Fetter Gitarrensound: Warum klingt eine Gitarre eigentlich groß?
Was braucht es für einen richtig großen Gitarrensound? Eine Les Paul mit kräftigen Humbuckern, einen 100 Watt Röhrenamp, eine (oder zwei) 4x12er Box und natürlich ordentlich Gain? Klingt zunächst logisch. Und wenn ich allein vor meinem Amp sitze, funktioniert dieses Rezept sogar ziemlich gut. Sobald Bass, Schlagzeug und eine zweite Gitarre dazukommen, sieht die Sache allerdings plötzlich ganz anders aus. Der vermeintlich fette Sound wird schwammig, verschwindet im Mix oder klingt schlicht kleiner als vorher. Aber: Wie geht fetter Gitarrensound?
Fetter Gitarrensound: Inhalt
Hört man sich einige der größten Gitarrensounds der Rockgeschichte genauer an, sind die einzelnen Bestandteile häufig erstaunlich unspektakulär: Weniger Gain als erwartet, wenig Bass und teilweise Gitarrenspuren, die solo beinahe dünn wirken. Erst im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten und Spuren entsteht das, was wir als gewaltige Gitarrenwand (sprich: Fetter Gitarrensound) wahrnehmen.
Genau darum soll es in diesem Artikel gehen: nicht um den einen Amp, den perfekten Pickup oder ein geheimes Pedal, sondern um die Frage, warum eine Gitarre eigentlich groß klingt. Denn ein fetter Gitarrensound ist viel mehr, als nur ein großer, einzeln gebauter Gitarrenton.
Der erste Irrtum: Mehr Gain macht den Sound nicht größer
Ich kenne den Reflex nur zu gut: Der Gitarrensound soll größer werden, also dreht man zunächst den Gain-Regler weiter auf. Irgendwann singt jede Note beinahe von allein, Akkorde stehen wie eine Wand im Raum und selbst ein eher zögerlich angeschlagenes Powerchord klingt nach Weltuntergang. Zumindest solange man alleine spielt.
Mit zunehmender Verzerrung wird das Signal allerdings komprimierter. Leise und laute Anschläge rücken näher zusammen, zusätzliche Obertöne entstehen und das Sustain nimmt zu. Das klingt dichter und vermittelt zunächst tatsächlich den Eindruck von mehr Größe. Gleichzeitig gehen aber Dynamik, Attack und Definition verloren.
Besonders bei Rhythmusgitarren wird das schnell zum Problem. Ein sauber angeschlagenes Riff lebt davon, dass besonders der Beginn einer jeden Note klar hörbar und definiert bleibt. Wird dieser Attack durch zu viel Verzerrung weichgespült, verschwimmen einzelne Anschläge miteinander.
Ein gutes Gegenbeispiel liefert AC/DC. Die Gitarren auf Back in Black wirken gewaltig, sind isoliert betrachtet aber deutlich weniger verzerrt, als man vermuten könnte. Ein großer Teil des Drucks entsteht durch Anschlag, Lautstärke, Mitten und das Zusammenspiel der Instrumente.
Wie schon im Artikel „Zu viel Gain“ beschrieben: Manchmal wird ein Gitarrensound tatsächlich mächtiger, wenn man den Gain-Regler ein Stück (ja, los, noch ein bisschen) zurückdreht.
Die rechte Hand: Ein fetter Gitarrensound beginnt vor dem ersten Gerät

Bevor wir über Pickups, Verstärker und Lautsprecher sprechen, müssen wir über den Teil der Signalkette reden, den man weder kaufen noch austauschen kann: die eigene Spielweise.
Wie hart eine Saite angeschlagen wird, wo das Plektrum sie trifft und wie sauber die rechte Hand unerwünschte Saiten abdämpft, verändert den späteren Sound erheblich. Gerade bei verzerrten Rhythmusgitarren entscheidet der Anschlag darüber, ob ein Riff druckvoll und definiert oder einfach nur dicht und matschig klingt.
Wer den Anschlag mal bewusst verändert, erlebt, was ich meine: Amp, Gitarre und Einstellungen bleiben identisch, trotzdem wirkt der zweite, härtere Anschlag meist größer, weil der Attack deutlicher hervortritt.
Ähnliches passiert beim Palm Muting: Zu stark abgedämpft klingt ein Riff kurz und leblos, zu wenig kontrolliert verliert es seine rhythmische Präzision. Der mächtige Metal Chug (Hallo, Ola) ist deshalb mindestens ebenso eine Frage der rechten Hand wie des verwendeten High Gain Amps.
Auch die Position des Anschlags spielt eine Rolle. Näher am Steg wird der Ton härter und obertonreicher, Richtung Hals weicher und voller. Dazu kommen Plektrumstärke, Anschlagwinkel und Timing. Der Amp kann schließlich nur mit dem Signal arbeiten, das wir ihm liefern. Und wer wie ich nicht mit der rechten Hand eines James Hetfield gesegnet wurde, kann beruhigt weiter lesen: Es ist schließlich nicht NUR die Spielweise entscheidend.
Gitarre und Pickup: Fett ist nicht immer besser
Jetzt dürfen wir also endlich über Gear sprechen. Für einen möglichst großen Sound brauchen wir eine möglichst fett klingende Gitarre. Also am besten Humbucker, hoher Output und ordentlich Fundament. Oder?
Das kann funktionieren, ist aber (zum Glück, denn sonst wäre es mega langweilig) keine allgemeingültige Regel.
Ein kräftiger, aktiver Humbucker wie der EMG 81 liefert meist mehr Output und ausgeprägte Mitten, während ein klassischer Singlecoil offener, heller und häufig schlanker wirkt. Alleine gespielt gewinnt für einen fetten Rocksound schnell der Humbucker. Im Arrangement kann sich das Bild jedoch verändern.
Ein etwas schlankerer Gitarrenton lässt mehr Platz für Bass, Kick und weitere Gitarrenspuren. Gleichzeitig sorgen ausgeprägte Mitten und Höhen dafür, dass die Gitarre hörbar bleibt, ohne besonders laut sein zu müssen.
Auch innerhalb einer Gitarre lässt sich das beobachten. Der Hals-Pickup klingt häufig voller als der Stegtonabnehmer. Trotzdem landen verzerrte Rhythmusgitarren fast selbstverständlich auf dem Bridge-Pickup. Sein strafferer Bass und der deutlichere Attack sorgen dafür, dass einzelne Anschläge sauber getrennt bleiben.
Ähnlich verhält es sich mit besonders heißen Pickups: Mehr Output kann einen Verstärker früher in die Sättigung treiben, während ein gemäßigter Pickup wie etwa ein klassischer PAF wie der wunderbare Bare Knuckle The Mule mehr Dynamik und Transparenz erhält.
Das Muster wird damit klarer: Der größte Einzelklang ist nicht automatisch der größte Gesamtsound. Wobei zum Humbucker gesagt sei, dass es für alles, was wir so als fetter Gitarrensound bezeichnen würden, durchaus eine Hausnummer sein dürfte…
Der Amp: Mitten statt Bass

Am Verstärker kommt der Punkt, an dem ich meinen eigenen Gitarrensound regelmäßig hinterfragen (und aktiv ändern) muss. Spiele ich allein, klingt mein treuer Laney Amp mit ordentlich Bass, zurückgenommenen Mitten und sattem Gain zunächst wirklich beeindruckend. Der Raum wird gefüllt und tiefe Powerchords drücken: Ein schöner, fetter Gitarrensound. Aber leider liegt genau da das Problem.
Eine Gitarre muss im Bandkontext nicht die Aufgabe des Basses übernehmen und auch nicht mit der Bassdrum um die tiefsten Frequenzen kämpfen. Ihr wichtigstes Spielfeld liegt weiter oben, vor allem in den Mitten.
Dreht man diese heraus und versucht den fehlenden Druck mit mehr Bass und Gain zu kompensieren, bekommt man alleine einen imposanten Sound, der im Arrangement schnell verschwindet.
Deshalb kann ein richtig guter Gitarrensound isoliert erstaunlich schlank und unangenehm mittig wirken — schaut mal bei den „schlechtesten Gitarrensounds aller Zeiten“ rein. Klingt einzeln teilweise echt fies. Aber sobald Bass und Schlagzeug einsetzen, sitzt er plötzlich genau dort, wo er hingehört.
Gerade bei mehreren Gitarrenspuren wird das wichtig. Jede zusätzliche Portion Bass konkurriert mit anderen Instrumenten und jede weitere Portion Gain nimmt dem Anschlag Kontur. Statt immer mehr Frequenzen in den Sound zu packen, lohnt es sich häufig, gezielt welche herauszunehmen.
Der Speaker: Wo aus Elektrik tatsächlich Klang wird
Über Gitarren und Verstärker können wir alle vermutlich stundenlang kontrovers und mit wachsender Begeisterung diskutieren. Der Lautsprecher wird dagegen erstaunlich oft nur als Ende der Signalkette betrachtet. Dabei passiert genau dort etwas Entscheidendes: Aus dem elektrischen Signal wird bewegte Luft.
Lautsprecher sind alles andere als neutral: Ein Celestion Greenback reagiert anders als ein Vintage 30, ein klassischer Jensen wiederum anders als beide. Frequenzgang, Wirkungsgrad und das Verhalten bei höheren Lautstärken bestimmen entscheidend mit, was vom Amp im Raum ankommt.
Dazu kommt die Box selbst. Eine offene 1x12er verteilt Schall anders als eine geschlossene 4x12er. Letztere bewegt mehr Luft und koppelt anders mit dem Raum. Der Eindruck von Größe entsteht deshalb nicht einfach nur durch zusätzliche Lautstärke.
Das merkt man sofort, wenn derselbe Verstärker an unterschiedlichen Boxen hängt. Bass, Mitten und sogar die gefühlte Menge an Verzerrung verändern sich. Wer Zeit und Ressourcen hat, kann das im Proberaum simulieren, einen ersten Anhalt können aber gute Simulationen wie Bias FX und Co. bieten. Klicken und testen bis ins Morgengrauen garantiert.
Der eigentliche Trick: Zwei kleine Gitarren ergeben eine große
Ein wirklich fetter Gitarrensound wie auf unseren Lieblingsplatten braucht neben all dem genannten noch eine entscheidende Zutat: eine zweite Gitarre.
Das klassische Verfahren ist dabei das Double Tracking (oder tripple, vierfach, whatever). Ein Rhythmuspart wird zweimal möglichst identisch eingespielt. Eine Aufnahme landet links im Stereobild, die andere rechts. Entscheidend ist dabei das Wort „eingespielt“. Eine Spur einfach zu kopieren erzeugt nicht denselben Effekt. Also: Mühe geben ist angesagt.
Die Größe entsteht aus den winzigen (!) Unterschieden zwischen beiden Takes. Timing, Anschlagstärke und Intonation unterscheiden sich beim menschlichen Spieler stets minimal. Genau diese Abweichungen sorgen dafür, dass unser Ohr zwei ähnliche, aber nicht identische Signale wahrnimmt. Das Ergebnis wirkt breiter, mächtiger und größer.
Bei Produktionen von Metallica, den Foo Fighters oder den Smashing Pumpkins wurde dieses Prinzip teilweise deutlich weitergetrieben: Mehrere Gitarren, unterschiedliche Amps und zusätzliche Layer können eine enorme Klangwand erzeugen. Und niemand hat je behauptet, zehn Gitarrenspuren wären Overkill. Oder?
Allerdings gilt auch hier: Mehr ist nicht automatisch besser. Mit jeder zusätzlichen Spur steigt die Gefahr, dass sich Frequenzen gegenseitig verdecken. Deshalb müssen einzelne Spuren häufig schlanker, trockener und weniger verzerrt sein, als man beim Solospielen erwarten würde.
Der wichtigste Mitspieler: Der Bass

Jetzt wird es für einen Gitarrenartikel beinahe unangenehm: Ein erheblicher Teil eines richtig fetten Gitarrensounds kommt möglicherweise gar nicht von der Gitarre selbst.
Wer bei einer Rockproduktion während eines großen Refrains den Bass mutet, erlebt häufig einen deutlichen Effekt: Die Gitarren bleiben erhalten, trotzdem fällt das Fundament plötzlich zusammen. Schaltet man den Bass wieder dazu, scheint auch die Gitarre größer zu werden.
Spielt der Bass das Gitarrenriff in seiner Grundform mit, ergänzt er genau jene tiefen Frequenzen, die wir am Gitarrenamp bewusst nicht übermäßig betont haben. Unser Ohr setzt beides anschließend zu einem gemeinsamen, größeren Eindruck zusammen.
Besonders gut funktioniert das mit einem leicht angezerrten Basssound: Die Verzerrung erzeugt Obertöne, die in den Frequenzbereich der Gitarren hineinreichen. Bass und Gitarre können dadurch klanglich miteinander verschmelzen. Die Gitarre liefert dann Attack, Mitten und Aggressivität, der Bass Fundament und Gewicht. Zusammen entsteht etwas, das keines der beiden Instrumente allein erzeugen könnte.
Warum dein Sound alleine schlechter klingen darf

Damit kommen wir zu einer Erkenntnis, die beim Soundbasteln zuhause zunächst unbefriedigend sein kann: Der perfekte Gitarrensound muss alleine überhaupt nicht perfekt klingen.
Ich kenne das aus dem eigenen Homestudio: Man sitzt vor Amp oder Plugin, spielt dasselbe Riff wieder und wieder und schraubt so lange am Sound, bis die einzelne Gitarre möglichst beeindruckend klingt. Etwas mehr Bass, etwas mehr Gain, vielleicht noch Hall.
Dann startet der restliche Mix und plötzlich ist von all der Herrlichkeit kaum noch etwas übrig.
Deshalb lohnt es sich, Sounds möglichst früh im musikalischen Zusammenhang zu beurteilen. Ein einfacher Drumloop mit Bassspur reicht mir dafür bereits. Erst dann höre ich wirklich, welche Frequenzen fehlen und welche zu viel sind.
Oft wird der Gitarrenton dabei zunächst einmal gefühlt kleiner: weniger Bass, weniger Gain, weniger Hall, dafür mehr Mitten und Attack. Solo klingt das vielleicht weniger spektakulär, im Mix beginnt die Gitarre dagegen zu wachsen, weil sie nicht mehr gegen alle anderen Instrumente kämpfen muss.
Fazit: Fetter Gitarrensound entsteht zwischen den Instrumenten
Was brauchen wir also für einen wirklich großen Gitarrensound? Natürlich spielen Gitarre, Pickup, Amp und Speaker eine wichtige Rolle. Trotzdem gibt es kein einzelnes Gerät und kein magisches Setting, das aus einem normalen Sound automatisch ein fetter Gitarrensound wird.
Größe entsteht durch das Zusammenspiel vieler kleiner Entscheidungen. Ein kontrollierter Anschlag liefert Definition. Weniger Gain erhält den Attack. Die richtigen Mitten schaffen Durchsetzungskraft. Speaker und Box formen das Ergebnis. Double Tracking erzeugt Breite und der Bass liefert jenes Fundament, das wir gerne allein von der Gitarre erwarten.
Wer seinen Gitarrensound größer machen möchte, sollte nicht immer versuchen, die einzelne Gitarre größer zu machen. Manchmal muss sie bewusst kleiner, schlanker und einfacher klingen. Denn der wirklich große Gitarrensound entsteht nicht vor dem Verstärker und auch nicht im Pedalboard sondern zwischen den Instrumenten.
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