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Westworld Scoring Competition

Westworld Scoring Competition  ·  Quelle: Spitfire Audio / HBO

Über Geschmack lässt sich bekanntermaßen streiten, manchmal auch sehr heftig. Das zeigt jedenfalls der Shit-Sturm, der gerade wegen eines Wettbewerbs von Spitfire Audio seine Kreise zieht. Die Protagonisten: die HBO-Serie Westworld, die Soundästhetik von Chiptunes und der Filmkomponist Hans Zimmer. Wie passt das alles zusammen? Eine Tragikkomödie in mehreren Akten. Holt schon mal das Popcorn raus!

Erster Akt: Westworld Scoring Competition von Spitfire Audio

Im Mai hatte der Sample-Spezialist zu einem Wettbewerb eingeladen, bei dem es um die Vertonung einer Filmszene aus der Science-Fiction-Serie Westworld ging. In der fünften Episode der dritten Staffel (mit dem Titel „Genre“) findet eine Verfolgungsjagd in mehr oder weniger futuristischen Autos statt. Der Original-Soundtrack kommt ziemlich pompös rüber (Wagners „Walkürenritt“) und spielt darauf an, dass einer der Protagonisten auf einer Droge namens „Genre“ ist und ihm deshalb alles wie in einem Film vorkommt. Und genau diese Szene sollte nun neu vertont werden. Spitfire Audio hat für die Gewinner Preise im Wert von 23.000 Euro locker gemacht. Das hat viele zum Mitmachen motiviert, insgesamt gab es über 11.000 Eingänge.

Zweiter Akt: Den ersten Platz belegt … ein Chiptune?

Unter all diesen Scores hat dann eine Jury die besten Beiträge ausgesucht. Neben Ramin Djawadi, dem Komponisten des Original-Scores, gehören auch die Produzenten der Serie, Jonathan Nolan, Lisa Joy und J.J. Abrams zu der Jury – genauso wie ein Team von Spitfire Audio. Die müssten bei der Anzahl der Eingänge eine Menge Arbeit gehabt haben oder etwa nicht?

Jedenfalls wurde jetzt der Sieger gekürt und die Wut der Leute entfacht. Denn unter all den Beiträgen hat tatsächlich eine Filmmusik mit einer 8-Bit-Soundästhetik wie von 80er-Jahre-Videospielen gewonnen. Eine Mixtur aus C64, NES und einer Prise Game Boy, die sich mit einem streckenweise sehr „üblichen“ Score vermischt. Am besten hört ihr euch das mal eben an, falls ihr das Ergebnis noch nicht gehört habt:

 

Die Musik des Gewinners David Kudell löste jedenfalls eine Kontroverse aus, um es mal vorsichtig auszudrücken. Neben der Sache mit dem persönlichen Geschmack, fanden einige die Untermalung unpassend, vielleicht auch ein bisschen billig. Für Kritik sorgte allerdings auch die Tatsache, dass der Gewinner bereits an über 25 Filmprojekten mitgearbeitet hat – wenn auch nicht als Komponist, sondern eher als Sound-Assistent. Darunter sind immerhin Titel wie „The Matrix Reloaded“ oder „Mission Impossible 3“.

Dass die Teilnehmer des Wettbewerbs vermutlich eher mit einem Newcomer oder einer Newcomerin gerechnet haben, heizt die Stimmung vor diesem Hintergrund weiter auf. Außerdem steht der Vorwurf im Raum, dass viele der Eingänge überhaupt nicht gesehen wurden. YouTube Analytics würden dies belegen, heißt es. Wobei: Da wird mit Sicherheit eine Vorauswahl getroffen worden sein oder denkt irgendjemand ernsthaft, dass sich die Produzenten alle 11.000 Beiträge angehört haben?

Dritter Akt: Hans Zimmer meldet sich zu Wort

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende, ohne dass sich vorher einer der gegenwärtig berühmtesten Filmkomponisten zu Wort meldet. Hans Zimmer kriegt von dem Shitstorm Wind und äußert sich unter seinem User-Namen „Rctec“ auf dem VI Control Forum zu den Kritikern. Und für die hat er kein gutes Wort übrig (hier der komplette Beitrag):

„carry on with your uninformed small minded criticism. it’s all here now in black and white for ever. The beauty of the internet. And as a reference of how i wouldn’t ever want to work with a single one of you. Nor you with me. Bad fit. It doesn’t even ever matter how good your music is or how smart you are… And since music and film-making are inherently collaborative, I can’t really see how any director will want to deal with that amount of entitlement and hubris.“

Auf dem gleichen Forum gibt dann kurze Zeit später auch David Kudell einen kleinen Einblick in seine Gefühlswelt. Der Gewinner bedankt sich bei Hans Zimmer für die „Weisheit und Perspektive“ und berichtet davon, dass er als Gewinner nun die Gelegenheit sieht, eine „dicke Haut“ zu entwicklen. Und gesteht dann, dass er sein ganzes Leben aus Angst vor Risiken in seiner Musik Kompromisse eingegangen ist und genau dies in dem Wettbewerb nicht getan hat. Und wie wir alle sehen, ist das belohnt worden. (Hier der Original-Beitrag auf VI Control.)

Hans Zimmers „Umarmung“ von 8-Bit-Musik animiert übrigens kurze Zeit später den YouTuber Mike Sheehan zu einem kleinen Remix dieser Masterclass-Werbung:

 

Finale: Was denkt ihr?

Zunächst: Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich von dem Score des Gewinners halten soll. Ich schaue die dritte Staffel von Westworld gerade selbst auf Sky und finde die entsprechende Folge an sich schon etwas „merkwürdig“. Insofern passt der Soundtrack, ich muss jedenfalls schmunzeln. Aber was für ein Film soll das sein, in dem sich der Protagonist Caleb Nichols da befindet? „Super Mario Bros.“ oder wie? Wäre nicht eine Anspielung auf einen Klassiker wie Terminator passender gewesen?

Deswegen seid ihr jetzt gefragt. Welchen Beitrag findet ihr am besten? Hat jemand von euch mitgemacht? Ist die Aufregung gerechtfertigt? Hat David Kudell zu Recht gewonnen? Wie würde euer Score zu dieser Westworld-Folge klingen? Fragen über Fragen, wir freuen uns über eure Meinung.

Weitere Infos

Videos (inklusive aller Runner-Up-Beiträge)