Aphex Twin überholt Taylor Swift auf YouTube – dank eines 24 Jahre alten Piano-Tracks
Wie ein alter Song zur Musiksensation der Algorithmus-Ära wird
Es ist einer dieser absurden Momente, die zeigen, wie unberechenbar digitale Plattformen geworden sind. Aphex Twin, der sonst lieber im Verborgenen arbeitet und selten Interviews gibt, hatte Anfang 2026 auf YouTube mehr monatliche Hörer und Streams als Taylor Swift. Während Swift in fast allen anderen Kategorien der globalen Popwelt weiterhin unangefochten dominiert, erreicht Richard D. James mit seiner komplexen, oft experimentellen Musik plötzlich ein Publikum, das man dort kaum erwartet hätte. Laut aktuellen Zahlen von YouTube Music zählt der britische Elektronikpionier rund 430 bis 438 Millionen monatliche Hörer, während Taylor Swift bei „lediglich“ 396 Millionen liegt.
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Aphex Twin erobert die YouTube-Charts mit einem 24 Jahre alten Song
Diese Zahlen wären an sich schon spektakulär, doch ihr Ursprung ist noch erstaunlicher. Denn YouTube zählt nicht nur klassische Musikstreams oder offizielle Musikvideos, sondern auch sämtliche User-Uploads, Shorts, Fan-Remixe und Clips, in denen ein Song als Soundtrack dient. Genau hier liegt der Grund für den aktuellen Hype. Der im Jahr 2001 auf dem Album Drukqs erschienene Piano-Track „QKThr“ hat sich in den vergangenen Monaten zu einem viralen Phänomen entwickelt. Millionen von TikTok-Videos, Instagram-Reels und YouTube-Shorts nutzen die fragile, beinah traurige Melodie als emotionale Untermalung. Besonders beliebt ist der Song in Trends wie „Hopecore“ oder „Subtle Foreshadowing“, bei denen kurze Clips leise Sehnsucht, Hoffnung oder Nostalgie transportieren sollen.
Der in L. A. ansässige DJ und Content Creator RamonPang, der das Phänomen vor Kurzem öffentlich machte, beschreibt es als „digitale Anomalie“. Doch es passt perfekt in das Muster, das Aphex Twin über Jahrzehnte hinweg geprägt hat: sich außerhalb der gängigen Mechanismen zu bewegen und trotzdem immer wieder den Nerv der Zeit zu treffen. Seine Musik war nie auf Reichweite ausgelegt, sondern auf Ausdruck, Atmosphäre und Eigenständigkeit. Dass ausgerechnet ein minimalistisches Stück mit Orgel- und Pianoklängen nun algorithmisch explodiert, zeigt, wie stark das Netz auf Emotionen statt auf Lautstärke reagiert.
Aphex Twin: Der stille Sieger der Algorithmus-Ära
In gewisser Weise ist „QKThr“ also mehr als nur ein viraler Hit. Er ist ein kultureller Marker dafür, wie Musik im Jahr 2026 funktioniert. Tracks leben heute nicht nur auf Streaming-Plattformen, sondern ebenso in unzähligen Formaten, Memes und Clips weiter. Aphex Twin hat diese Entwicklung zwar nicht forciert, sie spielt ihm jedoch in die Karten. Sein Sound ist zeitlos genug, um in neuen Kontexten zu bestehen – sei es in einem melancholischen TikTok-Edit oder als Hintergrund für ein nostalgisches Kurzvideo.
Interessant ist zudem, dass der Erfolg nicht isoliert steht. Im November veröffentlichte er auf seinem bekannten SoundCloud-Account user18081971 zwei neue Tracks – und das ohne Ankündigung, ohne Promotion, ganz in seinem eigenen Stil. Parallel dazu erschien eine erweiterte Neuauflage von „Surfing on Sine Waves”, dem einzigen Album, das er unter seinem Alias Polygon Window veröffentlichte. Diese Veröffentlichungen erfolgten eher im Stillen, während die alte Musik durch Social-Media-Algorithmen neue Kreise zog. So entsteht ein spannender Kontrast zwischen der bewussten Zurückhaltung des Künstlers und der unkontrollierten Dynamik der Plattformen.
Alte Musik, neuer Hype – und Taylor Swift im Rückspiegel
Dass ein Künstler wie Aphex Twin im Vergleich mit Taylor Swift auftaucht, wirkt surreal. Dieser Moment sagt jedoch weniger über die Künstler selbst aus, sondern mehr über die Mechanismen einer neuen Musikrealität. Die Hörer- und Streaming-Zahlen auf YouTube oder TikTok messen keine Fangemeinden im klassischen Sinne, sondern spiegeln wider, wie Musik in kleinen, emotional aufgeladenen Momenten konsumiert wird. „QKThr” ist das perfekte Beispiel dafür – ein leises Stück, das unbeabsichtigt zu einem globalen Soundtrack geworden ist.
So steht Aphex Twin im Jahr 2026 einmal mehr da, wo er sich am liebsten sieht: nicht im Rampenlicht, sondern daneben, wo Innovation entsteht, wenn man sie nicht plant.
