von  Jan Rotring  | |  Lesezeit: 10 Min
Zukunft der Gitarre

Zukunft der Gitarre  ·  Quelle: Amazing Aerial / Alamy

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Ich habe neulich einen Song gehört, der mich wirklich gepackt hat. Großartige Atmosphäre, starker Hook, moderner Sound. Und dann kam der Moment, in dem ich mich gefragt habe: Wo ist eigentlich die Gitarre? Nicht als Effekt. Nicht als Textur. Sondern als Instrument. Ist das die Zukunft der Gitarre?

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Wir leben in einer Zeit, in der Musik schneller entsteht als je zuvor. Ein Laptop, ein paar Plugins, vielleicht noch ein MIDI-Controller und fertig ist der nächste Track. Songs werden produziert, optimiert und direkt in die Welt geschossen. Millionen Streams, tausende Playlists, immer verfügbar. Musik ist heute vor allem eines: permanent präsent. Und schlecht bezahlt, aber das ist ein gänzlich anderes Thema

Genau bei der globalen Präsenz von Musik wird es spannend. Denn während Musik allgegenwärtig ist, scheint ein Instrument, zunehmend zu verschwinden: die Gitarre.

Nicht komplett, nein. Aber aus dem Zentrum. Aus der Wahrnehmung. Aus der Rolle, die sie über Jahrzehnte hinweg unangefochten innehatte.

Die Frage liegt also, für mich fast unverständlich, auf dem Tisch: Was ist die Zukunft der Gitarre? Brauchen wir sie überhaupt noch?

Die goldene Ära ist vorbei. Oder doch nicht?

Die goldene Ära der Gitarre ist vorbei
Die goldene Ära der Gitarre ist vorbei · Quelle: Nicola Ferrari / alamy

Es gab eine Zeit, da war die Gitarre das Zentrum der Popkultur. Wer Musik machen wollte, griff zur Gitarre. Wer berühmt werden wollte, auch. Bands definierten ganze Generationen, und Gitarristen wurden zu Ikonen. Die gute, alte Zeit, in der man auf dem Pausenhof schon am Bandshirt seine Leute erkennen konnte.

Denkt man an Slash, reicht schon ein einziges Bild: Zylinder, Les Paul, ein Sonnenbrille. Der Rest ist sofort im Kopf. Oder an Kirk Hammett, dessen Wah-getränkte Leads seit Jahrzehnten ganze Stadien füllen. 

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Diese Spieler waren mehr als Musiker. Sie waren Identifikationsfiguren. Und ihre Gitarren waren nicht nur Instrumente, sie waren Haltungen.

Heute sieht das anders aus. Die Charts werden von Produktionen dominiert, die oft komplett ohne klassische Instrumente auskommen. Beats statt Bands, Hooks statt Riffs. Und selbst wenn Gitarren vorkommen, sind sie häufig nur noch ein Baustein im Gesamtbild.

Das bedeutet aber nicht, dass die Gitarre verschwunden ist. Im Gegenteil. Sie hat sich nur verschoben. Weg vom Mainstream. Hin zu den Nischen in Genres, Szenen und Communities, die sich bewusst mit ihr auseinandersetzen. 

Der Unterschied ist entscheidend für die Zukunft der Gitarre: Früher war sie der Standard. Heute ist sie eine Entscheidung. Und vielleicht ist genau das ihre letzte, große Chance.

Die stille Konkurrenz: Laptop, Plugins und KI

Digitale Musik dank AI und Co.
Digitale Musik dank AI und Co. · Quelle: Cagkan Sayin / Alamy

Man muss es klar sagen: Die Gitarre hat eine Menge Konkurrenz bekommen. Und zwar eine, die in vielen Bereichen schlicht und ergreifend effizienter ist.

Ein moderner Laptop ersetzt heute ein komplettes Studio. Amp-SimulationenEffekteMixing-Tools – alles ist verfügbar, jederzeit, überall. Was früher Mikrofone, Lautstärke und viel Geduld (und noch mehr Geld!) brauchte, passiert heute in Sekunden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Schnelligkeit, Flexibilität, Kontrolle.

Du kannst Soundlandschaften bauen, ohne Rücksicht auf Raum, Lautstärke oder sogar Nachbarn. Du kannst Fehler sofort korrigieren (lassen), Takes zusammenbauen, Sounds speichern und jederzeit wieder abrufen. Und im Grunde ist das natürlich eine positive Entwicklung: Die Musikproduktion ist demokratischer geworden als je zuvor.

Und dann kommt noch ein weiterer Faktor dazu: künstliche Intelligenz.

Tools, die dir Akkordfolgen vorschlagen, Melodien generieren oder sogar komplette Songs produzieren, sind längst keine Zukunftsmusik (sorry) mehr. Sie sind da. Und sie werden besser.

Eine logische Frage drängt sich mir dabei sofort auf: Wenn Maschinen Musik erzeugen können – warum sollte jemand noch über Jahre hinweg ein Instrument lernen, um halbwegs gut zu klingen?

Die Antwort darauf ist unbequem. Denn rein rational betrachtet gibt es immer weniger objektive Argumente für den langen, analogen Weg. Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Die Zukunft der Gitarre als „ineffizientes“ Instrument

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Gitarre lernen ist, nüchtern betrachtet, ein ziemlich schlechter Deal.

Die ersten Wochen tun dir die Finger weh. Akkorde klingen unsauber. Timing ist Glückssache. Und während du versuchst, einen halbwegs sauberen Wechsel zwischen G und C hinzubekommen, baut jemand anders am Laptop bereits den dritten fertigen Track. Die Gitarre verlangt Zeit, Geduld, Wiederholung und ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit.

In einer Welt, die immer mehr auf Sofortverfügbarkeit ausgelegt ist, wirkt das fast schon anachronistisch. Warum sollte man sich also freiwillig für diesen unbequemen Weg entscheiden?

Vielleicht, weil genau hier der Unterschied und die Zukunft der Gitarre liegt.

Während digitale Tools darauf ausgelegt sind, Prozesse zu beschleunigenzwingt die Gitarre zur Verlangsamung: Jeder Fortschritt ist haptisch spürbar, jede kleine Verbesserung hart erarbeitet. Es gibt keine Abkürzungen, keine Presets für Ausdruck. Es ist, machen wir uns nichts vor, harte Arbeit.

Und genau das macht sie so wertvoll.

Denn in einer Umgebung, in der alles schneller, effizienter und perfekter wird, entsteht eine neue Sehnsucht: nach Dingen, die genau das nicht sind. Ob Vinyl, Röhrenamps oder eben die Gitarre selbst: All diese Dinge sind ineffizient. 

Und vielleicht sind sie genau deshalb so unheimlich relevant.

Was wir verlieren würden: Mehr als nur ein Instrument

Wenn die Zukunft der Gitarre wirklich so düster wäre, ginge nicht einfach nur ein Sound verloren. Es wäre mehr als das. Viel mehr.

Denn eine Gitarre ist kein Interface. Kein Controller. Kein abstraktes Werkzeug. Sie ist ein physisches Objekt. Holz, Saiten, Spannung, Resonanz: Du spürst jede Bewegung, jede Nuance und (leider) jede Ungenauigkeit ganz unmittelbar. Und genau diese Unmittelbarkeit lässt sich nicht vollständig digitalisieren.

Wer einmal vor einem aufgerissenen Röhrenamp gestanden hat, weiß, was ich meine. Diese Interaktion zwischen Instrument, Verstärker und Raum ist kein statischer Zustand. Sie lebt, reagiert und fordert uns heraus.

Natürlich kommen moderne Simulationen verdammt nah an den Sound von Gitarren heran. Sie sind praktisch, flexibel und in vielen Situationen absolut sinnvoll. Aber sie ersetzen nicht das Gefühl, wenn eine Saite unter den Fingern schwingt und der Ton sich im Raum entfaltet.

Und genau dieses Gefühl steht auf dem Spiel, wenn wir über die Zukunft der Gitarre sprechen.

Begrenzung schafft Ausdruck

Einer der größten Unterschiede zwischen analogem und digitalem Arbeiten liegt in der Anzahl der Möglichkeiten.

Digital ist alles möglich. Unendlich viele Sounds, unendlich viele Spuren, unendlich viele Korrekturen. Das klingt erstmal nach Freiheit. Und klar, das ist es auch im ersten Moment. Aber diese schier unendliche Freiheit hat eine Kehrseite: Beliebigkeit.

Die Gitarre funktioniert anders. Sie setzt Grenzen. Sechs Saiten, ein Griffbrett, zwei Hände, müde Finger. Mehr ist da erstmal nicht.

Und genau diese Begrenzung zwingt uns zu Entscheidungen: Wie greifst du einen Akkord? Wie hart schlägst du an? Wie kontrollierst du dein Vibrato? Jede dieser Entscheidungen, ob bewusst oder mit laufender Erfahrung zunehmend unbewusst, formt den Sound. 

Diese Entscheidungen sind der Grund dafür, dass zwei zwei Gitarristen mit identischem Setup völlig unterschiedlich klingen. Das Instrument reagiert auf den Menschen, nicht auf das Preset. Die Gitarre verzeiht wenig. Aber genau dadurch entsteht Persönlichkeit und das, was am Ende die besten Gitarristen aller Zeiten ausmacht.

Die Rückkehr des Analogen

Zukunft der Gitarre: Analoge Technik in digitaler Zeit
Zukunft der Gitarre: Analoge Technik in digitaler Zeit · Quelle: Brian Jackson / Alamy

Interessanterweise passiert gerade etwas, das auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt.

Während alles digitaler wird, wächst gleichzeitig die Sehnsucht nach dem Analogen. Vinyl erlebt ein Comeback. Analoge Kameras werden wieder genutzt. Handwerk gewinnt an Bedeutung.

Warum? Weil Menschen anfangen zu merken, dass Perfektion nicht automatisch Bedeutung erzeugt.

Ein perfekt produzierter Track kann technisch makellos sein und trotzdem nichts auslösen. Eine leicht unsaubere Gitarrenaufnahme dagegen kann genau den Moment treffen, der hängen bleibt.

Das Analoge bringt etwas zurück, das im Digitalen oft verloren geht: Reibung.

Und genau diese Reibung macht Dinge interessant. Sie erzeugt, in Ermangelung eines besseren Wortes, Charakter. Sie zwingt uns dazu, uns mit dem auseinanderzusetzen, was wir tun.

Die Gitarre steht exemplarisch für diesen Ansatz. Sie ist nicht bequem. Sie ist nicht perfekt. Aber sie ist ehrlich.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie gerade jetzt wieder relevanter wird.

Die Zukunft der Gitarre: Vom Mainstream zum Statement

Die Gitarre wird vermutlich nie wieder die dominante Rolle einnehmen, die sie über Jahrzehnte hinweg hatte. Sie wird nicht plötzlich wieder jedes Chart-Genre bestimmen oder zum Standardinstrument der Popmusik werden.

So sehr es mich schmerzt, aber vielleicht ist genau das auch gut so.

Denn dadurch verändert sich ihre Bedeutung: Früher war die Gitarre oft der naheliegende Einstieg. Heute ist sie eine bewusste Entscheidung. Wer sich heute für dieses Instrument entscheidet, tut das nicht, weil es alle machen. Sondern weil er oder sie genau das will.

Die Gitarre wird damit vom Massenphänomen zum Statement. Sie steht nicht mehr für das Offensichtliche, sondern für das Gewollte. Für Zeit investieren statt Zeit sparen. Und genau darin liegt ihre neue Stärke.

Denn während vieles in der Musik austauschbarer wird, bleibt die Gitarre eines der wenigen Instrumente, bei denen man sofort hört, wer da spielt.

Nicht welches Preset.
Nicht welches Plugin.
Sondern welcher Mensch.

Gear in der Zukunft: Zwischen Nostalgie und Innovation

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Wenn man sich aktuelle Entwicklungen im Gitarrenbereich anschaut, fällt etwas Spannendes auf: Die Zukunft bewegt sich nicht in eine Richtung, sondern in zwei gleichzeitig.

Auf der einen Seite stehen digitale Lösungen. Modeling-AmpsPluginsProfiling-Technologien wie Kemper und Co. Sie sind flexibel, transportabel und liefern in vielen Situationen beeindruckende Ergebnisse. Für Homestudios, Tour-Alltag und schnelle Produktionen sind sie längst unverzichtbar geworden.

Auf der anderen Seite boomt gleichzeitig der Markt für klassische, analoge Lösungen. Boutique-Amps, handverdrahtete Pedale, Vintage-Reissues. Dinge, die bewusst nicht effizient sind. Dinge, die Zeit brauchen. Dinge, die manchmal auch „verdammt-noch-mal-warum-ist-das-Ding-so-fucking-schwer“unpraktisch sind.

Und genau hier entsteht eine interessante Spannung. Gerade, wenn man sich beruflich mit Gear auseinandersetzen darf geht es längst nicht mehr um die Frage: analog oder digital? Es geht um die Kombination.

Die meisten Gitarristen, die ich kenne, spielen heute analog und nehmen digital auf. Nutzen echte Amps, aber digitale Effekte. Oder bauen sich hybride Setups, die das Beste aus beiden Welten verbinden. Die Grenzen verschwimmen.

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Die Gitarre wird überleben. Aber anders.

Die Gitarre ist nicht mehr das Zentrum der Musikwelt. Und sie wird es vermutlich auch nicht wieder werden, denn ihre Relevanz hat sich verschoben. Weg von der Masse, hin zur Bedeutung. Weg vom Standard, hin zur bewussten Entscheidung.

Die Frage ist also nicht, ob wir die Gitarre noch brauchen. Die Frage ist: Was suchen wir in Musik?

Wenn es um Effizienz geht, um Geschwindigkeit, um perfekte Reproduzierbarkeit und um allzeitliche, kostenlose Verfügbarkeit, dann gibt es längst bessere Werkzeuge, die schneller, einfacher und kontrollierbarer sind. 

Aber wenn es um Ausdruck geht, um Fehler, um Persönlichkeit. Um das Gefühl, dass hinter einem Ton ein Mensch steht, dann wird es plötzlich dünn.

In einer Welt, die immer perfekter wird, steht die Gitarre für das Unperfekte und das, was nicht optimiert werden kann. Und was das angeht, ist die Zukunft der Gitarre gesichert.

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5 Kommentare zu “Zukunft der Gitarre: Brauchen wir dieses Instrument überhaupt noch?”

    Sonny sagt:
    3

    Ich bin Baujahr 1972 und „headbanger“. Musik ohne Gitarren? Schwierig ;-)

    Und aktuell spricht jeder über Angine de Poitrine, sehr kreative Band, mit Gitarre.

    Und auch wenn ich sehr gerne Musik am Computer zusammenbastel, schöner ist es mit der Band und echten Menschen gemeinsam Ideen auszuarbeiten.

    Rainer sagt:
    1

    Allein die Tatsache, dass die Frage sinnvoll erscheint, verdeutlicht den dramatischen Kulturverfall der menschlichen „Zivilisation“.
    KI übersetze ich mit „Keine Intelligenz“ denn es ist keine.
    KI ist unmenschlich und emotionsfrei und die hieraus algotithmisierte, entmenschlichte Klangwarteschlange kann ich nicht als Musik bezeichnen.
    Musik ist Muse von Menschen für Menschen.

    Aber macht Euch keine Sorgen.
    Irgendwann wird KI den dritten Weltkrieg auslösen.
    Und dann braucht es nicht nur keine Gitarren mehr.

    tm sagt:
    0

    2020 war das Jahr mit den meistverkauften Gitarren überhaupt. Selbst wenn 5 von 10 nur als Deko an Wänden hängen und weitere 4 von 10 nur für Wonderwall am Lagerfeuer benutzt werden, werden noch genug tatsächlich gespielt und die Generation Lockdown-Gitarre wird gerade erst erwachsen. Ich mache mir da überhaupt keine Sorgen.

    MartY ATARI sagt:
    0

    ich liebe (vor allem) verzerrte Gitarren. leider hab ich 20 Jahre lang immer wieder versucht etwas zu lernen. aber es ist für mich einfach Sauschwer… Laptop oder mit Synths und ähnlichem deutlich einfacher…
    und da immer weniger bands so gross werden wie die genannten Metallica und guns n Roses gibt’s wohl auch immer weniger interessierte.
    aber Metal wird hoffentlich nie eingehen.
    im den Charts halt selten Gitarren.

    Modellwelle sagt:
    0

    Rick Beato hat gestern ein langes Interview mit Stanley Jordan hochgeladen. Dieser spielt die E-Gitarre indem beide Hände die Saiten auf dem Griffbrett tappen. Außerdem sind alle Saiten in Quarten zueinander gestimmt, auch die H-Saite. Das macht er schon seit Jahrzehnten, aber ich finde das ziemlich frisch und es zeigt, dass man immer noch neue Dinge an der E-Gitarre entdecken kann. Sei es durch neue Spieltechniken, Effekte, technische Innovationen oder neue Stimmungen. Und das Entdecken können nur wir als Spieler. Keine KI.

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