Gitarren-Boutique: Keith Richards über Arthritis
Diese Ausgabe der Gitarren-Boutique spannt einen Bogen von frischen Entwicklungen bis hin zu zeitlosen Wahrheiten. Wir werfen einen Blick auf das radikal gedachte Tremolo-System von MayTrem, schauen uns mit dem Magellan 800+ die nächste Evolutionsstufe moderner Bassverstärkung an und tauchen ein in die rohe Energie früher Aufnahmen der Stray Cats. Gleichzeitig erinnert uns in einem Interview mit Keith Richards über seine Arthritis daran, dass musikalischer Ausdruck ein lebenslanger Prozess ist.
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Genzler Magellan 800+
Große Worte wie „Next Generation“ lese ich erst einmal mit einer gewissen Skepsis. Zu oft entpuppen sich solche Ankündigungen als Modellpflege mit neuem Namen. Im Fall des neuen Magellan 800+ von Genzler Amplification lohnt sich aber ein genauerer Blick.
Ich hatte vor einiger Zeit selbst den ursprünglichen Magellan 800 im Einsatz – und war ehrlich gesagt ziemlich angetan. Vor allem die Kombination aus Transparenz, Druck und einfacher Bedienung hat das Teil für mich zu einem sehr zuverlässigen Tour-Begleiter gemacht. Genau daran knüpft der neue 800+ an – erweitert das Konzept aber sinnvoll.
Im Kern bleibt alles beim Bewährten: ein 800-Watt-Topteil in kompakter Bauweise, komplett analog und mit intuitivem Bedienlayout. Der Anspruch ist weiterhin klar: vom möglichst unverfälschten, „HiFi-artigen“ Basssound bis hin zu warmen, leicht angezerrten Vintage-Texturen alles abzudecken – und das ohne Menü-Tauchgänge oder digitale Spielereien.

Was ist neu?
Spannend wird es bei den Neuerungen. Besonders neugierig machen mich die überarbeitete Drive-Sektion und die erweiterten Filtermöglichkeiten. Laut Hersteller liefert die neue Drive-Schaltung ein deutlich breiteres Spektrum an röhrenähnlichen Obertönen und Kompression – und ist sogar per Fußschalter abrufbar. Genau das würde ich gern in der Praxis hören, denn hier entscheidet sich, ob es nur „nice to have“ oder wirklich musikalisch relevant ist.
Eine echte Verbesserung ist aus meiner Sicht das neue Hochpassfilter (HPF), das nun variabel zwischen 25 und 120 Hz arbeitet und frequenzabhängig abgestimmt ist. Gerade im Live-Betrieb kann so ein sauber eingestelltes HPF enorm helfen, den Bass im Mix zu definieren, ohne untenrum unnötig Energie zu verschwenden.

Erweiterter EQ
Auch der EQ wurde sinnvoll erweitert: Vier Bänder, zwei durchstimmbare Mittenfrequenzen und insgesamt mehr Eingriffsmöglichkeiten, ohne die Übersicht zu verlieren. Dazu kommen eine verbesserte Dynamik, geringeres Grundrauschen und mehr Headroom. Sehr gut!
Mit knapp 2,8 kg bleibt das Ganze angenehm portabel und steckt weiterhin im robusten Aluminiumgehäuse, das man von der Magellan-Serie kennt. Viele von euch werden sich sicher über den Kopfhöreranschluss und AUX-Eingang freuen.
Unterm Strich wirkt der Magellan 800+ nicht wie ein radikaler Neuanfang, sondern wie eine durchdachte Weiterentwicklung eines ohnehin schon sehr guten Amps. Wenn die neue Drive-Sektion und das HPF in der Praxis halten, was sie versprechen, dürfte das für viele Bassisten ein ziemlich überzeugendes Gesamtpaket sein.
- Preis: 1999,99 US-Dollar
- Website des Herstellers
Stray Cats – Live At Rockpalast 1983
Schaut, was mir der YouTube-Algorithmus geliefert hat! Wer glaubt, Rockabilly sei nur ein nostalgischer Rückblick, sollte sich dieses Material unbedingt ansehen. Das Video zeigt die legendären Stray Cats 1983 auf der Loreley – und beweist eindrucksvoll, warum dieses Trio bis heute als Ikone des Neo-Rockabilly gilt.
Roh, energetisch und auf den Punkt
Die Ausgangslage ist fast filmreif: Während im England der frühen 1980er-Jahre noch der Punk dominiert, schlagen drei Amerikaner ein wie ein Blitz – mit einer Mischung aus Rock’n’Roll der 50er, Attitüde und roher Energie. Brian Setzer, Slim Jim Phantom und Lee Rocker bringen genau das mit, was auch die Punk-Szene auszeichnet: Risiko, Stil und eine gehörige Portion Rebellion.
Was die Aufnahmen so besonders macht, ist nicht nur der historische Kontext, sondern die unmittelbare Wucht der Performance. Das ist kein geschniegelt produzierter Retro-Act, sondern eine junge Band auf dem Sprung – roh, schnell, ungeschliffen. Und gleichzeitig schon erschreckend präzise.
MayTrem Tremmy – Vibrato der Zukunft
Auch mir gehen Begriffe wie „Gamechanger“ inzwischen ziemlich auf die Nerven – zu oft steckt dahinter wenig mehr als Marketingrhetorik. Umso bemerkenswerter ist es, wenn ein Produkt diesem Anspruch tatsächlich gerecht wird. Genau das gelingt den Entwicklern der MayTrem mit ihrem Tremolosystem auf eindrucksvolle Weise.
Die MayTrem-Modelle unterscheiden sich grundlegend von klassischen Vibrato-Systemen. Es gibt zwei Varianten: Tremmy ermöglicht Bendings in beide Richtungen – also nach oben und unten. MyTrem geht noch einen Schritt weiter und erlaubt diese Tonhöhenveränderung sogar für einzelne Saiten. Gerade für Country-Spieler dürfte das ein echtes Highlight sein. Howdy!


Version zum Nachrüsten
Ein weiterer Pluspunkt: Beide Systeme sind auch als nachrüstbare Lösungen erhältlich. Es sind keine zusätzlichen Modifikationen am Instrument notwendig. Sowohl Tremmy als auch MyTrem gibt es jeweils in einer R-Version (Replacement), die sich direkt in die vorhandene Brückenfräsung von Vintage-Strats mit 6- oder 2-Punkt-Verschraubung einsetzen lässt.
Für Gitarrenbauer bietet MayTrem außerdem die B-Version (Builder) an. Diese Variante ist laut Hersteller besonders für Neubauten geeignet, da sie eine zusätzliche 7-mm-Vertiefung im Korpus nutzt und so für noch mehr Stabilität sorgt.
Am besten: selbst hören und sehen – ein Blick in das unten verlinkte Video lohnt sich. Der Preis ist allerdings nicht ganz ohne. Trotzdem: Ich bin Fan!
- Preis: ab 549 CHF (ca. 600 Euro)
- Website des Herstellers
Keith Richards über Arthritis
Es gibt Gitarristen, die man an ihrer Geschwindigkeit misst. Und es gibt solche, bei denen es um etwas anderes geht – um Haltung, Timing, Persönlichkeit. Keith Richards gehört seit über sechs Jahrzehnten eindeutig zur zweiten Kategorie.

In einem aktuellen Interview mit Guitar World spricht Richards offen darüber, wie Arthritis sein Spiel verändert hat. Weniger Tempo, weniger Noten. Aber dafür mehr Bewusstsein. Mehr Entscheidung.
Sein Ansatz ist dabei erstaunlich unprätentiös: Wenn etwas nicht mehr so funktioniert wie früher, sucht er sich eben einen anderen Weg. Ein Finger rutscht eine Position weiter, ein Griff verändert sich – und plötzlich öffnet sich eine neue Tür. „Man hört nie auf zu lernen“, sagt er.
Ich musste dabei sofort an einen meiner älteren Schüler denken. Auch er kämpft mit Arthritis. Es gibt Tage, an denen er halbwegs normal spielt – und dann wieder solche, an denen die Schmerzen stärker sind, sodass wir den Bass gar nicht erst auspacken. Er sagt, ihm helfen selbstgemachte Kurkuma-Shots.
Vielleicht ist es genau das, was bleibt, wenn der Körper langsam Grenzen setzt: die Essenz. Der Ton. Das Timing. Die Entscheidung, welche Note man überhaupt noch spielt – und welche man bewusst weglässt.
Richards selbst beschreibt den Moment fast liebevoll: Er schaut auf seine Hände, seine Hände schauen zurück – und dann sehen sie gemeinsam, was an diesem Tag möglich ist. Kein Kampf gegen die Zeit, kein Festhalten an früheren Fähigkeiten. Sondern ein Dialog.