von  Jan Rotring  | |   Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen   |  Lesezeit: 12 Min
Stratocaster über alles: Das Gear von John Frusciante

Stratocaster über alles: Das Gear von John Frusciante  ·  Quelle: Gonzales Photo / Alamy Stock Foto

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Über das Gear von John Frusciante wollte ich schon lange schreiben. Nicht nur, weil sein Sound zu den einflussreichsten der vergangenen Jahrzehnte gehört, sondern auch, weil mich die Red Hot Chili Peppers seit meiner Jugend begleiten. Einer der musikalischen Höhepunkte der letzten Jahre war für mich ein 2022 spontan besuchtes Konzert in London nach Frusciantes Rückkehr zur Band. Schon mit den ersten Takten war klar: Da steht wieder genau der Gitarrist auf der Bühne, der diesen Songs über Jahrzehnte ihre unverwechselbare Identität gegeben hat.

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Und ganz ehrlich: Welcher Gitarrist hat sich nicht irgendwann an einem Frusciante-Riff versucht? Can’t StopUnder the BridgeScar Tissue oder Californication wirken auf den ersten Blick erstaunlich einfach, doch genau darin liegt die Falle. Die richtigen Noten zu spielen ist das eine. Sie mit derselben Dynamik, derselben Lockerheit und diesem fast beiläufigen Groove zu spielen, ist etwas völlig anderes. Ich glaube, jeder von uns hat irgendwann festgestellt, dass zwischen „spielen können“ und „wie Frusciante klingen“ eine ziemlich große Lücke klafft.

Genau das macht in meinen Augen seine besondere Stärke aus. Während viele Gitarristen mit Geschwindigkeit oder komplexen Soli beeindrucken, denkt Frusciante konsequent im Song. Seine Gitarre schafft Raum für Flea, antwortet auf Chad Smith und trägt den Gesang von Anthony Kiedis, ohne sich ständig in den Vordergrund zu drängen. Gerade deshalb erkennt man seine Handschrift oft schon nach wenigen Takten. Funk-lastige Leads mal ganz außen vor gelassen.

Natürlich spielt beim Gear von John Frusciante das Equipment eine entscheidende Rolle. Vintage-Stratocaster, alte Marshall-Verstärker und einige legendäre Effektpedale prägen seinen Ton bis heute. Wer sich jedoch ausschließlich auf die Gear-Liste konzentriert, übersieht den entscheidenden Punkt. Frusciantes Sound entsteht vor allem aus seiner Spielweise, seinem außergewöhnlichen Rhythmusgefühl und seinem Gespür dafür, wann eine einzige Note mehr Wirkung entfaltet als zwanzig. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf sein Gear, seine Spielweise und die Besonderheiten in seinem Sound. Aber starten wir am Anfang. 

Vom Fan zum Mitglied der Red Hot Chili Peppers

Quelle: Fender Custom Shop

Als John Frusciante 1988 zu den Red Hot Chili Peppers stieß, war er gerade einmal achtzehn Jahre alt. Schon vor seinem Eintreten in die Band war er begeisterter Fan und hatte sich bereits intensiv mit dem Spiel von Hillel Slovak beschäftigt, dessen Stil die frühen Alben entscheidend geprägt hatte. Frusciante wollte diesen musikalischen Input zunächst nicht ersetzen, sondern konsequent weiterführen.

Seine Einflüsse reichen jedoch weit darüber hinaus. Neben Jimi Hendrix prägten ihn Musiker wie Jeff BeckJimmy PageFrank ZappaAdrian BelewFunkadelic und James Brown ebenso wie Anteile von Punk und New Wave. Aus dieser recht grobkörnigen Mischung entstand im Laufe der Zeit ein Stil, der sich nie eindeutig einem bestimmten Genre zuordnen ließ.

Mit den Jahren bei den Peppers veränderte sich seine Spielweise deutlich. Statt sich als Gitarrist weiter in den Vordergrund zu drängen, konzentrierte er sich immer stärker auf die Wirkung einzelner Noten. Neben technischer Virtuosität fand er bewusste Zurückhaltung. Gerade deshalb wirken viele seiner Parts so schlicht und gleichzeitig so unverwechselbar. Und sind so verdammt schwer, akkurat zu replizieren.

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Rhythmus, Dynamik und kontrollierte Lücken: Der Sound von John Frusciante

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Wer diesen Sound ausschließlich über das Gear von John Frusciante, also GitarrenVerstärker oder Effektpedale erklären möchte, übersieht wahrscheinlich die Spielweise.

John Frusciante versteht die Gitarre in erster Linie scheinbar als Rhythmusinstrument: Seine Anschläge sitzen präzise zwischen Bass und Schlagzeug und verleihen selbst einfachen Akkorden enorme Energie. Besonders deutlich wird das bei Tracks wie Can’t Stop, dessen ikonischer Gitarrenpart fast ausschließlich von Rhythmik und Anschlag lebt.

Ebenso wichtig ist die Dynamik seines Spiels (wieder sei auf das Eingangsriff von Can’t Stop verwiesen). Statt mehrere Kanäle oder komplexe Schaltsysteme zu nutzen (auch, aber eben nicht ausschließlich), formt er den Klang maßgeblich über die rechte Hand. Weil seine Verstärker meist genau an der Grenze zwischen Clean und leichtem Overdrive arbeiten, reagiert das gesamte Setup unmittelbar auf jede Veränderung der Anschlagstärke.

Hinzu kommt sein bewusster Umgang mit Pausen: Frusciante lässt anderen Instrumenten Raum und setzt oft auf Double-Stops, kleine Akkordfragmente oder einzelne Töne statt voller Voicings. Dadurch bleiben seine Parts transparent und ergänzen den Bandsound, anstatt mit ihm zu konkurrieren. Man könnte fast behaupten, er nähere sich Songs wie ein Bassist.

Vielleicht liegt genau darin (schwer, das als Gitarrist zuzugeben) das eigentliche Geheimnis seines Sounds: Frusciante fragt nicht, wie seine Gitarre möglichst beeindruckend klingt, sondern welche Aufgabe sie innerhalb des Songs übernehmen soll. Genau diese musikalische Disziplin macht ihn zu einem der prägendsten Gitarristen seiner Generation.

Das Gear von Johne Frusciante: Die Stratocaster als wichtigste aller Stimmen

Der Custom Shop baut die Fender John Frusciante Stratocaster in limitierter Auflage. Mit Kratzern und Schweiß vom Meister der Red Hot Chili Peppers.
Quelle: Fender Custom Shop

Wenn es ein Instrument gibt, das untrennbar mit John Frusciante verbunden ist, dann ist es die Fender Stratocaster. Während die meisten Gitarristen ständig zwischen verschiedenen Modellen wechseln (doch, tut ihr), bildet die Strat seit Jahrzehnten das klangliche Zentrum seines Spiels und damit den Sound der Red Hot Chili Peppers.

Besonders eng verbunden ist Frusciante mit seiner 1962er Fender Stratocaster, die er selbst mehrfach als seine (emotional) wichtigste Gitarre bezeichnet hat. Daneben spielen auch eine 1961 Fiesta Red Stratocaster und eine Strat aus der Mitte der 1950er Jahre zentrale Rollen. 

Entscheidend ist für ihn dabei jedoch weniger das Baujahr (Gitarren als Wertanlage) als die Konstruktion: Die Singlecoils reagieren extrem direkt auf Anschlag, Vibrato und Dynamik. Genau diese Sensibilität macht sich Frusciante konsequent zunutze.

Charakteristisch ist seine Vorliebe für eher moderat abgestimmte Tonabnehmer: Statt hohem Ausgangspegel setzt er auf OffenheitTransparenz und eine feine Ansprache. Dadurch bleiben selbst leicht angezerrte Akkorde klar definiert. Viel Songs der Chili Peppers leben genau von dieser luftigen Klangästhetik.

Obwohl die Strat dominiert, greift Frusciante live regelmäßig auch zur Fender Telecaster Custom, etwa bei Can’t StopAround the WorldThe Zephyr Song oder Tell Me Baby. Sie liefert etwas mehr Mitten und Durchsetzungskraft, ohne den offenen Charakter seines Spiels zu verändern.

Am Ende zeigt sich auch hier Frusciantes Philosophie: Die Gitarre soll seine Spielweise unterstützen, nicht bestimmen. Sein Wiedererkennungswert entsteht nicht durch ein bestimmtes Modell, sondern durch die Art, wie er es spielt.

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Marshall statt Clean-Amp: Das Geheimnis seines Grundsounds

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, er spiele einfach clean. Tatsächlich bewegt sich sein Grundsound seines Verstärker-Setups ständig auf der Grenze zwischen Clean und leichter Röhrensättigung.

Über viele Jahre bestand sein Livesetup aus einem Marshall Major und einem Marshall Silver Jubilee. Während der 200 Watt starke Major enorme Lautstärkereserven bietet, ergänzt der Silver Jubilee den typischen Marshall-Mittencharakter. Gemeinsam entsteht ein offener, dynamischer Sound, der unmittelbar auf jede Veränderung des Anschlags reagiert.

Frusciante fährt seine Verstärker so laut, dass sie bei sanftem Spiel sauber bleiben, bei kräftigem Anschlag jedoch leicht in die Sättigung gehen. Statt zwischen verschiedenen Kanälen umzuschalten, steuert er den Zerrgrad fast ausschließlich über seine Spielweise.

Auch der langjährige Gitarrentech Dave Lee bezeichnet dieses Spielverhalten der Marshalls als einen der wichtigsten Bestandteile des gesamten Sounds. Ein leise gespieltes Arpeggio bleibt glasklar, ein kräftig angeschlagener Akkord entwickelt dagegen sofort mehr Kompression und Biss.

Im Studio erweitert Frusciante dieses Setup gelegentlich, etwa durch einen Roland Jazz Chorus für zusätzliche Klangfarben. Die Grundidee bleibt jedoch dieselbe: Verstärker sind für ihn keine starren Klangrezepte, sondern Werkzeuge, die auf sein Spiel reagieren müssen.

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Boss CE-1: Das wichtigste Gerät auf dem Pedalboard

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Viele verbinden das Gear von John Frusciante vor allem mit dem Boss DS-2 oder dem Ibanez WH10. Tatsächlich dürfte jedoch das Boss CE-1 Chorus Ensemble den größten Einfluss auf seinen Grundsound haben.

Der Grund ist einfach: Frusciante nutzt den CE-1 nicht in erster Linie als Chorus, sondern wegen seines charakteristischen Vorverstärkers. Laut Dave Lee verteilt das Pedal das Signal auf die verschiedenen Marshall-Verstärker und bestimmt gleichzeitig, wie stark diese angesteuert werden. So entsteht genau jener Bereich zwischen glasklarem Ton und leichtem Crunch, der seinen Sound prägt.

Der eigentliche Chorus-Effekt ist dabei oft gar nicht aktiv, trotzdem beeinflusst der CE-1 den Klang permanent über seinen Preamp. Leider klingen moderne Chorus-Pedale trotz ähnlicher Modulation daher meist anders als Frusciantes Originalsetup.

Dass Dave Lee ausgerechnet dieses unscheinbare Vintage-Pedal als einen der wichtigsten Bausteine im Gear von John Frusciante bezeichnet, zeigt, wie sehr sein Klang vom gesamten Signalweg und nicht von einzelnen Effekten lebt.

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Boss DS-2 und Ibanez WH10: Die Klangfarben für den besonderen Moment

Während Frusciantes Grundsound bewusst reduziert bleibt, sorgen zwei Pedale seit Jahrzehnten für seine markantesten Klangfarben: der Boss DS-2 Turbo Distortion und das Ibanez WH10 Wah.

Der Boss DS-2 begleitet ihn seit den frühen 1990er Jahren und gehört bis heute zu seinem Setup. Sein vergleichsweise offener Distortion-Sound passt perfekt zu Frusciantes dynamischer Spielweise. Selbst bei stärkerer Verzerrung bleiben Anschlag und Artikulation erhalten. Laut Dave Lee standen zeitweise sogar zwei DS-2 gleichzeitig auf dem Pedalboard, und auch bei Unlimited Love spielte das Pedal wieder eine wichtige Rolle.

Dennoch funktioniert der DS-2 nur im Zusammenspiel mit StratocasterCE-1 und den Marshall-Verstärkern. Erst diese Kombination sorgt für den charakteristischen, transparenten Zerrsound.

Ähnlich prägend ist das Ibanez WH10. Frusciante schätzt vor allem dessen großen Frequenzbereich, der offener und weniger nasal klingt als viele andere Wah-Pedale. Live nutzt er es nicht nur als klassischen Filtereffekt, sondern gezielt zur Kontrolle von Feedback und Sustain, wodurch seine Soli zusätzliche Ausdruckskraft erhalten.

Genau wie der DS-2 dient auch das WH10 nicht als permanenter Effekt: Beide Pedale setzen gezielte Akzente und unterstreichen Frusciantes wichtigste Maxime: Der Song bestimmt den Sound, nicht das Pedalboard.

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Das Gear von John Frusciante: Vom reduzierten Rig zum vielseitigen Pedalboard

Ein Blick auf aktuelle Fotos von John Frusciantes Pedalboard zeigt schnell: Sein Setup ist heute deutlich umfangreicher als in den frühen Jahren der Red Hot Chili Peppers. Trotzdem besteht sein Sound nicht aus möglichst vielen Effekten. Vielmehr hat sich sein ursprünglich reduziertes Rig im Laufe der Jahre zu einem vielseitigen Werkzeugkasten entwickelt.

Während anfangs nur wenige Pedale jeweils eine klar definierte Aufgabe erfüllten, kamen mit wachsender Studioarbeit zusätzliche FuzzesDelaysModulationseffekte und Equalizer hinzu. Frusciante selbst betonte jedoch mehrfach, dass viele davon nur für einzelne Songs oder als kreative Reserve auf Tour gedacht seien.

Bei den Aufnahmen zu Unlimited Love kamen neben den bekannten Klassikern unter anderem ein Boss SD-1, verschiedene MXR-Pedale wie das MXR Super Badass Variac Fuzz zum Einsatz. Trotz dieser erweiterten Klangpalette blieb Frusciantes Handschrift unverändert. Sein Beispiel zeigt eindrucksvoll: Ein großes Pedalboard macht noch keinen komplexen Gitarrensound. Entscheidend ist, wie gezielt man die vorhandenen Möglichkeiten einsetzt.

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Studioarbeit: Warum die Aufnahmen größer klingen als die Bühne

Auf Alben wie CalifornicationBy the Way oder Stadium Arcadium wirken Frusciantes Gitarren deutlich größer und vielschichtiger als live. Der Grund liegt weniger im Equipment als in seiner Arbeitsweise im Studio.

Das Stichwort lautet, wie so oft: Arrangement. Mehrere Gitarrenspuren übernehmen unterschiedliche Aufgaben und ergeben erst gemeinsam das fertige Klangbild. Jede einzelne Spur bleibt dabei oft erstaunlich schlicht. Ein besonders bekanntes Beispiel ist das Outro von Snow (Hey Oh). Hier nahm Frusciante drei separate Gitarrenspuren auf, von denen jede lediglich eine einzelne Note des Arpeggios spielte. Erst ihr Zusammenspiel erzeugt den breiten, fast orchestralen Sound der Albumversion.

Produzent Rick Rubin unterstützte diesen Ansatz konsequent. Statt möglichst viele Gitarren übereinanderzuschichten, erhielt jede Spur eine klare Aufgabe und ausreichend Platz im Mix. Genau deshalb wirken Frusciantes Produktionen trotz ihrer Größe niemals überladen.

Das Gear von John Frusciante: Weniger spielen, mehr sagen

Stratocaster über alles: Das Gear von John Frusciante
Stratocaster über alles: Das Gear von John Frusciante · Quelle: Gonzales Photo / Alamy Stock Foto

Natürlich gehören die Vintage-Stratocaster, der Marshall Major, der Marshall Silver Jubilee, das Boss CE-1, der Boss DS-2 und das Ibanez WH10 zu den wichtigsten Bausteinen im Gear von John Frusciante. Doch sie erklären halt auch nur einen Teil seiner Faszination (zum Glück, mir fehlt derzeit noch die Kohle für eine 60s Strat).

Seine Musik lebt vor allem von RhythmusDynamikTiming und einem außergewöhnlichen Gespür für Arrangements. Genau deshalb wirken seine Gitarrenparts bis heute frisch und unverwechselbar. Denn der wichtigste Bestandteil jedes Sounds liegt immer noch zwischen den eigenen Händen. Ausdruck schlägt Geschwindigkeit, Dynamik schlägt mehr Gain und eine perfekt platzierte Note kann oft mehr erzählen als zwanzig in derselben Zeit.

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