Gitarrenamp einstellen: Der größte Fehler passiert schon im Wohnzimmer
Gitarrenamp einstellen klingt zunächst nach Geschmackssache. Ein wenig mehr Bass, etwas weniger Höhen und vielleicht noch etwas Gain. Fertig. Tatsächlich verbringt wohl jeder Gitarrist irgendwann einen (mehrere) Abend damit, am neuen Verstärker zu schrauben, bis endlich der perfekte Sound gefunden ist. Warm, druckvoll und genau so, wie man ihn sich vorgestellt hat. Und dann kommt die erste Bandprobe. Plötzlich klingt der Verstärker völlig anders.
Gitarrenamp einstellen: Inhalt
Die Gitarre setzt sich nicht mehr durch, der Sound wirkt schrill oder matschig und ausgerechnet die mühsam eingestellten Lieblingssounds funktionieren überhaupt nicht mehr. Die gute Nachricht: In den meisten Fällen liegt das weder am Verstärker noch an der Gitarre. Vielmehr verändern sich zwischen Wohnzimmer und Proberaum gleich mehrere entscheidende Faktoren.
Unser Gehör verändert sich mit der Lautstärke

Der wichtigste Grund hat erstaunlicherweise nichts mit Gitarren oder Verstärkern zu tun. Schuld ist unser Gehör:
Menschen nehmen Frequenzen abhängig von der Lautstärke unterschiedlich wahr. Dieses Phänomen ist als Fletcher-Munson-Effekt bekannt. Bei Zimmerlautstärke erscheinen uns Mitten besonders präsent, während Bässe und Höhen vergleichsweise zurückhaltend wirken. Das mag historisch gewachsen sein und die Wichtigkeit der menschlichen Stimme betonen.
Für uns Amp-Neubesitzer heißt das aber direkt: Fast automatisch den Bass etwas aufdrehen, Mitten herausnehmen und den Höhen noch etwas Luft geben. Allein zuhause klingt das oft hervorragend.
Wird derselbe Verstärker später auf Bandlautstärke gespielt, verändert sich unsere Wahrnehmung jedoch deutlich. Bass und Höhen treten plötzlich viel stärker hervor und der eben noch ausgewogene Sound wirkt scharf oder überladen. Nicht der Verstärker hat sich verändert, sondern unser Gehör.
Ein guter Tipp ist deshalb, den ersten Eindruck zuhause nicht überzubewerten. Was leise perfekt klingt, muss laut noch lange nicht funktionieren. Und was zuhause laut gut klingt, auch nicht, wie wir gleich sehen werden.
Lautsprecher und Raum spielen plötzlich mit
Nicht nur unser Gehör verändert sich. Auch der Gitarrenlautsprecher verhält sich bei höheren Lautstärken völlig anders.
Erst wenn die Membran stärker arbeitet, entstehen zusätzliche Obertöne und die leichte Kompression, für die viele klassische Gitarrenlautsprecher bekannt sind. Modelle wie der Celestion Greenback oder Vintage 30 entwickeln ihren eigentlichen Charakter deshalb erst dann, wenn sie wirklich etwas leisten müssen.
Hinzu kommt die Raumakustik: Ein Wohnzimmer mit Teppichen, Vorhängen und Möbeln schluckt Schall und wirkt meist angenehm kontrolliert. Der typische Proberaum besteht dagegen aus einer bunten Mischung von Amps, Vorhängen, Drumsets, ein paar aussortieren Sofas und kahlen Wänden.
Dort werden Frequenzen regelmäßig anders reflektiert und besonders der Bassbereich verändert sich oft erheblich. Und deshalb klingt derselbe Verstärker in unterschiedlichen Räumen manchmal wie ein völlig anderes Modell. Wer ständig am EQ nachregelt, bekämpft häufig gar nicht den Verstärker, sondern den Raum.
Allein klingt gut. In der Band gelten andere Regeln.

Zuhause gehört der komplette Frequenzbereich unserer Gitarre. Im Proberaum teilen sich Bass, Bassdrum, Gesang, Keyboards und vielleicht sogar eine zweite Gitarre denselben Platz. Ein Sound, der allein wunderbar fett klingt, nimmt plötzlich viel zu viel Raum ein und verschwindet paradoxerweise trotzdem im Gesamtmix.
Gerade deshalb sind Mitten für Gitarristen so wichtig. Sie sorgen dafür, dass sich das Instrument gegen alle anderen Klangquellen behaupten kann. Viele erfahrene Live-Gitarristen drehen den Mittenregler deshalb deutlich weiter auf, als sie es zuhause jemals tun würden.
Das fühlt sich zunächst ungewohnt an. Im Bandgefüge macht genau diese Einstellung jedoch häufig den entscheidenden Unterschied.
Warum berühmte Gitarrensounds oft überraschend dünn wirken
Wer einmal isolierte Gitarrenspuren großer Rockproduktionen gehört hat, erlebt oft eine Überraschung. Viele legendäre Sounds wirken allein betrachtet erstaunlich mittig oder sogar etwas dünn. Haben wir auch hier mal aufs Korn genommen: Die schlechtesten Gitarrensounds aller Zeiten.
Erst gemeinsam mit Bass, Schlagzeug und Gesang entsteht daraus jener riesige Gitarrensound, den wir von unseren Lieblingsalben kennen. Diese Erkenntnis kann helfen und den Druck nehmen, zuhause den vermeintlich perfekten Sound finden zu müssen. Ein guter Gitarrenton muss nicht alleine beeindrucken. Er muss im Bandmix funktionieren.
Gitarrenamp einstellen: Weniger ist oft mehr
Die wichtigste Regel lautet deshalb: Stelle deinen Gitarrenamp möglichst bei der Lautstärke ein, bei der du später auch spielst. Das gelingt nicht immer, liefert aber die mit Abstand realistischsten Ergebnisse. Grüße an die Nachbarn.
Außerdem lohnt es sich, einige typische Fehler zu vermeiden. Weniger Gain sorgt meist für mehr Transparenz und Dynamik. Ein sparsamer Umgang mit dem Bass schafft Platz für den Bassisten und verhindert einen matschigen Gesamtsound. Gleichzeitig dürfen die Mitten ruhig mutiger eingesetzt werden, als man es aus dem Wohnzimmer gewohnt ist.
Nicht zuletzt hilft es, den Verstärker während einer Bandprobe aus einiger Entfernung anzuhören oder einen Mitmusiker spielen zu lassen. Was direkt vor der Box aggressiv wirkt, klingt wenige Meter entfernt oft genau richtig.
Und wie immer gilt: All das könnt ihr komplett ignorieren, das Gegenteil machen oder für Unsinn halten. Es sind Anhaltspunkte, die meist eine gute Ausgangsposition bieten. Müssen aber eben nicht zu jedem Sound und schon garnicht zu jedem Geschmack passen!
Gitarrenamp einstellen: Fazit

Wer seinen neuen Gitarrenamp einstellen möchte, sollte nicht nur auf die Regler schauen. Lautstärke, Lautsprecher, Raumakustik und das Zusammenspiel mit der Band beeinflussen den Klang oft stärker als jeder EQ.
Der vermeintlich perfekte Sound aus dem Wohnzimmer ist deshalb nur selten auch der perfekte Sound im Proberaum. Ein wirklich guter Gitarrenton muss nicht alleine beeindrucken. Er muss sich im Zusammenspiel mit anderen Musikern durchsetzen. Der beste Gitarrensound entsteht nicht im stillen Kämmerlein, sondern dort, wo Musik gemeinsam gemacht wird.
Hinweis: Dieser Artikel enthält Werbelinks, die uns bei der Finanzierung unserer Seite helfen. Keine Sorge: Der Preis für euch bleibt immer gleich! Wenn ihr etwas über diese Links kauft, erhalten wir eine kleine Provision. Danke für eure Unterstützung!