Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

 ·  Quelle: Harley Benton

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Seit der Einführung im Jahr 2015 hat das Modell einen erstaunlichen Siegeszug hingelegt. Nun folgt ein neues Kapitel, denn Harley Benton hat der SC-550 II einige beeindruckende Upgrades spendiert, allen voran die Decken aus Riegelahorn. Wir durften das neue Modell für unsere ANGECHECKT-Reihe unter die Lupe nehmen.

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Hinweis: Die Gitarre wurde uns kostenlos und ohne Anspruch an den Text oder eine Aussage von Thomann zur Verfügung gestellt.

Klischees in meinem Kopf

Okay, der Karton ist bei mir gelandet. Vor dem Auspacken gehe ich kurz in mich und überlege, welche Klischees eine 279 Euro teure Gitarre in meinem Kopf auslöst. Scharfe, schlecht verarbeitete Bundenden fallen mir ein. Eine mittelmäßige Ausführung der Lackierung, schlechte Stimmstabilität, wackelige Hardware und Potis, die schon nach 10 % Regelweg ihr gesamtes Potential entfaltet haben. Stumpfe Werksbesaitung, schlechte Intonation und steife Hölzer, die irgendwie nicht so richtig schwingen wollen. Alles schon erlebt.

Dass dies bei der neuen Harley Benton SC-550 II eher nicht der Fall sein würde, ist mir dennoch schon vor dem Auspacken klar. Denn einerseits hatte ich erst kürzlich Bekanntschaft mit dem durchaus überzeugenden Dullahan Headless-Modell gemacht. Andererseits handelt es sich bei der SC-550-Serie um eines der beliebtesten Aushängeschilder des Herstellers. Es würde mich also sehr wundern, wenn mich hier eine totale Gurke erwartet.

Harley Benton SC-550 II

Also, das Cuttermesser gezückt und los geht’s. Der erste Eindruck ist außerordentlich positiv: Das Exemplar in Faded Tobacco Flame Gloss mit seiner Kombination aus ansehnlicher Riegelahorndecke und einem absolut gelungenen Sunburst sieht umwerfend aus! Und das nicht nur aus der Ferne. Auch bei näherer Betrachtung kann ich nahezu keine Schwächen im Holz oder Lack erkennen.

Das cremefarbene Binding umrahmt das Instrument elegant. Ich bin verblüfft, dass Harley Benton das Design der Kopfplatte so nah an der einer echten Les Paul anlehnen darf. Rein optisch haben wir es hier mit einer tollen Ausführung zu tun, die stark an das Original erinnert. Einziger Wermutstropfen: Am Übergang von Hals zu Korpus ist ein feiner Haarriss. Nicht unüblich bei verleimten und überlackierten Hälsen.

Edelstahlbünde und Pau Ferro-Griffbrett

Auch wenn das Griffbrett im Farbton wie Palisander daherkommt, haben wir es mit Pau Ferro zu tun. Ich vermute mal, dass der eigentlich rötlichen Holzfärbung mit Beize nachgeholfen wurde. Auf alle Fälle wirkt es zusammen mit den Inlays sehr klassisch. Ich stehe drauf! Bevor ich mich den Klängen widme, ein paar Worte zur Verarbeitung und der Hardware.

Bei Instrumenten dieser Preisklasse wird leider viel zu oft am Bundmaterial sowie der Abrichtung gespart. Hier werden jedoch Bünde aus Edelstahl im Jumbo-Format verwendet, die zudem gut poliert und erstklassig abgerichtet und verrundet wurden. Ganz ehrlich, das hat mich wirklich überrascht und es fühlt sich hervorragend an!

Einzig der Sattel aus billig wirkendem Kunststoff mit leicht schmuddelig wirkenden Flecken trübt das positive Gesamtbild. Das Plastik scheint mir nicht von der Sorte zu sein, die sich mit den Jahren geschmackvoll cremig verfärbt. Das ist schade, aber wahrlich kein Weltuntergang, denn es tut der Funktion keinen Abbruch.

Hals, Profil, Stimmstabilität

Das Halsprofil wird mit „1960s“ angegeben. Nachgemessen ergibt das am 1. Bund 20 mm und 12. Bund 22 mm bei einem Griffbrettradius von 305 mm (12,00″). Weil der Hals und die Korpusrückseite vollständig lackiert sind, kann ich keine Äußerungen zur Qualität des verwendeten Mahagonis abgeben. Anfühlen tut sich das Ganze allerdings hervorragend. Ich stehe auf Hälse mit etwas Fleisch, besonders bei Rock-Gitarren. Und genau das bekommt man hier, ohne gleich Baseballschläger-Dimensionen zu erreichen.

Die verbauten Kluson Style Mechaniken verrichten in Kombination mit dem Tune-O-Matic Steg einen sauberen Job. Mir erscheint die SC-550 II trotz frischer Werksbesaitung als angenehm stimmstabil. Auch hier überrascht mich abermals die feine Arbeitsweise der Stimmmechaniken sowie die verblüffend gute Bundreinheit ab Werk. Das mir zur Verfügung gestellte Exemplar ist toll intoniert. Der Saitenabstand könnte den Sportlern unter euch minimal zu hoch sein. Ich selbst finde es genau richtig, um auch mal etwas deftiger anschlagen zu können.

Wie klingt’s?

Die Gewichtsklasse ist mit 4,1 kg definitiv einer Les Paul würdig. Und wie steht es um den Klang? Bereits trocken gespielt fühlt sich die Gitarre punchy an. Die Werksbesaitung (D’Addario EXL-110*) macht Laune und die Hölzer schwingen sehr gut – das ist doch vielversprechend!

Ich hatte mich bei der Auswahl des Modells bewusst für die günstigere Ausführung mit hauseigenen Tesla Opus-1-Tonabnehmern entschieden. Es handelt sich dabei um Alnico 5-Magneten und wachsbeschichtete Spulen. Sowohl der CR-N am Hals als auch der heller klingende CR-B am Steg sind speziell auf ihre Position abgestimmt.

 

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Let’s Rock!

Trotz der anfänglichen Vorbehalte und Klischees in meinem Kopf muss ich zugeben: Das Teil rockt! Ich hasse es, wenn Hersteller günstiger Tonabnehmer versuchen, klangliche Unzulänglichkeiten durch einen viel zu hohen Output zu vertuschen. Die Opus-1 von TESLA befinden sich im gesunden Mittelfeld. Auch klanglich liefern sie klassische Mitten ab, die sich im Blues und Classic Rock zu Hause fühlen. Und das ganz ohne nervig schneidende Höhen oder matschige Bässe. Sehr gut!

Die beiden Volume-Regler funktionieren wie gewünscht. Man kann sie also auch gut nutzen, um das Gain des Verstärkers über das Instrument zu kontrollieren. Der Pickup-Wahlschalter macht einen soliden Eindruck und die drei Positionen klingen ausgewogen. Hier gibt es nichts zu meckern. Was soll ich sagen, das Brett macht einfach Laune und angesichts des Preises macht echt niemand etwas verkehrt.

Mein Fazit

Ich muss schon sagen, die neue SC-500 II gefällt mir außerordentlich gut! Die Hardware, das Halsprofil, die Lackierung, die Tonabnehmer, die Hardtail Brücke. Das alles fühlt sich aus einem Guss an und sorgt dafür, dass ich alsbald den Ursprung und den Preis des Instruments vergaß und Spaß am Spielen hatte. Die neuen, verbesserten TESLA-Tonabnehmer und die Edelstahlbünde sind eine deutliche Aufwertung gegenüber Version 1! Wir haben es wahrhaftig mit einem ernstzunehmenden Instrument zu tun, mit dem ich absolut keine Probleme hätte auf die Bühne zu gehen.

Ich habe auf jeden Fall schon teurere Gitarren in der Hand gehalten, die sich nicht so gut anfühlten und nicht so gut geschwungen haben. Das Gewicht ist mit 4,1 kg am oberen Limit, aber für eine Les Paul-Kopie durchaus authentisch. Einzig der Sattel wirkt etwas billig und am Halsübergang war ein winziger Riss im Lack. Das ist Meckern auf hohem Niveau. In meinen Ohren klingt dieses Exemplar mit den günstigeren TESLA-Pickups wie eine Singlecut klingen muss. Es ist nicht nur eine gute Gitarre für den Preis, es ist eine gute Gitarre. Erstaunlich!

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6 Antworten zu “Angecheckt: Harley Benton SC-550 II”

  1. Thomas sagt:

    Zwiegespalten: auf der einen Seite ist eine Gitarre für 279€ schon cool, aber was richtet so ein Preis auf der anderen Seite mit dem Markt an? Bei 234€ ohne USt (das ist ja, was beim Händler ankommt) kann doch niemand mehr so recht verdienen (Hersteller, Transport, Handel) und der Umwelt wird man doch bestimmt auch nicht gerecht mit so billigem Holz – wo kommt das alles her? Nachhaltige Forstwirtschaft? Ob das anders aussieht bei den anderen großen Herstellern wage ich zu bezweifeln, aber hier wird doch nirgends mehr ein Taler verdient. Und alles über Masse machen? Nachdenklich.

    • pendolino sagt:

      ich kann deine Punkte absolut nachvollziehen. Ich habe mir da nämlich genau das gleiche gedacht. Besonders nachdem ich die ARTE Doku „Der verschwundene Wald“ gesehen hab. Das Problem ist halt leider, dass diese Instrumente auf den Markt kommen egal was ist… Nachhaltigkeit ist da fehl am Platz. Weil boah.. eine Gitarre für 279.- und jeder kleine Youtuber der so eine gesendet kriegt wird die mit Freuden zeigen. Nachdenklichkeit ist aber leider bei dem Thema irgendwie nicht vorhanden.

  2. Klaus sagt:

    die Rechnung sieht hier sogar noch „freundlicher“ aus, als bei anderen Marken. Immerhin hat es hier genau 2 Margen (Hersteller und Thomann). Bei Ibanez z.B. sind es 4! Hersteller (z.B. Cort), Marke (Ibanez), Importeur (Meinl), Einzelhandel …

    Wir dürfen nicht vergessen, dass an einer Gitarre nichts ist, was teuer ist … Holz kostet fast nichts (auch sogenanntes „Tonholz“, einfach mal ein wenig googlen …). Bunddraht auch nicht, Tonabnehmer sind auch nur Draht und Magnet(e), „Elektronik“? Alles Cent-Artikel. Bleibt die Arbeitszeit und die kostet in Indonesien z.Zt. zwischen 120 und 170 Euro (im Monat!). Der Transport aufm Schweröldreckscontainerschiff kostet auch fast nichts. Noch Fragen? Alles bei Google nachzulesen …

    Die schwierige Frage ist doch: Kauf ich die Gitarre aus Indonesien weil dadurch viele Menschen dort ein, wenn auch bescheidenes, Auskommen haben? Oder lieber nicht, weil es eins der Länder mit der schlechtesten Menschenrechtslage (dort herrscht teilweise die Scharia) ist, in dem Umweltgesichtspunkte kaum eine Rolle spielen?

    Nachdenklichkeit tatsächlich angebracht …

    • mAx sagt:

      Korrekt!
      Die nächste frage ist will ich so eine Gitarre überhaupt spielen? Klar, im Vergleich mit anderen günstigen Gitarren mag die evtl. sogar ganz gut abschneiden aber im grunde ist das doch müll…
      Ich lese immer wieder ‚die perfekte Gitarre für Einsteiger‘ aber ist sie das?
      Permanent kommen leute mit solchen Gitarren bei mir in die Werkstatt und wundern sich das Bünde überstehen, das die Gitarre an unmöglichen stellen Schnarrt usw…
      Selbst wenn man damit leben kann wie und unter welchen Bedingungen die Gitarre hergestellt wurde, im grunde macht so eine Gitarre grade für Einsteiger kein spaß…

      • klaus sagt:

        ich finde schon, dass es heute im unteren Preissegment durchaus taugliche Instrumente gibt. Klar, die Streuung der Qualität ist größer, die Langzeitstabilität oft nicht wirklich gegeben. Und gerade für Anfänger, die Einstellung und kleinere Reparaturen nicht selbst machen können verdirbt sowas schnell den Spaß.

        Habe meinen Schülern immer zu guten gebrauchten Instrumenten geraten (und bei der Auswahl geholfen). Nach einigen Jahren ist sowas stabil, was kaputt gehen kann ist bereits repariert, neue Macken und Kratzer machen nichts mehr aus. Und der Wertverlust ist minimal (wenn überhaupt). Brauchts nur jemand, der bei der Auswahl berät …

        • stephan sagt:

          Vielen Dank euch allen für die konstruktive und zugleich kultivierte Diskussion zu diesem Thema! Es macht große Freude mitzulesen.

          Auch ich empfehle meinen Schülern den Blick zum Gebrauchtmarkt. Allerdings muss ich häufig beobachten, dass deren Eltern diesem Thema sehr skeptisch gegenüber stehen und diese Denkweise dementsprechend auf ihren Nachwuchs übertragen. Da ist immer erstmal etwas Überzeugungsarbeit notwendig.

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