Thomann verklagt Fender: Musikhaus geht im Stratocaster-Streit in die Offensive
Größter Musikalienhändler der Welt stellt sich vor zahlreiche betroffene Gitarrenhersteller
Es ist offiziell: Thomann verklagt Fender. Der größte Musikalienhändler der Welt reagiert mit einem juristischen Gegenschlag auf die seit Wochen laufende Abmahnwelle des US-Gitarrenherstellers gegen Hersteller und Händler von S-Style-Gitarren in Europa und den USA. Mit der Klage positioniert sich Thomann nach eigenen Angaben für die eigene Marke Harley Benton und eine ganze Reihe weiterer betroffener Firmen. Hier ist das Statement.
Das Wichtigste in Kürze
- Thomann hat rechtliche Schritte gegen Fender eingeleitet
- Grundlage der Auseinandersetzung ist ein Versäumnisurteil des LG Düsseldorf vom Dezember 2025
- Seit Mai 2026 verschickt Fender über die Kanzlei Bird & Bird Abmahnungen an Hersteller und Händler von S-Style-Gitarren
- Auch die Thomann-Eigenmarke Harley Benton ist von der Abmahnwelle betroffen
- Thomann will die Vorwürfe der Urheberrechtsverletzung in einem ordentlichen Gerichtsverfahren klären lassen
- CEO Hans Thomann begründet den Schritt mit Verantwortung gegenüber der gesamten Branche
- Thomann fordert Fender auf, die Abmahnungen einzustellen und zu einem partnerschaftlichen Miteinander zurückzukehren
Thomann verklagt Fender: Hintergründe, Statement und Folgen für die Gitarrenbranche
Die Vorgeschichte: Wochen der Abmahnungen
Ausgangspunkt der ganzen Angelegenheit ist ein Versäumnisurteil des Landgerichts Düsseldorf vom Dezember 2025. Das Gericht entschied damals, dass die Korpusform der Stratocaster als urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst gilt. Beklagt war ein chinesischer Anbieter, der nahezu identische Kopien über AliExpress nach Deutschland verkaufte und vor Gericht gar nicht erst erschien.
Auf dieser Basis verschickte Fender ab Mai über die Kanzlei Bird & Bird Abmahnungen an Hersteller und Händler in Europa und den USA. Gefordert wurden unter anderem die Einstellung von Produktion und Verkauf, der Rückruf bereits verkaufter Gitarren sowie die Herausgabe von Kunden- und Verkaufsdaten. PRS und mehrere kleinere amerikanische Gitarrenbauer haben mittlerweile öffentlich bestätigt, ein solches Schreiben erhalten zu haben.
Fender-CEO Edward „Bud“ Cole äußerte sich Mitte Juni erstmals öffentlich zu der Kritik aus der Branche und betonte, man verklage niemanden, sondern habe lediglich einzelne Unternehmen kontaktiert. Jetzt zieht Thomann nach: Thomann verklagt Fender und macht aus der Verteidigung einen aktiven Schritt.
Eine gemeinsame Geschichte seit 1954
1954 ist für beide Unternehmen ein besonderes Jahr. Fender brachte in jenem Jahr die Stratocaster auf den Markt, im selben Jahr wurde das Musikhaus Thomann gegründet. Schon kurz danach standen Fender-Instrumente im Sortiment, und das durchgehend bis heute. Seit mehr als 70 Jahren führt Thomann die Marke nach eigener Aussage mit Überzeugung, viele Mitarbeiter der Firma Thomann spielen selbst Fender-Gitarren.
Genau deshalb betont Thomann in seinem Statement auch die persönliche Komponente der Auseinandersetzung. Das aktuelle Vorgehen gegen langjährige Geschäftspartner habe man als überraschend und enttäuschend empfunden, eine Formulierung, die zeigt, wie sehr die Geschäftsbeziehung zwischen beiden Unternehmen über die reine Handelsebene hinausgeht.
Form folgt Funktion: Das zentrale Argument
Im Kern des Statements steht ein Prinzip, das Thomann als Form folgt Funktion zusammenfasst. Die Stratocaster sei nicht allein wegen ihrer Optik so erfolgreich geworden, sondern wegen ihrer ergonomischen Eigenschaften. Das obere Horn sorgt für Balance, die Cutaways erleichtern das Spiel in den hohen Lagen, die Korpuskonturen erhöhen den Spielkomfort. All das sei ursprünglich entstanden, um Musikern ein möglichst funktionales Instrument an die Hand zu geben.

Diese funktionale Logik habe die Form über Jahrzehnte zum Ausgangspunkt für unzählige Weiterentwicklungen gemacht, so Thomann weiter. Von kleinen Werkstätten bis zu etablierten Herstellern hätten Generationen von Gitarrenbauern das Konzept der S-Style-Gitarre immer wieder neu interpretiert. In den USA selbst gelte die Form schon lange als Public Domain, also als frei nutzbares Allgemeingut.
Als Beispiel führt Thomann Eddie Van Halens legendäre Frankenstrat an. Aus genau dieser freien Weiterentwicklung sei die Idee der Superstrat entstanden, eine Entwicklung, die bis heute Gitarristen und Gitarrenbauer inspiriert und von der laut Thomann am Ende auch Fender selbst profitiert habe.
Warum Thomann jetzt handelt
Die aktuelle Eskalation betrifft Thomann nach eigener Aussage direkt, schließlich ist auch die Eigenmarke Harley Benton von der Abmahnwelle erfasst. Man wolle den Kunden auch künftig die gesamte Bandbreite der Gitarrenwelt anbieten können, heißt es im Statement. Man erlebe die Situation gleichzeitig als Händler und als Hersteller.
Thomann verklagt Fender aber auch im Sinne kleinerer Hersteller, die sich einen solchen Rechtsstreit kaum leisten könnten. Ausdrücklich betont Thomann, an einer Klärung des Vorwurfs der Urheberrechtsverletzung in einem ordentlichen, neutralen Gerichtsverfahren interessiert zu sein, in dem beide Seiten ihre Argumente vorlegen können. Das bisherige Urteil aus Düsseldorf habe noch keine Beweisaufnahme durchlaufen, ein wesentlicher Unterschied zu einem streitig verhandelten Verfahren.

CEO Hans Thomann sagt zudem: „Wir waren selbst einmal ein kleines Musikgeschäft und wissen genau, wo wir herkommen. Vielfalt, Fairness und ein respektvoller Umgang miteinander gehören seit jeher zu unserem Selbstverständnis. Viele Betroffene haben nicht die finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten, einen solchen Rechtsstreit zu führen. Wir sehen es deshalb als unsere Verantwortung, diese Angelegenheit nicht nur für unser eigenes Unternehmen, sondern für alle Beteiligten gerichtlich klären zu lassen.“
Thomann nennt in diesem Zusammenhang ausdrücklich auch Hersteller, die nicht zum eigenen Sortiment gehören. Custom-Shop-Marken und Weiterentwickler wie Tyler, Tom Anderson, Suhr, LSL, Maybach, Pensa, FGN oder PRS werden als Beispiele für eine vielfältige Gitarrenszene genannt, die aus Sicht des Unternehmens durch die aktuelle Entwicklung gefährdet sei.
Der Appell an Fender
Am Ende des Statements formuliert Thomann einen direkten Appell. Geschrieben wurde die Geschichte der Stratocaster immer von Musikern, Gitarrenbauern und Herstellern weltweit, nicht von einem einzelnen Unternehmen. Genau diese Vielfalt sieht Thomann als eine der großen Stärken der Branche.
Entsprechend kündigt Thomann an, den eingeschlagenen rechtlichen Weg konsequent weiterzugehen, fürs eigene Unternehmen ebenso wie für die vielen Hersteller, Händler und Gitarrenbauer, die die Branche seit Jahrzehnten prägen. Fender wird aufgefordert, die Abmahnungen einzustellen und zu einem partnerschaftlichen Miteinander zurückzukehren.
Fazit und Meinung zum Thema: Thomann verklagt Fender
Thomann verklagt Fender, und damit verschiebt sich der Streit um die Stratocaster-Form in eine neue Phase. Statt einzelner Abmahnschreiben und öffentlicher Erklärungen steht nun ein ordentliches Gerichtsverfahren im Raum, in dem beide Seiten ihre Argumente vorlegen müssen. Eine offizielle Zusammenarbeit mit anderen betroffenen Herstellern oder Händlern gibt es laut Thomann nicht, das Unternehmen handelt rechtlich auf eigene Rechnung. Wie Fender auf diesen Schritt reagiert, ist im Moment natürlich noch offen. Aber wir halten euch wie immer hier auf dem Laufenden.
Ob Thomann mit diesem Schritt tatsächlich etwas bewegt, lässt sich aktuell nur schwer abschätzen, aber ganz unbeteiligt dürfte den Vorgang in der Branche kaum jemand verfolgen. Mich würde es ehrlich gesagt nicht wundern, wenn sich aus diesem Verfahren am Ende grundsätzlichere Antworten auf die Frage ergeben, wie weit Formenschutz im Gitarrenbau überhaupt reichen darf oder ob Fender am Ende komplett zurückrudern wird. Wie seht ihr das? Schreibt es uns gerne in die Kommentare, wir sind gespannt auf eure Einschätzung zu diesem Fall.
Weitere Informationen zu Thomann verklagt Fender
11 Kommentare zu “Thomann verklagt Fender: Musikhaus geht im Stratocaster-Streit in die Offensive”
Verteidigt Thomann hier wirklich ein Prinzip oder verteidigt Thomann ein Geschäftsmodell?
Denn ein großer Teil des Harley-Benton-Erfolgs basiert darauf, bekannte Konzepte sehr günstig anzubieten. Thomann hat deshalb ein enormes wirtschaftliches Eigeninteresse.
Die Aussage:
“Wir kämpfen für die ganze Branche”
ist wahrscheinlich nicht falsch.
Aber sie ist auch nicht selbstlos und gehört auch zur Wahrheit.
Wenn es Thomann nur um sich und Harley Benton ginge, würden sie die Abmahnung in den Papierkorb werfen und darauf warten, dass Fender sie verklagt – was vermutlich nie passieren würde. Wenn doch müsste Fender den Prozesskostenvorschuss zahlen (der bei Thomanns Geschäftsvolumen erheblich wäre) und hätte die Darlegungs- und Beweislast.
Ich vermute Sie klagen jetzt aktiv auf Feststellung, dass kein Urheberrecht an der Form besteht. Das heißt Thomann muss den Gerichtskostenvorschuss bezahlen und trägt die Darlegung- und Beweislast.
Ohne Not in einen Aktivprozess zu gehen, ist für Thomann allenfalls dadurch wirtschaftlich attraktiv, dass sie vermeiden wollen, dass kleinere Hersteller die Strats aufgeben und sie die dann auch nicht mehr verkaufen könnten – wobei das ja vielleicht den Harley Benton Umsatz steigern würde?
Da hat Chat GBT wohl mal wieder ein bisschen Quatsch ausgespuckt…. 😋
Na dein IQ tendiert auch gen 0 was.
Kannst du das näher ausführen? Was daran ist denn falsch..?
Kannst du das näher ausführen? Was genau ist an der Aussage Quatsch?
Da Gearnews zu Thomann gehört, wäre es aus meiner Sicht besser gewesen, zu diesem Thema gar nicht erst Stellung zu beziehen. Spätestens der abschließende Abschnitt mit Fazit und persönlicher Wertung hinterlässt einen faden Beigeschmack. Wirklich unabhängig wirkt das nicht.
Es gteht hier klar um das eigen Investment und nicht um die Szene.
Die Empörung über Fenders Abmahnwelle ist verständlich, aber Thomanns juristischer Gegenschlag ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern in erster Linie Eigenschutz.
Hier kämpfen zwei kapitalistische Schwergewichte um die filetierten Reste eines Designs von 1954.
Dass Thomann sich als Märtyrer der Szene inszeniert, hat wirklich einen sehr faden Beigeschmack. Es ist kein altruistischer Kampf für die Kunst, sondern ein kapitalistischer Grabenkrieg, verpackt in ein romantisches „Wir Gitarrenbauer halten zusammen“ Narrativ
Wenn es dem weltgrößten Händler wirklich um die Zukunft der Gitarren-Community ginge, würde er seine enormen Mittel, seine Reichweite und die Marke Harley Benton nutzen, um den modernen Gegenentwurf zu Fender zu etablieren: Ein völlig neues, zukunftsweisendes Design, das Open-Source für alle zugänglich gemacht wird.
Stattdessen erleben wir den ultimativen Boomer-Move: Unmengen an Geld fließen in Anwälte, nur um das Recht zu erstreiten, weiterhin 70 Jahre alte Kopien zu verkaufen. Wenn Fender seine Formen für sich allein will, sollte die Szene nicht vor Gericht winseln, sondern Fender einfach links liegen lassen und innovativ weiterziehen. Dieser Rechtsstreit bringt die Musik definitv nicht voran!
Das ist eine ziemlich krasse Darstellung, auch wenn es vielleicht die meisten nicht so formulieren würden, da viele Gitarristen durchaus das Design von Fender schätzen und lieben, ist es eine ziemlich präzise Zusammenfassung der Situation.
Manchmal ist die Wahrheit nicht die angenehmste Sache.
Eine Stratocaster klingt nicht nach einer Strat, weil sie diese Form hat. Sie klingt nach einer Strat, weil:
drei Singlecoils verbaut sind, die Pickups an bestimmten Positionen sitzen, die Elektronik typisch verschaltet ist, die Mensur 25,5 Zoll beträgt.
Wenn man die selben Pickups an der selben Position auf ein Stück Beton schrauben würde, käme etwas heraus, das erstaunlich ähnlich klingt.
Das Gitarristen oft übertreiben mit Aussagen wie:
“Dieses Stück Erle klingt wärmer!”, “Dieses Ahornholz hat mehr Luft!”, “Das Mahagoni erzeugt mehr 3D-Tiefe!“
sind häufig kaum oder gar nicht reproduzierbar.
In Blindtests brechen viele dieser Behauptungen zusammen da es schlichtweg Gitarren-Voodoo und nur Hokuspokus ist.
Als jemand mit jahrzehntelanger Erfahrung in Synthese, Akustik und Studioarbeit kennt man das Muster von anderen Bereichen: vergoldete Audiokabel, Ethernet-Kabel mit “mehr Musikalität”, Stromkabel für 5000 Euro, audiophile Sicherungen… es findet sich immer jemand der das glaubt und bereitwillig für die Illusion oder das schöne Gefühl seine Erspartes hergibt.
Daher muss man sich schon Fragen worum es hier eigentlich geht und ob es der Kunst hilft?
Man sollte oder muss die Angelegenheit auch aus diesem Blickwinkel heraus bewerten.
gerade Blindtests gibt es zur genüge auf YT und die zeigen selbst die erfahrensten hören die Unterschiede nicht.
meist ist es nur die 50:50 Quote
sage mir du bist fanboy ohne Ahnung, ohne zu sagen du bist fanboy.
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