Latenz bei Gitarrenaufnahmen: So findest du die Ursachen und vermeidest sie!
Das größte Ärgernis bei Aufnahmen "in-the-box"!
Es ist zum Haare raufen! Du hast die Gitarre an dein Interface angeschlossen und willst deine ersten Songs in deiner DAW aufnehmen, aber du bemerkst eine Latenz bei Gitarrenaufnahmen! Diese Verzögerung zwischen dem, was du spielst und dem was du aus deinem Rechner hörst, kann jedes Spielgefühl, jeden Groove zerstören. Woher kommt das? Und vor allem, wie lässt sich das beheben?
Das Wichtigste in Kürze
- Latenz bei Gitarrenaufnahmen entsteht durch die doppelte Wandlung: analog → digital ins Interface, digital → analog
- Buffer-Größe im Settings-Menü der DAW ändern
- Kleinerer Buffer heißt weniger Verzögerung, aber mehr CPU-Last — und irgendwann Knackser und Aussetzer.
- Windows muss der ASIO-Treiber genutzt werden. WDM, WASAPI und DirectX/MME erzeugen hohe Latenzen; nötig ist ASIO4ALL oder der Treiber des Interface-Herstellers.
- Limiter mit Lookahead und Spektral-Tools wie Soothe 3 oder Pro-Q 4 im Spectral-Mode legen erzeugen ebenfalls Latenz.
- Latenzfreies Aufnehmen geh nur über Umwege: Direct Monitoring am Interface, die Standalone-Version des Amp-Plugins plus Routing-Tool wie Blackhole oder AudioRoute, oder ein DSP-Interface wie die Apollo-Serie.
Unsere Tipps:
Die ersten Gitarrenaufnahmen: Eine Sache der Übung
Wie frustrierend die ersten Erfahrungen beim Aufnehmen „in-the-box“ sein können! Das fängt schon an bei der Wahl des Equipments: Gitarre? Ist klar. Kabel? Sollte auch klar sein. Dann aber die Aufnahme-Software, die DAW. Welche gibt es?
Welche sind kostenlos? Welche werden von Studiomusikern und -musikerinnen und Producern, die zu den eigenen Vorbildern zählen am liebsten genutzt? Dann muss das Signal ja in den Rechner. Ein Interface muss her. Denn über einen Adapter von Klinke zu Miniklinke kommt kaum Signal an.
Einen Hi-Z- oder Instrumentenanschluss muss das Interface bieten. Und da darf man dann auch den entsprechenden Button zum Aktivieren von Hi-Z nicht vergessen. Also, Gitarre, Kabel, Interface, DAW, Audiospur: es kommt Signal an! Endlich! Findet man die Input-Monitoring-Funktion, kann man sogar hören, was man live spielt. Aber was ist das? Da ist doch Latenz bei Gitarrenaufnahmen! Und zwar nicht wenig!
Latenz bei Gitarrenaufnahmen: Das Interface ist schuld!
Generell spricht man ist Latenz (oft in Handbüchern und englischen Foren als „Latency“ bezeichnet) der Abstand oder eben die Verzögerung zwischen dem Signal, bevor es in den Rechner geht, also in dem Moment, wo du es spielst, und dem Signal, was nach AD- und dann wieder DA-Wandlung aus dem Rechner heraus an deinen Lautsprechern oder Kopfhörern ankommt.
Das Gitarrensignal wird also auf seinem Weg gleich mehrmals gewandelt. Einmal vom Interface von analog zu digital, damit es in der DAW in der Audiospur auch ankommt und aufgenommen werden kann. Dann aber auch wieder, wenn es aus der DAW zurück in dein Interface und von dort zu den Lautsprechern oder Kopfhörern geht. Und genau hier liegt auch der Hauptgrund für Latenz bei Gitarrenaufnahmen.
Damit diese Verarbeitung möglichst sauber abläuft, muss der Treiber des Interfaces einen kleinen Zwischenspeicher anlegen, in dem immer ein Teil des ankommenden Signals quasi vorgelagert und dann vom Wandler verarbeitet wird. Je kleiner dieser Zwischenspeicher (Buffer genannt) ist, desto schneller kommt das Signal auch wieder bei dir an. Das bedeutet aber auch, dass die CPU deines Rechners jetzt mehr belastet wird, da sie weniger Material zum „vorarbeiten“ hat.
Forever ASIO
Ursache Nummer eins bei Latenz bei Gitarrenaufnahmen sind ist also eine zu hoch eingestellte Buffer-Zeit. Die Einstellung dafür findest du meistens im „Settings“-Menü deiner DAW. Hier scheiden sich die Wege allerdings, je nachdem, ob du Mac oder Windows nutzt. Bei Mac-Systemen liegt die Buffer-Einstellung immer in diesem Menü.
Bei Windows-System ist diesem System oft noch eine Einstellungsebene vorgelagert. Denn, will man Latenz bei Gitarrenaufnahmen möglichst stark reduzieren, ist die Nutzung des ASIO-Treibers zwingend. Leider ist der aber weder standardmäßig in Windows installiert, noch in der DAW vorausgewählt. Hier findet man meist auch Treiber wie WDM, WASAPI oder DirectX/MME.
Alle diese Treiber verursachen hohe Latenzen, nur ASIO kann das Interface direkt ansteuern. Man muss also entweder ASIO4ALL, den weitverbreiteten Universal-ASIO-Treiber installieren oder den ASIO-Treiber des Interface-Herstellers, wie es ihn beispielsweise bei Focusrite gibt. Das sorgt dann aber dafür, dass man in den DAW-Einstellungen meist zu einer zweiten Einstellungsebene muss. Erst in den ASIO-Einstellungen lässt sich meist die Buffer-Zeit verändern.
Wie viel Latenz ist musikalisch?
Ihr werdet staunen. Hört man sich um, landet man zufällig bei Menschen, die sich vieles, was ich hier beschreibe, selbst beigebracht und ihre eigenen Setups aufgebaut haben, wird man Latenzzeiten finden jenseits der 30 ms. Es geht also, wenn man sehr lange übt. Dafür will ich hier aber nicht plädieren.
Als Faustregel kann man sagen, dass in den meisten Fällen alles unter 10 ms musikalisch funktioniert. Aber auch hier gilt: Jedes Ohr ist anders. Und es kommt natürlich sehr darauf an, ob man epische Drone-Akkorde oder 300-Bpm-Speed-Metal-Soli spielt.
Dazu sind wir alle ja nicht eben mit Mac Studios und RME Interfaces ausgestattet, um mal die latenzärmste Möglichkeit zu nennen, die nicht direktes Abhören beinhaltet. Man muss beim Runtersetzen der Buffer-Zeit also immer auch die CPU im Blick behalten. Wird sie zu niedrig, wird sich deine DAW mit lauten Knacksern und Aussetzern melden.
Latenz bei Gitarrenaufnahmen trotz niedriger Buffer-Zeit?
Das ist oft der Moment, wo viele vielleicht nicht aufgeben, aber mindestens ein paar Tage/Wochen/Jahre Pause einlegen, um nicht den sorgfältig optimierten Rechner aus dem Fenster zu werfen. Da hat man die bestmögliche, niedrigste Buffer-Zeit gefunden, beginnt aufzunehmen, bearbeitet die Spuren, mischt ein wenig an. Und, zack, auf einmal ist da Latenz bei Gitarrenaufnahmen, wo doch eigentlich keine sein sollte!
Es gibt leider noch eine zweite Ursache für diese Latenz. Plugins. Effekte von Drittanbietern, die ihren eigenen kleinen Zwischenspeicher haben. Limiter sind hier ganz vorne mitdabei, viele dieser Dynamik-Tools arbeiten mit „Lookahead“, sie springen also in der Verarbeitung etwas nach vorne, wenn man abspielt, um Transienten noch besser einfangen zu können.
Auch Spektral-Tools wie Soothe 3 oder Pro-Q4 im Spectral-Mode brauchen diesen Zwischenspeicher. Sobald du so ein Tool irgendwo im Projekt auf einer Spur geladen hast, entsteht Latenz. Und die einzige Lösung ist fast immer, das Plugin komplett zu entfernen und erst zu laden, wenn man fertig mit den Aufnahmen ist.
Denn einige DAWs bieten zwar sogenannte „Low Latency“-Modi an, bei denen diese Plugins während der Aufnahme deaktiviert werden. Falls hier die Latenz bei Gitarrenaufnahmen aber bestehen bleibt, heißt es: raus mit dem Limiter bis zur Mixing Session!
Ist latenzfreies Abhören möglich?
Es gibt ja die Spezialisten, die selbst bei 3 oder 4 ms noch fest davon überzeugt sind, dass das zu viel Latenz ist. Ausreden kann und will ich das niemandem, so ganz vorstellbar ist diese, außerhalb der menschlichen Wahrnehmbarkeit liegende Zeitspanne aber kaum.
Sind latenzverursachende Plugins essentiell auch beim Aufnehmen, gibt es drei Möglichkeiten, quasi latenzfrei aufzunehmen, beide aber mit Kompromissen.
- Möglichkeit 1: Direct Monitoring. Viele Interfaces bieten heute die Möglichkeit, das Signal auch VOR dem Umwandeln abzuhören. Nutzt man allerdings Gitarren-Plugins wie Amplitube oder die von Neural DSP, wird man deren Sound neben der cleanen Gitarre allerdings immer noch verzögert hören.
- Möglichkeit 2: Standalone. Diese Anwendung habe ich bereits in einigen Setups gesehen, sie ist allerdings etwas komplexer. Hier nutzt man auf dem Rechner die Standalone-Version eines Gitarren-Plugins wie ToneX oder Guitar Rig und ein Audio-Routing-Tool wie Blackhole oder AudioRoute. Das Gitarrensignal geht dann in die Standalone-Gitarrensoftware und über den Routing-Treiber dann in die DAW. Man hört also quasi vor der DAW ab.
- Möglichkeit 3: DSP. Was bei Autotune-Vocals immer noch der einzige Weg ist, ohne Latenz aufzunehmen, kann auch bei Gitarrenaufnahmen nicht schaden. Ein Interface wie die Apollo-Serie von Universal Audio verarbeitet das Gitarren-Plugin direkt mit internen DSP-Chips und damit quasi ohne Latenz.
Fazit
Latenz bei Gitarrenaufnahmen kann einer der größten Kreativitäts- und Motivationskiller sein. Mit diesen Tipps kommt ihr vielleicht einen Schritt weiter!
Jetzt seid ihr dran, liebe Community! Was sind eure Tipps? Welche Probleme habt ihr bei Gitarrenaufnahmen? Schreibt es uns in den Kommentaren!
FAQ
Wie viel Latenz ist beim Gitarrenaufnehmen noch machbar?
In den meisten Fällen ist alles unter 10 ms kaum spürbar.
Welche Buffer-Größe ist die richtige?
Stell den Buffer so niedrig ein, dass dein Rechner ohne Knackser mitmacht. Zum Mischen kannst du den Buffer später wieder höher stellen.
Ich habe Latenz bei Gitarrenaufnahmen, obwohl der Buffer niedrig gestellt ist. Woran liegt das?
Wahrscheinlich an Plugins im Projekt. Limiter arbeiten oft mit Lookahead, Spektral-Tools nutzen einen eigenen Zwischenspeicher. Ein einziges davon im Projekt reicht. Entfernen — nicht nur bypassen — und erst zur Mixing-Session wieder laden.
Wie nehme ich mit Amp-Sim latenzfrei auf?
Entweder du fährst die Standalone-Version deines Plugins, etwa ToneX oder Guitar Rig, und schickst sie über ein Routing-Tool wie Blackhole oder AudioRoute in die DAW. Oder du nutzt ein Interface mit eigenen DSP-Chips wie die Apollo-Serie von Universal Audio, das die Verarbeitung selbst übernimmt.
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