompression verändern dessen Dynamik. Bei entsprechender Lautstärke kann der Lautsprecher schließlich sogar Energie zurück an die Gitarre liefern.

Das Sustain, das wir am Ende hören und unter den Fingern spüren, ist daher zumindest teilweise eine Illusion.

Wenn eure Gitarre beim nächsten Solo partout nicht lange genug singen möchte, würde ich also nicht sofort einen schwereren Tremoloblock bestellen. Kontrolliert das Setup, experimentiert mit der Pickup Höhe und schaut euch Gain und Kompression an.

Und manchmal hilft nur die älteste Lösung der Rockgeschichte: den Amp lauter drehen.

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