von  Jan Rotring  | |   Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen   |  Lesezeit: 7 Min
Röhrenamp Lautstärke: Muss das sein?

Röhrenamp Lautstärke: Muss das sein?  ·  Quelle: Shutterstock/Dario Toledo

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Ich liebe alte Röhrenamps. Wirklich. Ein Marshall Plexi, ein alter Fender oder ein Vox AC30 haben etwas, das mich sofort abholt. Man steckt die Gitarre ein, dreht ein paar Regler und bekommt einen direkten, lebendigen Sound, bei dem sich moderne Modeling-Amps bis heute ziemlich viel Mühe geben, ihn nachzubilden. Es gibt allerdings ein kleines Problem: Die enorme Röhrenamp Lautstärke gehört bei vielen Klassikern untrennbar zum Sound. Sie klingen genau dann besonders gut, wenn sie eigentlich schon viel zu laut sind.

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Wer einmal versucht hat, einen 100-Watt-Marshall zuhause in die Sättigung zu fahren, kennt das Problem. Man dreht erwartungsvoll am Volume-Regler, spielt den ersten Akkord und stellt fest: Das wird nichts mit dem gemütlichen Gitarrenabend.

Aber warum eigentlich? Weshalb müssen klassische Röhrenamps so verdammt laut werden, bevor sie diesen berühmten Crunch entwickeln?

Früher war Röhrenamp Lautstärke kein Problem, sondern die Lösung

Röhrenamp Lautstärke: Bug oder Feature
Röhrenamp Lautstärke: Bug oder Feature · Quelle: Adam Gasson / Alamy Stock Foto

Um das „Problem“ zu verstehen, müssen wir kurz zurück in eine Zeit, in der Gitarrenverstärker noch eine ziemlich einfache Aufgabe hatten: Gitarren laut machen.

PA-Systeme waren in den 1950er- und 1960er-Jahren längst nicht so leistungsfähig wie heute. Wer mit einer Rockband einen größeren Saal beschallen wollte, brauchte deshalb einen Verstärker, der sich gegen Schlagzeug, Bass und kreischende Fans durchsetzen konnte.

Genau deshalb entstanden Amps wie der Fender Twin Reverb, der Vox AC30 oder schließlich Marshalls mächtiger 1959 Super Lead. Niemand dachte bei der Entwicklung darüber nach, wie man bei Zimmerlautstärke einen schönen Crunch erzeugen könnte. Ganz im Gegenteil: Verzerrung war ursprünglich etwas, das man eigentlich vermeiden wollte. Headroom ist das Stichwort.

Das Ding ist halt nur: Gitarristen finden genau diese Verzerrung ziemlich großartig.

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Was passiert, wenn ein Röhrenamp richtig arbeiten muss?

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Bei einem klassischen Röhrenamp entsteht Verzerrung an verschiedenen Stellen. Vereinfacht gesagt besteht der „Verstärker“ als Einheit aus einer Vorstufe, der Endstufe und dem Lautsprecher (ja, technisch gesehen ein komplett anderes Bauteil. Weiß ich. Weiterlesen, bitte.).

Moderne Amps erzeugen einen großen Teil ihrer Verzerrung bereits in der Vorstufe. Deshalb gibt es einen Gain-Regler und einen separaten Master-Volume-Regler. Wir können ordentlich Gain einstellen und anschließend die Gesamtlautstärke reduzieren.

Viele alte Verstärker konnten das nicht, moderne Replikas für Puristen verzichten bewusst drauf.

Beim klassischen Plexi gibt es beispielsweise keinen Master Volume: Wer mehr Verzerrung möchte, muss schlicht den Volume-Regler aufreißen. Dadurch wird nicht nur die Vorstufe stärker angefahren, sondern irgendwann beginnen auch Phasentreiber, Endstufenröhren, Ausgangsübertrager und Lautsprecher auf die steigende Leistung zu reagieren.

Endstufensättigung fühlt sich anders an

Wenn Endstufenröhren schließlich an ihre Grenzen kommen, verhält sich der Verstärker zunehmend nichtlinear. Das Signal wird komprimiert, Obertöne entstehen und harte Pegelspitzen werden zunehmend abgerundet.

Das Resultat ist dieser wunderbar dynamische, natürlich-organische Crunch, den wir mit alten Rockaufnahmen verbinden. Schlägt man vorsichtig an, bleibt der Ton vergleichsweise sauber. Haut man kräftiger in die Saiten, bricht der Amp regelrecht auf.

Das ist auch der Grund, warum ein alter Marshall mit vermeintlich wenig Verzerrung so unglaublich mächtig wirken kann (siehe auch unseren Artikel zu fettem Gitarrensound).

Aber für diesen Effekt muss die Endstufe eben arbeiten. Und eine 100-Watt-Endstufe arbeitet nicht besonders hart, wenn sie gerade ein halbes Watt abgeben soll.

Röhrenamp Lautstärke und Lautsprecher gehören zusammen

Gitarrenlautsprecher - Innere Werte
Gitarrenlautsprecher – Innere Werte · Quelle: Tim Cordell / Stockimo / Alamy Stock Foto

Damit ist die Geschichte noch nicht vorbei. Denn ein wesentlicher Teil des klassischen Gitarrensounds entsteht hinter dem eigentlichen Verstärker.

Auch Gitarrenlautsprecher verändern ihren Klang, wenn sie stärker belastet werden. Membran, Schwingspule und Aufhängung reagieren bei höheren Pegeln anders. Bestimmte Frequenzen werden komprimiert, andere treten stärker hervor.

Ein Jensen C12N, der von einem ordentlich aufgedrehten Marshall angetrieben wird, verhält sich deshalb anders als derselbe Lautsprecher beim vorsichtigen Üben am Abend.

Dazu kommt die Interaktion zwischen Gitarre, Lautsprecher und Raum. Bei hoher Lautstärke gelangen Schwingungen zurück zur Gitarre. Saiten beginnen anders zu reagieren, Feedback lässt sich kontrollieren und als eigener Effekt nutzen. Und plötzlich fühlt sich das komplette Instrument lebendiger an — Faszination Röhrenverstärker. 

Das ganze lässt sich elektronisch mittlerweile erstaunlich gut simulieren und ich nutze regeläßig und ausgiebig die Vorzüge von Amplitube, Bias FX und Co.. Physikalisch bleibt ein leise betriebenes Setup trotzdem ein anderes Erlebnis.

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Röhrenamp Lautstärke Myth-Busting: Sind 100 Watt wirklich doppelt so laut wie 50 Watt?

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Hier steckt eines meiner liebsten Missverständnisse der Gitarrenwelt. Ein 100-Watt-Röhrenamp ist nicht doppelt so laut wie ein 50-Watt-Amp. Für eine subjektive Verdopplung der Lautstärke wäre grob die zehnfache Verstärkerleistung nötig.

Der große Unterschied liegt vielmehr beim Headroom. Ein leistungsstarker Amp kann höhere Pegel sauber übertragen, bevor die Endstufe komprimiert und verzerrt. Ein kleinerer Amp erreicht diesen Punkt früher.

Deshalb sind 15 oder 20 Watt für viele von uns heute sogar wesentlich praktischer. Aber Vorsicht: Auch ein 20-Watt-Röhrenamp wie der wunderbare Fender 64 Custom Deluxe Reverb kann erschreckend laut sein, wenn man seine Endstufe wirklich in die Sättigung treiben möchte. Wohnzimmertauglich bedeutet das noch lange nicht.

Gut, kommt natürlich auf’s Wohnzimmer an. 

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Röhrenamp leiser machen: Wie bekommen wir den Sound heute in den Griff?

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Palmer Supreme Soaker · Quelle: Jan Rotring / Gearnews.de

Zum Glück müssen wir uns nicht zwischen gutem Sound und einem freundschaftlichen Verhältnis zur Nachbarschaft entscheiden.

Eine Möglichkeit ist ein Master-Volume-Amp, bei dem die gewünschte Verzerrung stärker aus der Vorstufe kommt. Noch spannender finde ich Attenuatoren und Loadboxen. Sie sitzen zwischen Verstärker und Lautsprecher und ermöglichen es, den Amp ordentlich arbeiten zu lassen, während am Speaker deutlich weniger Leistung ankommt — der Rest geht dann im Prinzip in Wärme über.

Dazu kommen moderne Lösungen wie Reactive Loads, Amp-Modeler und Plugins. Sie können mittlerweile ziemlich überzeugend nachbilden, was passiert, wenn ein alter Amp kurz vor dem Kollaps steht.

Nur eines können sie nicht vollständig ersetzen: Das Gefühl, vor einer arbeitenden 4×12 zu stehen.

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Müssen alte Röhrenamps also wirklich so laut sein?

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Loud’n Proud = Vintage Marshall mit Germanium Fuzz · Quelle: Mad Professor / Youtube

Ja. Zumindest dann, wenn wir genau das von ihnen wollen, wofür wir sie heute lieben.

Die hohe Röhrenamp Lautstärke ist bei vielen Klassikern kein Konstruktionsfehler. Das Kuriose daran ist schließlich, dass viele der legendären Gitarrensounds auf einem Verhalten basieren, das ursprünglich gar nicht unbedingt vorgesehen war. Verstärker wurden aufgedreht, Endstufenüberfahren und Lautsprecher an ihre Grenzen gebracht.

Heute geben wir ziemlich viel Geld für Technik aus, die genau diesen Zustand erzeugen soll, ohne dabei das Haus abzureißen.

Und trotzdem muss ich zugeben: Wenn sich irgendwann die seltene Gelegenheit ergibt, einen alten Röhrenamp ohne Rücksicht auf Nachbarn, Kinder oder Trommelfelle richtig aufzudrehen, sollte man sie nutzen. 

Anschließend ist dann nämlich ein für alle Mal klar, warum wir Gitarristen seit Jahrzehnten so einen Aufwand darum betreiben.

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