Neue Rockmusik entdecken: Es muss nicht immer Grunge oder Classic Rock sein!
Wenn Nirvana, Foo Fighters und Led Zeppelin nicht mehr zünden
Seit einigen Jahren haftet lauter Gitarrenmusik etwas Verstaubtes, wenig für Innovationen und neue Impulse Offenes an. Neue Rockmusik entdecken – geht das überhaupt? Gibt es überhaupt neue Bands und Acts, die inspirieren und die Fackel weitertragen? Absolut und mehr als das! Ein Blick über den Tellerrand auf einige der spannendsten Acts der letzten zehn Jahre.
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Neue Rockmusik entdecken: „The Times They Are A-Changing …
…but Rock ain’t“, um Herrn Dylan mal zu paraphrasieren. Klar, für viele ist die Musik ihrer Jugend die prägendste, an den Bands und Songs hält man ein Leben lang fest. Und eine der letzten Hochzeiten der Gitarrenmusik waren die Neunziger sowohl popkulturell als auch, was die Verkaufszahlen betrifft. Rock, Grunge und zunehmend auch Metal dominierten die Charts.
Dem folgte in den Nullern ein Jahrzehnt, das im Rückblick nicht so recht wusste, wohin es in der Musik wollte. Da war die stark retrogefärbte Richtung um The Strokes und The White Stripes (später auch The Darkness), das Wüste von QOTSA, das Epische von den Foo Fighters und Linkin Park. Einen dominanten Gitarrensound konnte man kaum noch feststellen, auch konnte man sich immer seltener auf einzelne Bands oder Songs einigen.
Im vergangenen Jahrzehnt verstärkte sich diese Entwicklung. Mir persönlich fiel es zunehmend schwer in der Gitarrenmusik spannende neue Bands zu finden. Vieles schon mal gehört, wenig neue, andere Impulse. Anders im Hip Hop, in vielen Popspielarten, in Techno und EDM – hier gab es gefühlt jeden Monat neue Alben, den Sound weiterentwickelten.
Neue Rockmusik entdecken, das war um 2015 gar nicht so leicht. Und doch, wenn man etwas tiefer gräbt, abseits vom Mainstream, gibt es auch hier viele Perlen. Ihr wollt neue Rockmusik entdecken? Dann habe ich da ein paar Vorschläge!
Kratziger Post Punk von Idles, Fontaines DC und Viagra Boys
Wie herrlich Gitarrenmusik immer noch scheppern und kratzen kann, zeigte mir Brutalism von den Idles 2017, der Nachfolger Joy as an Act of Resistance dann auf Stadiongröße. Was der Fünfer aus Bristol vor allem auf diesen beiden Alben an Wut und krachenden, jaulenden Gitarrensounds hervorbrachte, hat mich auf mittlerweile vier Konzerte der Band gebracht.
Im Vergleich sind die schwedischen Viagra Boys weniger wütend, selbstironischer, aber soundtechnisch gar nicht so weit weg von den Idles. Auch hier schrammeln die Gitarren und kratzen die Drums, die Stimme bellt, der Bass faucht ganz wunderbar.
Als dritte Band der Post-Punk-Welle wäre da noch Fontaines D.C. aus Irland zu nennen. An mir sind sie bisher etwas vorbeigegangen, in der Musikwelt kam man vor allem in den letzten 3-4 Jahren aber kaum an ihnen vorbei. Ihr letztes Album Romance (2024) katapultierte die Band endgültig auf die obersten Zeilen jedes Festivalplakats.
Rotziger Garage Punk von Amyl and the Sniffers und Lambrini Girls
Dass rotzige Riffs und schneidende Wut-Lyrics nicht nur männlich besetzt sind, kennt man in der Gitarrenwelt schon lange. Die Australier Amyl and the Sniffers und die britischen Lambrini Girls zeigen, wie intensiv und „in your face“ Garage Punk mit weiblichem Gesang heute sein kann.
Amyl and the Sniffers habe ich zum ersten Mal 2019 in der alten Zukunft in Berlin gesehen, keine 300 Leute zwängten sich in den Laden, ein absoluter Hexenkessel. Danach habe ich die Band eine ganze Weile rauf und runter gehört. Was Band und Sängerin da an schlechter Laune und „pissed off“-Haltung verbreiten, versüßt jeden Montagmorgen in der U-Bahn.
Lambrini Girls aus Brighton fahren einen ähnlichen Sound wie Amyl and the Sniffers, sind aber eine ganze Ecke expliziter und politischer. Und das tut in diesen unruhigen Zeiten mehr als gut. Das sorgt für einen Druck und eine Energie, denen man sich schwer entziehen kann. So macht neue Rockmusik entdecken Spaß!
Düsteres von Brutus, Fjørt und Mantar
Der epische Post Hardcore des belgischen Trios Brutus fängt eine Dramatik und Wucht ein, bei der man vor allem live nicht weiß, ob man schreien, springen, die Augen schließen oder weinen soll. Die Verbindung der tonnenschweren Riffs mit dem klagenden Gesang von Sängerin und Drummerin Stefanie Mannaerts ist absolute Magie.
Und wenn wir schon bei tonnenschweren Riffs und Post Hardcore sind, muss ich und bedingt die Aachener Formation Fjørt erwähnen. Ihr 2017er Album Couleur hatte eine Wucht und einen Druck i Arrangement, das ich bis dahin kaum kannte. Dazu gab es mit der Couleur Hotelsession ein cineastisch wie soundtechnisch extrem eindrucksvolles Videogesamtkunstwerk.
Und wenn wir schon bei neueren deutschen Bands mit schwerer Musik sind, ist Mantar aus Bremen ein Muss. Was Hanno Klänhardt und Erinç Sakarya da Album für Album an bitterbösem, sludge-igem, doom-igem Endzeitgewitter fabrizieren, macht einfach nur Spaß. Dazu macht Hanno zusammen mit Simon Hawemann (Nightmarer) einen extrem unterhaltsamen Podcast, bei dem es, ganz dem Namen nach, häufig Musikequipment geht.
Neue Rockmusik entdecken: Monströser Metalcore von Architects und Spiritbox
Wie würden Gitarrenriffs klingen, wenn man sie baut, wie MIDI-Noten? Streng auf dem Raster, extrem schnelle harmonische Wechsel, rhythmische Eskapaden wie in den Wobble-Bässen des frühen Dubstep? Gerade Architects geben hier in den letzten Jahren Album für Album immer wuchtigere Antworten. Und dann noch ein Video rauszuhauen, das epischer wirkt, als die halbe Fast&Furious-Serie?
Acht Spiritbox haben einen echten Run, ihr letztes Album Tsunami Sea war ein epischer Kracher. Was Sängerin Courtney LaPlante hier auch live abliefert, ist einfach nur eindrucksvoll. Dazu zeigt die Band auf ihrem YouTube-Kanal immer wieder auch eigene Playthroughs bekannter Songs, was viele andere Bands eher YouTubern überlassen.
Die neue Hardcore-Hoheit Turnstile
2025 war DAS Jahr von Turnstile. Schon seit 2010 ist die Band unterwegs und ein perfektes Beispiel dafür, dass es manchmal zwar dauern kann in der Musik, wer aber dranbleibt, der wird irgendwann belohnt. Denn Turnstile flogen viele Jahre unter dem Radar und bauten sich durch unermüdliches Touren eine leidenschaftliche Fangemeinde auf. Schon Glow On zeigte 2021, dass hier größere Ambitionen gehegt wurden. Und Never Enough schoss die Truppe aus Baltimore dieses Jahr dann endgültig ins Hallen- und Festival-Headliner-Universum. Live eine absolute Macht.
Soft und intensiv: Mk.Gee und Nilüfer Yanya
Neue Rockmusik entdecken könnt ihr auch bei denen, die sanftere Töne anschlagen. Um kaum einen Gitarristen und seinen Sound rankten sich in den letzten zwei, drei Jahren derart viele Gerüchte, wie Mk.Gee. Das hatte dieses gleich die ersten Pedale mit dem 424-Vorverstärkerzerre zur Folge. Aber grandiose, schwer zu greifende Musik macht er ja eben auch noch. Wie eine Mischung aus Prince und Jeff Buckley. Von ihm und Dijon, Songwritergenie aus LA, dürften wir noch Einiges hören.
Apropos wilde Mischung. Grungige, fast Shoegaze-ige Riffs mit Portishead-Beats und fast schon gelangweilt klingendem Gesang zu mischen und damit einige der spannendsten Songs der letzten Jahre zu produzieren, das Kunststück ist der Britin Nilüfer Yanya gleich mehrfach gelungen. Allein der Wechsel zwischen grooviger Zerre und zartem Songwriter-Gezupfe macht Nilüfers Songs zu sehr ungewöhnlichen, aber äußerst hörbaren musikalischen Kleinoden.
Industrial-Vibes mit Soul von den Nova Twins
Wer bei der Gear-Recherche bei einem Rig mal so vollkommen abtauchen will, dem empfehle ich die Entschlüsselung dieser zweimal (!) zwei Etagen (!) von Nova-Bassistin Georgia South in diesem Reel auf Instagram. Was sie damit an Sound und Brachialität erzeugt, macht nicht nur ohne Ende Laune; es passt auch wie die Faust aufs musikalische Auge beim groovigen Heavy Rock der Nova Twins.
Episch und wuchtig: Sleep Token und Zeal & Ardor
Auch wenn man Sleep Token und Zeal & Ardor musikalisch nicht ganz zusammenbringen kann, würde ich sie ansatzweise in einer ähnlichen Ecke verorten. Beide mischen epische Riffs, mystische Atmosphäre mit religiösen Anleihen mit einer eindringlichen, einzigartigen Stimme. Bei den Schweizern Zeal & Ardor ist eine kräftige Prise Südstaaten-Blues im Riffgewitter. Das mischt sich vor allem live zu einem fast spirituellen Erlebnis.
Das wird es noch mehr bei Sleep Token. Die Metalband der Stunde. Die Band, die sich bei allen öffentlichen Auftritten komplett hinter Masken versteckt, spricht von ihren Konzerten auch von Messen, die sie halten. Das diejährige Release Even in Arcadia war für meinen Geschmack eine ganze Ecke zu glattgebügelt und poppig, der Vorgänger Take me back to Eden wiederum war ein absoluter Volltreffer. Prog-Drums treffen Metal-Riffs treffen chorale Synths treffen extrem berührenden Gesang.
Neue Rockmusik entdecken auf Deutsch
Dem einen oder der anderen wird vielleicht aufgefallen sein, dass meine Empfehlungen beim neue Rockmusik entdecken bis auf Fjørt und Mantar wenig aktuelle deutsche Bands beinhalten. Ich will nicht um den heißen Brei herumreden, es passiert auch nicht häufig, dass eine neue Band aus hiesigen Gefilden mich gleichzeitig berührt, dann aber auch noch nach etwas Neuem klingt. Mit geht das zumindest so, schon seit Ewigkeiten.
Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch deutsche Bands einiges zu bieten haben. Deswegen möchte ich an dieser Stelle in kurzer Abfolge einige Highlights der letzten zehn Jahre nennen. Ganz vorne mit dabei sind die Noise-Rocker von Dÿse, mit denen meine kleine Band im Herbst auch touren durfte. Stoner trifft Prog trifft Noise trifft dadaistische Texte – einfach nur grandios.
Auch Die Nerven sollen nicht unerwähnt bleiben. Auch wenn das musikalisch alles sehr bekannt und nah an Joy Disivion wirkt, schreiben die drei Stuttgarter seit gut zehn Jahren ein fantastisches Album nach dem anderen.
Auch den Alternative-Rock der Münchener Blackout Problems sollte man sich mal anhören und vor allem ansehen. Die Auftritte der Band gehören zu den intensivsten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Dass man auch mit Clean-Sounds und EDM-Pumpen noch ordentlich Druck entwickeln zeigten sie auf „Murderer“.
Und wenn man den ganzen Cocktail der Genre-Mischungen, die ich hier in den Empfehlungen zu erwähnt habe, einmal kräftig durchschüttelt, eine kräftige Portion Schiesspulver dazugibt und das Ganze dann mit aller Kraft an die nächste Betonwand wirft, bekommt man eine Ahnung, was Kora Winter so treiben.
Fazit zum Thema neue Rockmusik entdecken
Na, war etwas für euch dabei? Hat euch ein Song, eine Band überrascht? Oder gelangweilt? Oder sogar inspiriert? Und fast noch wichtiger: Welche aktuelle Band aus der Welt der Gitarrenmusik läuft bei euch hoch und runter? Schreibt es uns in die Kommentare!
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2 Antworten zu “Neue Rockmusik entdecken: Es muss nicht immer Grunge oder Classic Rock sein!”
Danke! für die geile Zusammenstellung, den Input und für die die Inspiration.
Freut mich, Jami! Hattest du einen Favorit?