Die Geschichte von Electro Harmonix: Aufstieg, Absturz und Wiedergeburt einer Effektlegende
Die Geschichte von Electro Harmonix ist keine geradlinige Story von einer kleinen Werkstatt zur modernen Fabrik. Das Unternehmen wurde innerhalb weniger Jahre groß, verschwand beinahe vollständig vom Markt, verlagerte seine Aktivitäten nach Russland und kehrte schließlich zurück. Im Mittelpunkt stand dabei immer Mastermind Mike Matthews: Musiker, Geschäftsmann und ein Unternehmer mit einem erstaunlichen Gespür für neue Sounds.
Die Geschichte von Electro Harmonix
Heute verbindet man die Geschichte von Electro Harmonix vor allem mit Pedalen wie dem Big Muff, dem Small Stone, dem Memory Man oder der Electric Mistress. Doch hinter den bekannten Metallgehäusen steckt eine Geschichte voller technischer Experimente, wirtschaftlicher Rückschläge und überraschender Neuanfänge.
Ein Geschäftsmann zwischen Rockmusik und Elektronik
Gründer Mike Matthews war kein klassischer Elektrotechniker, sondern spielte selbst Keyboard, bewegte sich in der New Yorker Musikszene und wollte zunächst als Musiker und Konzertveranstalter arbeiten. Gleichzeitig erkannte er früh, dass Gitarristen Ende der 1960er Jahre nach völlig neuen Sounds suchten.
Es ging nicht mehr nur darum, einen Verstärker lauter zu machen. Gitarristen wollten Verzerrung, Sustain und kontrollierbares Feedback. Bestehende Fuzz Pedale klangen häufig aggressiv, dünn oder schwer berechenbar.
Matthews gründete Electro Harmonix 1968. Eines der ersten erfolgreichen Produkte war damals der LPB 1 Linear Power Booster: Das kleine Gerät verstärkte das Gitarrensignal und trieb den angeschlossenen Röhrenamp stärker in die Sättigung. Die Idee war simpel, zeigte aber bereits, worum es Electro Harmonix künftig gehen sollte: Mit vergleichsweise einfacher Elektronik sollten Gitarristen Klänge erzeugen können, die vorher nur schwer erreichbar waren.
Geschichte von Electro Harmonix: Die Geburt des Big Muff

Gemeinsam mit dem Bell Labs Ingenieur Bob Myer arbeitete Matthews wenig später an einem Pedal, das starke Verzerrung mit langem Sustain verbinden sollte. Das Ergebnis erschien ungefähr 1969 und erhielt einen der bekanntesten Namen der Effektgeschichte: Big Muff Pi.
Technisch unterscheidet sich der Big Muff von vielen frühen Fuzz Schaltungen. Das Signal läuft durch mehrere Verstärkerstufen, Dioden begrenzen die Wellenform und erzeugen eine dichte, stark komprimierte Verzerrung. Eine passive Klangregelung formt anschließend den charakteristischen Frequenzgang.
Das Ergebnis klingt weniger kratzig als viele klassische Fuzz Pedale. Der Big Muff erzeugt einen weichen, beinahe geigenartigen Ton mit langem Sustain. Mit nur drei Reglern für Volume, Tone und Sustain lässt sich der Sound von bassig und schwer bis scharf und beinahe synthetisch verschieben.
Der Big Muff wurde zum wichtigsten Symbol in der Geschichte von Electro Harmonix. Trotzdem war er nur eines von vielen ungewöhnlichen Pedalen, mit denen das Unternehmen den Effektmarkt veränderte.
Mehr als nur der Big Muff
In den 1970er-Jahren entwickelte Electro Harmonix eine beeindruckende Auswahl an Effekten: Der Small Stone brachte schwebende Phaser Sounds auf das Pedalboard. Die Electric Mistress machte Flanging für Gitarristen zugänglich. Der Memory Man verband Delay mit Modulation und wurde zu einem der wichtigsten Echo Geräte seiner Zeit.
Auch der Big Muff selbst erschien in der Geschichte von Electro Harmonix in unterschiedlichen Varianten. Der frühe Triangle Big Muff erhielt seinen Namen durch die Anordnung seiner Regler. Spätere Ram’s Head Modelle wurden besonders mit den singenden Lead Sounds von David Gilmour verbunden.
Ende der 1970er-Jahre folgte eine Version mit Operationsverstärkern. Der Op Amp Big Muff klang direkter, härter und aggressiver. Jahrzehnte später wurde diese Schaltung durch Billy Corgan und die Smashing Pumpkins berühmt. Der Gitarrensound von Siamese Dream zeigte, wie ein Big Muff ganze Arrangements mit einer dichten Klangwand füllen konnte.
Der Absturz von Electro Harmonix
Das schnelle Wachstum brachte jedoch massive Probleme mit sich. Electro Harmonix veröffentlichte zahlreiche Produkte, beschäftigte viele Mitarbeitende und versuchte, die steigende Nachfrage zu bedienen. Gleichzeitig geriet das Unternehmen durch wirtschaftliche Schwierigkeiten, interne Konflikte und gescheiterte Geschäfte zunehmend unter Druck.
1984 war Mike Matthews nach eigener Aussage bankrott. Die ursprüngliche Firma konnte in ihrer bisherigen Form nicht weiterarbeiten. Electro Harmonix verschwand weitgehend vom Markt und viele der alten Pedale wurden innerhalb weniger Jahre zu gesuchten Gebrauchtgeräten.
Für die meisten Unternehmen wäre die Geschichte damit beendet gewesen. Matthews fand jedoch einen ungewöhnlichen Weg zurück.
Die russische Wiedergeburt
Matthews hatte Kontakte in die damalige Sowjetunion aufgebaut, dort gab es Produktionsstätten, gut ausgebildete Fachkräfte und vor allem Elektronenröhren.
Während die Unterhaltungselektronik im Westen längst auf Transistoren und integrierte Schaltungen setzte, benötigten Gitarristen weiterhin Röhren für ihre Verstärker. Matthews begann, russische Röhren in die USA und nach Europa zu importieren. Unter dem Namen Sovtek entwickelte sich daraus ein erfolgreiches Geschäft.
Anfang der 1990er Jahre kehrte dann schließlich auch der Big Muff zurück. Russische Varianten wie der später so bezeichnete Civil War Big Muff, der Green Russian und der Black Russian sahen deutlich nüchterner und robuster aus als die amerikanischen Originale.
Auch klanglich entwickelten sie einen eigenen Charakter. Viele russische Modelle boten mehr Bass, etwas weniger Gain und präsentere Mitten. Besonders Bassisten sowie Musiker aus Doom, Stoner Rock und Alternative entdeckten diese Varianten für sich.
Der Erfolg der Röhren und der russischen Pedale ermöglichte Matthews schließlich, Electro Harmonix wieder vollständig aufzubauen.
Warum Electro Harmonix bis heute funktioniert

Electro Harmonix lebt heute von einer ungewöhnlichen Balance. Einerseits produziert das Unternehmen Neuauflagen seiner Klassiker. Andererseits entstehen weiterhin eigenwillige Geräte, die Gitarren in Orgeln, Synthesizer oder kaum definierbare Klangflächen verwandeln.
Dabei wirkt die Marke bis heute angenehm unangepasst: Die Pedale sehen selten luxuriös oder klinisch aus. Viele wirken eher wie Werkzeuge aus einem alternativen Elektroniklabor. Genau das gehört zu ihrem Reiz.
Der Big Muff hat Electro Harmonix nicht allein gerettet. Ohne das Röhrengeschäft, die Kontakte und den Unternehmergeist von Mike Matthews wäre die Marke vermutlich verschwunden. Doch das Pedal blieb über alle Brüche hinweg ihr wichtigstes Symbol.
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