Punk-Sound: Viel Attitüde, wenig Schnickschnack und der richtige Ton
Vor 50 Jahren erschien das Debütalbum der Ramones. Was seit 1976 ganze Generationen von Gitarristen begeistert und ans Musizieren bringt, ist neben der befreienden Systemkritik vor allem der Punk-Sound: Roh, kraftvoll, simpel. Doch was ist eigentlich das Geheimnis von Johnny Ramones schnellem und aggressiven Sound? Wir schauen, warum es ein Gitarrist schaffte, ohne virtuose Soli und komplizierte Effektketten in die Geschichte des Instruments einzugehen. Denn neben der historischen Betrachtung stehen für mich zwei Fragen: Warum macht es eigentlich so viel Spaß, die berühmten drei Akkorde durch einen aufgerissenen Verstärker zu jagen? Und wie geht eigentlich guter Punk-Sound?
Punk-Sound: Inhalt
Ganz zu Anfang dieses Artikels ein Disclaimer: Wenn es eine Musikrichtung gibt, in der Regeln komplett irrelevant sein sollten, ist es Punk. Klar. Sprechen wir also lieber von „statistischen Auffälligkeiten“ bei der Wahl von Instrument, Spielweise und Co. Ist doch klar, oder?
Die Gitarre: Erlaubt ist, was funktioniert

Wer sich mit Punk-Sound auf der Gitarre auseinandersetzt, hat erst mal eine hervorragende Ausgangslage. Denn: Es gibt vermutlich kaum eine Gitarre, die NICHT geeignet wäre, einen guten Punk-Sound zu erreichen.
Johnny Ramone selbst spielte über weite Strecken seiner Karriere eine Mosrite mit Steg-Humbucker, Sex-Pistols-Gitarrist Steve Jones machte es sich mit einer Gibson Les Paul Custom bequem. Und Billie Joe Armstrong steht bis heute mit großer Vorliebe mit Humbucker-Strat oder Les Paul Junior auf der Bühne.
Was all diese Instrumente bei ihrer Unterschiedlichkeit jedoch eint, ist ihr direkter und durchsetzungsfähiger Sound. Regelmäßig liefern Humbucker den kräftigen Grundton mit einem gescheiten Ausgangspegel, doch auch Singlecoils können dank ihres etwas helleren Grundcharakters ordentlich „Biss“ in den Sound legen.
Wichtig ist, egal welches Instrument gewählt wird, dass auch bei schnellen Akkordwechseln klar erkennbare Powerchords bleiben. Matsch ist nicht das, was wir wollen.
Unterm Strich heißt das für unsere Sound-Betrachtung: Die richtige Gitarre hilft, ist aber lange nicht so entscheidend, wie oft angenommen.
Der Verstärker: Marshall, Mitten und ordentlich Druck

„British Dirt“ ist das, was die prägende Klangreferenz der frühen (und späteren) Punk-Bands wohl am besten beschreibt. Im klassischen Punkrock sind vor allem Röhrenamps von Marshall weit verbreitet — wieder könnten Johnny Ramone und Steve Jones als Beispiele herhalten.
Im Setting ist der klassische Punk-Sound oft weniger stark verzerrt, als man zunächst vermuten würde: Zu viel Gain lässt schnelle Anschläge ineinander verwaschen und Definition geht verloren.
Zu viel Bass lässt den Gitarrensound ebenfalls verwaschen. Präsente Mitten dagegen können die Durchsetzungsfähigkeit der Gitarre positiv beeinflussen und besonders im Zusammenspiel mit Bass und Schlagzeug ihre Kraft entfalten. Und Höhen und Presence liefern Biss, ohne den Sound unangenehm scharf oder gar metallisch wirken zu lassen.
Zusammengefasst suchen wir für den perfekten Punk-Sound also einen britisch abgestimmten Crunch-Sound, der nachträglich mit Gain, Mitten und Höhen nach Gehör (und Geschmack) angepasst wird.
Effekte: Weniger ist meistens mehr
Wenn Punk-Sound für eine Sache nicht bekannt ist, dann für aufwendige Pedalboards.
Wie dargestellt reicht ein angezerrter, grob angefahrener, britischer Amp eigentlich für den klassischen Grundsound aus. Natürlich lassen sich durch Overdrive und Distortion die notwendigen Spitzen erreichen, sollte der eigene Amp nicht selbst genügend Druck und Zerre liefert. Und auch Booster helfen beim Erreichen dieses (Grund-) Ziels.
Während Delay, Chorus und andere Modulationseffekte für den klassischen Punk-Sound à la Johnny Ramone nicht notwendig (sondern eher hinderlich) sind, können moderne Punkrock- und Pop-Punk-Setups mitunter recht komplex werden. Festzuhalten bleibt aber: Der Effekt sollte den Rhythmus unterstützen und darf auf keinen Fall die Anschläge verdecken.
Die rechte Hand: Hier entsteht der eigentliche Punk Sound
Punk lebt von Energie. Und jeder Gitarrist kennt die Verbindung zwischen Energie und dem Anschlag. Paradebeispiel ist der konsequent durchgezogene Downstroke von Johnny Ramone (später weiter perfektioniert in den vom Punk beeinflussten Thrash-Alben der frühen 1980er-Jahre).
Durch die ausschließlich nach unten angeschlagenen Akkorde wird eine rhythmische und tonale Aggression und Energie übertragen, die mit einem eher groovigen Wechselschlag nicht erreicht wird. Die Anstrengung (und die zumindest anfangs auftretenden Schmerzen beim Gitarrespielen) lohnt sich vor allem in Kombination mit einer guten Dämpfung.
Palm Muting ist das wichtigste Werkzeug für korrekte rhythmische Akzente im Punk Sound. Dauerhaft offene Akkorde können zwar eine gewisse Dramatik vermitteln, eine gute Muting-Technik ist jedoch unvermeidlich. Wie so oft ist auch beim Punk die Spielweise mindestens ebenso entscheidend wie das richtige Equipment.
Punk ist nicht gleich Punk
Bevor wir die Puristen unter euch aufregen: Nein, Punk ist nicht gleich Punk und besonders im Sound gibt es zum Teil gravierende Unterschiede. Ein kurzer Überblick.
Classic Punk: Ramones, Sex Pistols, The Clash
Roh, direkt und in der Regel mit einer vergleichsweise simplen Signalkette aufgebaut. Die Mitten werden kräftig betont, offene Akkorde bauen den Song auf. Der Gitarrensound ist absolut unmittelbar und rau.
Skate-Punk und Pop-Punk: Green Day, NOFX, Blink-182
Die modernere Spielweise des Punk Sounds liefert straffere und stärker produzierte Gitarrensounds. Verzerrung, präzises Palm Muting und mehrere Gitarrenspuren generieren mehr Größe und Kontrolle. Siehe auch: Geschichte des Zerrsounds.
Hardcore und moderner Punk
Eine noch aggressivere Spielweise mit teilweise ebenfalls stärker verstärkten Gitarren legt mehr Gewicht auf rhythmische Präzision und eine fast schon körperliche Intensität (nicht nur im Pit). Weitere Sub-Genres liefern noch mehr Variationen und Abweichungen von der Norm (wie passend).
Fazit: Drei Akkorde für eine ganze Menge Charakter

Auch 50 Jahre nach dem Ramones-Debüt ist ein guter Punk-Sound nach wie vor relevant. Die gute Nachricht ist: Teures, spezialisiertes Equipment ist keine Voraussetzung. Viel entscheidender sind direkte Gitarrensounds, ein sinnvoll eingestellter Amp und eine ganze Menge Energie in der eigenen Spieltechnik.
Schlussendlich lebt Punk nicht davon, perfekt zu klingen, sondern davon, die Musik so unmittelbar wie möglich zum Hörer zu bringen.
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