Das Gear von Stevie Ray Vaughan: Die besten Gitarristen der Welt
Texas, Schweiß und ein Ton wie ein Vorschlaghammer
Es gibt Gitarristen, die man analysieren kann. Und es gibt Gitarristen, bei denen jede Analyse am Ende irgendwie ausschließlich in Ehrfurcht endet. Stevie Ray Vaughan gehört für mich ganz klar in die zweite Kategorie. Nach dem ersten Mal „Texas Flood“ über eine gute Anlage, weiß ich: Dieser Ton ist nicht nur Klang. Druck, Dynamik und Emotion in Reinform trifft es irgendwie besser. Auch wenn es irgendwie schmierig klingt. Grund genug aber, das Gear von Stevie Ray Vaughan in unserer Reihe „Die besten Gitarristen aller Zeiten“ unter die Lupe zu nehmen!
Das Gear von Stevie Ray Vaughan: Inhalt
Dabei ist das Setup von SRV auf dem Papier beinahe unspektakulär: Eine Stratocaster, ein paar alte Fender-Amps, ein Tube Screamer. Kein überladenes Rack, kein Boutique-Zirkus, keine fünfzig Gain-Stufen. Und trotzdem klingt es bombastisch. Und um ehrlich zu sein: Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf das Gear von Stevie Ray Vaughan. Denn es zeigt, wie viel man mit den richtigen Zutaten erreichen kann, wenn die Hände wissen, was sie tun. Minimalismus scheint bei den besten Gitarristen der Welt definitiv eine Rolle zu spielen.
Die Gitarren: Stratocaster oder (fast) nichts

Wenn man über das Gear von Stevie Ray Vaughan spricht, kommt man an einer Gitarre nicht vorbei: seiner legendären „Number One“. Diese, meine Mutter würde sagen stark abgegriffene, Sunburst-Stratocaster ist vermutlich eine der bekanntesten E-Gitarren der Musikgeschichte und ein Grund für die lang anhaltende Popularität des Gitarren Aging.
Technisch betrachtet war „Number One“ ein ziemlicher Hybrid: Der Korpus stammt aus 1963, der Hals aus dem Jahr 1962. Ein dickes, sattes C-Profil, das heute vielen modernen Spielern fast schon brutal vorkommen würde (Stichwort „Baseballschläger“). Doch genau dieses massive Halsprofil trug vermutlich maßgeblich zum Sustain und zur Stabilität der Nummer 1 bei.
Ein weiteres Detail, das oft übersehen wird: Das Tremolo war ein Linkshänder-Modell, rechtshändig montiert. Dadurch saß der Hebel oberhalb der Saiten, was SRV erlaubte, ihn intuitiver zu greifen. Es sind genau solche kleinen Modifikationen am Gear von Stevie Ray Vaughan, die zeigen, dass hier kein Sammler am Werk war, sondern ein Musiker, der sein Instrument kompromisslos an sich anpasste.
Neben „Number One“ nutzte SRV noch weitere Strats, etwa die berühmte „Lenny“, die er für weichere, fast schon schwebende Sounds wie bei „Riviera Paradise“ oder eben „Lenny“ einsetzte. Die Strat wurde SRV zu seinem Geburtstag überreicht, ein gemeinsames Geschenk seiner Frau und einiger Freunde, die sich die 350,-$ teilten. Letztlich ein gutes Investment, denn Lenny wurde für über 600.000,-$ versteigert.
Neben den Strats fanden sich auch eine Gibson ES-335 oder eine Gibson Johnny Smith Hollowbody im Gear von Stevie Ray Vaughan. Doch am Ende bleibt sein Name eng mit der Fender Stratocaster verbunden. Einige Signature Gitarren inklusive.
Saiten, Setup und Spielgefühl: Der Widerstand als Soundfaktor
Wer über das Gear von Stevie Ray Vaughan spricht und die Saitenstärke nur beiläufig erwähnt, verpasst einen entscheidenden Punkt. SRV spielte meist extrem dicke Saitensätze, häufig .013 bis .058. Das ist kein Mythos, das ist dokumentiert. Und es ist vor allem eines: brutal.
Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass er seine Gitarren in der Regel einen Halbton tiefer stimmte. Das reduzierte die Spannung minimal, machte das Setup aber keineswegs komfortabel. In Kombination mit einer vergleichsweise hohen Saitenlage entstand ein Spielgefühl, das modernen Gitarristen vermutlich als unspielbar erscheinen würde.
Warum also dieser Aufwand?
Dicke Saiten liefern mehr Masse. Mehr Masse bedeutet mehr Energie, die in den Amp geschickt wird. In Verbindung mit laut aufgedrehten Röhrenverstärkern entsteht dadurch ein Ton mit enormer Dynamik, Klarheit und Sustain. Wichtig ist jedoch: Dicke Saiten allein machen noch keinen großen Sound. Ohne kräftigen Anschlag und kontrolliertes Vibrato bleiben sie schlicht nur dicke Saiten.
Das Gear von Stevie Ray Vaughan war darauf ausgelegt, Widerstand zu erzeugen. Jeder Bend war eine bewusste Entscheidung, jedes Vibrato arbeitete gegen die Spannung der Saite. Genau daraus entstand wohl auch dieses breite, aggressive, fast schon gesungene Vibrato, das zu seinem Markenzeichenwurde.
Sein Sound lebte von Kontrasten. Leichtes Anschlagen blieb klar und glockig. Hartes Reingreifen führte unmittelbar zu Kompression und Sättigung. Diese enorme Bandbreite war nur möglich, weil das Setup nicht nachgab. Grad, wenn man sich die Live-Auftritte anschaut, meint man zu sehen, dass SRV gegensein Instrument spielt. Und genau das hört man.
Verstärker: Laut ist keine Option, sondern Voraussetzung
Auch bei den Amps setzte Stevie Ray Vaughan vor allem auf klassische Modelle von Fender: Vibroverb, Super Reverb, Twin Reverb. Alles eher Clean-Amps mit viel Headroom, viel Leistung und viel Luft nach oben.
Das Entscheidende ist: Diese Verstärker waren nicht als High-Gain-Maschinen für das Gear von Stevie Ray Vaughan gedacht. Sie waren laut. Sehr laut. Und genau das war der Plan:
SRV erzeugte seine Verzerrung nicht primär über Vorstufen-Gain, sondern über Lautstärke und Endstufensättigung. Wenn eine 40, 80 oder 200 Watt Vollröhre weit aufgedreht wird, beginnt die Endstufe zu arbeiten. Der Ton wird dichter, komprimierter, aber bleibt definiert. Keine matschige Zerre, sondern ein offenes, reagierendes Overdrive.
Im Studio kamen dann noch Dual-Amping-Experimente hinzu: Ein Vibroverb für die Mitten, ein Super Reverb für Breite und Glanz. Die Grundidee blieb jedoch immer gleich: Ein klarer, lauter Grundsound, der auf die rechte Hand reagiert.
Wer heute versucht, diesen Sound bei Wohnzimmerlautstärke nachzubilden, stößt schnell an die Grenzen des technisch Machbaren. Klar ist das möglich. Emotional ist es aber einfach etwas anderes. Denn beim Gear von Stevie Ray Vaughan war Lautstärke kein Nebeneffekt, sondern Teil des Konzepts.
Effektgeräte: Weniger als man denkt

Wenn man das Gear von Stevie Ray Vaughan auf Fotos betrachtet, wirkt sein Setup beinahe überschaubar. Kein riesiges Pedalboard, keine komplexen Signalwege. Und genau das ist der Punkt: Minimalismus.
Das wohl bekannteste Pedal in seinem Setup war der Ibanez Tube Screamer TS808, den er in erster Linie als Mid-Boost nutzte: Der Tube Screamer schiebt die Mitten nach vorne, strafft die Bässe leicht und komprimiert das Signal dezent. In Kombination mit einem bereits lauten Fender-Amp entsteht dadurch ein dichter, fokussierter Leadsound, der sich mühelos durchsetzt.
Ein weiteres ikonisches Pedal war das Dallas Arbiter Fuzz Face. Hier zeigt sich der Einfluss von Jimi Hendrix sehr deutlich. Das Fuzz wurde vor allem für aggressivere, schmutzigere Momente eingesetzt.
Allerdings nutzte SRV es kontrollierter und strukturierter als viele seiner Zeitgenossen. Auch hier galt: Das Pedal durfte färben, aber nicht dominieren.
Ein Wah-Pedal gehörte ebenfalls zum Setup, kam jedoch sparsam zum Einsatz. Es diente weniger als Effekt im klassischen Funk-Sinn, sondern eher als Ausdruckswerkzeug für Solopassagen.
Auffällig ist, was nicht im Setup war: Kein dauerhaftes Delay, kein üppiger Hall, keine Modulation. Der Raumklang entstand überwiegend durch Lautstärke, Verstärker und Mikrofonierung.
Spieltechnik: Das eigentliche Geheimnis

An diesem Punkt muss man es klar sagen: Das wichtigste Stück im Gear von Stevie Ray Vaughan waren seine Hände.
Sein Anschlag war massiv, aber kontrolliert. Er spielte häufig mit einer Mischung aus Plektrum und Fingern, besonders bei komplexeren rhythmischen Figuren. Diese Technik erlaubte ihm, einzelne Saitenaggressiv hervorzuheben, während andere subtil mitschwingen konnten.
Sein Vibrato war breit, schnell und beinahe körperlich: Es kam nicht nur aus den Fingern, sondern aus dem Handgelenk, teilweise aus dem gesamten Unterarm — siehe Videobeweis. Dadurch entstand dieser singende, beinahe vokale Ton, der seine Soli so unverwechselbar macht.
Besonders beeindruckend ist für mich aber seine Dynamikkontrolle: Er konnte innerhalb weniger Sekunden von fast cleanem Picking zu vollem Overdrive wechseln, ohne einen einzigen Schalter zu betätigen. Alles lief über Anschlagstärke, Volume-Poti und Interaktion mit dem Amp.
Wie man den SRV-Sound heute nachbauen kann
Die gute Nachricht zuerst: Man braucht kein sechsstelligen Vintage-Setup, um sich dem SRV-Soundanzunähern. Die schlechte Nachricht: Man muss dafür arbeiten.
Die Basis
Eine Stratocaster mit vintage-orientierten Singlecoils ist Pflicht. Kein High-Output-Metal-Set, sondern moderate, offene Pickups mit klarer Höhenstruktur.
Dazu kommt dann ein Amp mit viel Clean-Headroom. Idealerweise ein Fender-Style Röhrenverstärker, Marshall Plexi geht aber auch immer. Wichtig ist, dass der Grundsound nicht von vornherein stark verzerrt ist.
Ein Tube-Screamer-Typ Overdrive als Mid-Boost ist sinnvoll. Drive moderat, Level etwas höher, Tone je nach Amp abstimmen. Ziel ist nicht Zerrgrad, sondern Durchsetzungskraft. Eigentlich spricht in diesem Zusammenhang überhaupt garnichts gegen das Original. Ein Tube Screamer gehört eh auf jedes ordentliche Pedalboard.
Das Setup
Wer mutig ist, probiert dickere Saiten aus. Vielleicht nicht direkt 013er, aber 011 oder 012 können bereits einen deutlichen Unterschied machen, gerade wenn man von 009er-Saiten kommt. Wichtig ist ein sauberes Setup der Gitarre, damit das Spielgefühl kontrollierbar bleibt.
Die Saitenlage darf gern etwas höher sein als bei modernen Shred-Setups. Das fördert Sustain und verhindert Schnarren bei hartem Anschlag. Vorsicht: Steile Lernkurve.
Fazit: Das Gear von Stevie Ray Vaughan war mehr als Blues
Stevie Ray Vaughan war kein Nostalgiker, der alte Sounds kopierte. Er war ein Extremist im besten Sinne. Sein Ton war laut, kompromisslos und emotional aufgeladen.
Das Gear von Stevie Ray Vaughan zeigt eindrucksvoll, dass großartiger Sound nicht aus Komplexität entsteht, sondern aus Klarheit: Eine Stratocaster, ein lauter Clean-Amp, ein Mid-Boost. Und vor allem: Hände, die wissen, wie man Dynamik erzeugt.
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