Die berühmtesten Gitarrensounds der Welt: Jeder kennt sie, kaum jemand ihren Namen
Manchmal reichen zwei oder drei Sekunden, und wir wissen sofort, was wir hören. Nicht unbedingt den Song, eine bestimmte Band oder den Gitarristen, sondern ganz bestimmte Gitarrensounds. Manche Klänge sind so tief in unserem musikalischen Gedächtnis verankert, dass sie ganze Genres, Jahrzehnte oder Bands definieren. Dabei haben sich im Laufe der Zeit einige Bezeichnungen entwickelt, die diese Sounds beschreiben sollen — manch einer kommt aber mit den Unterschieden und Besonderheiten durcheinander. Das ändern wir. Hier kommt mein kurzer Überblick zu den großen Gitarrensounds.
Gitarrensounds, die jeder kennt: Inhalt
Bei der Recherche zu diesem Artikel ist mir wieder einmal aufgefallen, dass es interessanterweise oft gar nicht die spektakulärsten Sounds sind, die Geschichte geschrieben haben. Viele davon wirken für sich genommen sogar erstaunlich unscheinbar, in manchen Bereichen fast objektiv schlecht. Erst im Zusammenspiel mit Band, Arrangement und Spielweise entfalten sie dann ihre volle Wirkung.
Der Plexi-Crunch: Der Sound, den wir als klassischen Rock abgespeichert haben
Fragt man Gitarristen nach dem Inbegriff des Classic Rock, denken viele automatisch an einen Marshall. Genauer gesagt an den legendären Plexi aus den späten Sechzigern.
Das Besondere daran ist, dass dieser Sound weit weniger verzerrt ist, als viele vermuten. Statt einer dichten High-Gain-Wand hört man einen offenen Crunch, der extrem auf die Anschlagstärke reagiert. Spielt man sanft, bleibt der Ton beinahe clean. Greift man kräftig zu, beginnt der Verstärker förmlich zu singen (Schreien? Kreischen?).
Genau diese Dynamik macht den Plexi-Crunch bis heute zur Grundlage unzähliger Rockproduktionen. AC/DC, Free, Led Zeppelin oder auch Van Halen in seinen frühen Jahren zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich derselbe Grundcharakter eingesetzt werden kann.
Das Vox-Jangle: Wenn Gitarren plötzlich glänzen
Es gibt Sounds, die sich nur mit frisch geschaffenen Wortkreationen beschreiben lassen. Das berühmte Vox-Jangle gehört dazu.
Gemeint ist dieser brillante, leicht glockige Klang eines Vox AC30, der besonders mit Single-Coils oder Semi-Hollow Gitarren seinen typischen Charakter entwickelt. Die Höhen wirken offen und präsent, ohne unangenehm scharf zu werden. Akkorde behalten selbst bei komplexen Voicings ihre Transparenz.
Spätestens seit den Sechzigern begleitet dieser Sound Bands wie The Beatles, The Byrds, später Queen, R.E.M. oder U2. Auch viele moderne Indie-Produktionen greifen bis heute auf genau diese Gitarrensounds zurück.
Der Fender-Clean: Mehr als nur sauber

Fast jeder spricht vom Clean-Sound, gemeint ist dabei aber meist ein ganz bestimmter Klang: der berühmte Fender Clean.
Er zeichnet sich durch große Klarheit, viel Headroom und einen leicht ausgehöhlten Mittenbereich aus (Pedalplattform…). Dadurch bleibt jede Note deutlich hörbar, selbst wenn Hall, Tremolo oder andere Effekte hinzukommen.
Dieser Sound ist die Grundlage zahlloser Stilrichtungen. Ob Country, Surf, Funk, Blues oder moderner Pop: Der Fender Clean gehört zu den vielseitigsten Gitarrensounds überhaupt, der sich ganz wunderbar mit allen möglichen Effekten und technischen Spielereien versteht. Interessanterweise ist er gleichzeitig einer der unauffälligsten Gitarrensounds. Vielleicht gerade deshalb hat er sich über Jahrzehnte hinweg kaum verändert. Never change a winning Team und so…
Die Wall of Fuzz: Wenn Kontrolle keine Rolle mehr spielt
Während viele Gitarrensounds auf Transparenz setzen, verfolgt die berühmte Wall of Fuzz genau das Gegenteil:
Gitarre, Verstärker und Lautsprecher verschmelzen zu einer beinahe undurchdringlichen Klangwand. Einzelne Noten treten in den Hintergrund. Stattdessen entsteht eine dichte Textur, die fast orchestral wirkt.
Berühmt wurde dieser Sound unter anderem durch den Big Muff, der bis heute eng mit Gitarristen wie David Gilmour, den Smashing Pumpkins oder zahlreichen Shoegaze-Bands verbunden wird. Gerade in Verbindung mit Hall und Delay entsteht daraus jener dichte Klangteppich, den viele sofort wiedererkennen. Von Stoner-Rock wollen wir an dieser Stelle garnicht erst anfangen.
Der Twang: Mehr als nur eine Telecaster

Sagt jemand Twang, denken die meisten sofort an eine Telecaster. Tatsächlich beschreibt der Begriff aber weniger die Gitarre als den gesamten Klangcharakter.
Typisch sind ein sehr direkter Anschlag, ausgeprägte Höhen und ein perkussives Spielgefühl. Oft kommen dazu ein sauber eingestellter Röhrenverstärker, ein leichter Compressor und ein kurzes Slapback-Delay.
Obwohl der Twang ursprünglich aus dem Country stammt, findet man ihn heute auch im Rockabilly, Americana oder sogar in modernen Popproduktionen. Sobald eine Gitarre besonders knackig und federnd klingt, ist der Weg zum Twang nicht mehr weit.
Der gescoopte Metal-Sound

Über Jahrzehnte galt er als Inbegriff moderner Metal-Produktionen: der sogenannte Mid Scoop.
Dabei werden die Mitten deutlich abgesenkt, während Bässe und Höhen angehoben werden. Alleine gespielt wirkt dieser Sound riesig, aggressiv und beeindruckend, metallisch halt. Im Bandkontext zeigt sich allerdings schnell seine Schattenseite: Fehlen zu viele Mitten, verschwindet die Gitarre oft hinter Bass und Schlagzeug. Ganz schön zu hören in den ersten Metallica Alben. Abhilfe schafft dann Lautstärke und ein zurücktretender Bass (sorry, Jason Newsted).
Deshalb setzen viele moderne Produktionen heute wieder auf deutlich mittenreichere Sounds, obwohl sich der Mythos vom vollständig gescoopten Metal-Sound bis heute hartnäckig hält.
Der „Brown Sound“
Nein, es ist nichts Schlimmes. Gemeint ist jener warme, gleichzeitig bissige Rhythmus- und Solosound, den Eddie Van Halen Ende der Siebziger populär machte. Bis heute wird darüber diskutiert, wodurch dieser Klang eigentlich entstand. Lag es am Marshall? Am Variac? An den Pickups? Oder schlicht an Van Halens außergewöhnlicher Spielweise?
Wahrscheinlich steckt von allem etwas darin. Gerade deshalb zeigt der Brown Sound, dass legendäre Gitarrenklänge fast nie allein durch Equipment entstehen. Leider. Wäre halt auch ganz schön.
Fazit: Warum diese Gitarrensounds bis heute funktionieren

Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Stärke. Jeder dieser Gitarrensounds besitzt einen klaren Charakter, ohne übertrieben speziell zu wirken. Sie funktionieren nicht nur allein im Wohnzimmer, sondern vor allem dort, wo Gitarren letztlich hingehören: im Song (den Midscoop mal rausgerechnet…).
Viele moderne Effekte und Amps versuchen, möglichst tausend verschiedene Klangvarianten anzubieten. Gleichzeitig greifen wir am Ende doch immer wieder auf genau diese wenigen Klassiker zurück. Nicht aus Nostalgie, sondern weil unser Ohr sie längst als vertraut, musikalisch und ausgewogen abgespeichert hat.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten Soundexperiment weniger nach dem neuesten Preset zu suchen und stattdessen einen dieser zeitlosen Klassiker bewusst nachzubauen: Die Chancen stehen gut, dass ihr ihn schon unzählige Male gehört habt. Und mindestens als Ausgangspunkt für eine Suche nach dem perfekten Ton sind sie mehr als hilfreich!
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