Jack White live: Der letzte Gitarren-Rebell?
Gefahr auf der Bühne - bitte!
Vor einigen Tagen stand ich in Hamburg in der ausverkauften (und neuen) Georg Elsner Halle und fragte mich nach den ersten drei Songs ernsthaft, warum Jack White live eigentlich so anders klingt als fast alle anderen Gitarristen seiner Generation. Irgendwo zwischen Garage Rock, Blues, Punk und einer gehörigen Portion Wahnsinn.
Jack White live: Inhalt
Was mich dabei besonders beeindruckte: Während viele moderne Rockproduktionen immer ähnlicher klingen, wirkt Jack White live eher wie ein Fremdkörper. Seine Gitarren (von der völlig desolaten Hollowbody bis zur Signature Fender) sind dabei mindestens so bemerkenswert individuell, wie seine Bühnenpräsenz. Ein hoch auf die Live-Musik!
Ein Konzert wie ein Stromschlag
Wer Jack White einmal live erlebt hat, weiß vermutlich sofort, was ich meine. Das Hamburger Konzert war keine perfekt durchchoreografierte Rockshow. Das ganze ging eher in die Richtung einer mehr oder weniger kontrollierten Explosion. Schon lange, bevor Seven Nation Army gespielt wurde.
Songs wurden spontan verlängert, verändert, miteinander verwoben. Soli entwickelten ein Eigenleben und immer wieder hatte man das Gefühl, dass die Band kollektiv entscheidet, wohin die Reise als Nächstes geht. Trotzdem blieb der Sound beeindruckend transparent, inklusive der per Hand am Mikrofonständer zugeschalteten Delays für den Gesang. Ganz stark.
Für mich als Gitarrist war die ganze Show faszinierend zu beobachten. Viele aktuelle Rockbands setzen auf perfekt programmierte Rigs, digitale Modeler und Sounds, die Abend für Abend identisch reproduziert werden — inklusive der üblichen Verdächtigen Gitarren auf der Bühne: Les Paul, Strat, ein paar ESPs. Jack White live geht einen anderen Weg, der die „Gefährlichkeit“ des klassischen Rock ’n Roll wieder auf die Bühne holt. Inklusive Rückkopplungen, miesen (aber irgendwie geilen) Sounds und einem komplett lebendigen Setup.
Gitarren abseits der Norm

Die Vorliebe für „besondere“ Instrumente ist bei Jack White schon lang recht ausgeprägt. Die berühmte Airline-Gitarre wurde sicherlich nicht deshalb gewählt, weil sie objektiv besser war. Sie war interessant. Und auch die Signature Gitarre (Telecaster mit drei unterschiedlichen Pickup-Typen, genannt „Triple-Caster“) zeigt, dass der Mann Bock auf neue Pfade hat.
Dadurch, und durch eine eigenwillige, fast manisch wirkende Spielweise, entstehen Sounds, die manchmal rau, manchmal sperrig und gelegentlich sogar unbequem wirken. Aber sie bleiben im Gedächtnis.
Bei dem Hamburger Konzert war genau das zu hören: Statt perfekt polierter Standard-Sounds gab es eine Palette aus Fuzz, Octave-Effekten, aggressiven Mitten und Vintage-Charme.
Der Sound darf kaputt sein

Was beim Hamburger Konzert besonders auffiel: Jack White scheint keinerlei Angst vor Fehlern zu haben.
Rückkopplungen werden nicht sofort unterdrückt, Fuzz-Sounds dürfen ausfransen, Verstärker arbeiten teilweise an der Belastungsgrenze. Wo andere Gitarristen nach Kontrolle streben, scheint White bewusst Raum für Zufälle zu lassen. Oder er hat wirklich richtig, richtig gute Produzenten im Schlepp.
Durch diesen Ansatz entsteht eine Spannung, die man live förmlich spüren kann. Stichwort „Gefahr“, die bei vielen modernen Produktionen irgendwie fehlt.
Viele moderne Gitarrensounds sind technisch makellos. Jack Whites Sound lebt dagegen von kleinen und größeren Unsauberkeiten.
Warum Jack White live heute wichtiger denn je ist
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieses Konzert so nachhaltig beeindruckt hat:
Wir leben in einer Zeit, in der nahezu jeder Gitarrensound reproduzierbar geworden ist. Die gleichen Amp-Profile, die gleichen Plugins, die gleichen Presets. Noch nie war es einfacher, professionell zu klingen, was auch immer das im Einzelfall heißen mag.
Jack White live erinnert mich daran, dass professionell nicht automatisch interessant bedeutet. Musik lebt von Persönlichkeit und auch vom Mut zum Risiko. Von der Bereitschaft, auf der Bühne auch einmal Dinge geschehen zu lassen, die nicht vollständig planbar sind.
Der beste Gitarrensound entsteht nicht zwangsläufig durch das teuerste Equipment. Er entsteht dann, wenn ein Musiker seinen eigenen Weg findet und Dinge geschehen lässt. Übrigens hat sich der Zauber des Analogen durch das gesamte Setup gezogen. Von Gitarren und Amps ganz abgesehen, war das Mitbringen von Smartphones und Co. untersagt.
Was zunächst ungewohnt war, endete in einem sehr bewusst wahrgenommenen Konzert, bei dem einem nicht ständig irgendein 6“ Display ins Gesicht schien. Kann ich nur empfehlen.
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