Gitarrensounds der 90er: Wie fünf Bands die E-Gitarre für immer verändert haben
Es gibt Jahrzehnte, die man musikalisch bereits nach wenigen Sekunden erkennt. Die 1970er gehören bestimmt dazu, die 1980er ebenfalls. Doch wenn es um die E-Gitarre geht, waren die Gitarrensounds der 90er vielleicht die spannendsten überhaupt. Anhand von fünf Bands wollen wir versuchen, dieses Vermächtnis zu ergründen.
Gitarrensounds der 90er: Inhalt
Während die Achtziger von immer größeren Racks, immer mehr Gain und immer spektakuläreren Soli geprägt waren, schien Anfang der 90er plötzlich alles auf dem Prüfstand zu stehen. Die Gitarrenwelt verlor ihr Interesse an Hochglanz und Perfektion. Stattdessen entstanden Sounds, die kantiger, ehrlicher und oft deutlich weniger poliert daherkamen. Gitarristen wollten nicht länger wie ihre Vorbilder klingen, sie wollten etwas Neues erschaffen.
Rückblickend ist es faszinierend, wie unterschiedlich die wichtigsten Gitarrensounds der 90er ausfielen. Zwischen dem kaputten Grunge-Brett von Nirvana, den futuristischen Klangexperimenten von Radiohead und den maschinenartigen Sounds von Rage Against The Machine liegen Welten. Und trotzdem stammen all diese Klangwelten aus demselben Jahrzehnt.
Viele moderne Gitarrensounds basieren bis heute auf Ideen, die in den 1990ern entstanden sind. Wer verstehen möchte, warum Alternative Rock, Metal, Indie oder Post Rock heute so klingen, wie sie klingen, der sollte einen Blick riskieren.
Nirvana: Der Sound, der den Rock neu startete

Es gibt vermutlich keinen Gitarrensound der 1990er, der einen größeren kulturellen Einschlag verursacht hat als der von Nirvana.
Als „Smells Like Teen Spirit“ 1991 veröffentlicht wurde, wirkte die Gitarrenwelt plötzlich wie ausgetauscht. Die perfekt produzierten Rockbands der Achtziger waren über Nacht altmodisch geworden. Statt virtuoser Soli, aufwendiger Effektketten und millionenschwerer Bühnenproduktionen standen da plötzlich Typen auf der Bühne, die klangen, als hätten sie ihr Equipment auf einem Flohmarkt zusammengekauft. Haben sie vermutlich zu Beginn ihrer Karrieren auch. Was abwertend klingen mag, war jedoch vor allem eines: Eine Initialzündung.
Kurt Cobains Gitarrensound war nie besonders edel und er sollte es auch gar nicht sein. Seine Fender Jaguars, Mustangs und gelegentlichen Stratocaster spielten keine Rolle als Prestigeobjekte (heute natürlich schon), sondern als Werkzeuge. Der eigentliche Star war die Kombination aus lauten Verstärkern, aggressiven Boss-Pedalen und einer kompromisslosen Spielweise.
Besonders die Mischung aus nahezu cleanen Strophen und explodierenden Refrains wurde zum Markenzeichen des Grunge. Dieser abrupte Wechsel zwischen Zerbrechlichkeit und Chaos prägt bis heute unzählige Rockproduktionen und war für mich immer eines der besten Elemente des Storytelling innerhalb eines einzelnen Songs.
Doch der eigentliche Einfluss von Nirvana ging weit über die Gitarrensounds der 90er hinaus: Plötzlich war es wieder erlaubt, unperfekt zu sein. Gitarren durften schmutzig klingen, Verstärker durften kratzen (mussten sie sogar). Songs mussten nicht länger technische Meisterleistungen sein, sie sollten Menschen berühren. Persönlichkeit schlägt Perfektion.
Gitarrensounds der 90er: Rage Against The Machine

Wenn Nirvana die Rockwelt zurück auf den Boden holte, dann zeigte Tom Morello mit Rage Against The Machine, dass die E-Gitarre noch längst nicht all ihre Möglichkeiten ausgeschöpft hatte.
Als Rage Against The Machine Anfang der Neunziger auftauchten, klang das zunächst vertraut. Harte Riffs, aggressive Grooves und ein Marshall-Verstärker gehörten schließlich zum Standardrepertoire vieler Rockbands. Doch bereits nach wenigen Songs wird klar, dass hier etwas völlig anderes passierte. Tom Morello behandelte die Gitarre nicht wie eine Gitarre, eher wie einen Synthesizer, ein Turntable oder eine experimentelle Geräuschmaschine.
Mit Hilfe eines Digitech Whammy, verschiedener Wah-Pedale, Kill-Switches und ungewöhnlicher Spieltechniken erschuf er Sounds, die bis dahin kaum jemand mit einer E-Gitarre für möglich gehalten, bzw. auf einem Album gebannt hätte.
Während viele Gitarristen damals versuchten, immer bessere Versionen bekannter Sounds zu erschaffen, entwickelte er eine völlig neue Sprache für das Instrument. Seine Sounds waren nicht bloß Effekte sondern wurden Teil der Komposition.
Bis heute lässt sich dieser Einfluss in zahllosen modernen Genres erkennen. Ob Nu Metal, Industrial Rock, Progressive Metal oder experimenteller Alternative Rock: Die Idee, die Gitarre als Klanggenerator und nicht nur als traditionelles Saiteninstrument zu betrachten, geht sicherlich auch zu einem Teil auf Tom Morello und Rage Against The Machine zurück.
Radiohead: Die Geburt moderner Klanglandschaften

Wenn man heute von Ambient-Gitarren, Soundscapes oder atmosphärischen Gitarrentexturen spricht, führt kaum ein Weg an Radiohead vorbei. Zumindest, wenn man den Blich zu den Gitarrensounds der 90er nicht scheut.
Denn natürlich gab es bereits vor den 1990ern Gitarristen, die mit Delays, Hallräumen und ungewöhnlichen Effekten experimentierten. Doch Radiohead gelang etwas Besonderes: Sie machten diese Klangwelten massentauglich.
Vor allem ab „OK Computer“ begann die Band, die klassische Rolle der Gitarre neu zu definieren. Statt als Solo-Performer im Bandgefüge permanent im Vordergrund zu stehen, wurde sie zunehmend Teil größerer Klanglandschaften. Einzelne Akkorde schwebten durch riesige Hallräume, Delays erzeugten rhythmische Muster und Gitarrenspuren wurden zu atmosphärischen Flächen, die sich mit Synthesizern und elektronischen Elementen vermischten.
Besonders Jonny Greenwood entwickelte dabei eine Herangehensweise, die bis heute unzählige Gitarristen beeinflusst. Sein Spiel war oft weniger von klassischen Rocktraditionen geprägt als von Filmmusik, Avantgarde und moderner Klassik.
Das Ergebnis ist einer der Gitarrensounds der 90er, der nicht mehr primär über Verzerrung oder Lautstärke funktionierte, sondern über Atmosphäre.
Rückblickend lässt sich kaum überschätzen, welchen Einfluss diese Entwicklung hatte. Post Rock, Shoegaze, moderne Indie-Musik und sogar viele Ambient-Projekte greifen bis heute auf Ideen zurück, die Radiohead in den Neunzigern populär gemacht haben.
Tool: Die Blaupause für modernen Heavy-Sound

Während Radiohead die Gitarre immer weiter in Richtung Atmosphäre verschoben, gingen Tool den entgegengesetzten Weg. (Einen wunderbaren, muss ich an dieser Stelle ergänzen.)
Ihre Musik wurde präziser, schwerer und technisch anspruchsvoller. Und genau deshalb gehört ihr Gitarrensound zu den einflussreichsten Klangbildern der gesamten 1990er.
Als „Ænima“ 1996 erschien, wirkte die Band bereits wie ein Blick in die Zukunft. Wo viele Metal-Bands damals vor allem auf möglichst viel Verzerrung setzten, zeigte Adam Jones, dass Definition wichtiger ist als zu viel Gain.
Das Besondere am Sound von Tool ist bis heute die Balance zwischen Brutalität und Kontrolle.
Viele von Jones’ Riffs bestehen aus vergleichsweise einfachen Figuren, entfalten ihre Wirkung aber durch Timing, Dynamik und den berühmten Groove der Band. Zusammen mit Bassist Justin Chancellor und Schlagzeuger Danny Carey entstand ein Klangbild, das nicht einfach nur schwer (im Sinne von „heavy“) war, sondern hypnotisch.
Bands wie Karnivool, Soen, TesseracT oder sogar Teile der Djent-Bewegung greifen noch heute auf Ideen zurück, die Tool bereits in den Neunzigern etabliert haben.
Oasis: Die Rückkehr des klassischen Rock’n’Roll

Während in Amerika Grunge, Alternative und experimentelle Sounds die Gitarrenwelt veränderten, passierte auf der anderen Seite des Atlantiks etwas völlig anderes: Oasis machten Vintage plötzlich wieder modern in „Cool Britannia“.
In den Gitarrensounds der 90er dominierte in vielen Bereichen der Rockmusik eine gewisse Anti-Haltung gegenüber klassischen Rocktraditionen: Die großen Dinosaurierbands (Stones-Fan hier, aber es ist halt so) der 1970er galten als überholt. Gitarrensoli wurden kritisch betrachtet und Vintage-Gear war noch längst nicht der milliardenschwere Markt, den wir heute kennen.
Dann kamen Noel Gallagher und Oasis und statt nach vorne zu schauen, blickten sie bewusst zurück. Oasis-Songs waren voller Beatles-Anspielungen, Noels Verstärker stammten aus der klassischen britischen Schule und seine Gitarren orientierten sich an Vorbildern, die bereits Jahrzehnte zuvor Geschichte geschrieben hatten.
Doch Oasis kopierten ihre Einflüsse nicht einfach, sie übersetzten sie für eine neue Generation. Der Sound von Songs wie „Live Forever“, „Don’t Look Back In Anger“ oder „Champagne Supernova“ verband klassische Rocktraditionen mit der Energie und Attitüde einer modernen Band.
Dabei spielte auf Gitarren-Seite vor allem die Semi-Hollow-Gitarre eine zentrale Rolle. Modelle wie die Gibson ES-355 oder die Epiphone Sheraton wurden plötzlich wieder sichtbar, ganz abseits von teuren Jazz-Akkorden. Kombiniert mit Vox- und Marshall-Amps entstand ein Sound, der groß, melodisch und wirklich unverkennbar britisch war.
Der Einfluss von Oasis reicht bis heute weit über den Britpop hinaus: Viele moderne Indie-Bands verdanken Noel Gallagher die Erkenntnis, dass man nicht zwangsläufig das Rad neu erfinden muss, um relevant zu sein. Manchmal genügt es, alte Ideen mit genug Überzeugung und Persönlichkeit neu zu interpretieren.
Was diese fünf Sounds gemeinsam hatten
Betrachtet man diese fünf Gitarrensounds nebeneinander, wirken sie zunächst vollkommen unterschiedlich.
Nirvana setzte auf rohe Energie und bewusst unperfekte Sounds. Rage Against The Machine verwandelten die Gitarre in eine futuristische Effektmaschine. Radiohead erschufen atmosphärische Klanglandschaften. Tool definierten modernen Heavy-Sound neu. Oasis brachten klassische Rocktraditionen zurück ins Rampenlicht.
Und dennoch verbindet sie etwas: Denn keine dieser Bands war auf der Suche nach dem perfekten Sound.
Heute verbringen wir Gitarristen Stunden damit, Presets zu vergleichen, Impulsantworten zu testen oder minimale Unterschiede zwischen verschiedenen Overdrive-Pedalen zu analysieren. Die Helden der 1990er hatten andere Prioritäten: Wiedererkennungswert, Persönlichkeit und Charakter.
Alle fünf Bands entwickelten mit den Gitarrensounds der 90er einen Klang, den man innerhalb weniger Sekunden erkennt. Und genau das ist bis heute das größte Kompliment, das man einem Gitarristen machen kann, oder?
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Ein Kommentar zu “Gitarrensounds der 90er: Wie fünf Bands die E-Gitarre für immer verändert haben”
Wenn Nirvana schon aufgeführt wird, sollte man die Pixies nicht vergessen, die Kurt Cobain laut eigenen Worten verehrte und als Blaupause für „Smells like teen spirit“ dienten. Sie waren Vorreiter und Inspirationsgeber vieler Bands in den 90ern, mit Ihrem eigenwilligen Gitarrensound.