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Roland: digital ist das bessere analog?  ·  Quelle: Moogulator

Der Trend der analogen Synthesizer tobt, selbst Roland hat sogar analoge Elemente übernommen (JD-Xa / Xi, System 500 …). Korg baut den Odyssey und den MS20/M mit eingebauter Hackbarkeit in klein, Arturia und Novation duellieren sich im Bereich weit unter 500 €. Warum? Weil sie schnell und einfach zu bedienen sind. Aber wie geht es weiter?

Es gibt im Modulbereich immer mehr spannende und kreative digitale Module. Daher liegt die Idee nahe, nicht nur analoge Synthesizer zu bringen, sondern dass auch Konzepte für rein digitale Synthesizer gemacht werden, die absolut nicht in der Nähe von klassischen subtraktiven Synthese-Formen liegen. Das ist technisch kein Problem und ein Wunder, dass es bisher niemand gemacht hat. Sie müssen aber spielbar und überschaubar sein. Gut klingen müssen sie auch.

Es gibt bereits genug Viren und Nord Leads neben diversen monophonen analogen Synthesizern in nahezu allen Preisbereichen. Yamaha zeigte einst mit dem DX200 einen Versuch einer anderen einfachen Oberfläche für einen DX7. Sollte Yamaha zukünftig dieses Prinzip der Reduktion noch einmal anstreben, so sollte das vielleicht so beschaffen sein, dass alles auf 2-3 späteren Computergenerationen noch läuft oder kompatibel ist. Yamaha brachte damals einen OS9 Editor raus, der war aber kurze Zeit später nicht mehr unter OSX nutzbar – auch Windows entwickelt sich weiter. Am Gerät hätte man im schlimmsten Falle einige Taster gebraucht, um die klassische DX7 Oberfläche einzubauen, um ihn zeitloser zu machen. Aber der Ansatz war gut gemeint. Ein interner Editor sollte dies einfach bereit stellen, sodass man ohne Editoren noch in 20 Jahren damit arbeiten kann. Immer mehr Nutzer kennen dieses Problem und kaufen nicht mehr so schnell und so sind reduzierte Hardware-Angebote nur sinnvoll, wenn sie vollständig zugänglich bleiben.

Anzeichen für einfache Oberflächen, die analog aussehen, aber nicht analog sein müssen, gibt es auch – Rolands System 1/1m bietet neue Wellenform-Modelle an (FM etc.) und zeigt, dass diese Idee noch viel radikaler den ganzen Synthesizer erfassen könnte. Der muss weder „virtuell“ noch „analog“ sein. So könnte eine Hüllkurve die Obertöne komplex und vielfältig steuern und die andere die Lautstärke oder ein Taster schaltet mehrere Hüllkurven um. Das Ganze basiert dann nicht mehr auf klassischen Syntheseformen, sondern auf FM oder einer ganz andersartigen Form, die damit auch sehr einfach zu handhaben ist. Es ist nur eine alte Tradition, die das klassische Schema reproduziert wird. Dennoch sind solche Instrumente möglich. Romantik und Reproduktion bekannter Stile und ein etwas fehlender Mut bringt viele Hersteller anscheinend dazu, ihre Synthesizer fast immer gleich zu konzipieren: zwei bis drei Oszillatoren mit Filtern und Hüllkurven. Man schaut zu sehr beim Konkurrenten. Nicht nur bei Synthesizern. Damit schafft man sicher keine Revolution, sondern Retro-Romantik. Dieses Prinzip scheint Firmen z. Zt. wichtiger zu sein, als Instrumente mit neuen Klang- und Ausdrucksmöglichkeiten zu bauen, was ja dem Grundgedanken der Erbauer der ersten Synthesizer an sich entspricht. Jetzt ist es fast eher ein Zurückdenken – „weisst du noch, damals war der Sound echt fresh“…

Wo die Technik herkommen könnte? Aus einem Mutable Elements und dem passenden „Drumherum“ könnte man einen Physical Modeling Synthesizer oder modale Synthese recht gut umsetzen. Es ist zumindest technisch kein Problem. Genau das Modul zeigt das Potential, was unter vielen anderen Möglichkeiten nach „analog“ kommen könnte.

Keine Filter: Mutable Elements Phycial Modeling

Keine Filter: Mutable Elements Phycial Modeling

Das Ein-Mensch-Unternehmen aus Frankreich steht für fast unbemerkt und in großen Stückzahlen (2000) verkaufte Shruti Synthesizer-Bausätze. Was würde passieren, wenn man nichts selbst bauen müsste? Und das alles in einer kleinen Box und mit Knöpfen, nicht modular, aber mit ein paar wichtigen Basisbausteinen drum herum? Das Elements Modul kann beeindruckende Dinge mit wenigen Parametern tun. Hier fehlt konkret nur ein Set von VCAs, Hüllkurven und LFOs und schon hätte man mit wenigen Bedienelementen einen interessanten Synthesizer für alle. Die Anordnung und Anzahl der Bedienelementen sollte nicht komplexer sein als ein System 1 oder ein SH101 und sofort Ergebnisse liefern. Beim Futuresonus Parva klappte das mit den wenigen Bedienelementen zumindest für einen Analog-Synthesizer recht gut. Der ist übrigens polyphon.

Parva Analog Synthesizer (polyphon) mit neuartigem Design

Parva Analog-Synthesizer (polyphon) mit neuartigem Design


Ein digitales Instrument wie ein SH101, aber mit FM oder „irgendeiner Synthese, die nicht subtraktiv ist“.
 Wahrscheinlich wird man dem noch einen Stepsequencer hinzufügen, damit es Spaß macht, etwas auszuprobieren. Der Ansatz von Yamaha war so gesehen nur geringfügig unvollständig. In 16 Steps kann sich ein FM-Sound kaum entfalten, aber der Zugang war sicher ansprechend. Dass das geht, zeigt die Oberfläche des DX200 oder das schlichte Konzept des Madrona Labs Aalto und Kaivo. Diese sind nicht einmal total anders, sondern nur auf das Wesentliche zurückgedampft und agieren mit ihren loopbaren Hüllkurven so, dass man zwischen Hüllkurve, LFO und Sequencer als Modulationsquellen weniger Unterschied macht und sich auf diese wenigen Elemente als Spieler gern einlässt. Clavias A1 versucht das auch, es scheint aber sich von den alten Dinge nicht so recht verabschieden wollen und signalisiert mit dem „a“ noch immer Tradition => analog. Warum? Weil die weniger Beweglichen dann nicht erschrecken?

dx200

Yamaha DX200 – fast richtig gemacht

Man wird mit „wenigen“ Knöpfen ein Modell bauen, was vielseitig genug ist. Das werden die Leute bei Yamaha sicher auch wissen, wenn die sich den Markt ansehen. Yamaha wäre die Firma, die die nötige Kraft, das Geld und die Produktion von speziellen Chips durchführen kann. Eine Electribe oder ein Mininova ist heute auch weitgehend „nur“ ein gut verpacktes DSP-Board und der Hersteller muss nur für eine anständige musikertaugliche und ansprechende Bedienung sorgen. So etwas kann man also auch in größeren Stückzahlen verkaufen. Das Wichtige hier sind die Entwicklungskosten und das Risiko, aber das interessiert uns als Musiker eigentlich nicht. Synthesizer wurden lange wie unwerte Instrumente angeboten oder sehr billig wie ein Autoradio angepriesen. Das muss man nicht so machen. Apple beweist, dass man ganz normale Computer auch für den doppelten Preis verkaufen kann, wenn man sich etwas Mühe gibt und dafür ganz brauchbare Maschinen bereitstellt, weshalb heute andere Hersteller Sachen bauen, die genau wie ein iMac oder ein iPhone aussehen. Vermutlich, weil es in der Form doch ganz gut funktioniert. So eine Revolution fehlt noch. Die Siebziger-Jahre-Tapete ist heute cool und sogar Italo-Pop. Wenn das wiederkommt, wird man natürlich nicht am Instrument oder Besitz gemessen werden, sondern wie gut man es einsetzen kann.

yamaha synthbook

AN2015 innerhalb Synthbook (App)

Nun, Yamaha ist die einzige Firma, die selbst nach Casio noch nicht zurück zu lebendigen Synthesizern zurück gefunden hat. Sie müssen etwas tun. Sie brachten kürzlich eine App anlässlich ihres Geburtstages heraus, die einen Ausblick auf den AN1X mit vollständig funktionierendem Synth unter dem Namen AN2015 kostenlos in den Appstore stellten. SynthBook – AN2015 – Vorbote einer neuen Yamaha-Synthesizerzeit? Oder auch Rückblick in Hochglanz? Wer die App suchen will, muss nach „Synthbook“ suchen und dort in der App einen Menüpunkt für den AN2015 suchen. Aber es ist da.

AN2015 innerhalb Synthbook

AN2015 innerhalb Synthbook (App)

Etwas Beratung von Marktkennern und Nutzern und die Sache würde sicher besser funktionieren. Und dann kann sich Yamaha auf die bisherigen Stärken konzentrieren – das Neue für alle bauen. Es muss nicht FM oder Physical Modeling sein – diese zeigten nur, dass sie dazu in der Lage waren. Wenn es nicht Yamaha tut, dann vielleicht jemand anderes. Ein User namens Piotr im Yamaha-Forum hat sich ein paar Gehäuse einfallen lassen, sie wären zwar in dieser Form nicht für FM geeignet, aber sie zeigen sehr wohl, dass sie ansprechend aufbereitet werden könnten und wie das auf einer Bühne von 2016 aussehen könnte.

Fiktionaler DX10 FM Synth

Fiktionaler DX10 FM Synth

Der Vorteil einer solchen Lösung wäre in jedem Falle ungewöhnlich und somit hochattraktiv, da die anderen Hersteller einfach tun, was die anderen tun. Yamaha könnte die Firma sein, die nicht nur demonstrativ ihre Vergangenheit auf NAMM und Musikmesse und in App-Form zeigt, was sie waren, sondern auch was sie jetzt „drauf haben“. Wenn die es nicht machen, macht es jemand anderes. Wäre es nicht schon dumm, nicht in den Markt einzusteigen und die Langeweile ausgerechnet mit einem ähnlichen Video anzuführen wie Apple mit 1984 mit dem ersten Mac es tat? Heute würde man vielleicht statt Orwell einfach „fuck the system“ schreiben. Vergessen Sie 40 Jahre Stillstand, wir haben da was!

Moogulator

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