von  Jan Rotring  | |   Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen   |  Lesezeit: 6 Min
Gibson Firebird im Porträt

Gibson Firebird im Porträt  ·  Quelle: Gibson.com

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Ich habe irgendwann einmal den Fehler gemacht, eine Gibson Firebird zu verkaufen. Rückblickend gehört das ziemlich weit nach oben auf meine persönliche Liste schlechter Gear-Entscheidungen. Denn eine Firebird ist eine der Gitarren, deren Besonderheiten man manchmal erst dann wirklich zu schätzen weiß, wenn sie nicht mehr da ist. Sie ist riesig, sperrig, sieht vollkommen anders aus als eine „normale“ Gitarre und fühlt sich auch nicht unbedingt sofort vertraut an. Aber all das muss sie auch nicht sein.

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Denn während viele klassische Gitarrenmodelle heute in unzähligen Varianten erhältlich sind, bleibt die Gibson Firebird ein ziemlich eigenwilliges Instrument. Konstruktion, Tonabnehmer, Form und Spielgefühl unterscheiden sich deutlich von dem, was man normalerweise mit Gibson verbindet. Und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf eine Gitarre, die seit mehr als 60 Jahren irgendwie zwischen allen Stühlen sitzt.

Eine Gibson, die gar nicht wie eine Gibson aussehen sollte

Johnny Winters Gibson Firebird
Johnny Winters Gibson Firebird · Quelle: Gibson.com

Anfang der Sechziger hatte Gibson ein Problem: Fender war mit Stratocaster und Telecaster enorm erfolgreich und wirkte modern, während Gibson zunehmend als Hersteller eher traditioneller Gitarrenwahrgenommen wurde. Zwar hatte man bereits 1958 mit Flying V und Explorer ziemlich radikale Designs vorgestellt, doch deren großer Erfolg sollte bekanntlich erst deutlich später kommen.

Für einen neuen Entwurf holte Gibson deshalb den amerikanischen Automobildesigner Ray Dietrich ins Boot. Dietrich übertrug Elemente des damaligen Automobildesigns auf eine elektrische Gitarre. Das Ergebnis erschien 1963 und sah entsprechend ungewöhnlich aus: asymmetrischer Korpus, lange Linien und eine Kopfplatte, die das Design des Korpus optisch fortsetzte. Wunderschön.

Die ursprüngliche sogenannte Reverse Firebird wirkt dadurch selbst heute noch erstaunlich futuristisch. Und Gibson beließ es nicht bei der Optik.

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Gibson 1963 Firebird V Reissue VOS
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Gibson Firebird: Konstruktion

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Les PaulSG und viele andere Gibson Modelle besitzen traditionell einen eingeleimten Hals. Bei der ursprünglichen Firebird ging Gibson dagegen einen anderen Weg.

Die frühen Modelle besitzen eine Neck Through Konstruktion. Der zentrale Teil des Instruments läuft vom Kopf durch den Korpus, während seitlich die beiden Korpusflügel angesetzt werden. Hinzu kamen die charakteristischen Mechaniken hinter der Kopfplatte, die eher an Banjo Mechaniken erinnern als an eine klassische Gibson.

Das alles hat auch praktische Konsequenzen. Eine Firebird ist lang. Wirklich lang. Am Gurt sitzt sie anders als eine Les Paul und auch die Position des Instruments vor dem Körper kann zunächst ungewohnt wirken.

Wer jahrelang Les Paul oder Stratocaster spielt, braucht deshalb möglicherweise einen Moment, bis sich alles wieder richtig anfühlt. Und ja, dass die Greifhand eine andere Postleitzahl hat, als der Rest des Spielers, ist zunächst auch „komisch“. 

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Gibson 1963 Firebird V Reissue AFB HA
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Firebird Pickups sind keine normalen Mini Humbucker

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Besonders interessant wird es bei den Firebird Pickups. Optisch sehen sie klassischen Mini Humbuckern zunächst zum Verwechseln ähnlich. Technisch handelt es sich jedoch um eine andere Konstruktion.

Bei einem klassischen Humbucker sitzen die Magneten unter den Spulen und magnetisieren die Polschrauben beziehungsweise Metallteile des Pickups. Beim traditionellen Firebird Pickup befinden sich dagegen Magnete direkt innerhalb der beiden Spulen. Eine Metallplatte verbindet beziehungsweise beeinflusst das Magnetfeld zusätzlich.

Das klingt zunächst nach einem ziemlich kleinen technischen Detail, verändert aber den Charakter des Tonabnehmers deutlich.

Ein klassischer Gibson Humbucker klingt häufig breit, warm und kräftig in den Mitten. Firebird Pickups wirken dagegen oft heller, schneller und fokussierter. Die Bässe bleiben vergleichsweise straff und gleichzeitig besitzt der Pickup einen deutlicheren Attack.

Genau deshalb würde ich den Sound einer Firebird auch nicht einfach als dünnere Les Paul beschreiben. Dafür passiert in den oberen Mitten und Höhen zu viel.

Zwischen Humbucker und Singlecoil?

Die naheliegende Beschreibung wäre deshalb: irgendwo zwischen Humbucker und Singlecoil. Ganz glücklich bin ich damit allerdings auch nicht.

Denn eine Firebird besitzt durchaus den Druck und die Nebengeräuschunterdrückung eines Humbuckers. Gleichzeitig reagiert sie auf Anschlag und Dynamik oft unmittelbarer als ein kräftiger PAF Style Pickup.

Gerade mit einem leicht angezerrten Röhrenamp macht das unglaublich viel Spaß. Offene Akkorde behalten ihre Konturen, einzelne Saiten verschwinden nicht sofort in der Verzerrung und bei härterem Anschlag bekommt der Sound ordentlich Biss.

Mit mehr Gain funktioniert das ebenfalls hervorragend. Gerade weil die Bässe nicht übermäßig aufgedickt werden, bleibt der Sound auch bei kräftiger Verzerrung erstaunlich definiert. Eine Firebird muss also keineswegs auf Blues oder Classic Rock beschränkt bleiben.

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Gibson Mini Humbucker R Chrome
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Reverse und Non Reverse Firebird

Gibson Firebird, hier in der Schnabeltier-Variante
Gibson Firebird, hier in der Schnabeltier-Variante · Quelle: Gibson.com

Die ursprüngliche Konstruktion blieb allerdings nicht lange unangetastet. Bereits Mitte der Sechziger überarbeitete Gibson die Firebird grundlegend.

Die sogenannte Non Reverse Firebird bekam einen anders ausgerichteten Korpus und eine konventionellere Kopfplatte. Auch konstruktiv entfernte sie sich vom ursprünglichen Konzept: Statt der durchgehenden Halskonstruktion setzte Gibson bei diesen Instrumenten auf einen eingeleimten Hals.

Damit existieren unter dem Namen Firebird Gitarren, die teilweise ziemlich unterschiedlich aufgebaut sind. Wer heute nach einer gebrauchten Firebird sucht, sollte deshalb genauer hinsehen. Firebird ist nicht automatisch Firebird.

Warum die Gibson Firebird bis heute besonders ist

Warum ich Firebirds so spannend finde? Sie sind keine besonders vernünftigen Gitarren.

Eine Les Paul passt in fast jede Rockband. Eine Stratocaster ist ergonomisch, vielseitig und vertraut. Eine Telecaster ist so simpel, dass man sich fragt, was daran überhaupt kaputtgehen soll.

Die Firebird dagegen ist groß, sperrig und konstruktiv ungewöhnlich. Selbst einen passenden Gitarrenkoffer bekommt man nicht unbedingt elegant in jedes Auto.

Dafür besitzt sie etwas, das sich schwieriger in einer Tabelle festhalten lässt: Charakter. Eine Firebird sieht auf einer Bühne sofort nach Firebird aus und sie fühlt sich beim Spielen auch genauso eigenständig an.

Vor allem aber besitzt sie einen Sound, den ich weder mit einer Les Paul noch mit einer SG wirklich reproduzieren kann: straff, klar, bissig und trotzdem kräftig genug für einen weit aufgerissenen Röhrenamp.

Mein persönlicher Rat zum Schluss: Falls ihr bereits eine gute Firebird besitzt, verkauft sie nicht. Wirklich nicht. Ich habe das für euch ausprobiert.

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