von  Gastautor  | |  Lesezeit: 7 Min
Das Mellotron und seine Geschichte

Das Mellotron und seine Geschichte  ·  Quelle: Mellotron

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Von den Beatles bis zu Oasis: Unzählige legendäre Bands und Künstler haben das Mellotron genutzt und das tonbandbasierte elektromechanische Keyboard damit zu einem Klassiker für die Ewigkeit gemacht. Obwohl es sich um eine sehr britische Geschichte handelt, beginnt die Ära des Mellotrons in Amerika. Wir begeben uns auf Spurensuche.

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Dieser Artikel von Adam Douglas erschien ursprünglich auf gearnews.com. Übersetzung: Lasse Eilers.

Die Geschichte des Mellotrons

Ein analoger Sampler. Der weltweit erste ROMpler. Das erste Arranger-Keyboard. Die Geheimwaffe aller Prog-Rock-Bands. Das Mellotron war all das und noch viel mehr. Sein kultureller Einfluss ist enorm und der Abschnitt zum Mellotron ist ein so bedeutsames Kapitel in der Entwicklungsgeschichte der elektronischen Musik, dass wir ihm einfach eine Folge unserer Serie zu Synthesizer-Klassikern widmen mussten – obwohl es natürlich gar kein Synthesizer ist.

Das Mellotron und seine Geschichte
Quelle: GForce Software

Das Mellotron kam Mitte der 1960er Jahre zunächst in England auf den Markt. Lange, bevor die ebenfalls gerade in den Kinderschuhen steckenden Synthesizer Ähnliches konnten, war das neuartige Instrument in der Lage, akustische Klänge mit verblüffender Realitätsnähe nachzubilden. Das lag daran, dass statt elektronischer Oszillatoren Magnetbandspulen zum Einsatz kamen, auf denen die Klänge tatsächlich aufgenommener Instrumente gespeichert waren. Jede Taste hatte ihr eigenes Tonband, das an einen Wiedergabekopf gedrückt wurde, sobald die Taste betätigt wurde. Geigen, Flöten, komplette Arrangements, Schlagzeug – alles ließ sich nun auf dem Mellotron spielen, ohne dass dafür ein ganzes Ensemble im Studio anwesend sein musste. Für die damalige Zeit war das eine Sensation.

Folglich rissen sich die erfolgreichsten Künstler jener Zeit um das neue Instrument, weshalb der Einfluss des Mellotrons auf die moderne Popmusik kaum zu unterschätzen ist. Die Flöten in „Strawberry Fields Forever“ von den Beatles? Mellotron. Die Streicher in „The Rain Song“ von Led Zeppelin? Ebenfalls Mellotron. Auch in Songs von Radiohead, Yes, Hawkwind, Oasis, OMD und sogar Marilyn Manson ist es zu hören.

Der Durchbruch gelang dem Mellotron in Großbritannien, weshalb es bis heute oft als typisch britisches Instrument wahrgenommen wird. Tatsächlich beginnt seine Geschichte jedoch nicht in England, sondern in Amerika.

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Die Anfänge: das Chamberlin

In der Nachkriegszeit war Tonband der letzte Schrei. Der Amerikaner Harry Chamberlin war der Erste, der auf die Idee kam, die neue Technik zur Klangerzeugung für ein Instrument zu nutzen. Ab 1949 entwickelte er das Chamberlin, ein Instrument voller Bandschleifen. Diese enthielten sorgfältig aufgenommene Instrumentalstimmen (gespielt von niemand Geringerem als den Mitgliedern des Lawrence Welk Orchestra) und ermöglichten es Musikern und sogar Laien, wie eine komplette Band zu klingen.

Das Mellotron und seine Geschichte
Chamberlin · Quelle: GForce Software

Chamberlin heuerte Bill Franson, seinen ehemaligen Fensterputzer, als Verkäufer an und baute sein Geschäft langsam aus. Unter den ersten Kunden waren Größen wie Bobby Darin und Elvis Presley. Eines Tages im Jahr 1962 bemerkte Chamberlin jedoch, dass Franson verschwunden war: Der Verkäufer war nach England abgehauen und hatte zwei Exemplare des Chamberlin Model 600 mitgenommen. Dort schaltete er eine Anzeige, um einen Lieferanten für Tonband-Wiedergabeköpfe zu finden. Bei der in Birmingham ansässigen, auf Tonbandtechnik spezialisierten Firma Bradmatic Ltd wurde er fündig.

Auf nach Birmingham

Den Kopf voller Pläne, wie sich das Chamberlin verbessern ließe, gründeten einige Mitarbeiter von Bradmatic die neue Firma Mellotronics. Die Studiozeit für die Aufnahme neuer Tonbänder war schon gebucht. Das erste Instrument des neuen Herstellers, das Mellotron Mk 1 von 1963, verfügte über zwei nebeneinander angeordnete Manuale mit jeweils 35 Tasten und Klängen. Die rechte Seite enthielt die Lead-Instrumente, während die linke Seite Rhythmen und Arrangements bot. Die Idee dahinter war, dass man ganze Songs mit nur wenigen Fingern spielen konnte – sozusagen eine frühe Version eines Arranger-Keyboards.

Das Mk II, das im folgenden Jahr auf den Markt kam, verfügte über eine vollständige Ausstattung an „Stations“, also Rhythmus-Sektionen und Lead-Instrumente, die auf Mehrspurband aufgezeichnet waren. Es war für den Einsatz zu Hause und in Clubs konzipiert. Zu den Abnehmern gehörte neben Peter Sellers und Prinzessin Margaret auch die BBC, die ihr Exemplar mit maßgeschneiderten Foley-Sounds für den Einsatz im Radiophonic Workshop ausstattete.

Die Streetly-Ära

Mitte der 1960er Jahre hatte Harry Chamberlin durchschaut, was vor sich ging. Obwohl er mit dem Verhalten seines ehemaligen Fensterputzers nicht allzu glücklich war, rang er sich dennoch zu einem Deal mit Mellotronics durch. Diese durften das Instrument weiterhin in Großbritannien verkaufen, während Chamberlin die Exklusivrechte für die Vereinigten Staaten erhielt. Ab 1970 firmierte Mellotronics unter dem Namen Streetly Electronics.

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Das erste neue Instrument, das nach der Vereinbarung mit Chamberlin auf den Markt kam, war das M300 (1968). Dieses vereinte Lead- und Rhythmusklänge in einem einzigen Manual mit 52 Tasten. Bald darauf, im Jahr 1970, wurde es vom M400 abgelöst. Als Reaktion darauf, dass das Instrument zunehmend von professionellen Musikern eingesetzt wurde, verzichtete das M400 gänzlich auf die Rhythmus-Sektion und behielt nur die Lead-Klänge bei. Zudem brachte Streetly das Instrument in eine kompaktere Form, wodurch es (relativ gesehen) tragbar und somit für tourende Musiker attraktiver wurde.

Eine Geschichte von zwei Trons

Das goldene Zeitalter des Mellotrons dauerte noch bis in die frühen 1970er-Jahre an. Dank der Popularität des Instruments bei bekannten Prog-Rock-Bands gelang es Streetly, rund 1.800 Exemplare des M400 zu verkaufen – sicherlich auch, weil andere polyphone Keyboards, die keine Orgeln waren, noch auf sich warten ließen. Nicht schlecht für ein Instrument, das zu seiner Zeit für 625 £ verkauft wurde, was heute etwa 12.000 £ bzw. knapp 14.000 € entspricht.

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Aufgrund einer Markenrechtsstreitigkeit mit dem amerikanischen Vertriebspartner verlor Streetly jedoch die Rechte an der Marke Mellotron. Unbeeindruckt davon machten sie weiter und änderten den Namen des Instruments in Novatron. 1977 erschien das Novatron Mark V (basierend auf dem kurzlebigen Streetly Mellotron Mark V von 1975) und 1978 das Novatron M400, das dem klassischen M400 mit einem anderen Typenschild entsprach. Außerdem gab es noch das Novatron T550, bei dem das M400 in einem Flightcase untergebracht war. Dem durchschlagenden Erfolg des Yamaha DX7 und anderer moderner Synthesizer hatte jedoch auch Streetly nichts entgegenzusetzen: 1986 schloss das Unternehmen aufgrund des allgemeinen Desinteresses seitens der Musiker und des Verlusts von Marktanteilen vorerst seine Türen.

Unterdessen versuchte der amerikanische Nachahmer Sound Sales mutig, ein eigenes neues Mellotron zu entwickeln. Das äußerst seltene 4 Track, das 1980 auf den Markt kam, konnte sich jedoch nicht durchsetzen und es wurden nur etwa fünf Exemplare hergestellt.

Das Mellotron und seine Geschichte: Von analog zu digital

Doch das ist noch nicht das Ende unserer Geschichte. 1997 formierte sich Streetly neu, zunächst um bestehende Instrumente zu warten und dann, im Jahr 2007, um neue zu bauen. Das Modell mit dem Namen M4000 verfügte über das Layout und das Chassis eines M400, jedoch mit einem digitalen Bank-Selektor als Ergänzung zu den Bändern im Inneren.

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Unterdessen ereilte Sound Sales in den späten 1980er Jahren in den USA das gleiche Schicksal wie Streetly. Der Amerikaner David Kean kaufte dem strauchelnden Unternehmen die verbliebenen Bestände ab. Zusammen mit dem schwedischen Enthusiasten Markus Resch entwarfen und bauten die beiden die Modelle Mark VI und Mark VII.

2010 stellte Resch – der nun eigenständig von Schweden aus arbeitete – schließlich das M4000D vor, das erste vollständig digitale Mellotron. Es folgten 2012 das M4000D Mini, 2014 das M4000D Rack und 2017 das Mellotron Micro. Die modernen Varianten sind bei Thomann* erhältlich.

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Das Mellotron für deine DAW

Was als sehr teure Kuriosität begann, hat sich durch jahrzehntelangen Einsatz durch kreative und zukunftsgewandte Musiker zu einem echten Klassiker. Wie der Minimoog, die Hammondorgel oder die Stratocaster-Gitarre hat das Mellotron heute seinen festen Platz in der Musik. Mal unheimlich und eindringlich, mal zerbrechlich und lieblich, kann es je nach Einsatzweise retro oder futuristisch klingen.

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Zwar sind die modernen digitalen Versionen zweifellos benutzerfreundlicher als die Originale – sie erfordern zumindest viel weniger Wartung –, doch sind sie nach wie vor Premium-Instrumente mit Premium-Preisen. Glücklicherweise gibt es inzwischen zahlreiche Software-Nachbildungen des Mellotrons, unter anderem von GForce Software und Arturia. Die meisten bekommst du bei Thomann*.

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