High Gain Sound Historie: Wie die Gitarre immer härter wurde
Die Geschichte des High Gain Sounds zu betrachten macht aus vielerlei Hinsicht Spaß: Ich kann meine absoluten Lieblingsalben der letzten Jahrzehnte mal wieder neu hören. Ich kann mir meine Lieblings-Rigs wieder anschauen. Und ich kann mal wieder die alten Amp-Klassiker durchtesten, die sich bei mir und im Bekanntenkreis angesammelt haben. Angefangen bei den frühen Black-Sabbath-Aufnahmen mit offenen, rauen Sounds bis zu modernen Metal-Produktionen von Meshuggah und Co.: High Gain Sound ist noch immer ein Thema, das zu betrachten sich lohnt. Wie also sind wir von einem übersteuerten Röhrenamp zu modernen Gainsounds gekommen?
High Gain Sound: Inhaltsverzeichnis
Ein High Gain Sound beschreibt für mich in diesem Zusammenhang übrigens weit mehr als nur einen hohen Gain-Reglerwert. Für mich ist viel entscheidender, wie Verzerrung erzeugt, geformt und schlussendlich musikalisch eingesetzt wird. Was hier nun folgt, ist ein Ritt durch mittlerweile sieben Jahrzehnte. Los geht’s. Und ja, wir halten an dem ein oder anderen (Gear-) Meilenstein.
Die 1960er: Als Verzerrung noch ein Problem war
Wir beginnen unsere Reise in einer Zeit, in der Verzerrung noch der Albtraum aller Techniker war. Hersteller von Audioequipment versuchten mit aller Macht, das zu erreichen, was wir heute vor allem als Headroom kennen. Also möglichst hohe Grade an Verstärkung mit einem Minimum an Verzerrung. Kurz gesagt: eine möglichst laute, saubere Wiedergabe.
Mit der stetig steigenden Popularität der E-Gitarre als prägendes Instrument vieler Genres wurden jedoch Charakter und Aggression eines übersteuerten Verstärkers immer offensichtlicher. Spätestens mit Dave Davies und dem The-Kinks-Hit „You Really Got Me“ war der vermeintlich kaputte Sound (bei The Kinks tatsächlich auch durch „besondere“ Lautsprecher mitentstanden) in aller Munde.
Jimi Hendrix brachte die langsame Entwicklung dann schließlich zu einem vorweggenommenen Abschluss: Laut aufgedrehte und übersteuernde Marshall-Amps, Fuzz-Pedale und ein überaus kreativer Umgang mit Feedback brachten den Sound der E-Gitarre auf ein neues Level und den High Gain Sound in die Radios.
Die Gitarre durfte nun also verzerrt klingen und der vermeintliche „Fehler“ wurde als musikalisches Stilmittel weitestgehend anerkannt. In den 70ern entdeckten die Musiker dann, wie schwer und bedrohlich dieser Sound wirken konnte. Zum Glück.
Die 1970er: Black Sabbath und die Geburt des Heavy Metal

Wie oft habe ich schon über Tony Iommi geschrieben? Nicht oft genug, denn er ist und bleibt eine zentrale Figur in der Entwicklung der Musikgeschichte und ist vermutlich DIE zentrale Figur in der frühen Heavy-Metal-Geschichte.
Mit einer Gibson SG, einer ganzen Häuserwand voll Laney-Verstärkern und einem perfekt eingesetzten Treble-Booster erarbeitete sich Iommi einen Sound, der wegweisend für ganze Genres werden würde. Die Kombination aus rauer Verzerrung, harten Riffs und düsteren Intervallen brachte eine Schwere in die Musik, die bislang ungekannt war. Es war die Geburtsstunde des Heavy Metal.
Ob nun „Black Sabbath“, „Into the Void“ oder das allgegenwärtige „Iron Man“: Die Arbeit, die Iommi gemeinsam mit Black Sabbath geleistet hat, ist aus heutiger Sicht für den High Gain Sound an Wert nicht zu beziffern.
Dabei gehört zur Wahrheit auch, dass viele Metal-Aufnahmen der damaligen Zeit deutlich weniger Verzerrung enthalten, als man beim ersten Hören erwarten würde. Zu viel Gain war auch damals schon ein Problem.
Auch abseits des klassischen Heavy Metal machte sich der High Gain Sound breit. Ritchie Blackmore, Judas Priest, The Who: Alle spielten mit dem neuen, düsteren Gitarrensound.
Rein technisch lag der Fokus weiterhin auf der Endstufenübersteuerung und roher Lautstärke. Der gezielte Einsatz von Treble-Boostern half, den Amp noch gezielter anzusteuern und den Klang härter zu fokussieren.
Mit einem zunehmenden Fokus auf die Gitarre und einer unglaublichen Virtuosität der Gitarristen stiegen auch die Ansprüche an die Verstärker. Verzerrung musste von nun an nicht mehr nur aggressiv, sondern auch kontrollierbar sein.
Die späten 1970er und 1980er: Die Jagd nach mehr Gain
Mit vielen großen Vorbildern ausgestattet, fingen die Gitarristen Ende der 70er und frühen 1980er Jahre an, den High Gain Sound noch weiterzuentwickeln.
Einer der Wegbereiter war Eddie Van Halen mit seinem berühmten „Brown Sound“, der als eine Art Zwischenetappe auf dem Weg zu heutigen Gitarrensounds gelten kann. Die Kombination aus klassischer Röhrentechnik, einer extremen Lautstärke und technischen Modifikationen erweiterte die klanglichen Möglichkeiten der E-Gitarre über das bekannte Maß hinaus.
Zugleich entwickelte sich eine Szene, die die technischen Grenzen der Verstärker selbst erweiterte: Das sogenannte „Hot-Rodding“ ermöglichte durch zusätzliche Verstärkungsstufen und andere Vorstufenschaltungen mehr Verzerrung bei einer gleichzeitig besser kontrollierbaren Lautstärke.
Als technische Meilensteine bieten sich in meinen Augen vor allem die Master-Volume-Modelle von Marshall und später auch der legendäre JCM800 an. Doch auch abseits der bereits damals großen Namen tat sich etwas: Randall Smith entwickelte mit Mesa/Boogie leistungsfähige Verstärker, die einen klaren Fokus auf eine hohe Vorstufenverstärkung und damit auf den neuen High Gain Sound setzten, der Soldano brachte ab 1987 mit dem SLO-100 den ersten echten Vertreter moderner High-Gain-Amps in Serie heraus.
Und die Musik? Die veränderte sich, angetrieben durch die technischen Neuerungen, ebenfalls weiter. Mit dem Aufkommen des Thrash (Metallica, Anthrax, Slayer und Co.) gewannen präzise, perkussive und vor allem schnelle Riffs an Bedeutung, die vorher kaum zu kontrollieren gewesen wären.
Dazu verwendeten viele Bands einen kleinen Trick: Ein Overdrive Pedal wird vor einen bereits verzerrenden Verstärker geschaltet. Nicht, um noch mehr Gain zu produzieren, sondern um den Bassbereich zu Straffen und die prägnanten Mitten zu stärken. Ibanez traf mit dem Tube Screamer den Nagel so ziemlich auf den Kopf…
Die 1990er: Der moderne High-Gain-Sound entsteht

Technisch, komplex und in etwas viertausend Untergenres aufgeteilt: So etwas stand der High Gain Sound am Anfang der 1990er Jahre. Der klassische Heavy Metal wurde zunehmend weiterentwickelt und brachte mit Death Metal, Groove Metal und Nu Metal komplett neue Varianten in die Plattenläden.
Wenn man sich über die Entstehungsgeschichte der genannten Genres natürlich streiten kann, steht für mich der Sound dieser Zeit komplett fest: Der Dual Rectifier von Mesa/Boogie, auf der anderen der 5150 von Peavey brachten druckvolle, massive Rhythmus-Parts und Leads in atemberaubender Geschwindigkeit und Präzision. Dabei ergänzen sich beide Amps hervorragend: Während der Rectifier für breite, wuchtige Sounds steht, arbeitet der 5150 aggressiver und ist durchsetzungsfähiger.
Das stetige Wachstum der Solid-State-Amps (Randall und Pantera …) brachte dann einen erneuten Schwung in die technischen Entwicklungen, der von absurd tief gestimmten Gitarren (z. B. Korn mit den Anfängen des Nu Metal) dankbar aufgenommen wurde. Auch der Einsatz von zusätzlichen Effekten wie Noise Gates und Equalizern fokussierte sich eine ganze Zeit lang beinahe ausschließlich auf das Einfangen, Bändigen und Verwerten von High Gain Sound.
In den 1990ern etablierte sich damit der High Gain Sound als eigenständiges Klangideal. Dabei zählt von nun an nicht nur die Stärke der Verzerrung, sondern ihre Form, Ansprache und Durchsetzungskraft. Mit tieferen Gitarrenstimmungen und immer komplexeren Rhythmen wurde aber auch das Problem von zu viel Gain immer offensichtlicher.
Die 2000er bis heute: Präzision wird wichtiger als Gain
Wenn es um die Entwicklung des modernen, rhythmischen und vor allem präzisen Metal-Sounds geht, sticht für mich vor allem eine Band aus dem Mix hervor: Meshuggah. Die extrem komplexen Strukturen ihrer Songs werden von einem perkussiven Sound getragen, der die Funktion der Gitarre im Bandgefüge in Frage stellt.
Djent, moderner Progressive Metal und Co. leben heute von definierten Anschlägen und einer bis ins kleinste Detail kontrollierten Verzerrung. Technisch noch immer mit Overdrive-Pedalen vor einem High-Gain-Verstärker erreichbar, haben sich in den letzten Jahren digitale Modeling-Systeme, Profiling und Plugins als echte Innovationstreiber herausgestellt.
Ein komplexer, beherrschbarer High Gain Sound ist mittlerweile nicht mehr abhängig von großen Verstärkeranlagen, Fractal Audio, Kemper und Neural DSP bedienen unterschiedliche digitale Ansätze, die entsprechende Möglichkeiten an jedermann verteilen.
Ein Punkt, den ich gegen Ende dieses Artikels ansprechen möchte, ist dieser: Die Entwicklung von High Gain Sounds führte über die Jahre nicht nur zu immer mehr Verzerrung, sondern zu einer immer präziseren Kontrolle des Sounds.
Fazit: Haben wir den Höhepunkt der Verzerrung längst überschritten?

Was als unerwünschter Nebeneffekt in der Verstärkertechnik begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einem präzise zu kontrollierenden Klanginstrument.
Früher mussten Gitarristen ihren Amp ständig überfordern, um den gewünschten Grad an Aggression und Charakter in den Sound zu bekommen. Heute stehen uns schon im Homestudio die komplexesten und größten High-Gain-Sounds zur Verfügung.
Trotzdem klingt nicht jeder moderne Amp automatisch besser oder härter oder schwerer als ein übersteuerter, alter Marshall oder Laney. Die Geschichte hat gezeigt: Der entscheidende Faktor für einen guten High Gain Sound ist und bleibt das Zusammenspiel aus Gitarrist, Riff, Amp und Produktion.
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