Das Gear von The Edge: Die besten Gitarristen aller Zeiten
Bei manchen Gitarristen ist die Sache ziemlich einfach: Angus Young braucht eine SG und einen aufgerissenen Marshall. Slash gehört eine Les Paul in die Hand, Tony Iommi reicht seine SG und ein Laney. Natürlich steckt hinter all diesen Sounds deutlich mehr, das grundlegende Rezept lässt sich trotzdem erstaunlich schnell erklären. Und dann gibt es das Gear von The Edge. Ein Gitarrist, bei dem man eigentlich erst einmal einen Schaltplan bräuchte.
Das Gear von The Edge: Inhalt
Meine Recherchen zum Gear von The Edge haben mich weit über Gitarren und Verstärker hinausgetragen. Wir reden über Delays, Modulation, Pitch-Effekte, Preamps, mehrere Amps, komplexe Switching-Systeme und zeitweise 45 Gitarren auf Tour. Manche seiner Parts sind sogar so eng mit einem bestimmten Effekt verbunden, dass sie ohne ihn schlicht nicht wirken.
Für unsere Reihe der besten Gitarristen aller Zeiten ist The Edge damit ein schöner Gegenentwurf zu den klassischen Rockgöttern: Weniger Pentatonik und Marshall-Wand, dafür kleine Voicings, viel Raum und ziemlich viel Technik.
The Edge: Der Anti-Rockgott

David Howell Evans, besser bekannt als The Edge, hat eigentlich fast alles vermieden, was einen klassischen Gitarrenhelden ausmacht: Keine minutenlangen Blues-Soli, keine Pentatonikorgien und keine Amp-Wand, vor der man mit weit geöffnetem Hemd posiert.
Stattdessen spielt The Edge häufig erstaunlich wenig, fast zurückhaltend und tritt insgesamt auch so auf. „Elder Statesman des Rock“ könnte man fast sagen: Kleine Akkordformen, einzelne Intervalle, offene Saiten und kurze rhythmische Figuren bilden das Fundament vieler seiner bekanntesten Parts. Wer Pride (In the Name of Love), Bad oder Where the Streets Have No Name einmal selbst gespielt hat, merkt allerdings schnell, wie präzise dieses vermeintlich einfache Zeug aufgebaut ist.
The Edge beschrieb bereits Mitte der Achtzigerjahre, dass er vollständige Akkorde häufig bewusst vermeidet und lieber nur zwei oder drei Töne verwendet. Selbst die Terz lässt er gerne weg. Dadurch entstehen offene Voicings, die Bass, Gesang und Keyboards ziemlich viel Platz lassen.
Wenn der Effekt plötzlich mitspielt
Richtig interessant wird es dort, wo bei anderen Gitarristen das Pedalboard damit beginnt, einen bestehenden Sound zu polieren. Denn The Edge verwendet Effekte nicht einfach, um einen fertigen Gitarrensound etwas hübscher zu machen. Bei ihm werden sie Teil des eigentlichen Gitarrenparts.
Das berühmteste Beispiel ist natürlich das Delay. The Edge spielt eine rhythmische Figur und lässt die Wiederholungen bewusst in die Zwischenräume seiner angeschlagenen Noten fallen. Aus wenigen Tönen entsteht so ein wesentlich komplexeres Pattern, das ohne Effekt beinahe unmöglich zu spielen wäre (zumindest für mich).
Zu Pride erklärte er beispielsweise schon 1985, dass er Sechzehntel spielt und das Echo die zusätzliche rhythmische Bewegung erzeugt. Nimmt man das Delay weg, bleibt ein erstaunlich reduzierter, beinahe simpler Gitarrenpart übrig.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zu Angus Young und Co.: Bei Angus soll möglichst unmittelbar das aus dem Lautsprecher kommen, was Hände, SG und Verstärker erzeugen. Bei The Edge antwortet das Rig auf das, was seine Hände spielen.
Auch deshalb greift die alte Kritik, The Edge würde sich hinter seinen Effekten verstecken, für mich ziemlich kurz: Damit dieses Konzept funktioniert, muss das Timing sitzen. Eine schlecht angeschlagene Note verschwindet schließlich nicht im Delay. Sie kommt im schlimmsten Fall noch ein paar Mal zurück. Wir kennen alle das Meme.
Mehr als der Typ mit dem Dotted Eighth Delay
The Edge suchte bereits in den frühen Jahren von U2 bewusst nach einer eigenen Sprache auf der Gitarre. Bands wie Television und insbesondere Tom Verlaine zeigten ihm, dass Rockgitarre nicht zwangsläufig nach Blues und Hardrock klingen musste.
Schon auf frühen U2-Aufnahmen schafft die Gitarre deshalb eher Texturen und Räume, als einfach nur Akkorde unter den Gesang zu legen. Gleichzeitig weiß The Edge ziemlich genau, wann er diese Spielereien weglassen muss. Sunday Bloody Sunday funktioniert beispielsweise gerade deshalb so gut, weil nicht jeder freie Raum mit Delay gefüllt wird.
Das ist wichtig: The Edge ist nicht einfach der Typ mit dem Dotted Eighth Delay. Das Delay ist ein Werkzeug innerhalb eines größeren Systems aus Arrangement, Dynamik, Gitarrenauswahl und Klanggestaltung.
Und spätestens hier müssen wir dann doch über das Gear von The Edge sprechen. Denn musikalisch mag er ein Minimalist sein. Bei seinem Equipment sieht die Sache eindeutig anders aus.
Für jeden Song die richtige Gitarre

Bei Angus Young oder Slash ist die Verbindung zwischen Musiker und Instrument beinahe Teil der eigenen Marke. The Edge geht auch hier einen anderen Weg.
Auf der eXPERIENCE + iNNOCENCE Tour 2018 reisten laut seinem langjährigen Gitarrentechniker Dallas Schoo insgesamt 45 Gitarren mit. Rund 18 bis 20 davon kamen pro Abend tatsächlich zum Einsatz.
Das klingt zunächst vollkommen absurd. Dahinter steckt aber ein konsequentes Prinzip: The Edge betrachtet eine Gitarre weniger als persönlichen Talisman, sondern als Werkzeug für einen bestimmten Sound.
Gibson Explorer: Die große Konstante
Wenn es trotzdem eine Gitarre gibt, die eng mit The Edge verbunden ist, dann seine Gibson Explorer von 1976. Er kaufte sie als Jugendlicher in New York und machte ausgerechnet dieses eher mit Hardrock und Metal verbundene Modell zu einem wichtigen Teil des frühen U2-Sounds.
Die Humbucker liefern mehr Substanz als eine klassische Strat, bleiben bei The Edge aber erstaunlich klar. Offene Akkorde, rhythmische Figuren und Delay funktionieren mit der Explorer deshalb genauso gut wie kräftigere Sounds.
Fender Stratocaster: Singlecoils und maximale Klarheit
Mindestens genauso wichtig ist die Fender Stratocaster. The Edge besitzt mehrere Exemplare und bekam von Fender später sogar ein eigenes Signature-Modell.
Die Kombination aus Singlecoils, Vox AC30 (natürlich) und Delay passt perfekt zu seinem Konzept. Einzelne Noten bleiben transparent und auch mehrere Wiederholungen verschwimmen nicht sofort zu einer großen Klangwolke.
Wer sich seinem Sound mit normalem Equipment nähern möchte, findet in einer Strat deshalb vermutlich einen der einfachsten Ausgangspunkte.
Fender Telecaster: Noch direkter und drahtiger
Auch die Fender Telecaster taucht immer wieder in seinem Arsenal auf. Ihr direkter und drahtiger Grundsound funktioniert hervorragend für rhythmische Parts und lässt genügend Luft zwischen einzelnen Noten und Delay-Wiederholungen.
Das Prinzip bleibt also gleich: Statt einen Sound mit EQ und Effekten in die gewünschte Richtung zu zwingen, nimmt The Edge häufig einfach die Gitarre, die bereits mit dem passenden Charakter startet.
Gibson Les Paul: Wenn es etwas kräftiger sein darf

Natürlich gibt es auch verschiedene Gibson Les Pauls. Mehr Mitten, mehr Output und ein kräftigerer Grundsound machen sie interessant, wenn es weniger nach schimmerndem Clean und mehr nach Rock klingen soll.
Songs wie The Fly, Elevation oder Vertigo zeigen schließlich ziemlich deutlich, dass The Edge auch ordentlich Druck machen kann.
Rickenbacker 12-String: Wenn sechs Saiten nicht reichen
Für besonders breite Cleansounds kommt außerdem eine zwölfsaitige Rickenbacker ins Spiel. Die zusätzlichen Oktav- und Unisono-Saiten erzeugen bereits ohne Effekte eine komplexe Textur, die sich hervorragend mit Delay und Modulation kombinieren lässt.
Eine 12-String ist natürlich ein ziemlich spezielles Werkzeug. In einem Arsenal wie diesem ergibt sie aber vollkommen Sinn. Und es wäre auch wirklich Quatsch, nicht mindestens drei der vier davon zu haben, oder?
Epiphone Casino: Hollowbody statt High-Gain
Eine weitere Klangfarbe liefert die Epiphone Casino. Vollständig hohler Korpus, P90-Pickups und damit wieder ein ganz anderer Ausgangspunkt als Explorer oder Strat.
Und langsam erkennt man das System dahinter: Es geht nicht darum, zwanzig Varianten derselben Gitarre zu besitzen. Unterschiedliche Konstruktionen und Pickups liefern unterschiedliche Ausgangsmaterialien für seine Sounds.
Für uns Gear-Nerds ist das natürlich eine ausgesprochen sympathische Rechtfertigung dafür, vielleicht doch noch eine weitere Gitarre zu brauchen. Oder zwei. Gear-Junkie? Definitiv. Aber immerhin mit System.
Vox AC30: Die Konstante im Maschinenraum

Bei all diesem Aufwand wirkt das Fundament vieler Edge-Sounds erstaunlich traditionell. Der Vox AC30 begleitet ihn seit den frühen Jahren von U2 und blieb auch in späteren Tour-Rigs eine wichtige Konstante.
Das ergibt Sinn. Ein AC30 klingt brillant und offen, reagiert dynamisch auf den Anschlag und besitzt genügend eigenen Charakter, ohne den Sound sofort mit Verzerrung zuzudecken. Damit ist er eine hervorragende Plattform für Delays und Modulation.
Natürlich blieb es nicht bei einem Verstärker. Im Laufe der Jahre kamen unter anderem verschiedene Fender- und Mesa-Boogie-Amps hinzu. Trotzdem bleibt der AC30 so etwas wie der gemeinsame Nenner vieler klassischer Edge-Sounds.
Unter dem ganzen technischen Wahnsinn steckt also ausgerechnet ein ziemlich klassischer Röhrencombo.
Memory Man und Korg SDD 3000: Delay als Instrument
In den frühen Jahren war der Electro Harmonix Deluxe Memory Man entscheidend für seinen Sound. Das analoge Delay lieferte nicht nur Wiederholungen, sondern brachte durch Preamp und Modulation einen ganz eigenen Charakter mit.
Später wechselte The Edge unter anderem auf das Korg SDD 3000. Bereits Mitte der Achtziger nutzte er zwei dieser digitalen Rack-Delays. Neben dem eigentlichen Echo wurde auch die Eingangsstufe des Gerätes zu einem wichtigen Teil seines Sounds.
Und hier zeigt sich wieder, wie tief The Edge in sein Equipment eintaucht: Ein Delay ist für ihn nicht einfach eine Kiste, die einen Ton etwas später noch einmal ausgibt. Preamp, Modulation, Klangfarbe und Rhythmus gehören zum Gitarrenpart.
Das berühmte Dotted-Eighth-Delay ist dabei eigentlich erstaunlich simpel. Die Wiederholungen werden so eingestellt, dass sie zwischen den selbst gespielten Noten auftauchen. Besonders gut hört man das bei Where the Streets Have No Name. Gespielte und wiederholte Töne greifen ineinander und erzeugen ein Pattern, das wesentlich komplexer wirkt als das, was die rechte Hand tatsächlich spielt.
Ein beliebiges Delay auf punktierte Achtel zu stellen, reicht allerdings nicht. Timing, Anschlag und Pausen müssen mit dem Effekt zusammenspielen.
The Edge spielt nicht erst Gitarre und schaltet anschließend ein Delay dazu, er spielt Gitarre und Delay gleichzeitig.
Vom Pedalboard zum Raumschiff
Spätestens bei den späteren Live-Rigs verlassen wir die überschaubare Welt aus Gitarre, Delay und AC30 endgültig.
Über viele Jahre arbeitete The Edge mit Rig-Spezialist Bob Bradshaw zusammen. Große Teile des Equipments verschwanden in Racks und wurden über programmierbare Controller gesteuert. Das ist bei The Edge auch schlicht notwendig: Delay-Zeiten, Effekte und Amp-Kombinationen müssen für jeden Song zuverlässig abrufbar sein.
Beim 2018 dokumentierten Tour-Rig standen gleich drei Fractal Audio Axe FX II XL in den Racks. Daneben fanden sich weiterhin Korg SDD 3000, verschiedene Boss Pedale, Tube Screamer, Line 6 Geräte und weiteres Equipment. Zwei Bradshaw RS40 Controller steuerten das System: einer bei The Edge, der andere bei Dallas Schoo.
Das Pedalboard ist damit eigentlich nur noch die Fernbedienung für einen ziemlich gewaltigen Apparat.
Whammy, Overdrive und Infinite Guitar
Wer The Edge auf sein Delay reduziert, übersieht ohnehin einen großen Teil seines Sounds. In seinen Rigs finden sich seit Jahrzehnten Pitch-Effekte, Overdrives, Kompressoren, Modulation und Wah Sounds.
Besonders schön ist sein Umgang mit dem DigiTech Whammy. Pitch-Shifting wird nicht nur zum Effekt für wilde Soli, sondern Teil des Arrangements. Ähnliches gilt für Overdrive: Tube Screamer, Boss SD 1 und andere Drive-Pedale zeigen, dass sein Sound keineswegs immer clean und schwebend sein muss.
Das vielleicht schönste Beispiel für seine Experimentierfreude ist allerdings With or Without You.
Der kanadische Gitarrist und Produzent Michael Brook entwickelte Mitte der Achtzigerjahre die sogenannte Infinite Guitar. Ein elektronischer Rückkopplungskreislauf regt die Saiten weiter an und ermöglicht dadurch extrem lang stehende Töne. Brian Eno machte The Edge auf die Konstruktion aufmerksam und Brook modifizierte schließlich eine Stratocaster für ihn.
Die schwebenden Töne wurden zu einem der charakteristischen Sounds von With or Without You. Mehr Edge geht eigentlich kaum: Ein ungewöhnliches Stück Technik kommt ins Studio und wird unmittelbar Teil des Arrangements.
Braucht man diesen ganzen Wahnsinn für den Sound von The Edge?
Zum Glück nicht. Für das grundlegende Konzept reichen eine eher klare Gitarre, ein dynamischer Clean– bis Crunch-Sound und ein gutes Delay mit Tap-Tempo. Eine Strat oder Tele vor einem AC30-ähnlichen Amp ist ein hervorragender Start.
Viel wichtiger ist allerdings das eigene Spiel. Die Delay-Wiederholungen müssen bereits beim Spielen mitgedacht werden.
Einfach einmal ein Delay auf punktierte Achtel stellen, wenige Wiederholungen wählen und eine simple Achtelfigur spielen. Sobald die Echos zwischen die angeschlagenen Noten fallen, entsteht aus einem einfachen Pattern eine deutlich größere rhythmische Struktur.
Und plötzlich beginnt man zu verstehen, warum The Edge über Jahrzehnte dieses gigantische Arsenal aufgebaut hat.
The Edge und die Frage, was ein großer Gitarrist eigentlich ist
Damit lande ich immer wieder bei Angus Young. Bei Angus begeistert mich die Direktheit: SG, Marshall, Kabel und fertig. Bei Tony Iommi sind es die Riffs und dieser gewaltige Sound aus erstaunlich wenigen Zutaten. Slash hat Les Paul und Marshall derart mit seiner Spielweise verbunden, dass wenige Töne reichen, um ihn zu erkennen.
The Edge geht den entgegengesetzten Weg. Bei ihm endet das Instrument nicht an der Ausgangsbuchse der Gitarre. Delay, Verstärker, Pitch Shifter, Modulation und Switching werden Teil seiner musikalischen Sprache. Was für ein schöner Ausflug in eine nerdige Techwelt und eine willkommene Abwechslung nach den ganzen Röhren-Puristen.
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