von  Jan Rotring  | |   Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen   |  Lesezeit: 6 Min
Bass für Gitarristen

Bass für Gitarristen  ·  Quelle: GIOVANNI ESPOSITO / Alamy

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Ich habe lange den vermutlich klassischen Gitarristenfehler gemacht und gedacht: „Bass ist doch im Grunde Gitarre mit vier dicken Saiten. Man spielt die Grundtöne der Akkorde, hält sich grob ans Schlagzeug und fertig.“ Spätestens wenn man selbst einen Bass in die Hand nimmt und versucht, einen kompletten Song wirklich sauber zu spielen, erledigt sich diese Vorstellung ziemlich schnell. Bass ist eben nicht einfach „wie Gitarre“. Er erfüllt eine vollkommen andere Aufgabe. Wer eine Weile ernsthaft Bass spielt, entwickelt ein anderes Gefühl für Timing, Harmonien, Dynamik und die eigene Rolle innerhalb einer Band. Und genau davon profitiert anschließend auch das Gitarrenspiel.

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Timing fühlt sich plötzlich vollkommen anders an

Auf der Gitarre kann man sich erstaunlich gut verstecken. Ein verzerrter Akkord klingt lange aus, ein etwas unsauber gesetzter Ton verschwindet im Gesamtbild und bei einem mächtigen Riff konzentriert man sich gerne darauf, was man spielt. Beim Bass wird dagegen mindestens genauso wichtig, wann man spielt.

Schon eine leicht zu früh oder spät gesetzte Bassnote kann den Groove verändern. Gleichzeitig bekommt das Ende einer Note plötzlich enorme Bedeutung. Spiele ich sie über die nächste Kick Drum hinweg? Stoppe ich gemeinsam mit der Snare? Lasse ich bewusst Platz?

Genau hier begann für mich eine der wichtigsten Lektionen beim Bass für Gitarristen: Man hört viel genauer auf das Schlagzeug. Vor allem die Beziehung zwischen Bass und Kick Drum verändert das eigene Rhythmusgefühl. Statt lediglich einem Gitarrenriff zu folgen, beginnt man, sich rhythmisch innerhalb der Band zu positionieren.

Und dieses Gefühl nimmt man anschließend wieder mit an die Gitarre. Palm Mutes werden präziser, Pausen bewusster und selbst einfache Riffs können plötzlich deutlich mehr Groove entwickeln.

Eine neue Rolle innerhalb der Band

Die 5 besten Signature-Bässe für jedes Budget
Zurücktreten – trifft zumindest für uns sterbliche Bassisten zu · Quelle: Sire / Marcus Miller

Wir Gitarristen beschäftigen uns gerne mit unserem eigenen Sound. Welche Gitarre spiele ich? Wie viel Gain brauche ich? Wie bekomme ich einen fetteren Ton? Und natürlich: Wie setze ich mich im Mix besser durch? Am Bass verschiebt sich diese Perspektive.

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Plötzlich lautet die entscheidende Frage viel häufiger: Was braucht der Song gerade von mir?

Der Bass verbindet Rhythmus und Harmonie. Gemeinsam mit der Kick Drum bildet er das rhythmische Fundament, gleichzeitig beeinflussen seine Töne, wie wir die darüberliegenden Akkorde wahrnehmen.

Dabei muss der Bass keineswegs ständig die Gitarre doppeln. Manchmal funktioniert genau das perfekt. An anderer Stelle reicht ein langer Grundton. Und manchmal macht eine kleine Gegenbewegung aus wenigen Tönen einen ganzen Abschnitt interessant.

Das ist eine Lektion, die gerade Gitarristen ausgesprochen gut gebrauchen können: Nicht jeder freie Platz innerhalb eines Songs muss gefüllt werden.

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Akkorde bestehen wieder aus einzelnen Tönen

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Viele von uns lernen Gitarre zunächst über Formen. E Moll sieht eben aus wie E Moll, ein Powerchord wird über das Griffbrett verschoben und irgendwann wissen die Finger automatisch, wohin sie müssen.

Das ist praktisch, führt aber auch dazu, dass man irgendwann weniger darüber nachdenkt, welche Töne man eigentlich gerade spielt.

Am Bass beschäftigt man sich automatisch stärker mit Grundton, Terz, Quinte und Septime. Warum funktioniert diese Note über dem Akkord? Wie komme ich möglichst musikalisch vom C zum A? Muss ich überhaupt immer auf dem Grundton landen? Und warum verändert sich die Wirkung eines Akkords so stark, wenn der Bass darunter einen anderen Ton spielt?

Bass für Gitarristen kann deshalb eine ziemlich effektive Lektion in Harmonielehre sein, ganz ohne Theorieheft auf dem Notenständer. Harmonische Zusammenhänge werden unmittelbar hörbar und praktisch erfahrbar.

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Bass für Gitarristen: Du hörst deine Lieblingsmusik anders

Der Bassist von Anthrax hat seine Signature bekommen. Der Spector NC-4 Frank Bello liefert den nötigen Druck und überzeugt!
Anthrax mal ganz anders? Hört auf Frank Bello! · Quelle: Spector

Für mich ist das einer der spannendsten Effekte überhaupt: Wer selbst Bass spielt, beginnt irgendwann, anders Musik zu hören.

Gerade als Gitarrist folgt das Ohr bei Rock und Metal beinahe automatisch den Gitarren. Man hört das Riff, den Sound, die Verzerrung und das Solo. Bass und Schlagzeug nimmt man natürlich ebenfalls wahr, häufig aber eher als gemeinsames Fundament.

Beschäftigt man sich selbst mit Basslinien, ändert sich das. Plötzlich hört man, wann der Bass das Gitarrenriff doppelt und wann eben nicht. Man nimmt kleine Übergänge und Ghost Notes wahr oder erkennt, dass ein vermeintlich simples Riff einen großen Teil seines Grooves eigentlich aus dem Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug bezieht.

Das trainiert ganz nebenbei das musikalische Gehör. Einzelne Instrumente lassen sich leichter aus einem Mix heraushören und Arrangements werden bewusster wahrgenommen. Davon profitieren wiederum Songwriting und Gitarrenspiel.

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Vier dicke Saiten verändern auch die Technik

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Natürlich verändert der Bass auch die eigentliche Spieltechnik. Die längere Mensur, größeren Bundabstände und deutlich stärkeren Saiten meines japanischen Precis verlangen der Greifhand zunächst einiges ab.

Noch interessanter wird es mit der rechten Hand. Wer als Gitarrist normalerweise mit Plektrum spielt und am Bass mit den Fingern beginnt, muss seine Koordination praktisch neu lernen. Anschlag, Dynamik und Gleichmäßigkeit fühlen sich vollkommen anders an.

Besonders lehrreich ist das Muting. Ungespielte Saiten können auf dem Bass schnell für reichlich Chaos sorgen. Greifhand und Anschlaghand müssen deshalb gemeinsam dafür sorgen, dass wirklich nur die Töne erklingen, die erklingen sollen.

Diese Kontrolle lässt sich hervorragend zurück auf die Gitarre übertragen. Besonders bei High Gain, schnellen Rhythmusparts und Palm Mutes macht sauberes Abdämpfen einen gewaltigen Unterschied.

Bass für Gitarristen: Die ganze Band hören

Fender 75th Anniversary Precision Bass Collection: Drei Geburtstagsmodelle für die Bass-Legende
Fender 75th Anniversary Precision Bass Collection: Drei Geburtstagsmodelle für die Bass-Legende · Quelle: Fender

Niemand muss seine Les Paul verkaufen und ab morgen ausschließlich mit einem Precision Bass zur Probe erscheinen. Darum geht es überhaupt nicht.

Aber ich glaube, dass praktisch jeder Gitarrist davon profitieren kann, für einige Zeit ernsthaft Bass zu spielen. Und damit meine ich nicht fünf Minuten lang das Lieblingsriff eine Oktave tiefer (ganz ohne Octaver). Lernt komplette Songs, spielt zu euren Lieblingsplatten oder, noch besser, gemeinsam mit einem Schlagzeuger. Versucht dabei tatsächlich, die Funktion des Bassisten zu übernehmen.

Denn Bass für Gitarristen bedeutet vor allem einen Perspektivwechsel. Timing, Harmonielehre, Dynamik und Arrangement erscheinen plötzlich aus einem anderen Blickwinkel. Man hört stärker auf die anderen Instrumente, achtet auf Pausen und beschäftigt sich weniger damit, möglichst viel Platz einzunehmen.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion der vier dicken Saiten: Einfach mal eine Zeit lang nicht wie ein Gitarrist denken.

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