Bespielbarkeit bei E-Gitarren: Warum spielt sich manche Gitarre wie von selbst?
Es gibt Gitarren, bei denen passiert etwas Merkwürdiges: Man nimmt sie in die Hand, spielt drei Akkorde, ein paar Bendings und vielleicht einen schnellen Lauf und plötzlich funktioniert alles ein bisschen besser als sonst. Die Finger scheinen leichter über das Griffbrett zu laufen, Bendings kosten weniger Kraft und selbst schwierige Passagen fühlen sich entspannter an. Andere Gitarren können auf dem Papier nahezu identische Voraussetzungen mitbringen und trotzdem will dieses Gefühl einfach nicht entstehen. Aber woran liegt das eigentlich? Was bestimmt die Bespielbarkeit bei E-Gitarren wirklich?
Bespielbarkeit bei E-Gitarren: Inhalt
Ich habe darüber zuletzt wieder nachgedacht, weil ich mit der Fender American Ultra II Stratocaster eine Gitarre gespielt habe, die eigentlich gar nicht meinem gewohnten Beuteschema entspricht. Ich komme eher aus der Les Paul Ecke und bin mit kürzerer Mensur, kräftigerem Instrument und einer vollkommen anderen Konstruktion vertraut. Trotzdem war bei der Ultra II ziemlich schnell dieses Gefühl da: Die spielt sich verdammt einfach.
Natürlich lässt sich das teilweise mit technischen Daten erklären. Compound Radius, sauber abgerichtete Bünde, moderner Hals-Korpus-Übergang und ein schönes Halsprofil sind keine unwichtigen Details. Trotzdem wäre es zu einfach, die Bespielbarkeit bei E-Gitarren an diesen Werten festzumachen.
Denn die berühmte „schnelle Gitarre“ gibt es eigentlich gar nicht.
Was bedeutet eine schnelle Gitarre überhaupt?

Hersteller sprechen gerne von Fast Necks, besonders flachen Griffbrettern oder modernen Halsprofilen. Dahinter steckt eine Vorstellung, die sich spätestens seit den Superstrats der Achtziger hartnäckig hält: Ein möglichst dünner Hals, große Bünde, niedrige Saitenlage und ein flaches Griffbrett ergeben automatisch eine schnelle Gitarre. „Flitzefingergitarren“ — diese Bezeichnung macht gern die Runde.
Ganz falsch ist das nicht. Aber eben auch nicht ganz richtig bzw. nicht zu Ende gedacht.
Denn „schnell“ ist keine technische Eigenschaft. Es gibt keinen Messwert, an dem sich erkennen lässt, wie schnell sich eine Gitarre spielen lässt. Gemeint ist vielmehr, wie wenig das Instrument den Spieler bei bestimmten Bewegungen behindert bzw. wie viel Kraft in bestimmten Situationen aufgewendet wird.
Dabei kommen erstaunlich viele Faktoren zusammen: Halsprofil, Griffbrettradius, Bundgröße, Mensur, Saitenstärke, Saitenlage, Halskrümmung und die Oberfläche des Halses beeinflussen das Spielgefühl. Dazu kommen die eigenen Hände, die Spieltechnik und das, was man über Jahre gewohnt ist. Denn am Ende entscheiden auch Muskeln, Sehnen und Gelenke in den Fingern und Händen darüber, was alles geht und was eben nicht.
Die richtige Kombination kann sich fantastisch anfühlen. Ein einzelnes vermeintliches High Performance Feature garantiert dagegen noch gar nichts.
Dünner Hals gleich schneller Hals?
Beginnen wir mit dem offensichtlichsten Punkt: dem Halsprofil.
Wer einmal eine kräftige Fifties Les Paul und anschließend eine moderne Ibanez oder Charvel Superstrat gespielt hat, merkt den Unterschied innerhalb weniger Sekunden. Der eine Hals füllt die Hand regelrecht aus, der andere wirkt dagegen beinahe wie ein dünnes Brett.
Welche Variante schneller ist, scheint vielleicht zunächst eindeutig. Ist sie aber nicht.
Ein dünner Hals kann bestimmte Spieltechniken erleichtern. Besonders wenn der Daumen hinter dem Hals liegt und die Finger weit über das Griffbrett greifen müssen, kann ein schlankes Profil angenehm sein.
Ein kräftigerer Hals kann für die Bespielbarkeit bei E-Gitarren gleichzeitig sehr komfortabel sein, weil die Hand mehr Auflagefläche bekommt. Wer viel mit dem Daumen über der Griffbrettkante spielt, Bendings zieht oder klassische Rock- und Blues-Techniken verwendet, empfindet einen kräftigeren Hals möglicherweise sogar als entspannter. Und wir wissen doch alle: Entspannt ist flüssig. Und flüssig ist schnell.
Entscheidend ist außerdem nicht nur die Dicke. Ein C-Profil fühlt sich anders an als ein ausgeprägtes D- oder V-Profil. Auch die Breite des Halses und die Form seiner Schultern verändern, wie die Hand das Instrument greift.
Deshalb kann ein auf dem Papier dünner Hals erstaunlich unbequem wirken, während ein deutlich kräftigeres Modell perfekt in der Hand liegt. Persönlich heißt das für mich: Ich kann leider nie eine Ibanez RG aus der Prestige-Reihe spielen. Zumindest nicht lang — ich habe zu viele Jahre mit dem fetten Baseballschlägerhälsen der Klassiker verbracht.
Griffbrettradius und Bünde

Mindestens genauso interessant ist der Griffbrettradius. Klassische Fender Gitarren besaßen traditionell stark gewölbte Griffbretter, moderne Instrumente sind häufig deutlich flacher.
Grundsätzlich gilt: Je größer der Radius, desto flacher das Griffbrett.
Ein stärker gewölbtes Griffbrett kann sich beim Akkordspiel ausgesprochen angenehm anfühlen. Bei großen Bendings und sehr niedriger Saitenlage kann die stärkere Wölbung allerdings zum Problem werden. Die gezogene Saite kommt früher mit den folgenden Bünden in Kontakt und der Ton kann im Extremfall absterben.
Ein Compound Radius versucht beide Welten miteinander zu verbinden. Das Griffbrett wird in Richtung der höheren Lagen zunehmend flacher. Akkorde sollen sich dadurch in den unteren Lagen angenehm greifen lassen, während weiter oben mehr Platz für Bendings entsteht.
Auch die Bünde verändern das Spielgefühl erheblich. Bei hohen Jumbo– oder Narrow-Tall-Bünden muss der Finger die Saite weniger weit in Richtung Griffbrett drücken. Bendings können sich dadurch leichter anfühlen. Wer mit viel Kraft greift, kann die Saite zwischen hohen Bünden allerdings auch unnötig weit herunterdrücken und dadurch leicht verstimmen.
Noch wichtiger als die Größe ist die Qualität der Bundierung. Sauber abgerichtete Bünde ermöglichen eine niedrigere Saitenlage, ohne dass einzelne Töne stark schnarren oder absterben. Für die Bespielbarkeit kann das wichtiger sein als manches spektakuläre Feature auf dem Datenblatt.
Die Mensur verändert das gesamte Spielgefühl – oder?
Warum fühlt sich eine Les Paul mit einem Satz 10er Saiten anders an als eine Stratocaster mit denselben Saiten?
Ein wesentlicher Grund ist die Mensur.
Eine typische Gibson Mensur ist kürzer als die klassische Fender Mensur. Bei gleicher Stimmung und Saitenstärke fühlt sich die längere Mensur tendenziell straffer an, die kürzere entsprechend weicher. Besonders bei Bendings und Vibrato fällt das auf.
Eine Les Paul kann sich dadurch trotz eines kräftigen Halses erstaunlich leicht spielen lassen. Eine Stratocaster mit längerer Mensur reagiert häufig etwas straffer und direkter.
Interessant wird es, wenn man die Saitenstärke verändert. Ein Wechsel von 10er- auf 9er-Saiten kann das Spielgefühl stärker verändern als manches Feature, das im Prospekt eine halbe Seite bekommt. Umgekehrt kann eine stärkere Saite angenehm sein, wenn einem eine kurze Mensur zu weich vorkommt. Mensur und Saitenstärke gehören deshalb immer zusammen betrachtet.
Das erklärt auch, warum Empfehlungen zur perfekten Saitenstärke nur begrenzt sinnvoll sind. Was auf einer Gitarre genau richtig wirkt, kann sich auf einem anderen Instrument bereits deutlich zu weich oder zu straff anfühlen.
Saitenlage: Niedriger ist nicht automatisch besser

Über das Saitenlage Einstellen haben wir bereits ausführlicher gesprochen. Für die Bespielbarkeit bei E-Gitarren müssen wir den Punkt trotzdem erwähnen.
Eine niedrige Saitenlage reduziert den Weg, den eine Saite beim Greifen zurücklegen muss. Das kann schnelles Spielen erleichtern und benötigt weniger Kraft.
Eine extrem niedrige Saitenlage verkleinert aber auch den Raum, in dem die Saite frei schwingen kann. Je nach Anschlag, Bundierung und Halskrümmung beginnt die Gitarre stärker zu schnarren. Bendings können problematischer werden und kräftiges Rhythmusspiel fühlt sich möglicherweise sogar schlechter an.
Auch die Halskrümmung spielt dabei mit. Ein Gitarrenhals benötigt normalerweise etwas Relief, damit die Saiten ausreichend Platz zum Schwingen haben. Zu viel oder zu wenig davon verändert die Saitenlage und damit unmittelbar das Spielgefühl.
Die beste Saitenlage ist deshalb nicht zwangsläufig die niedrigste technisch mögliche Einstellung. Es ist die Einstellung, die zur eigenen Spielweise passt.
Eine Gitarre darf sich nach Arbeit anfühlen
Und damit kommen wir zu einem Punkt, der mir bei der Diskussion über Bespielbarkeit bei E-Gitarren häufig zu kurz kommt.
Denn wenn wir von guter Bespielbarkeit sprechen, klingt es schnell so, als müssten wir sämtliche Widerstände beseitigen: dünner Hals, niedrige Saitenlage, große Bünde, leichte Saiten und am besten eine Halsoberfläche, über die die Hand vollkommen widerstandslos gleitet.
Technisch kann das beeindruckend sein. Musikalisch muss es keineswegs für jeden Spieler die beste Lösung sein.
Ich finde: Eine Gitarre darf Widerstand leisten.
Ich finde sogar, dass etwas mehr Arbeit manchmal ausgesprochen angenehm sein kann. Eine höhere Saitenspannung gibt beim Anschlag eine andere Rückmeldung. Kräftigere Saiten können sich beim Rhythmusspiel definierter anfühlen. Ein massiver Hals kann der Greifhand eine angenehme Stütze geben und eine nicht ganz extrem niedrige Saitenlage lädt dazu ein, die Saiten etwas kräftiger anzufassen.
Das verändert nicht nur den Komfort, sondern möglicherweise auch die Art, wie man spielt.
Auf einer extrem leichtgängigen modernen Gitarre fliegen die Finger vielleicht über das Griffbrett. Ein traditioneller eingestelltes Instrument verlangt etwas mehr Einsatz, gibt dafür aber auch eine andere körperliche Rückmeldung.
Bespielbarkeit bedeutet nicht, dass eine Gitarre möglichst wenig Kraft verlangen muss. Sie sollte vielmehr den Widerstand bieten, mit dem man selbst gerne arbeitet.
Das erklärt auch, warum manche Gitarristen freiwillig dicke Saiten spielen oder ihre Saitenlage höher einstellen, obwohl technisch bequemere Lösungen möglich wären.
Der wichtigste Faktor steht in keinem Datenblatt

Damit kommen wir zu einem Faktor, der sämtliche technischen Überlegungen ein wenig durcheinanderbringt: Gewöhnung.
Wer jahrelang fast ausschließlich eine Les Paul gespielt hat, gewöhnt sich an deren Mensur, Halswinkel, Saitenspannung, Brücke und Position der Bedienelemente. Das Instrument wird irgendwann zur persönlichen Referenz.
Nimmt man anschließend eine Stratocaster oder moderne Superstrat in die Hand, können objektiv komfortable Eigenschaften zunächst sogar ungewohnt wirken. Der Hals ist flacher, die Mensur länger, die Saiten fühlen sich straffer an und die rechte Hand landet plötzlich an einer anderen Position.
Unser Körper hat schlicht gelernt, mit einer bestimmten Geometrie umzugehen, im besten Fall ohne Schmerzen beim Gitarrespielen.
Das erklärt auch, warum die Suche nach der „besten“ Halsform kaum zu einem eindeutigen Ergebnis führen kann. Hände unterscheiden sich, Spieltechniken unterscheiden sich und vor allem unterscheiden sich die Bewegungsabläufe, die wir über Jahre automatisiert haben.
Ein Gitarrist mit großen Händen kann einen dünnen Hals lieben oder hassen. Dasselbe gilt für jemanden mit kleinen Händen. Spielgefühl ist am Ende immer auch erlerntes Gefühl.
Was bestimmt die Bespielbarkeit bei E-Gitarren wirklich?
Warum spielt sich manche Gitarre also wie von selbst? Weil bei ihr erstaunlich viele kleine Faktoren gleichzeitig zusammenpassen.
Halsprofil, Radius, Bundhöhe, Mensur, Saitenstärke, Saitenlage, Relief, Halsoberfläche und Ergonomie bilden gemeinsam ein mechanisches System. Verändert man einen dieser Faktoren, kann sich das gesamte Instrument anders anfühlen.
Deshalb würde ich beim Gitarrenkauf weniger darauf achten, ob ein Hersteller einen besonders schnellen Hals oder eine besonders moderne Konstruktion verspricht.
Viel interessanter ist die Frage: Was passiert mit meinem Spiel, wenn ich diese Gitarre in die Hand nehme? Und vor allem: Spiele ich gerne weiter?
Denn am Ende ist das vermutlich die sinnvollste Definition für eine gute Bespielbarkeit bei E-Gitarren: Eine gut spielbare Gitarre ist nicht zwangsläufig diejenige, die einem möglichst viel Arbeit abnimmt. Es ist die Gitarre, bei der sich der Widerstand richtig anfühlt.
Auf dem Papier kann eine Gitarre perfekt sein. Ob sie sich auch so anfühlt, entscheiden am Ende die eigenen Hände.
Und wer aufgepasst hat, findet in diesem Artikel schließlich auch den besten Grund dafür, möglichst viele unterschiedliche Gitarren zu besitzen. GAS — ich denk’ an dich …
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