von claudius | Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Lohnt sich ein Hackintosh für Musiker?  ·  Quelle: gearnews

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Es sind mittlerweile genug Tage ins Land gegangen, um mein Fazit zum Thema Hackintosh zu ziehen. Wer erst hier in die Serie einsteigt, dem empfehle ich nochmal die Teile „Vorbetrachtung“ und „Installation“ zu lesen. Das blanke System ist nun installiert – wie geht es weiter?

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Der erste Neustart direkt nach der OSX-Installation und den NVidia Web Treibern für meine Grafikkarte ist etwas ernüchternd. Mein Rechner startet bis zum Ladebalken und bleibt irgendwann stehen. Rien ne va plus – nix geht mehr. Nach 30 Minuten Balkenstarren habe ich mich dann für einen Reset entschieden, um zu schauen, ob es dann weiter geht. Nö. Also wieder den Verbose-Modus gestartet, um den Live-Log einzusehen. Hier bleibt nichts hängen, sondern lädt alles wie gewünscht bis zum Anmeldebildschirm. Laut Forum kann das normal sein und man sollte es einfach akzeptieren. Gut, also kann es doch weiter gehen.

Was passiert als nächstes mit einem frisch installierten System? Richtig: Man passt das OS in den Systemeinstellungen an und Programme wollen installiert werden. Also habe ich ohne Probleme meine optischen und bedientechnischen Vorlieben von OSX eingestellt – und einen großen Fehler gemacht. Ich ging davon aus, dass nun alles klappt und habe ohne nachzudenken FileVault, die OSX interne Festplattenverschlüsselung, aktiviert. Nachdem das abgeschlossen war, fror mein System mit einer Kernel-Panic ein und nach einem geübten Griff auf den Reset-Knopf ging gar nichts mehr. Der Bootloader zeigte sich wie gewohnt, konnte aber mit keinem Modus weiterbewegt werden ohne Fehler anzuzeigen. Ein kurzer Blick in Forenberichte zeigte dann, dass FileVault auf Hackintoshs in aller Regel genau zu meinem Problem führt. Schöne Sch… Ein paar Hasstiraden auf meine Naivität später befand ich mich wieder bei der Neuinstallation. Die Details dazu spare ich mir hier aber mal.

Die Daten sind also wieder komplett frisch auf der SSD, die Einrichtung ging dieses Mal glatt vonstatten und ich machte mich an die Programminstallation. Ohne jedes Problem wurde hier nach und nach alles Wichtige installiert – ich weiß nicht, wieso ich hier Fehler erwartet hatte. Wenn aber schon nicht FileVault funktioniert, dann möchte ich doch wenigstens via Little Snitch, den beherrschbaren Teil der Internetkommunikation meiner Programme, im Zaum halten. Was ich nicht bedacht hatte: Little Snitch installiert eine Kernel-Extension. Diese führt, wie könnte es anders sein, zu Problemen. Komplett zufällige Kernel Panics an verschiedensten Punkten: Mal direkt nach der Anmeldung, mal nach 3 Stunden Nutzung, mal beim Bildschirmschoner und mal gar nicht. Ist Little Snitch wieder deinstalliert, geht wieder alles wie gewollt. Ein unwohles Gefühl bleibt, wenn man sich komplett ungeschützt im Netz bewegt und alle Programme fröhlich nach Hause telefonieren können.

Dann folgen meine Tests mit meinen DAWs Logic 9, Reaper 4, Ardour 4 und diversen Demos, einfach nur zum Testen. Natürlich mit allen AU- und VST-Plugins, die ich sonst auch nutze. Schon wieder habe ich völlig unbegründet irgendwelche Fehler erwartet. Es läuft wie eine Eins. Ohne Little Snitch wohlgemerkt. Und die Performance ist grandios. Alles ist deutlich flüssiger als auf meinem MacPro 3.1. Mein Testprojekt ist eine Studioaufnahme einer Band in Reaper. Die anderen DAWs sind für mich wenig interessant, da meine komplette Umgebung auf Reaper aufbaut. Es sind 98 Spuren und 176 Effekte – es ist bewusst etwas zu viel drin. Die Performance von Windows gegenüber OSX auf der gleichen Hardware ist zumindest in den Zahlen besser. Rein von der Benutzung merke ich keine Unterschiede. Ob das an Mac-AU vs. Win-VST allein liegt kann ich nicht sagen.

Reaper_Ergebnisse_OSX_10_10_3_Hackintosh_vs_Windows_8_1_pro_64_bit_hires

Quelle: gearnews

Wo Audio ist, sollte auch Video sein. Also habe ich mein Final Cut Studio und installiere aus Spaß Cinebench. Schließlich will man als technisch interessierter Nutzer auch wissen, was sein System so liefern kann. Am Rande sei erwähnt, dass ich mir durchaus bewusst bin, dass Benchmarks nicht wirklich viel mit der echten Welt zu tun haben.

Eins lässt sich schnell abhaken: Final Cut Studio 7 (der Vorgänger von Final Cut X) läuft ohne Probleme. Viel interessanter finde ich aber die Cinebench Ergebnisse:

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Cinebench_Ergebnisse_OSX_10_10_3_Hackintosh_vs_Windows_8_1_pro_64_bit

Quelle: gearnews

Der alte Xeon X5482 von 2008 ist mit seinen acht Kernen im Rendern immer noch flotter als ein i5 4690. Im OpenGL hat Windows deutlich die Nase vorn. Das ist zwar kein Geheimnis, dass OpenGL unter Windows schneller funktioniert, aber ich konnte es bisher nie so recht glauben. Doch jetzt habe ich, sogar bei identischer Hardware, den Beweis für mich erhalten. Dass der MacPro trotz gleicher Grafikkarte und NVidia Web Driver Treiber da so hinterher hinkt, kann ich mir nicht so recht erklären. Der Hackintosh ist immer in der Mitte zwischen den beiden. Ich denke, damit kann man guten Gewissens leben.

Wenn man sich mit Hackintosh-Nutzern unterhält, wird man im ersten Gespräch eigentlich immer gleich ermahnt, die automatischen Updates zu deaktivieren. Apple verändert wohl gern mal Sachen, die das Hack-System direkt unnutzbar machen. Ob das nun böse Absicht ist oder nur zufällig passiert, möchte ich nicht mutmaßen. Vielleicht ein Teil von beidem. Bei meinen Systemen sind automatische Updates ohnehin immer deaktiviert – egal welches OS gerade läuft. Ich warte immer die ersten Berichte im Netz ab. Gerade Apple hat in der letzten Zeit öfter mal Mist gebaut, ich sag nur WLAN oder Akku bei den MacBook Air und Pro Modellen. Dabei müssen die gar nicht so viel Hardware „kompatibel“ programmieren wie die Entwickler für Windows oder Linux.

Mittlerweile nutze ich meinen HackPro seit gut zwei Wochen. Ausschließlich. Auch zum gelegentlichen Zocken – Valve sei an dieser Stelle mein Dank gestattet. Wenn ich mich daran erinnere, was das früher für ein Krampf war, Spiele für OSX zu bekommen…dann wünsche ich mir diese Zeit nicht mehr zurück. Gerade in der PC-Technik war früher eigentlich nichts besser. Nur langsamer und komplizierter. Dank Community und Anleitungen bei tonymacx86 und insanelymac bekommt man mittlerweile relativ leicht ein OSX auf normale Hardware, die nicht von Apple verkauft wird. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die Kernel-Extension Auswahl leichter oder gar vollautomatisch vonstatten geht. Klar ist hier nichts offiziell und am Ende eine Bastellösung, aber komfortabel installieren ist anders. Da ist fast jede Linux-Disto näher am Zahn der Zeit.

Bei aller Stabilität, die das Vanilla-OSX auf der „Windows-Hardware“ mitbringt, bin ich aber dennoch etwas enttäuscht. Ich bin eigentlich nicht bereit, meine Festplatte unverschlüsselt zu nutzen und auch nicht bereit, meinen Datenverkehr nicht bestmöglich selbst in der Hand zu haben. Die Firewall von OSX bevorteilt mir Apple zu sehr. Wer einen Hackintosh nur offline betreiben möchte, sieht hier sicherlich kein Problem. Ich möchte aber ein System, das alle meine Bedürfnisse abdeckt, die ich mir über die Jahre „erarbeitet“ habe. Dazu zählt natürlich aktuelle und nicht überteuerte Hardware, ein gut zu bedienendes OS, das mir an der richtigen Stelle die Arbeit abnimmt, ohne mich in den Wahnsinn zu treiben. Das kann OSX sehr gut – bzw. gut genug, dass ich mich daran angepasst habe. Aber Apple kann mir von der Hardware aktuell einfach nichts liefern, was mich beim aktuellen Stand der Technik befriedigt. Vor allem nicht zu einem guten Preis.

Werde ich meinen Hackintosh weiter nutzen? Mit Sicherheit! Wenn auch nicht als Produktivsystem für Audio und Video. Dafür wird weiter Windows herhalten müssen. Für alles andere wird die Festplatte getauscht und OSX genutzt. Vielleicht setze ich mich auch nochmal dran und probiere eine Clover-Installation. Vielleicht kann ich da FileVault und Little Snitch nutzen. Diesmal recherchiere ich aber davor. ;)

Immerhin habe ich aber soviel Vertrauen in das neu installierte System, dass ich mich demnächst von meinem MacPro trennen werde. Er ist ohne Frage ein toller Computer, aber er frisst mir einfach zu viel Strom. Damit hat mein Experiment eigentlich genau das erzielt, was ich mir erhofft hatte. Aber der Aufwand steht in keinem Verhältnis.

Wenn ihr mir weiterhin Mails oder Kommentare zukommen lassen möchtet, immer her damit. Vielleicht kommt ja auch noch ein kleiner Nachtrag mit einem Clover-Experiment. Momentan habe ich aber genug von Kernel-Extensions und -Patches für die nächsten Wochen. Wenn ich Systembastelei Bock habe, dann starte ich meinen Arch Linux Laptop, wenn der mal wieder bei einem Update Mist macht.

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4 Antworten zu “[Kolumne] Wie sinnvoll ist ein Hackintosh bzw. CustoMac für mich als Musiker – Teil 3”

    Hanz Meyzer sagt:
    0

    Hi,

    also das Problem mit Little Snitch hat sicherlich nichts mit Hackintosh zu tun, sondern mit Little Snitch selbst, bzw. den OSX Revisionen. Das würde so auch auf einem Mac vorkommen. Zum Booten sollte man auf jeden Fall anfangs immer den „Verbose“ / Konsole-Modues benutzen (Chameleon option „-v“). Dann sieht man auch Fehlermeldungen. Falls der Boot einfach hängen bleibt, ist es meistens FakeSMC, dann genau darauf achten, ob FakeSMC im Log überhaupt vorkommt. Gewisse Funktionen gehen nur, wenn man eine perfekte Mac-Simulation konfiguriert hat, dazu gehört wohl auch File-Vault. Ich bin mir ziemlich sicher, dass solche Probleme mit Clover gar nicht erst entstehen, weil dieser Loader schon alle möglichen Patches integriert hat. Mit dem Clover-Configurator kann man sich automatisch ein passendes SMBIOS-Setup generieren, obwohl Clover das auch automatisch macht. Die Grafik-Performance ist seit Urzeiten viel schlechter in Sachen OpenGL, da unter OSX auch viel ältere Versionen laufen und teilweise wohl auch von Apple gepflegt werden. Dafür bietet OSX Schnittstellen wie Quartz (QuartzComposer ist ein geniales Programm), OpenCL usw. die im Gegensatz zu Windows auch öfters benutzt werden, denn nicht jeder Hersteller kocht sein eigenes Süppchen wie unter Windows. Final Cut Pro X (welches OpenCL nutzt) z.B. ist im Preview rasend schnell. Beim Hackintosh kann man später einfach eine Grafikkarte aufrüsten oder sogar eine weitere dazustecken (!!), die keinen Output hat und nur als reiner OpenCL-Prozessor genutzt wird von OSX, selbstverständlich automatisch (sofern die Grafiktreiber laufen)! Meistens kann man sogar die Intel-CPU-Grafik ergänzend benutzen, für OpenCL-Apps macht das Sinn.

      gearnews sagt:
      0

      Little Snitch funktioniert auf all meinen Macs ohne Probleme. Irgendwann versuche ich sicherlich noch einmal ein Clover. Aber da das auch wieder auf Patches austauschen hinausläuft, warte ich damit, bis ich wieder Bastellaune habe. ;)

        Hanz Meyzer sagt:
        0

        Hm, die einzige Erklärung, warum Little Snitch bei Dir unter Macs besser/nur läuft, wäre meiner Meinung nach, dass z.B. die Ethernet-Device oder WLAN-Device nicht richtig installiert ist (da braucht es häufig 3rd party kexts), oder es keine erste Netz-Device unter dem BSD-Namen „en0“ gibt, da anfangs z.b. keine vorhanden war. Das würde auf einem Mac nie passieren, da immer alle Treiber für Netz vorhanden sind. In den „Systeminformationen“ unter „Netzwerk“ sieht man, welche BSD-Namen den Netz-Devices zugeordnet sind. Falls dort kein en0 vorhanden ist, sollte man die Netzwerk-plist komplett löschen (/Library/Preferences/SystemConfiguration/NetworkInterfaces.plist), dann wieder in Netzwerkeinstellungen und die Devices neu hinzufügen und einstellen. Denn dann gibt es in der Regel auch wieder ein „en0“-Device. en0 wird auch für viele Kopierschutze wie den allseits geliebten iLok usw. benötigt (um die Checksumme zu berechnen), deshalb zwingend erforderlich.

    Hanz Meyzer sagt:
    0

    Achso toller Artikel. Finde ich gut, das hier über solche Lösungen berichtet wird!

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