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Angecheckt: nanoloop FM

Angecheckt: nanoloop FM  ·  Quelle: Gearnews

1998 erschien Nanloop für den zu der Zeit eigentlich schon betagten Nintendo Game Boy. Das Modul machte neben Little Sound DJ (aka. LSDJ) einen kleinen Synthesizer mit eingebautem Sequencer aus der Handheld-Konsole. Während LSDJ dabei wie ein klassischer Tracker anmutet, setzt Nanoloop auf ein eher abstraktes Interface. Zwei Versionen für den Game Boy, eine für den Game Boy Advance sowie Adaptionen für iOS und Android begeistern seit Jahren die Fans. Und das sind nicht unbedingt nur Leute, die auf Chiptune-Musik stehen. Die Zukunft ist bereits gesichert: In der kommenden Edel-HD-Variante des Game Boy, dem Analog Pocket, ist die Originalversion bereits vorab installiert. Soeben ist die lang erwartete Standalone-Variante nanoloop FM erschienen, die als Kickstarter-Projekt im März 2019 ihren Anfang nahm. Mit etwas über einem Jahr Verspätung ist das Projekt nun zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Seit ein paar Wochen kommen die ersten Geräte bei den Unterstützern an, eins davon landet direkt im „Angecheckt“-Testlabor.

nanoloop FM

Endlich ist der nanoloop FM da! Die Entwicklung des Projekts von Oliver Wittchow hat sich am Ende anscheinend doch ein bisschen schwieriger gestaltet, als zunächst geplant. Diverse Änderungen mussten vorgenommen werden, so sieht das finale Produkt auch nicht mehr ganz so aus wie bei der Ankündigung im März 2019. Mir gefällt das neue Design aber auf jeden Fall sehr gut, so viel schon vorab.

Auch die Endung „FM“ kam erst im Laufe der Fertigstellung hinzu, ursprünglich sollte das Gerät FM und Analog-Synthese gleichermaßen anbieten. Diese Idee wurde relativ schnell gekippt und der Entwickler entschied sich für den Split in zwei Modelle: Die hier vorliegende digitale Variante mit FM-Synthese und die zu einem späteren Zeitpunkt versprochene analoge Version.

Im Unterschied zu allen vorherigen Versionen ist Nanoloop FM zum ersten Mal eine eigenständige Hardware. Einer der wesentlichen Vorteile ist, dass kein „altertümlicher“ Game Boy oder GBA notwendig ist – ohne Backlight-Modifikation ist das monochrome Display der Konsole auch eine einzige Qual für die Augen. Des Weiteren verfügt das Handheld von Nintendo über keinen MIDI-Anschluss – obwohl sich das mit dem Anschluss für das Link-Kabel theoretisch lösen lässt.

Gut, die Klangerzeugung funktioniert auch etwas anders. Bei der ersten Version nutzt Nanoloop den Soundchip des Game Boy. Das Cartridge von Nanoloop Mono bietet sogar richtige Analog-Synthese. Auf dem Game Boy Advance kommt zum ersten Mal FM ins Spiel. In diesem Sinne ähnelt nanoloop FM also am ehesten der GBA-Version.

nanoloop FM

nanoloop FM

Die Hardware

Die Hardware ist kleiner als die meisten heutigen Smartphones und erinnert an ein etwas eigenwilliges Joypad im Rechteckformat. Das Gehäuse besteht aus der weißen PCB auf der Unterseite und einer Acrylglasscheibe auf der Oberseite. Acht Buttons befinden sich hier, vier davon sind wie ein typisches Steuerkreuz angeordnet, zwei wie übliche Buttons bei einem Game-Controller. Die verbleibenden zwei Knöpfe sind farblich abgesetzt und sitzen ober- und unterhalb des Steuerkreuzes auf der linken Seite. Zwei AAA Mikrobatterien sorgen für Stromversorgung, eine Batterie sitzt auf der linken Seite, die andere ist rechts platziert. An der Leiterplatte sitzen Anschlüsse für Kopfhörerausgang sowie In/Out für MIDI. Außerdem gibt es den obligatorischen Power-Schalter. Dass nanoloop FM auf Konsolen angefangen hat, sieht man dem Design weiterhin an. Und das ist auch gut so!

Das Display fehlt übrigens nicht, auch wenn es auf dem ersten Blick irgendwie danach aussieht. Statt auf OLED oder anderen „neumodischen Quatsch“ setzt nanoloop FM auf eine grobe LED-Matrix mit den drei Farben Rot, Grün und Orange. Diese ist in vier Bereiche aufgeteilt. Der obere Teil zeigt Parameter an, links signalisiert eine rote LED die ausgewählte Spur, unten befindet sich die „Navigationsleiste“ mit Symbolen aus maximal zwei grünen LEDs. In der Mitte sitzt die 4×4-Matrix für den Sequencer. Ein roter Punkt zeigt, wo etwas passiert, eine grüne LED darunter navigiert zu den einzelnen Steps. Und dann ist da noch ein nicht ganz so heller roter Punkt, der im eingestellten Tempo durch die Sequenz läuft.

Keine Frage, das ist ziemlich krude – macht aber eben auch den Charme des nanoloop FM aus. Und wer sich erst einmal daran gewöhnt, findet sich auch superschnell zurecht. Die Navigation geschieht über das Steuerkreuz, die danebenliegenden Buttons wechseln zwischen File- und Pattern-View (dazu gleich mehr), die anderen zwei Knöpfe sind in Kombination mit dem Kreuz für die Eingaben zuständig.

Features

Vier Kanäle/Spuren bietet nanoloop FM an. Die ersten drei sind für FM gedacht und verfügen über zwei Modi. Die erste ist eine einfache FM mit Carrier und Modulator, die andere bezeichnet der Entwickler als Feedback FM Square. Diese klingt wie eine gefilterte Rechteckschwingung, die sich in der Pulsbreite ändern lässt. Der vierte Channel widmet sich Noise/PCM. Alle Kanäle sind in Stereo. Ein einfacher LFO steht ebenso bereit, der auch als Hüllkurven-Ersatz funktioniert und entweder die Tonhöhe oder die Frequenzmodulation steuert.

Als Parameter lassen sich Notenwert, Oktave, zwei Intervalle (für Akkorde), FM Amount, FM Freq, FM Type, Decay, Attack, Volume, eine Art Klick-Geräusch, ein „Fake Reverb“ und LFO-Einstellungen (Frequenz, Amount, Modus, LFO-Ziel) eingeben. Dazu gesellt sich das Meta-Menü mit Einstellungen für Panning, einem sehr netten Stutter-Effekt und der sogenannten Meta-Funktion. Das ist sehr spannend, ich gehe da gleich genauer drauf ein.

Die MIDI-Anschlüsse im 3,5-mm-Klinkenformat unterstützen bis jetzt lediglich MIDI Sync. Ein zukünftiges Firmware-Update soll den internen Sequencer auch externe Geräte ansprechen lassen. Der MIDI-Ausgang besitzt eine weitere Funktion und kann nämlich Sync-Signale aus Volcas, Pocket Operators oder ähnlichen Geräten empfangen oder auch an diese senden. Sehr cool!

MIDI Ein- und Ausgang am nanoloop FM

MIDI Ein- und Ausgang am nanoloop FM

Verarbeitung und Firmware-Installation

Die Verarbeitung macht insgesamt einen guten Eindruck, auch wenn ich anfangs doch ein bisschen überrascht war. Das liegt vor allem an den zwei Batteriefächern. Die sind nämlich relativ eng und die Batterien müssen hier förmlich hineingedrückt werden. Ich hatte da zunächst die Befürchtung, dass schon dabei irgendwas kaputt geht. Aber das kleine Gerät ist stabiler als es aussieht. Die Haptik geht trotz der etwas hervorstehenden Batterien in Ordnung, nanoloop FM liegt gut in der Hand.

Nach dem Einlegen der Batterien und dem Einschalten dann der nächste Schreck: Es tut sich nichts, das Teil funktioniert gar nicht. Aber alles richtig so, erst muss nämlich die Firmware aufgespielt werden. Wie funktioniert das ohne USB-Anschluss oder Slot für SD-Karten? Nun ganz einfach: Über eine extra eingerichtete Website, einem Stereo-Klinkenkabel (3,5 mm), dem Rechner, Laptop, Smartphone oder Tablet und dem Kopfhörer-Eingang am Nanoloop. Auf der Website befindet sich eine Audiodatei, die abgespielt werden muss, wenn die Kopfhörerausgänge der Geräte miteinander verbunden sind. Der Vorgang dauert etwas über eine Minute und dann ist der kleine Taschen-Synthesizer einsatzfähig. Falls ihr neugierig seid, wie das übertragene Signal klingt, folgt einfach mal diesem Linkdreht aber unbedingt die Lautstärke vorher runter!

nanoloop FM

nanoloop FM

Patterns erstellen

So, jetzt geht’s endlich los. Die Bedienung geht wie gesagt schnell, wenn man mit dem Konzept von Nanoloop vertraut ist. Das ist bei mir der Fall, da ich alle bisher erhältlichen Versionen besitze – ich bin also „vorbelastet“.

Auf der Matrix gebe ich an ausgewählter Position eine Note ein, bei der dritten Spur zusätzlich zwei Intervalle. Hier ist also ein Akkord möglich, die Spur kann aber auch einstimmig verwendet werden. Der zweite Kanal ist eigentlich für zwei Stimmen gleichzeitig gedacht, das kommt aber erst mit einem späteren Update. Eine Kick erstelle ich mit tief gestimmten Noten auf dem ersten Kanal und einer Einstellung am LFO. Wow, die hat sogar richtig Punch! Für Hi-Hats oder Snare-Sounds eignet sich eher der vierte Kanal mit dem PCM-Rauschen.

Parameter gebe ich für jeden einzelnen Step individuell oder global ein. Das gefällt mir sehr gut. Grundsätzlich erstelle ich eintaktige Patterns, die ich auf vorgesehenen Speicherplätzen ablege. Acht Patterns kann ich für jeden einzelnen Kanal auf insgesamt 100 Bänken speichern. Die bleiben sogar nach dem Ausschalten erhalten. Einen Song-Modus gibt es noch nicht, der soll ebenfalls mit einem Update nachgereicht werden. Im Augenblick habe ich aber schon genug Spaß damit, die einzelnen Patterns während der laufenden Sequenz einzuladen und so in Echtzeit zu wechseln. Mit der jetzigen Firmware ist nanoloop FM in erster Line zum Jammen geeignet.

Chord-Eingabe beim nanoloop FM

Chord-Eingabe beim nanoloop FM, erkennt ihr die „Tastatur“ auf der oberen LED-Anzeige?

Stutter-Effekte und polyrhythmische Sequenzen

In der Effekt- und Meta-Auswahl kann ich für jeden Step einen Stutter programmieren. Dieser Effekt erinnert mich an ein Delay oder einen Beat-Repeat. Gefällt mir. Genial ist die Meta-Option. Damit stelle ich ein, ob der ausgewählte Step nur jedes zweite oder vierte Mal gespielt wird. Auf einfache Art zaubere ich mit diesem Trick eine Art mehrtaktiges Pattern. Wenn ich den Y-Knopf unter dem Steuerkreuz zweimal drücke, komme ich in eine Auswahl für das Tempo. Außerdem kann ich hier die Länge der Steps auf dem Kanal verändern. Damit entstehen ganz easy polyrhythmische Sequenzen. Außerdem verschiebe ich hier die Patterns in der Horizontalen und Vertikalen.

Es gibt auch einen Ping-Pong-Modus, bei dem sich die Laufrichtung des Sequencers ändert (wohlgemerkt nur auf dem ausgewählten Kanal) – aber fragt mich jetzt nicht, wie ich das zum Teufel noch mal aktiviert habe. In dem bisher verfügbaren Online-Manual gibt es noch keine Info dazu. Ich könnte aber schwören, dass ich diesen Modus beim Herumspielen schon aktiviert habe. Falls jemand von euch ebenfalls schon ein Gerät zu Hause hat, könnt ihr mir einen Tipp geben?

EIne Kick-Drum mit dem LFO erstellen

EIne Kick-Drum mit dem LFO erstellen

Sound

Die FM-Synthese ist sehr „basic“, dementsprechend fallen die Sounds aus. FM-typische „Klonk“-Klänge lassen sich im Handumdrehen erstellen, auf dem dritten der vier Channel sind schöne dreistimmige Chords möglich. Der vierte Channel taugt für Percussion-Sounds, ordentliche Hi-Hats und ebenso Snare-Drums. Dass hier richtige schöne Kick-Drums „drinstecken“ habe ich schon gesagt, harte und Acid-artige Bässe lassen sich ebenfalls rauskitzeln. Mir gefällt der Sound jedenfalls.

Fazit

Ich habe geduldig und sehr optimistisch auf die Fertigstellung des Projekts gewartet und bin mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. nanoloop FM hat Spielzeugcharakter, ist aber viel mehr als das. Ich bin mal gespannt, wie der kleine Synthesizer/Sequencer in Kombination mit anderen Geräten im Sync funktioniert. Das habe ich bis jetzt noch nicht ausprobiert. Wahrscheinlich werde ich diesen Artikel noch mal um meine Erfahrungen damit ergänzen. Auch als Quelle für Samples eignet sich die kleine Soundmaschine. Ich freue mich schon auf zukünftige Updates und auf das angekündigte Analog-Modell. Kann gut sein, dass ich mir das auch noch zulege. Ein tolles Projekt.

Verfügbarkeit

Aktuell ist nanoloop FM nur für die Leute erhältlich, die bei Kickstarter unterstützt haben. Update 30.12.2020: Ab sofort könnt ihr auch ein Gerät direkt beim Hersteller bestellen, der Preis beträgt 128 Euro. Falls ihr das Konzept gut findet und einen Game Boy (Advance) besitzt, bekommt ihr diese Varianten ebenfalls über die offizielle Website. Eine – wenn auch etwas andere – Alternative ist aus meiner Sicht der Model:Cycles von Elektron, den ihr ohne Probleme zum Beispiel bei unserem Partner Thomann (Affiliate) bekommt.

Weitere interessante Produkte unserer „Angecheckt“-Reihe findet ihr hier. Ihr habt Vorschläge? Dann her damit!

Weitere Infos

Videos

3 Antworten zu “Angecheckt: nanoloop FM – Synthesizer/Sequencer im Joypad-Format”

  1. t_argon sagt:

    Vielen Dank für das kleine Tutorial. Ich war schon am Verzweifeln.

  2. Philipp sagt:

    Der „Ping Pong“ Modus wird für den gerade ausgewählten Track aktiviert, indem man ins Global Menu geht (Y-Taste drücken, bis alle grünen Symbole leuchten), dort Y hält und
    dann einmal B drückt. Y halten und zweimal B drücken loopt einen einzigen Step im Pattern, der mit A+Cursor-Tasten verschoben werden kann. Y halten und dreimal B drücken aktiviert wieder den normalen Modus.

    Ich hatte den Ping Pong Mode auch erst zufällig aktiviert und bin dann bei der Suche danach fast verzweifelt. Das lag mMn daran, dass nach Drücken von Y+B das Global Menu verlassen wird und man wieder im Parameter Menu ist; wenn man jetzt nochmal Y+B drückt, erhöht man nur die Lautstärke. Man muss also jedes Mal erst wieder ins Global Menu wechseln.

    Ansonsten wirklich tolles Teil mit wunderschönem Sound und erheblichem Suchtpotential.

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