von  Jan Rotring  | |   Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen   |  Lesezeit: 7 Min
Nu Gaze - Was zur Hölle ist das eigentlich?

Nu Gaze - Was zur Hölle ist das eigentlich?  ·  Quelle: Ray Hill / Alamy Live News

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Ich gebe es zu: Als mir der Begriff Nu Gaze zum ersten Mal begegnet ist, war meine Reaktion ungefähr die gleiche wie vermutlich bei einigen von euch: Was zur Hölle soll das denn jetzt schon wieder sein? Shoegaze kenne ich. Nu Metal sowieso. Aber Nu Gaze? Tatsächlich steckt dahinter eine der momentan spannendsten Entwicklungen in der Gitarrenmusik. Junge Bands kombinieren verträumte Klangflächen mit tief gestimmten Gitarren, tonnenweise Verzerrung und einer gehörigen Portion Neunzigerjahre. Das Ergebnis klingt manchmal nach My Bloody Valentine, manchmal nach Deftones und erstaunlich häufig nach beidem gleichzeitig.

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Das Spannende daran: Nu Gaze ist eigentlich gar nicht neu. Der Begriff tauchte bereits Anfang der 2000er auf und wurde damals für eine neue Generation von Bands verwendet, die den Shoegaze-Sound der späten Achtziger und frühen Neunziger wieder aufgriffen. In den letzten Jahren hat sich seine Bedeutung allerdings verändert. Heute steht Nu Gaze zunehmend für eine härtere Spielart, bei der Shoegaze auf Nu Metal, Alternative Metal, Grunge und teilweise Post-Hardcore trifft.

Und plötzlich ergibt auch der etwas alberne Name Sinn.

Shoegaze trifft auf Nu Metal

Nu Gaze: Loathe Live
Nu Gaze: Loathe Live · Quelle: Gonzales Photo / Alamy

Um Nu Gaze zu verstehen, müssen wir kurz zurück in die Neunziger (hach, würden wir das nicht alle gern dauerhaft tun?). Klassischer Shoegaze lebt weniger von Riffs und Gitarrenheldentum als von Klang. Bands wie My Bloody Valentine oder Slowdive ließen Gitarren unter mehreren Schichten aus Verzerrung, Reverb, Delay und Modulation beinahe verschwinden. Akkorde wurden zu Flächen und der Gesang war häufig eher Bestandteil dieser Soundlandschaft als deren Mittelpunkt.

Auf der anderen Seite steht Nu Metal. Hier ging es um Rhythmus, tiefe Tunings und massive Gitarrensounds. Korn, Limp Bizkit, die Deftones oder später Linkin Park spielten zwar sehr unterschiedliche Musik, teilten aber eine gewisse Abkehr vom klassischen Metal. Gitarrensoli waren plötzlich weit weniger wichtig, dafür wurden Groove, Atmosphäre und ungewöhnliche Sounds umso bedeutender.

Heute treffen diese beiden Welten also aufeinander.

Das Ergebnis sind Gitarren, die gleichzeitig brutal und verträumt klingen können. Ein Song beginnt vielleicht mit einer beinahe schwerelosen Fläche aus Chorus und Reverb und bricht Sekunden später in ein tief gestimmtes Riff ein. Dazu kommen häufig melodische, fast entrückte Vocals und eine Produktion, die deutlich moderner und druckvoller klingt als bei vielen klassischen Shoegaze-Aufnahmen.

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Bands wie Loathe treiben diesen Kontrast teilweise ziemlich weit. Ihre Musik lässt sich entsprechend nicht nur mit Shoegaze beschreiben. Metalcore, Nu Metal, Alternative Metal und Post-Hardcore stecken ebenfalls irgendwo darin.

Und was haben die Deftones damit zu tun?

Der Gitarrensound von "My Own Summer (Shove it)": Kling' wie die Deftones mit Plugins, Budget-Setup oder Studio-Gear
Vorreiter des Nu Gaze? Deftones! · Quelle: MediaPunch Inc / Alamy

Wer sich ein wenig durch Nu Gaze hört, wird ziemlich schnell über einen Namen stolpern: Deftones.

Das ist interessant, denn die Band ist natürlich keine Nu-Gaze-Band. Viele Elemente, die heute mit diesem Sound verbunden werden, finden sich bei den Deftones allerdings schon seit Jahrzehnten: tief gestimmte und teilweise überraschend simple Riffs, riesige Gitarrenflächen, ätherischer Gesang und dieser permanente Wechsel zwischen Aggression und Melancholie.

Entsprechend gelten die Deftones als einer der wichtigsten Bezugspunkte und Wegbereiter für die aktuelle Nu-Gaze-Welle. Daneben spielt auch der Einfluss von Bands wie Title Fight eine Rolle, deren Mischung aus Hardcore, Alternative Rock und zunehmend atmosphärischen Sounds ebenfalls Spuren hinterlassen hat.

Dass die Grenzen dabei ziemlich unscharf sind, gehört fast zum Konzept. Nu Gaze ist keine sauber definierte Schublade. Je nach Band finden sich mehr Shoegaze, Grunge, Metalcore, Alternative Rock oder Nu Metal. Manchmal wird der Begriff sogar schlicht für neuen Shoegaze verwendet.

Wie klingt Nu Gaze auf der Gitarre?

Für uns Gitarristen wird es natürlich allerspätestens beim Gear spannend. Und hier zeigt sich schnell, dass Nu Gaze zwei eigentlich gegensätzliche Philosophien miteinander verbindet.

Vom Metal kommen tiefe Tunings, Humbucker und viel Gain. Bariton-Gitarren und siebensaitige Instrumente passen entsprechend hervorragend in diese Welt, sind aber keineswegs Pflicht. Viel wichtiger ist ein dichter und druckvoller Grundsound, der auch bei tiefen Riffs noch einigermaßen definiert bleibt.

Vom Shoegaze kommt dagegen die Lust am Effektgerät. Reverb, Chorus, Delay und Fuzz spielen eine entsprechend große Rolle. Dabei geht es weniger um einen möglichst perfekten Gitarrenton als um Textur. Ein Reverb darf riesig sein. Ein Fuzz darf den eigentlichen Charakter der Gitarre beinahe vollständig verschlucken. Chorus darf hörbar eiern und mehrere Effekte dürfen sich gegenseitig regelrecht zuschmieren.

Gerade diese Klangästhetik gehört seit jeher zum Shoegaze: Effekte dienen nicht nur dazu, einen Gitarrensound zu verfeinern. Sie werden selbst zu einem Teil des Instruments.

Und hier unterscheidet sich Nu Gaze interessant vom modernen Metal. Statt jede Saite maximal präzise und trocken abzubilden, darf der Sound breit, diffus und gelegentlich ziemlich kaputt werden.

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Brauche ich dafür ein riesiges Pedalboard?

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Natürlich nicht. Das Grundrezept lässt sich recht einfach zusammenpanschen:

Eine Gitarre mit (aktiven?) Humbuckern, ordentlich Verzerrung und ein großer Reverb bringen uns bereits ziemlich weit. Dazu vielleicht Chorus oder Delay und schon lässt sich mit der Kombination aus trockenen, schweren Riffs und vollkommen übertriebenen Flächensounds experimentieren.

Viel wichtiger als ein bestimmtes Pedal ist dabei der Umgang mit den Effekten. Reverb muss beispielsweise nicht zwangsläufig brav am Ende der Signalkette sitzen. Wer Hall vor eine starke Verzerrung setzt, bekommt schnell diese verwaschenen Klangwände, bei denen einzelne Anschläge kaum noch voneinander zu unterscheiden sind.

Das Schöne daran: Beim Nu Gaze kann der vermeintlich schlechte Gitarrensound plötzlich genau der richtige sein.

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Welche Bands sollte man sich anhören?

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Wer herausfinden möchte, ob Nu Gaze etwas für ihn ist, kann zunächst bei Loathe anfangen. Gerade die Verbindung aus enorm schweren Passagen und atmosphärischen Flächen zeigt ziemlich gut, woher ein Teil der aktuellen Bewegung kommt.

Fleshwater gehen stärker in Richtung Grunge und Alternative Rock. Hier treffen schwere Gitarren auf melodische Vocals und eine ordentliche Portion Neunzigerjahre.

Dann wäre da Wisp. Die US-Musikerin gehört zu einer jüngeren Generation, die Shoegaze über moderne Produktionsmethoden und das Internet neu interpretiert und dabei ebenfalls Einflüsse aus Nu Metal und Alternative Rock einfließen lässt.

Dazu kommen Bands wie Narrow Head, Trauma Ray, Split Chain oder Slowdive. Schon beim Durchhören dieser Namen merkt man allerdings schnell, wie unterschiedlich Nu Gaze klingen kann. Split Chain bezeichnen ihre eigene Mischung aus Shoegaze, Grunge und Nu Metal beispielsweise selbst als Nu Gaze.

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Alter Sound, neue Generation

Pioniere des Shoegazing: Slowdive
Pioniere des Shoegazing: Slowdive · Quelle: Roger Garfield / Alamy

Vielleicht ist genau das der spannendste Punkt an der ganzen Sache: Nu Gaze erfindet musikalisch kaum etwas vollkommen Neues. Shoegaze ist mehr als 30 Jahre alt und auch die große Zeit des Nu Metal liegt inzwischen ein Vierteljahrhundert zurück (ja, es tut weh).

Für eine neue Generation von Musikern sind diese Grenzen aber offenbar weit weniger wichtig. Warum sollte man sich zwischen einem verträumten Shoegaze-Sound und einem tonnenschweren Riff entscheiden, wenn man einfach beides haben kann?

Vielleicht erklärt das auch, warum Nu Gaze gerade so gut funktioniert. Die Musik verbindet zwei Dinge, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Schönheit und Krach, Atmosphäre und Aggression, riesige Effektflächen und erstaunlich simple Riffs.

Ob wir dafür wirklich noch einen weiteren Genrebegriff gebraucht hätten, sei dahingestellt. Aber wenn dabei wieder mehr junge Menschen Gitarren tief stimmen, Fuzz-Pedale einschalten und ausprobieren, wie viel Reverb eigentlich zu viel Reverb ist, kann ich mit Nu Gaze ziemlich gut leben.

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